Test: BOSE L1 Pro 16 portables Line Array

4. Februar 2021

Säulen-Array mit Mörderbass

Test: BOSE L1 Pro 16 portables Line Array

Das portable „Line Array“ BOSE L1 Pro 16

Die BOSE L1 Säule ist den AMAZONA.de-Lesern bestimmt keine unbekannte mehr. Unzählige Kleinbühnen prägt diese Säule seit ihrem Erscheinen und sie ist bei Entertainern und Hochzeitssängern extrem beliebt. Mit dem neuen BOSE L1 Pro 16 Portable Line Array legt Bose nach. Die BOSE L1 Pro 16 ist das mittlere Modell der neuen L1 Pro-Serie und wird als Portable Line Array beworben. Wir schauen uns nicht nur den neuesten Spross von BOSE an, sondern ergründen auch, was hinter Line Arrays und Säulenlautsprechern steckt.

Wer BOSE ist

Der Hersteller BOSE ist neben seinem Hauptsegment, dem HiFi-Bereich, schon viele Jahrzehnte als Hersteller von Beschallungstechnik aktiv. 1964 gründet Amar Gopal Bose die BOSE Corporation, die hauptsächlich Regulierungssysteme für Militär und Regierung entwickelt. Nebenbei beschäftigt sich die Firma mit dem Bau von Lautsprechern und bringt mit dem 2201 Speaker einen ersten Lautsprecher auf den Markt, der aber wenig erfolgreich war. Erst mit dem zweiten Versuch, dem 901 Speaker gelingt der Durchbruch.  Musiker waren vom Klang der BOSE 901 so sehr überzeugt, dass sie die HiFi-Lautsprecher kurzerhand als PA zweckentfremdeten. Dies führte zur Entwicklung des ersten BOSE PA-Lautsprechers, dem BOSE 800 System. Bezeichnend ist, dass Bose schon damals die Treiber nicht gerade nach vorne zeigend montiert hat, sondern schräg in verschiedene Richtungen zeigend.

Mit Waveguide und Psychoakustik zum Erfolg

Mit einem patentierten Waveguide schafft BOSE es schon Mitte der 1980er Jahre, sehr kompakte Lautsprecher zu bauen, die trotzdem die Klangfülle großer Systeme bieten. 1984 kam das BOSE Acoustic Wave Music System auf den Markt, das Kassettenrekorder, UKW Radio und Lautsprecher in einem einzigen kompakten Gehäuse integrierte. Die heutige Variante hört auf den Namen BOSE SoundLink Mini II. 1986 erscheint der erste Prototyp eines Kopfhörers mit Noise Cancelling Technologie. Die offizielle Markteinführung ist 1989. Im Jahr 2003 erscheint die bekannte BOSE L1 Säule, die als Vorbild für viele ähnliche Säulenlautsprecher anderer Hersteller gilt. Herausragend an den Produkten von BOSE ist die Nutzung von Psychoakustik für einen „larger than life“ Sound. So klingen selbst kleine Lautsprecher stets groß und entwickeln ein beachtliches Bassfundament. Dies begründet jedoch zugleich auch die Kritik, die immer wieder laut wird, BOSE-Lautsprecher verfälschten den Klang. So wird BOSE von vielen Leuten geliebt wie gehasst. Dennoch bleibt am Ende der Erfolg und die Tatsache unbestritten, dass viele andere Hersteller sich mit ihren eigenen Erfolgsprodukten an dem orientieren, was Dr. Amal Bose vor Jahrzehnten erforscht hat.

Exkurs: Säulen-Array in Theorie und Werbung

Bevor wir uns mit den Besonderheiten der BOSE L1 Pro 16 beschäftigen, müssen wir einen Blick auf die Theorie werfen, die hinter der Konzeption eines jeden Säulenlautsprechers steckt. Werfen wir dazu mal einen Blick auf eine Marshall 4×12“ Gitarrenbox. Bei dieser berühmten Box werden vier 12“ Speaker in einem Gehäuse kombiniert. Nun hört man aber nicht vier getrennte Signale, sondern ein einzelnes Signal, das von den vier 12 Zoll Treibern phasengleich abgestrahlt wird. Die vier Lautsprecher verhalten sich akustisch wie ein einzelner, viel größerer Lautsprecher.

