Test: Carl Martin Panama, Overdrive-Pedal

26. Juli 2020

Ohne Lötkolben zum Amp Tuner!

Wir schreiben (wieder einmal) die Achtziger, die Dekade, die der Rockmusik einerseits Unmengen von teils handwerklich grenzwertigen Poserbands, Gitarren-Finishs mit Erblindungsgarantie und die einheitlichste Haar- und Outfit-Pracht aller Zeiten brachte, auf der anderen Seite aber auch ein Gitarrensolo in jedem Song, die Möglichkeit von grenzenlosem Ruhm mit nur einem Playback-Auftritt bei „Wetten dass“ und die größten Plattenvertragsvorschüsse aller Zeiten nebst gigantischen Gewinnen für selbige. Einhergehend mit diesem einst fruchtbaren Boden der Unterhaltungsindustrie explodierte ebenfalls der Markt für Modifikationen aller Art, insbesondere wenn es um den eigenen Amp ging. Eben diese Geschichte möchte die dänische Pedalschmiede Carl Martin in ein Pedal packen und hat mit dem Carl Martin Panama einen „British Hot Modded Overdrive“ am Start.

Carl Martin Panama Test

Carl Martin Panama – Aufsicht

„British Hot Modded“? Was’n das?

Wir begeben uns einmal mehr in die Untiefen des typischen Rock- und Metal-Gitarristen der Achtziger, der irgendwo zwischen der aufkeimenden New Wave Of British Heavy Metal, dem amerikanischen Bay Area Gekloppe und der alles vereinnahmende Hair Metal (die Lieblingsmusikrichtung aller Frauen, fragt eure Mutter …) Welle gegen Ende des Jahrzehnts seine Stilistik zu finden versucht. Zwar gibt es schon die einen oder anderen Mehrkanaler, sagen wir besser 2-Kanaler aus den USA, die mehr Gain als üblich liefern können, aber die klassische Variante für Rock und Metal heißt immer noch Marshall 2203 oder 2204 (Mastervolume) plus Pedal.

Dieses vergleichsweise einfache Setup bietet bei guter Handhabung immerhin knapp 4 Sounds, sprich Crunch 1 (Vorstufe voll aufgerissen, Master nach Geschmack), Clean (nun ja, ein gesättigtes Clean, indem man den Volume-Regler herunterfährt), Lead (Crunch 1 plus Overdrive/Distortion-Pedal) und Crunch 2 (Lead-Setup mit herunter gedrehtem Volume-Regler). Alles ganz nett, aber viele der damaligen Pedale hatten einen starken „Fuzz“-Charakter, das Weiche, Sahnige, was man in Carlos Santanas Soloton gehört hat, wollte sich einfach nicht einstellen. Dies war die Geburtsstunde der sogenannten Modder, von denen es z. B. mit Manfred Reckmeyer oder Dirk Baldringer auch ein paar echte Könner im deutschsprachigen Raum gab. Neben dem Einbau von FX-Loops, evtl. einem zweiten Mastervolume oder zweiten Kanal war es vor allem der Wunsch nach mehr Röhren-Gain, das u. a. auch den Verfasser dieses Artikels zu den o. g. Namen trieb.

Carl Martin Panama Test

Carl Martin Panama – Stirnseite

Hätte man gewusst, was man einige Jahre später für einen alten Marshall im Originalzustand noch bekommt, hätte man bestimmt auf die eine oder andere Bastelarbeit verzichtet, allerdings muss ich auch sagen, dass immer noch 3 meiner Marshall Heads, die seiner Zeit teilweise nur leicht modifiziert, respektive von Grund auf neu aufgebaut wurden, in meinem Studio eine sehr gute Arbeit verrichten. Den endgültigen Durchbruch erzielte schließlich der legendäre „Brown“-Sound von Eddie van Halen auf der ersten VH Scheibe, bei dem ein Variac Industrie Lichtdimmer die „Modification“ eines ’68 Plexi übernahm und als sehr extravaganter Volume-Regler diente.

Eben jene Band wird wohl auch für den Namen des Carl Martin Pedals verantwortlich zeichnen, gilt der Titel doch als einer der Erfolgreichsten der Band. Nun denn, schafft es der Carl Martin Panama, einen modifizierten Marshall Head aus den Achtzigern in ein Pedal zu packen?

Carl Martin Panama Test

Carl Martin Panama – Seitenansicht Rechts

Die Konstruktion des Carl Martin Panama

Das in China gefertigte Pedal ist größenmäßig zwar kein Pedal aus einer der unzähligen Mini-Serien anderer Hersteller, kann aber mit den Maßen 5,9 x 11,3  x 4,8 cm (B x T x H) durchaus als sehr kompakt bezeichnet werden. Allerdings sorgt die massive Bauweise für ein vergleichsweise kräftiges Gewicht und lässt auf eine lange Lebensdauer schließen. Das Pedal verfügt über vier mitgelieferte aufklebbare Gummifüße und rutscht ohne diese Befestigung auf jedem Untergrund sehr leicht unmotiviert in der Gegend herum. Batteriebetrieb ist für das Pedal ebenfalls nicht vorgesehen, von daher sollte man sich direkt über einen Platz auf seinem Pedalboard Gedanken machen.

