Test: Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS, E-Gitarre

29. August 2017

Die etwas andere Tele

Nicht nur das wohl berühmteste Kind der Fender-Familie, die Stratocaster, dient schon seit ihrer Entstehung immer wieder als Vorlage für Modifikationen in Holz, Farbe und Technik. Auch die Telecaster konnte schon immer „etwas anders“ und wurde in all den Jahren ihrer Produktion immer wieder an den Zeitgeschmack und die Bedürfnisse der Kundschaft angepasst. Die Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS ist ein erneuter Beweis dafür, wie schnell aus diesem einfachen Brett eine Metal-Gitarre mit modernen Attributen werden kann. Moment mal, habe ich da gerade Metal-Gitarre geschrieben? Stimmt das überhaupt? Machen wir den Test!

Facts & Features

Nun ja, auf den ersten Blick wirkt die Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS in ihrem mattsilbernen Finish, den zwei Humbuckern und dem Floyd-Rose-Vibrato zumindest alles andere als bieder. Hinzu kommt das Shaping auf der Decke, mit dem die originale Tele nicht dienen kann und das, neben dem praktischen Nutzen, dem Design einen durchaus modernen Touch verpasst. Viel gravierender als auf der Decke sind die Unterschiede allerdings Rückseite auszumachen, hier herrscht quasi Ergonomie pur. Das reicht von der beliebten „Bierbauchfräsung“ im oberen Teil des Korpus über eine tiefe Einfräsung beim Cutaway, einen bearbeiteten Hals-Korpus-Übergang sowie den Platz für die Klinkenbuchse, die ganz unauffällig am unteren Teil des Bodens angebracht wurde.

— Fräsungen, wohin das Auge auch blickt —

Als Tonholz für den Korpus wurde Erle verwendet, die extrem deckende Mattlackierung erlaubt jedoch keine Rückschlüsse darauf, wie viel Teile Holz hier wohl zur Verwendung gekommen sind. Das silberne Finish steht der Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS ganz vorzüglich, fragt sich allerdings nur, wie lange. Denn die Bereiche auf der Decke, die in direkten Kontakt mit dem Unterarm und der Hand des Spielers stehen, werden mit der Zeit ihre Struktur höchstwahrscheinlich von matt in hochglänzend ändern. Auswirkungen auf den Klang hat das selbstverständlich nicht, einen Schönheitspreis dürfte unsere Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS dann allerdings auch nicht mehr gewinnen.

Der Hals der Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS

Der besteht aus einem Stück Ahorn und wurde bombenfest in der Halstasche im Korpus versenkt. Die Illusion eines aus dem vollen gefrästen Halses inklusive Griffbrett ist dem Hersteller gut gelungen, durch die satinlackierte Halsrückseite ist dieser Fakt auf Anhieb gar nicht so einfach zu erkennen. Tatsächlich aber wurde ein zusätzliches Ahorngriffbrett aufgeleimt, das mit 22 vorbildlich eingesetzten und abgerichteten Jumbobünden ausgestattet wurde. Die gute Verarbeitung der Bünde erlaubt eine sehr komfortable Saitenlage, was zusammen mit dem schmalen Halsprofil, dem weiten Radius des Griffbretts und der griffigen Halsrückseite ideale Voraussetzungen für moderne Spieltechniken bietet. Mit einer Mensur von 648 mm orientiert sich die Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS zudem an den Maßen des Klassikers aus dem Mutterhaus Fender und auch die Breite des Sattels von 42, 8 mm kann man eher als schlank bezeichnen.

Die Kopfplatte wiederum entspricht so gar nicht der Optik einer Tele, denn es ist faktisch die Kopfplatte einer Strat. Leider besitzt sie nicht die gleiche mattsilberne Lackierung wie der Korpus, das hätte der Optik sicher noch einen weiteren Pluspunkt eingebracht. Sie trägt die sechs verchromten Stimmmechaniken aus eigener Produktion, denen ja aufgrund des Klemmsattels keine allzu wichtige Funktion zukommt. Damit sind wir bei der Betrachtung der  Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS bei der verbauten Hardware angelangt.

— Die Tele mit der Stratkopfplatte – warum nicht? —

Die Hardware der Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS

Ich muss gestehen: Zunächst war ich kritisch bzw. bin es in aller Regel immer, wenn eine Gitarre mit einem koreanischen Floyd-Rose-Vibrato zum Test auftaucht. Allzu oft schon enttäuschten diese Systeme und zogen durch ihre Fehlfunktion in Form von üblen Verstimmungen das Testergebnis eines ansonsten gelungenen Instruments nach unten. Und auch bei der Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS galt mein erster Griff dem Vibratohebel, um eine entlarvende „Dive-Bomb“ zu erzeugen. Das Ergebnis verblüfft bzw. befriedigt die Erwartungen an ein Instrument, für das immerhin rund 900,- Euro aufgerufen werden, absolut. Keinen mickrigen Cent Verstimmung zeigt das Stimmgerät und attestieren die Ohren nach der Tortur, Prüfung bestanden!