Man kennt das von Konzerten: Um einen möglichst großen Schalldruck zu erzielen, werden mehrere Lautsprecher kombiniert. Man nennt das dann ein „Stack“ und den Vorgang „Stacking“. Konventionelle Lautsprecher haben meistens dazu ein trapezförmiges Gehäuse. Das soll beim horizontalen Stacking verhindern, dass sich die abgestrahlten Schallwellen zu sehr überlagern und Interferenzmuster ausbilden. Leider ergibt ein solches horizontales Stack dennoch ein sehr schwammiges und im Raum an verschiedenen Positionen unterschiedliches Klangbild. Insbesondere der Höhenbereich ist stark betroffen.

Geburt des Line Arrays: L’Acoustics V-DOSC

Die Firma L’Acoustics hat sich deshalb etwas einfallen lassen und im Jahr 1992 das erste Line Array V-DOSC vorgestellt. Dieses sorgt mittels eines Waveguides dafür, dass abgestrahlter Schall von Hochtönern stets eine möglichst glatte Wellenfront bildet und beim Stacking von mehreren vertikal übereinander montierten Hochtönern mit Waveguides der Schall phasengleich abgestrahlt wird. Bei Tieftönern, wie zum Beispiel bei unseren 12“ Treibern der 4×12“ Gitarrenbox ist das nicht notwendig.

Die Theorie besagt nämlich, dass bei einer unendlich langen vertikalen Linie von Punktschallquellen sich diese für alle Frequenzen, deren halbe Wellenlänge größer ist als der Abstand der Punktschallquellen zueinander, wie eine einzige Schallquelle verhalten und eine sogenannte Zylinderwelle ausbilden, deren Schalldruck bei Entfernungsverdopplung nur um 3 Dezibel reduziert wird. Was ein Satz!

Leider gibt es wie bei allen Theorien auch einen Haken: Die Kopplung und die Reichweitenerhöhung durch Vergrößerung des Nahfeldes ist stark frequenzabhängig und auch von der Länge der Säule abhängig. Ungefähr berechnen kann man sie mit der Formel d=(l*l*f)/2c. Das Ergebnis d gibt den Übergang vom Nahfeld mit einem Pegelabfall von 3 Dezibel pro Entfernungsverdoppelung zum Fernfeld mit 6 Dezibel Pegelabfall in Metern an. Die Variable l ist die Länge, f die Frequenz und c die Schallgeschwindigkeit.

Test: BOSE L1 Pro 16 portables Line Array

Die neue BOSE L1 Pro-Familie

Problem gebannt, neues Problem geschaffen

Spielt man mit dieser Formel etwas herum, zeigt sich deutlich ein Problem von Line Arrays: Hohe Frequenzen werden weit in den Raum transportiert, tiefe Frequenzen hingegen gehen zügig wieder in den Bereich von 6 Dezibel Pegelabfall über. Es entsteht also ein Ungleichgewicht von hohen zu tiefen Frequenzen hin, das mit der Entfernung immer weiter zunimmt. Gleichzeitig steigt im Nahbereich durch der Anteil der tiefen Frequenzen stark an. Entgegenwirken kann man diesem Phänomen durch das Curving, also das vertikale Anwinkeln der einzelnen Line Array Elemente zueinander. Die bekannte „Banane“ entsteht. An entfernten Plätzen überwiegt der von den unteren Line Array Elementen abgestrahlte Tieftonanteil, während sich die Zuhörer für den Hochtonanteil außerhalb dessen Abstrahlwinkel befinden. Die ungünstige Verschiebung zwischen Hoch- und Tieftonanteil wird dadurch aufgehoben. Im Nahbereich hingegen wird der Hochtonanteil erhöht, dadurch, dass sich die Zuhörer nun im Abstrahlwinkel der unteren Line Array Elemente befinden.

Säulenlautsprecher = Line Array?

BOSE bewirbt die BOSE L1 Pro 16 als Line Array. Was ist von dieser Werbeaussage zu halten? Säulenlautsprecher nutzen ebenfalls das Prinzip der Kopplung von Punktschallquellen. Mehrere vertikal angeordnete kleine Breitbandlautsprecher koppeln zu einer einzigen Schallquelle. Die Lautsprecher in der Säule werden dann mit einem Subwoofer kombiniert, um den Tieftonanteil entsprechend zu ergänzen. Oft wird deshalb auch von einem Säulen-Array gesprochen.

