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Test: BOSS DD-200 Digital Delay, Delay-Pedal

27. August 2019

Eine neue Generation

BOSS DD-200, Delay-Pedal

BOSS DD-200, Delay-Pedal

Das Boss Digital-Delay DD-200 liegt nun vor mir – und seltsamerweise werde ich nostalgisch. Ich kann mich nämlich entsinnen, nicht älter als 16 gewesen zu sein, als ich mein erstes Boss Pedal kaufte – das DD-2 Digital-Delay. Damals eine absolute Offenbarung für mich und meine erste echte Bekanntschaft mit der Welt der Delay-Pedale. Ein bisschen Zeit ist seitdem verstrichen und Boss versäumten es nicht, ihr Digital-Delay bis zur DD-7 Version mit Upgrades zu versehen. 2008 erschien diese und war mit Looping-Funktionen und einer maximalen Delay-Zeit von 6,4 Sekunden garniert – viel buy for the buck also. Dass sich Boss trotzdem nie trauten, eine völlig neue Pedal-Generation in unteren Preisgefilden vorzustellen, dürfte unter anderem auch der Ehrfurcht vor dem eigenen Erbe geschuldet sein. Doch damit ist jetzt Schluss. Viel wurde gemunkelt und es wurde lange gewartet – aber die 200er Serie von Boss fliegt endlich ein. Die Reihe umfasst mehrere Effekt-Sparten, aber womit wir uns heute beschäftigen werden, ist das Boss DD-200 – das digitale Delay der neuen Pedal-Generation von Boss.

Die 200er Reihe soll zwischen den Schlachtschiffen der 500er Reihe und der klassischen Generation anzusiedeln sein. Preisliche Mittelklasse bei umfangreicher Konzeption und einer Bedienerfreundlichkeit, die der der klassischen Generation in keinster Weise nachstehen soll. Ganz ehrlich? Im Vorfeld war ich sehr gespannt. Die Boss 500-Reihe hatte ein bisschen Schwierigkeiten, sich gegen die Schlachtschiffe der anderen Marken durchzusetzen (trotz der über alle Zweifel erhabenen Qualitäten) – aber mit der 200-Reihe dürften Boss eine gerne übersehene Nische besetzen: kompakter als die Schlachtschiffe und umfangreicher als die Stomper der ersten Generation.

Boss DD-200 Digital Delay – Facts and Features

Das Boss DD-200 besitzt eine Menge an Features, die eigentlich eher an besagte Schlachtschiffe denken lassen. Prinzipiell handelt es sich beim Boss DD-200 um ein digitales Stereo-Delay, das mit einer Samplingrate und Verarbeitungstiefe von 96 kHz und 32 Bit arbeitet und diese auf 12 vielseitige Delay-Programme anwendet. Bevor wir auf die einzelnen Engines zu sprechen kommen, ein paar Worte zu den grundlegenden Features, mit denen das Boss DD-200 die Käuferschaft überzeugen will.

6,3 mm Klinke für Stereo-In- und Out sind wie eingangs erwähnt dabei. Darüber hinaus eine 6,3 mm Klinkenbuchse für ein Expression-Pedal. Die sonstigen Anschlüsse fallen erwartungsgemäß lückenlos aus: Auf der linken Seite des Pedals befinden sich die MIDI-Anschlüsse sowie der USB-Port. Stereo, MIDI, USB, Expression-Klinke: Diese vier Anschlüsse sollten bei keinem modernden Delay fehlen und sie tun es auch nicht beim DD-200. Darüber hinaus besitzt das Boss DD-200 einen Analog-Dry-Signalweg und einen Buffered-Bypass. Die Abmessungen belaufen sich auf 10,1 x 6,3 x 13,8 cm (B-H-T) bei einer, und das muss hervorgehoben werden, äußerst ansehnlichen Verarbeitung. Die metallischen Potis und Schalter machen einiges her, das stählern-matte Gehäuse wirkt edel und zugleich stabil. Die Stromversorgung läuft über 9 Volt, kann aber auch über Batteriebetrieb erfolgen – im Lieferumfang ist zwar kein Netzteil enthalten, dafür aber sechs 1,5 AA-Batterien.

BOSS DD-200, Delay-Pedal

Darüber hinaus sind beim Boss DD-200 vier Speicherplätze verfügbar, mit der ihr unmittelbar eure favorisierten Presets aufrufen könnt. Das erscheint bei insgesamt 12 Engines nicht wie viel, sollte aber für eine Live-Performance/Song ausreichen. Auch dabei: ein Looper mit einer Aufnahmezeit von insgesamt 60 Sekunden. Boss hat also in das Medium-Gehäuse des Boss DD-200 so ziemlich das alles reingepackt, was normalerweise in ein digitales Schlachtschiff gehört.