— Sicher im Sattel – das Floyd-Rose-Vibrato —

Es scheint so, als habe man sich bei Charvel bzw. Fender intensiv mit den Schwachstellen dieses günstigen Systems auseinandergesetzt und insbesondere den Klemmsattel  einer Überarbeitung oder Verstärkung unterzogen. Bei vielen von uns getesteten Mitbewerbern waren die weichen Materialien des Klemmsattels nämlich eine der größten Problemzonen. Uns kann es egal sein – diese Klampfe hält die Stimmung und schont damit die Nerven. Und das ist doch die Hauptsache!

Die Pickups der Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS

Die Tonabnehmer für unsere Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS steuert Seymour Duncan bei. Am Steg sitzt ein TB-4, die Halsposition nimmt das Modell SH1N ein. Geschaltet wird über einen Dreiwegeschalter, der von ordentlicher Qualität ist und zudem sehr griffgünstig auf der Decke angebracht wurde. Die beiden Potis für Tone und Volume hingegen wirken etwas fragil, speziell bei unserem Testinstrument zeigte sich besonders das Tonepoti recht hakelig. Aber Hand aufs Herz: Wer benutzt schon ein Tonepoti? Schön hingegen ist, dass sich die Pickups durch Anheben des Volumepotis auch im Singlecoil-Modus betreiben lassen. So etwas kann das Soundspektrum natürlich noch einmal deutlich erweitern.

Beide Tonabnehmer wurden präzise in das Holz der Decke eingesetzt, die Polepieces der beiden Duncans verlaufen geradezu vorbildlich unter den Saiten.

— Duncan Pickups an Hals und Steg bzw. Vibrato —

Zwischenzeugnis

Die Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS zeigt sich bis hier hin als eine solide gefertigte Gitarre aus der mexikanischen Fertigung von Fender. Minuspunkte gibt es lediglich für die Qualität der beiden Potis zu vergeben, dafür aber überraschen die gute Verarbeitung des Halses und der Bünde und vor allem die Stimmstabilität des Vibratos – damit hatte ich ehrlich gesagt am wenigsten gerechnet. Mal schauen, was die Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS in der Praxis so drauf hat.

— Well protected Trademark —

Sound & Praxis mit der Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS

Erlenkorpus und geschraubter Ahornhals – in den meisten Fällen eine todsichere Kombination! So auch in diesem Fall, denn unsere silberne Tele besitzt schon trocken angespielt jede Menge Knack und Biss und ist dank des schlanken Halsprofils und der satinierten Halsrückseite sehr komfortabel bespielbar. Der auf seiner Rückseite stark konturierte Korpus schmiegt sich wunderbar an den Körper des Spielers an und dank des weit ausgesägten Cutaways (und seiner zusätzlichen Fräsung auf der Rückseite) sind alle 22 Bünde auf dem Griffbrett ohne Probleme oder gar Übergreifen bequem zu erreichen.

Für die nun folgenden Klangbeispiele wurde die Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS in meinen Orange Micro Dark eingeklinkt. Als Box wurde eine H&K GL112 mit einem 1×12″ Celestion Vintage 30 Lautsprecher benutzt, abgenommen wurde das Ganze dann mit einem AKG C3000 Mikrofon.

In Klangbeispiel 1 hören wir zunächst den Cleansound beider Pickups im Singlecoil-Modus.

Klangbeispiel 2 zeigt eine clean gepickte Linie auf dem Halspickup im Singlecoil-Modus.

Kommen wir jetzt zu den verzerrten Sounds, hier blüht die Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS so richtig auf! Zunächst ein Crunchsound, aufgenommen mit dem Schalter in Mittelposition. Hier hört man also beide Humbucker zusammen.

Als nächstes folgt nun eine Sololinie mit dem Steghumbucker. Das wunderbare „Schmatzen“ im Sound ist deutlich zu hören, darüber hinaus ist die Dynamik sehr spritzig.

Abschließend der Sound des Duncan SH1N am Hals. Trotz der relativ hohen Verzerrung bleibt der Klang stets klar und neigt nie zum undefinierbaren Brei.

Fazit

Eine wirklich gelungene Gitarre, die Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS! Die typischen Merkmale einer Telecaster, abgesehen von ihrer famosen Bespielbarkeit, wird man bei dieser Gitarre gewiss nicht finden, der typische „Twang-Effekt“ will sich nicht einstellen. Doch dafür ist die silberne Tele nicht gemacht, ihre Stärken liegen ganz klar im verzerrten Bereich, das macht auch die Optik schon unmissverständlich klar. Der einzige Minuspunkt, den es im Test zu vergeben gibt, gilt den beiden hakeligen Potis, doch die sind zur Not schnell und relativ kostengünstig gegen höherwertige Ausführungen getauscht. Trotz dieses Mankos kann man der Charvel Pro-Mod San Dimas St 2 FR SS aber trotzdem mit gutem Gewissen eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen!

Plus

  • sehr gute Verarbeitung
  • Klangvielfalt
  • gute Bespielbarkeit
  • verstimmungsfreies Vibratosystem
  • auffällige Optik

Minus

  • Qualität der Potis

Preis

  • Ladenpreis: 899,- Euro
Klangbeispiele
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    Schöne Gitte. Gefällt mir clean aber besser als mit Zerre. Da für meinen Geschmack eher zu neutral, eierlos. So’n bissken Dreck sollte schon drin sein. Wobei, in der Stegposition geht’s schon.

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