Gerne bewirbt man den höheren Schalldruck pro Entfernungsverdoppelung als Vorteil gegenüber konventionellen 2-Wege-Lautsprechern. Bei Säulen-Arrays koppeln aber nur kleine Breitbandlautsprecher, die hauptsächlich den Hochtonbereich des Signals reproduzieren, also ausgerechnet den Bereich, der bei einem Line Array ohne Curving bei größerem Abstand ohnehin überbetont ist. Gerade die wichtigen Tiefmitten und Bässe werden aber ausschließlich vom Subwoofer wiedergegeben, dessen Pegel mit 6 Dezibel pro Entfernungsverdoppelung abfällt. Das Ergebnis: Zwar ist die Reichweite von Säulenlautsprechern hoch, es klingt aber in einiger Entfernung dünn und höhenbetont. Wie wird sich die BOSE L1 Pro 16 in dieser Hinsicht schlagen?

BOSE L1 Pro 16

Das BOSE L1 Pro 16 Line Array ist das mittlere System der neuen L1 Pro-Serie, welche aus L1 Pro 8, L1 Pro 16 und L1 Pro32 besteht. Das größte System, die L1 Pro 32, besitzt die längste Säule mit 32 Treibern und wird mit zwei verschiedenen Subwoofern (Sub1 und Sub2) angeboten. Das kleinere L1 Pro8 System kommt demzufolge mit nur acht Treibern in der Säule aus. Es ist für kleine Veranstaltungen gedacht.

Die BOSE L1 Pro 16 ist mit sechzehn 2 Zoll Articulated-Neodymium-Treibern ausgestattet. Diese sind, typisch für BOSE, gegeneinander in der Horizontalen verdreht in der Säule angeordnet. So erreicht die BOSE L1 Pro 16 einen horizontalen Abstrahlwinkel von 180°. Der unterste Treiber ist außerdem nach unten gekippt, um dort den vertikalen Abstrahlwinkel entsprechend zu erweitern. Dies soll das Curving eines Line Arrays simulieren, welches in der Regel in der bekannten „Bananenform“ oder als J geformt aufgehängt wird. BOSE bewirbt die L1 Pro 16 als J-förmiges Array mit enger vertikaler Abstrahlung oben und breiter vertikaler Abstrahlung unten.Test: BOSE L1 Pro 16 portables Line Array

Eine weitere Neuerung der BOSE L1 Pro 16 ist der Subwoofer. Dieser enthält nicht nur die gesamte Elektronik, sondern auch einen Treiber mit besonderem Design: Es handelt sich um einen sogenannten Race Track-Treiber. Ein solcher Treiber ist nicht rund, wie zum Beispiel ein handelsüblicher 12“ oder 15“ Treiber, sondern oval. Daher auch der Name Race Track – Rennbahn. Die Größe des Neodymium-Treibers der BOSE L1 Pro 16 beträgt 10“ x 18“. Das entspricht laut Bose einem 15 Zoll Woofer. Sinn und Zweck dieses ovalen Treibers ist es, den Subwoofer schlank und gut transportabel zu halten. Andere Hersteller koppeln zu diesem Zweck gerne mehrere 10“ oder 12“ Treiber.

BOSE L1 Pro 16: Technik

Angetrieben werden die Treiber mit zwei Endstufen mit 250 Watt für die Säule und 1000 Watt für den Bass. Wie üblich schweigt sich BOSE über genauere technische Daten aus. Ich tippe deshalb darauf, dass es sich hier nicht um RMS, sondern um Peak Messdaten handelt. Der maximale Schalldruck wird mit 118 Dezibel (Continuous) und 124 Dezibel (Peak) angegeben. Die niedrigste Frequenz beträgt laut Datenblatt 42 Hertz (-3 Dezibel). Das werde ich später mit einer kleinen Messung überprüfen. Die maximale obere Übertragungsfrequenz wird leider nicht angegeben. Warum BOSE wichtige technische Daten nicht im Datenblatt oder Manual angibt, ist mir schleierhaft. Immerhin wird noch das Gewicht genannt, welches bei 22,9 Kilogramm liegt.