 

Boss DD-200, Delay-Pedal – Delay-Engines und Bedienpanel

BOSS DD-200, Delay-Pedal

Klar ist: Ein digitales Delay-Pedal mit 12 Engines wird nicht bei jeder Engine versuchen, das Rad neu zu erfinden. Wenn man sich die Liste also anschaut, trifft man auf viele übliche Verdächtige – Reverse, Dual, Shimmer und mehr. Nicht, dass das irgendwie problematisch wäre, im Gegenteil: Die hohe Samplingrate dürfte eine ordentliche Klangqualität gewährleisten und der Umfang der Engines lässt vermuten, dass hier eventuell ein enormes Preis-Leistungs-Verhältnis vorliegen könnte. Worauf es jetzt ankommt, ist die klangliche Flexibilität und Distinktion der Engines: Wird hier wirklich eine große Bandbreite präsentiert oder überschneiden sich die Engines und sorgen so für eine gewisse Redundanz?

  • Standard ist die klassische Digital-Delay-Engine, die man schon von den Vorgängern kennen dürfte.
  • Analog ist eine entsprechend wärmere und natürlicher klingende Engine, angelehnt am Klang analoger Delays
  • Tape ist die vielleicht wichtigste Engine bzw. die, auf die am meisten geschaut wird: die Simulation des Sound-Evergreens des Tape-Delays.
  • Drum ist ähnlich dem Tape-Delay auch ein Vintage-Effekt, der jedoch klanglich stabiler und differenzierter ist und bestenfalls vom Binson Echorec inspiriert ist.
  • Shimmer ist eine ätherische Engine, welche die Repeats mit hellem Hall versieht.
  • Tera Echo ist die Ambient-Engine des DD-200, die sphärische Klanggebilde ermöglichen soll.
  • Pad Echo ist ebenfalls eine Ambient-Engine für psychedelische Gefilde.
  • Pattern ermöglicht eine flexible Handhabe der Subdivisions und somit interessante rhythmische Variationen.
  • Lo-Fi arbeitet mit einem Bitcrusher-Effekt bei den Repeats.
  • Dual lässt einen die Stereo-Kapazitäten des Pedals ausschöpfen.
  • Ducking ist ein Ducking-Delay, bei dem die Repeats in den Pausen hörbar werden und mit der Eingangsempfindlichkeit des Signals arbeiten.
  • Reverse ist der allseits beliebte und psychedelisch vielfach nutzbare Reverse-Delay.

Die klangliche Flexibilität scheint also gegeben. Interessant wird unter anderem sein, inwiefern die einzelnen Ambient-Engines voneinander abzugrenzen sind und ob die Retro-Sounds gekünstelt oder wahrhaftig klingen – alles Fragen, die wir im Praxisteil nachvollziehen werden. Die einzelnen Parameter, die mit den Reglern angesteuert werden können, decken das übliche Feld der wichtigsten Delay-Größen ab:

  • Time ermöglicht die Einstellung der Delay-Zeit
  • Feedback ermöglicht es, die Intensität und Oszillation der Repeats einzustellen.
  • E.Level lässt das Output-Level einstellen.
  • Param lässt einen an den für die Engine spezifischen Parameter schrauben.
  • Tone ermöglicht das Verändern der Klangfarbe.
  • Mod Depth die Tiefe und Präsenz der Modulation

Darüber hinaus besitzt der DD-200 direkt unter dem Poti für die Engines einen kleinen Knopf, mit dem die Tap-Divisions des Delay-Pedals problemlos gewechselt werden können. Hält man sich also vor Augen, was der DD-200 alles kann und dass das Ganze 240 Euro kosten soll, steht nur noch die Frage nach der Klangqualität im Raum. Ist die nämlich gegeben, kann man davon ausgehen, dass Boss hier ein wirklich großer Wurf gelungen ist. Also – wie klingt das Ganze?

Boss DD-200 Delay-Pedal – in der Praxis

Gleich zu Beginn wird deutlich – auch wenn es kein Rauschen gibt oder sonstige störende Nebengeräusche, verleiht das Gerät dem Signal auch keinen nennenswerten Boost. Es ist – und da gab es Austausch mit einem befreundeten Redakteur, der das anders sah – sogar eher so, dass das Signal sich leicht abschwächt, ganz unmerklich, möchte man meinen.

BOSS DD-200, Delay-Pedal

Wir schauen uns der Reihe nach die Engines an. Die Klangqualität ist selbstredend für Boss-Verhältnisse erwartungsgemäß gut, doch ein weiterer Störfaktor: Der fehlende Mix-Regler für das Dry-Wet-Verhältnis – ein definitiver Wermutstropfen. So lässt sich das Delay-Pedal wahrscheinlich nicht an seine Grenzen bringen. Doch was sagen denn nun die einzelnen Engines?