Angenehmerweise hat das Carl Martin Panama seine Anschlüsse an der Stirnseite des Gehäuses, was den meisten Patch-Kabel Verdrahtungen auf dem Pedalboard entgegen kommt. Dazwischen sitzt die Anschlussbuchse für das 9 V Netzteil. Hier geht es ein wenig eng zu und ein Netzteil Winkelstecker kann nur nach oben oder unten weg geführt werden, aber mit einem geraden Stecker sollte es keine Probleme geben. Wie auch bei dem Carl Martin Plexitone wird die Spannung intern auf 12 V hoch gesetzt, was einen besseren Headroom und höhere Auflösung des Signals garantiert. Das Netzteil sollte mindestens 65 mA liefern, mit einem handelsüblichen 100 mA Ausgang ist man also auf der sicheren Seite. Der On/Off-Schalter ist in True-Bypass ausgeführt.

Neben den Standards wie Gain, Level und Tone hat das Carl Martin Panama einen vierten, besonderen Regler mit dem Namen „Damping“ auf der Bedienungsoberfläche. Jeder, der einmal mit einem prof. Engineer zusammen gearbeitet hat, wird das Problem kennen. Mit zunehmender Verzerrung neigen einige Amps dazu, etwas „boomy“ zu werden, sprich ihr Bassanteil nimmt zu, was auf den ersten Klangeindruck den Sound sogar voluminöser erscheinen lässt, allerdings „verschluckt“ sich der Amp dann auch gerne, respektive die Durchsetzungskraft im Bandmix leidet massiv und muss mit überhöhter Lautstärke wieder aufgeholt werden. Man kann dies natürlich im Mix mit einem EQ machen, besser ist es jedoch, wenn der Amp erst gar nicht ins übermäßige „Pumpen“ gerät.

Hier setzt der Damping-Regler an, der mit zunehmendem Rechtsdreh den Bassanteil etwas zurücknimmt und den Ton straffer werden lässt. Ein sehr praxisgerechter Effekt, wie man später noch im Praxisteil hören wird. Über diesen Regler gelingt es auch, die von Haus aus etwas bassiger klingenden semiakustischen Gitarren wie z. B. die 300er Serien von Gibson o. ä. in ihrem „Jazz“-Aspekt etwas zu zügeln und sie zu einer echten Rock’n’Roll-Gitarre hin zu bewegen.

Carl Martin Panama Test

Carl Martin Panama – Seitenansicht links

Der Carl Martin Panama in der Praxis

Um es direkt vorneweg zu schicken, der Carl Martin Panama hat wie auch der Plexitone sehr starke Booster-Ambitionen, sprich das Pedal schiebt den Amp bei Bedarf wirklich sehr stark an. Es ist also ratsam, mit dem Level-Regler behutsam umzugehen. 12 Uhr entspricht ungefähr dem Rein = Raus Pegel, darüber hinaus ist der Ausgangspegel mit Vorsicht zu genießen.

Um das Pedal in seiner Gänze zu schätzen, empfiehlt es sich, einen möglichst alten Vintage Vollröhrenamp im Stil eines Bassman, Plexi oder VOX AC was auch immer zu benutzen, will heißen Amps, die über einen sehr guten Grundklang mit wenig Gain verfügen. In diesem Fall übernimmt das Carl Martin Panama sozusagen den Teil, den in den Achtzigern ein Modder übernommen hat. Man kann seinen Amp also modden, ohne ihn auf ewig zu verbasteln. Um das zu gewährleisten, habe ich meinen alten 77er Marshall Mod. 1987 mit einem Marshall 412er Cabinet mit Celestion Vintage 65 Speaker von ca. 1982 genommen und ihn so eingestellt, dass er gerade eben nicht in die Sättigung geht.

Zunächst einmal fällt sehr positiv auf, wie unglaublich gut das Pedal am Volume-Regler der Gitarre hängt. Es ist tatsächlich möglich, den Sound nur mit dem Volume-Regler bis fast ganz clean zurückzufahren und den Gain-Faktor komplett damit zu kontrollieren. Des Weiteren hat das Pedal wahrlich einen sehr hohen Headroom, allerdings würde ich das Pedal eher als Distortion- als ein Overdrive-Pedal bezeichnen. Der Gain-Faktor geht deutlich über eine reine Übersteuerung hinaus und schafft es auch, völlig clean eingestellte Amps zu einem kräftigen Leadsound zu bewegen.

Der Sound des Carl Martin Panama ist wirklich hervorragend, sofern man einen höhenbetonten Sound mag. Zwar kann man die Höhen mit dem Tone-Regler recht gut im Zaum halten, seine Stärken findet der Carl Martin Panama aber im Durchsetzungsvermögen. Wenngleich der Produktname es vermuten lässt, für den originalen VH-Sound ist der Grundsound des Pedals etwas zu straff, der klassische EVH-Sound ist etwas weicher im Ansatz, allerdings klingt das Pedal in der Tat hervorragend und die ausgezeichnete Dynamik ist dem VH-Sound in der Tat ebenbürtig. Insbesondere wenn man auf der Suche nach klassischen Leadsounds ist, hinterlässt das Carl Martin Panama eine sehr gute Figur, für typisches High-Gain-Geboller empfehlen sich andere Pedale.

Fazit

Mit dem Carl Martin Panama hat der dänische Hersteller ein hervorragendes Pedal in seinen Reihen, das sich an den Modder-Arbeiten der Achtziger anlehnt. Das Ziel, einen Vintage-Röhrenamp wie nach dem Besuch eines Amp-Tuners klingen zu lassen, wird über weite Strecken erreicht und hinterlässt in allen Bereichen einen sehr guten Eindruck.

Plus

  • Klang
  • Verarbeitung
  • Ansatz und Umsetzung

Preis

  • 145,- Euro
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