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Gut transportabel: Die BOSE L1 Pro 16 kommt mit einer praktischen Tasche für die beiden Säulenelemente

Eingangsseitig notiere ich für die Kanäle 1 und 2 zwei XLR-Klinke Combobuchsen für den Anschluss von Mikrofonen und Instrumenten. Für beide lässt sich Phantomspeisung (48 Volt) hinzuschalten. Kanal drei ist ein Aux-Kanal und mit Klinkenbuchsen im 6,3 und 3,5 Millimeter Klinkenformat ausgestattet. Möchte man das Signal an ein weiteres System durchschleifen, gelingt das mit dem XLR Line-Ausgang. Die Kanäle 1 und 2 sind per Taster zwischen den ToneMatch-Einstellungen Mikrofon und  Instrument  umzuschalten. Eine dritte Möglichkeit ist „off“. Der dritte Kanal kann alternativ über Bluetooth mit Musik versorgt werden. Alle drei Kanäle besitzen jeweils einen Mute-Schalter, um sie stummzuschalten.

Pro Kanal lässt sich zudem die Lautstärke über einen Encoder pro Kanal regeln. Ein LED-Kranz um den Encoder zeigt die aktuelle Einstellung. Unter dem Encoder gibt es, in den LED-Kranz integriert, eine Signal/Clip-LED. Sie leuchtet bei anliegendem Signal grün, bei drohenden Verzerrungen hingegen rot.Test: BOSE L1 Pro 16 portables Line Array

Die drei Encoder besitzen jedoch noch weitere Funktionen: Drückt man auf den Encoder, gelangt man in den Kanälen 1 und 2 zu den zwei Bändern des Zweiband-EQs (Treble, Bass) und zum Reverb Send. Kanal 3 verfügt leider nur über den Zweiband-EQ. Der Effektweg fehlt hier.

Eine weitere Form der Klangregelung an der BOSE L1 Pro 16 ist der System EQ, der über die vier Presets Off, Live, Music und Speech verfügt.

Zum Schluss gibt es noch einen USB-C Anschluss, der allerdings BOSE für Servicezwecke vorbehalten ist, sowie den Netzwerkanschluss für das BOSE ToneMatch Mischpult. Außerdem finden wir noch den Netzschalter und den Netzanschluss für das mitgelieferte Netzkabel.

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Die Rückseite der BOSE L1 Pro 16

BOSE L1 Pro 16: Aufbau und Betrieb

Die BOSE L1 Pro 16 besteht aus drei Teilen: Subwoofer, Distanzelement und Lautsprechersäule. Der Aufbau gestaltet sich denkbar einfach: Zunächst das Distanzelement in den dafür vorgesehenen Steckplatz des Subwoofers stecken, dann die Lautsprechersäule auf das Distanzelement. Strom- und Instrumentenverbindungen herstellen. Fertig. Die BOSE L1 Pro 16 ist also komplett darauf ausgelegt, von einer Person schnell aufgebaut und auch ohne technisches Hintergrundwissen bedient zu werden.

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Die Säule besteht aus einem kurzen Distanzstück und der eigentlichen Säule, die mit 16 Treibern bestückt ist

Die bebilderte Bedienungsanleitung nennt einige der typischen Anwendungsformen der BOSE L1 Pro 16 und zeigt die Konfiguration beim Anschluss eines Mikrofons und eines Instruments. Natürlich lässt sich die BOSE L1 Pro 16 auch mit einem externen Mischpult verbinden. Wichtig ist, die Eingangskanäle in diesem Fall auf das ToneMatch Preset „Off“ zu stellen.

Natürlich kann die BOSE L1 Pro 16 auch mit einem ToneMatch Mischpult wie dem BOSE T4S oder T8S genutzt werden. Diese kompakten Digitalpulte werden über nur ein Kabel mit der BOSE L1 Pro 16 verbunden und auch darüber mit Strom versorgt.