Die Analog-Engine klingt ungemein warm und authentisch, ähnliches gilt für die Tape-Engine. Sämtliche Klangbeispiele wurden mit dem Line-In einer Focusrite Scarlett aufgenommen. Dabei zeigt sich: Der Sound bleibt auch in angezerrten Gefilden, wie beispielsweise beim Lofi-Delay, der mit einem Bitcrusher-Effekt arbeitet, klar und definiert. Auch für experimentelle Klangsphären eignet sich der Boss DD-200 ganz hervorragend, wie man an der Reverse-Engine sehen kann. Am Shimmer-Delay dürften sich die Geister schneiden – ich persönlich empfinde ihn ein als angemessen warm und nicht zu künstlich, wobei auch ein wenig dünn. Das wird durch die definitive Klangfülle des Tape-Delays beispielsweise wieder weggemacht. Der Parameter-Regler lässt einem genug Raum, um mit den einzelnen Engines zu experimentieren, doch klar ist auch: Die Tiefe pro Engine, die beispielsweise ein Timeline von Strymon mit sich bringt, besitzt der Boss DD-200 nicht. Feedback und Tone erfüllen zweifelsohne ihren Zweck und lassen einem viel Raum mit Klangfarbe und -ausdruck, aber die Modulationen tendieren dazu, ein wenig auszudünnen, wenn man über die Zwei-Uhr-Marke geht. Der Boss DD-200 ist und bleibt ein Delay und keine experimentelle Kiste. Man kann das Dry-Signal wie bereits eingangs erwähnt nicht völlig verschwinden lassen. Dass sich die Subdivisions des Delays im Flug ohne viel Rumdrehen ändern lassen, ist klasse – da muss man bei größeren Kisten schon tiefer in den Kaninchenbau.

 

Fazit

Boss hat eine Marktlücke erkannt und sie auf professionelle Weise ausgefüllt – Delay-Schlachtschiffe für die preisliche Mittelklasse. Und man muss sagen: In Sachen Preis-Leistungs-Verhältnis gibt es auf dem Markt nichts Vergleichbares. Die enorme Flexibilität der Delay-Typen, die lückenlose Palette an Features, der eingebaute Looper und die hohe Sampling-Rate sind Dinge, für die man früher das Doppelte bezahlt hätte. Boss haben also ein enorm zeitgemäßes Produkt geschaffen, das vor allem in Kombination mit seinen Brüdern und Schwestern aus der 200er Reihe formidabel funktionieren dürfte. Einziger Wermutstropfen: der fehlende Mix-Knob und die manchmal etwas dünn klingende Modulation. Trotzdem Daumen hoch!

Plus

  • großartiges Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Vielseitigkeit
  • tolle Tape-Delay Engine
  • Fülle an Features

Minus

  • fehlender Mix-Regler
  • Modulation

Preis

  • 249,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    arnte  

    Ähm…beim geschichtlichen Abriss das DD 20 hier komplett auszusparen erscheint mir etwas seltsam, denn das scheint mir doch der tatsächliche Vorgänger zu sein. Wobei natürlich die Aussage, „abgespecktes DD 500“ auch richtig ist.
    Dass man beim DD 200 das Dry Signal nicht komplett wegregeln kann, war auch schon der größte Nachteil beim DD 20, welches ansonsten ein meiner Meinung nach hervorragend klingendes Delay Pedal ist. Wieder mal ein Lapsus von Roland der einen nur mit dem Kopf schütteln lässt.

  2. Profilbild
    JensBee

    Ich habe mich mit dem Gerät seit der News mal beschäftigt. Ich suche ein Delay für meine Synths und das Rack. In der Anleitung steht etwas von einem „OUTPUT MODE“.
    Dort heist es: (DIRECT MUTE): The direct sound is not output.

    Eine Einstellung im Menü ersetzt natürlich kein Regler, aber es bedeutet doch das man nur das Efektsignal hört oder???

    • Profilbild
      Dimi Kasprzyk  RED

      Hey JensBee
      Ich habe ebenfalls versucht, nach ein bisschen Rumprobieren, besagten Output Mode zu aktivieren für ein vollständiges Wet-Signal. Das ist mir leider noch nicht gelungen. Aber ich werde mich nochmal mit dem Gerät beschäftigen.

  3. Profilbild
    atariot

    Gutes Review – und mittlerweile, aus eigener Erfahrung heraus, die Aussage: Gutes Gerät :)

    Aber die Angabe, mann könne das Dry-Signal nicht abschalten, ist falsch.

    Man kann über das Konfigurationsmenü (TAP Division Schalter und Memory Schalter gleichzeitig drücken) den Output einstellen. Dort Direct Mute auswählen und schon hat man sowohl Mono als auch Stereo nur noch das Wet-Signal!

    Viel interessanter wäre die Frage ob man irgendwie das Stereo-Panning einstellen oder beeinflussen kann. Gerade für den Dual-Delay Modus wäre das schon gut ;)

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