Aufstellung

Wie erwähnt verfügt die BOSE L1 Pro 16 über ein J-Shape, was die Anordnung der Lautsprecher angeht. BOSE zeigt die Wirkung der Anwinkelung des untersten Lautsprechers anhand einer Abbildung auf seiner Website:

Deutlich sieht man anhand dieser Abbildung aber auch, dass die Aufstellung einiger Vorüberlegungen bedarf, stellt man die BOSE L1 Pro 16 direkt auf den Boden. In diesem Fall führt das untere vertikale Abstrahlverhalten nämlich unter Umständen zu unschönen Reflexionen durch den Bühnenboden. Anders verhält es sich, wenn die BOSE L1 Pro 16 höher aufgestellt wird. Dann beschallt sie den Raum gut in die Tiefe und gleichzeitig vor der Bühnenkante sitzende Zuschauer. Für den Fall, dass die BOSE L1 Pro 16 auf dem Boden aufgestellt werden muss, hätte ich mir ein zweites, längeres Distanzelement gewünscht, um diese unerwünschten Reflexionen zu verhindern.

Außerdem ist bei der Aufstellung der BOSE L1 Pro 16 der extrem weite Abstrahlwinkel von 180° zu beachten. BOSE wirbt damit, dass mit nur einem einigen Lautsprecher ein weiter Bereich beschallt werden kann. Musiker können sogar vor der Säule stehen und diese zugleich als PA und Monitorsystem für sich selbst nutzen. Das funktioniert auch gut, solange es mit der Lautstärke nicht übertrieben wird, denn dann kommt es unweigerlich zu Rückkopplungen. Durch den abgekippten untersten Lautsprecher der Säule hört auch ein direkt vor der Säule sitzender Musiker nun endlich etwas von den Höhen. Das war bei der alten BOSE L1 leider nicht so, dort überwog der Tieftonanteil durch den Subwoofer.

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Fertig aufgebaut bringt es die BOSE L1 Pro 16 auf eine beachtliche Höhe

Bedienung

Die Bedienung geht schnell und einfach von der Hand. Die Bedienungsanleitung wird im Prinzip nicht benötigt. Das liegt auch daran, dass es nur wenige Bedienelemente gibt und nur wenig, was eingestellt werden kann.

Wenn das nicht reicht, bietet BOSE mit der BOSE L1 Mix App noch eine weitere Alternative der Steuerung an. Im Prinzip stehen mit der App alle Funktionen der Hardware zur Verfügung zuzüglich einer ToneMatch EQ-Bibliothek für die verschiedensten Mikrofone, Instrumente und Anwendungsbereiche. So finde ich hier zum Beispiel ein ToneMatch EQ-Preset für mein Neumann-Mikrofon oder das Shure SM58. Das Design der App entspricht dem Layout an der Hardware. Wer möchte, speichert die Einstellungen als Szene ab.

Was mir wirklich an der BOSE L1 Pro 16 fehlt, ist ein Master Volume Regler. Auch die App stellt eine solche Funktion nicht zur Verfügung. Das ist mehr als unschön, denn im Falle einer notwendigen Änderung der Gesamtlautstärke ist das nur über das Ändern der einzelnen Kanallautstärken möglich. Wie kann ein so wichtiges Element einfach vergessen werden? Oder sollen die Anwender zum Kauf der ToneMatch Digitalpulte gezwungen werden? Es ist nicht verständlich, warum eine solche Funktion nicht zumindest innerhalb der App implementiert wird. Im Prinzip bietet die App in dieser Form nur einen minimalen Mehrwert. Das ist sehr schade und ich hoffe, dass BOSE das Konzept eventuell noch einmal überdenken und mit einem späteren Update der App nachlegen.

Messungen

Die Messungen des Frequenzgangs wurden im Wohnraum durchgeführt und sind deshalb mit einer „amtlichen“ Messung im Messraum nicht zu vergleichen. Dennoch lassen sich mit ihnen gut Herstelleraussagen überprüfen. Beginnen wir mit der Frequenzgangmessung „on axis“ mit dem Messmikrofon auf Ohrhöhe im Abstand von etwa 1.50 Meter. Der Frequenzgang präsentiert sich mit einer Glättung von 1/48 Oktave folgendermaßen:

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Die Quick’n’Dirty Frequenzgangmessung im Arbeitszimmer. Zu sehen sind die Raummoden unterhalb von 160 Hertz. Die Bässe sind stark angehoben. Darüber verläuft der Frequenzgang recht linear

Die Erhöhungen unterhalb von ca. 160 Hertz sind mir bekannte Raummoden meines Arbeitszimmers. Diese sind also in der Betrachtung zu vernachlässigen. Der Frequenzgang verläuft über weite Strecken linear mit einem Einbruch bei circa 240 Hertz. Ich vermute, dass hier der Übergang zwischen Subwoofer und Säule stattfindet. Betrachten wir den stärker geglätteten Frequenzgang, den ich dieses Mal bei 0°, 45° und 90° gemessen habe. So kann ich das Herstellerversprechen von 180° Abstrahlwinkel überprüfen:

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Frequenzgangmessung des On- und Off-Axis Frequenzgangs bei 0°, 45° und 90°

Wie man sieht ändert sich bis auf den Bassbereich nicht viel. Die gegeneinander verdrehten Lautsprecher sorgen dafür, dass der Frequenzgang oberhalb von 100 Hertz nahezu gleich bleibt. Ein anderes Ergebnis hätte mich auch stark verwundert. Für den Subwoofer gilt das selbstverständlich nicht, daher hier die Unterschiede in der Messung.

Bose machen keinerlei Angaben über die Spezifikation des EQs. Um sich ein Bild von der Wirkungsweise des Zweiband-EQs zu machen, habe ich zwei weitere Messungen durchgeführt. Dazu wurde zunächst nur der Bass-Regler voll aufgedreht und gemessen, im Anschluss nur der Treble-Regler. Das Ergebnis sieht so aus. Die ohnehin schon vorhandene „Beule“ im Bassbereich prägt sich noch weiter aus. Dreht man den Treble-Regler auf, findet eine Anhebung oberhalb von 2 Kilohertz statt. Der Treble EQ greift also schon recht tief ins Geschehen ein, was auch deutlich zu hören ist.

Test: BOSE L1 Pro 16 portables Line Array

BOSE L1 Zweiband-Equalizer

Bleiben zum Schluss noch die Presets des Master-EQs. Hier stelle ich den geglätteten unbearbeiteten Frequenzgang (schwarze Kurve) den jeweiligen Presets gegenüber:

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Die Master-EQ Presets der BOSE L1 Pro 16

Überrascht hat mich das Speech-Preset. Hier hätte ich einen unterhalb von 120 Hertz deutlich beschnittenen Frequenzgang erwartet. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt einen Einbrauch zwischen 250 und 300 Hertz und eine leichte Absenkung der Höhen. Das war’s auch schon.

Klang der BOSE L1 Pro 16

Der Klang ist typisch BOSE und hier werden sich wieder die Geister scheiden. Wer ihn mag, mag ihn, wer nicht eben nicht. Die ausgeprägten Bässe aus den Messungen sind sofort wahrnehmbar. Ich habe folgende Aufnahmen auf dem System angehört:

  • AC/DC: Album Power Up
  • Paul McCartney: Album McCartney III
  • Bruce Springsteen: Album Letter to you
  • Bruce Springsteen: Album Born in the USA
  • Bruce Springsteen: Album Born to Run
  • Dire Straits: Album Money for Nothing
  • Dire Straits: Album Dire Straits
  • Eric Clapton: Album Slowhand
  • Eagles: Album Hotel California
  • außerdem diverse Titel von Billie Eilish wie „No Time To Die“ oder „Bad Guy“

Für mich persönlich ist die Wiedergabe ohne starke Zügelung des Bassbereichs zu heftig. Bei aktuellen Alben, die alle dynamisch ziemlich an die Wand gefahren sind und schon auf dem Master einen ausgeprägten Bass besitzen, wie zum Beispiel bei den Titeln von Billie Eilish, dem neuen AC/DC oder Paul McCartney Album oder „Letter to You“ von Bruce Springsteen wummert es nur und alles klingt extrem gepresst. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto besser wird es. Dennoch bleibt der Bassbereich stark überzeichnet. Besonders deutlich ist das bei „Sultans of Swing“, „Wonderful Tonight“ und „Hotel California“. Schön für Bassisten, die den Bass transkribieren möchten, aber für mich einfach weit entfernt von einem homogenen Sound. Das Ergebnis lässt sich stark verbessern, wenn man den Bassregler weit zudreht. Trotzdem reicht das für den Titel „Bad Guy“ von Billie Eilish nicht aus. Dieser bleibt auf dieser PA nahezu unspielbar. Schon bei geringer Lautstärke wummert es unerträglich vor sich hin. Nun ist das sicherlich auch ein extrem basslastiger Titel. Da eine der Zielgruppen, die BOSE auf der Internetseite für die BOSE L1 Pro 16 nennen, jedoch mobile DJs sind, rate ich DJs dringend, sich vor dem Kauf verschiedene Titel aus dem Repertoire auf dieser PA anzuhören.

Die Auftrittsorte sind sicherlich auch entscheidend: Hochzeits- oder Geburtstagsfeier im kleinen Kreis oder große Tanzparty? Empfehlen möchte ich die BOSE L1 Pro 16 eher für letztere. Durch den äußerst kräftigen Bass wird aber der typische Effekt der überzeichneten Höhen in einiger Entfernung zum Lautsprecher, den Säulen-PAs und auch große Line Arrays typischerweise aufweisen, fast vollständig aufgehoben. Die BOSE L1 Pro 16 gefällt mir deshalb als PA für große Räume mit größerer Distanz zum Lautsprecher. 

Da Konservenmusik nicht alles ist, versuche ich es mit Mikrofon und Instrumenten. Bei Keyboards ist das Ergebnis nicht viel anders wie bei der Konservenmusik. Die Akustikgitarre klingt gut, doch auch hier sollte man die Bässe ordentlich zügeln – auch aufgrund der Rückkopplungsgefahr im Bassbereich.

Für den Mikrofontest nutze ich ein altes Shure SM58, denn die BOSE L1 Pro 16 besitzt für dieses Mikrofon ein Preset, das sich über die kostenlose Remote App aufrufen lässt. Außerdem ist das Shure SM58 nicht sonderlich pegelstark und es lässt sich gut beurteilen, wie gut die Anpassung an die PA mit nur einem kombinierten Regler für Gain und Volume funktioniert.

Das Shure SM58 klingt erstaunlich gut. Nichts mulmt, die Stimme klingt klar und druckvoll. Das ist ein deutliches Plus, denn viele kompakte PAs versagen bei dem Klassiker SM58. Das Preset scheint also das Mikrofon sehr gut an die PA anzupassen.

Noch ein Wort zur erzielbaren Lautstärke: Die ist beachtlich hoch. Aber: Schon ab einer Stellung des Volume-Reglers von ca. 11 Uhr stellen sich bei meinem SM58 erste Rückkopplungen ein. Es bietet sich nun nicht mehr an, vor dem Lautsprecher zu stehen. Das Versprechen, dass die BOSE L1 Pro 16 gleichzeitig PA und Monitor für die Musiker sein kann, würde ich nur für kleine Räume mit bis zu 50 Personen unterstreichen wollen. Größere Räume mit mehr Personen erfordern in der Regel auch eine höhere Lautstärke und da wird es mit einem Mikrofon vor der PA wirklich gefährlich.

Ein weiterer Punkt, der mir aufgefallen ist, ist das deutliche Rauschen ab einer Stellung des Volume-Regler von 12 Uhr. Das Rauschen ist schon bei einem einzelnen Kanal deutlich hörbar und bei zwei oder gar drei offenen Kanälen ist es auch in einiger Entfernung noch gut wahrnehmbar.

Der interne Hall klingt brauchbar und gerade Sänger werden diesen begrüßen. Mehr als den Hallanteil einstellen kann man nicht. Doch immerhin verfügt die BOSE L1 Pro 16 über einen Halleffekt. Bei vielen anderen Herstellern ist man diesbezüglich auf zusätzliche Hardware angewiesen.

Alternativen zur BOSE L1 Pro 16

Schaut man auf den Straßenpreis der BOSE L1 Pro 16, muss man doch erst einmal schlucken. BOSE gehörten noch nie zu den preiswertesten Herstellern, doch bei einem Straßenpreis von 2050 Euro muss man auf die Alternativen schauen. Benötigt man das integrierte Mischpult nicht, weil man ohnehin ein Mischpult sein Eigen nennt, kommt zum Beispiel die LD Systems CURV 500 TS in Betracht. Dieses sehr leistungsfähige und modulare System klingt fantastisch, bietet ebenfalls ein Curving, viel Leistung und eignet sich auch prima für die Übertragung einer Band. Bei einer Ersparnis von fast 550 Euro ist vielleicht sogar noch ein Digitalpult im Stagebox-Format der Firma Behringer oder MIDAS drin. Im gleichen Preissegment wie die CURV 500 TS liegt mit 1425 Euro die EV Evolve 50. Diese besitzt sogar eine ähnliche Ausstattung wie die BOSE L1 Pro 16, kann ebenfalls per App fernbedient werden und bringt einen schön druckvollen Sound. Gleich mit einem integrierten Digitalmixer samt Fernsteuerung und acht Kanälen kommt die RCF JMIX 8. Diese ist aktuell für 857 Euro erhältlich. Die LD Systems MAUI 28G2 ist ebenfalls ein sehr interessantes und preisgünstiges System mit einer mordsmäßigen Leistung und für 909 Euro Straßenpreis zu haben.

Natürlich haben einige der genannten Kandidaten weniger Treiber in der Säule. So bringen es die RCF JMIX 8 und die EV Evolve 50 auf acht Breitbandtreiber. Die LD Systems CURV 500 TS hingegen kommt mit insgesamt sechs 4“-Treibern und achtzehn 1“-Treibern für die Säule daher.  Manchmal kommen jedoch größere Breitbandlautsprecher zum Einsatz. Theoretisch wäre die Reichweite einer längeren Säule mit mehr vertikal gestackten Treibern größer als die einer kürzeren Säule, da das Nahfeld mit einem Schallpegelverlust von 3 Dezibel pro Entfernungsverdoppelung vergrößert wird. In der Praxis jedoch macht sich dieser Unterschied bei den mir bekannten Säulen kaum bemerkbar, da nach einigen Metern ohnehin die hohen Frequenzen überwiegen (siehe oben). 

Fazit

Wo BOSE drauf steht, ist auch BOSE drin – so könnte das Fazit lauten. Der typische kräftige Bass, den man von den HiFi-Lautsprechern und auch den älteren PA-Systemen kennt, ist ebenso vorhanden wie das Phänomen, dass der Klang erheblich kräftiger und größer wirkt als der Lautsprecher es erwarten lässt. Einige Leute werden die extreme Basswiedergabe des Systems begrüßen, während sie mir persönlich weniger gefällt – das gilt zumindest für die Wiedergabe von Konservenmusik. Die BOSE L1 Pro 16 ist für größere Räumlichkeiten gemacht. Es sind genügend Leistungsreserven vorhanden, um auch größere Veranstaltungen zu bestreiten, insbesondere dann, wenn zwei Systeme zum Einsatz kommen. In einiger Entfernung klingt sie recht ausgewogen und die im Nahbereich stark überzeichneten Bässe wirken den sonst ausgeprägten Höhen von Säulen-Arrays im Fernfeld entgegen. Die BOSE L1 Pro 16 sollte man sich in jedem Fall vor dem Kauf anhören und mit den genannten Alternativen vergleichen, die teils sehr unterschiedlich klingen.

Plus

  • kompakte Säule
  • geringes Gewicht
  • drei Eingangskanäle
  • Phantomspeisung für die Kanäle 1 und 2
  • Remote App
  • Bluetooth
  • viel Leistung

Minus

  • Preis
  • Abstimmung zwischen Bass und Säule bei der Wiedergabe von Konservenmusik

Preis

  • 2050,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    AMOS omb  

    Nun ja basslastig ist nicht so neu für Bose. Aber keinen Regler für die Gesamtlautstärke ist doch wohl für diesen Preis ein nogo. Soll ich also im life Betrieb bei notwendiger Lautstärkenänderung meinen ganzen Mix neu anpassen? Ist für mich in diesem Preisbereich eine klare Disqualifizerung.

    • Profilbild
      Markus Galla  RED

      Das stimmt. Leider ist das ein Trend – in jeder Preisklasse. Man geht wohl davon aus, dass die meisten Anwender in dieser Preisklasse ohnehin ein Mischpult nutzen.

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