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Test: Clavia Nord Piano 4, Stagepiano

3. Oktober 2018

Da steht ein rotes Klavier

Clavia Nord Piano 4

Pünktlich wie eh und je bringt der schwedische Hersteller Clavia Updates ihrer etablierten Produkte auf den Markt. Neben dem hier getesteten Nord Piano 4 gehören die Electro, die Nord Drum Modelle sowie die für den Live Einsatz konzipierten Stage Keyboards zu den festen Produkten des Herstellers. Mit dem Clavia Nord Piano 4 hat der Hersteller ein auf Pianos spezialisiertes Keyboard im Programm, das in der vierten Generation wieder einige neue Features mit sich bringt. Wir haben das Nord Piano 4 für euch unter die Lupe genommen.

Optik und Verarbeitung des Clavia Nord Piano 4

Wie eingangs bereits erwähnt, hat sich am grundlegenden Konzept des Nord Pianos nichts geändert. Die Farbe ist – keine Überraschung – wieder rot und die Verarbeitung bühnengerecht äußerst solide. Ein robustes Metallgehäuse und in etwas dunklerem rot gehaltene Abschlussleisten aus Holz gehören schon lange zu den Eckpunkten des Nord Pianos, so auch bei Version 4 dieses Keyboards. Daher verwundert auch das Gewicht von 18,5 kg nicht, Metall und Holz bringen nun mal Gewicht auf die Waage. Auch der Hammermechanik Tastatur ist es geschuldet, dass das Nord Piano 4 nicht zu den Leichtgewichten seiner Zunft gehört. Hier hat Clavia einfach Pianisten im Fokus, die bewusst und gerne auf voll gewichteten Tastaturen spielen und keinen Mix aus Piano-, E-Piano-, Synthesizer- und Orgel-Tastatur suchen.

clavia nord piano 4

Die Tastatur des Nord Piano 4 ist identisch zu der des 3er Modells und kommt daher wieder von Fatar. Mit einem Dreifach-Sensor ist die Tastatur ausgestattet, bietet 88 Tasten mit Hammermechanik. Die Tastatur lässt sich sehr gut spielen, erlaubt ein akzentuiertes und dynamisches Spiel mit schnellen Repetitionen. Hier gibt es nichts zu beanstanden.

Bedienung des Clavia Nord Piano 4

Neben den erwähnten äußeren Eckdaten steht Clavia seit jeher auch für eine geradlinige Bedienung, d.h. man muss bei den Nords nicht ewig lange im Menü steppen, sondern kann den Großteil der Funktionen über dedizierte Taster und Potis erreichen. Dem steht auch das Clavia Nord Piano 4 in Nichts nach.

Herzstück des Nord Pianos ist entsprechend kein ultra großer Touchscreen, sondern ein vergleichsweise kleines OLED-Display auf dem die wichtigsten Informationen und Parameter angezeigt werden. Alles andere ist wie gesagt über Potis und Taster samt zugehörigen LEDs gelöst. Um das Display herum befinden sich mehrere Taster, die detaillierte Einstellungen hinsichtlich System, Sound, MIDI, Organize und Panic ermöglichen.

clavia nord piano 4

An neuen Funktionen bietet das Nord Piano 4 die Split Point Crossfades, die bereits in den aktuellen Modellen der Electro- und Stage-Keyboards Einzug gehalten haben. Splittet man das Nord Piano an einem der sechs vorgesehenen und mit LED versehenen Split-Punkten, lässt sich der Bereich um diesen Split-Punkt als Crossfade Bereich definieren. Hierdurch „morphen“ die nebeneinander liegenden Sounds langsam ineinander über, anstatt hart am vorgesehenen Punkt zu wechseln. Zwei Einstellungen gibt es: Small und Large. Diese beziehen sich auf den Anfangspunkt, ab wann der andere Sound nach und nach hinzukommt.

Ebenfalls neu ist die Seamless Transition Funktion. Hiermit klingen Sounds trotz Umschalten auf einen anderen Sound weiterhin aus, abgeschnittene Sounds werden hiermit vermieden.

Der Prog/Menu-Drehknopf dient zum Durchsteppen der insgesamt 400 Speicherplätze des Nord Pianos 4. Direkt darüber der Lautstärkeregler des Pianos. Rechts dieser globalen Sektion schließt sich die erste von zwei Soundsektionen an.

Piano Sektion des Clavia Nord Piano 4

Die Piano Sektion bietet einen eigenen Lautstärkeregler, so dass die beiden Sektionen Piano und Sample Synth individuell angepasst werden können und stets das gewünschte Verhältnis eingestellt werden kann.

clavia nord piano 4

Neu ist die Art und Weise, wie beim Nord Piano 4 der passende Piano Sound ausgewählt wird. Anstatt weiterhin auf die Typen Grand, Upright, EP1 usw. zu setzen und so bereits eine grobe Vorauswahl treffen zu können, lassen sich die Sounds im aktuellen Modell nur noch per Drehrad auswählen. Ebenfalls neu sind die drei EQ-Presets Bright, Mid und Soft, die die Pianos klanglich teils deutlich beeinflussen. Mit Hilfe der Parameter Soft Release, String Resonance Pedal Noise und Dynamic Sustain Pedal lassen sich dem Sound instrumentenspezifische Klangbestandteile hinzufügen, die zu einer erhöhten Authentizität führen.

Die bis dato recht eingeschränkte Polyphonie in Höhe von 60 bzw. 40 Stimmen (Mono/Stereo Betrieb) hat Clavia beim Nord Piano 4 deutlich aufgestockt. Der Hersteller unterscheidet nun nicht mehr zwischen Mono und Stereo Betrieb und die maximale Polyphonie wurde auf 120 Stimmen erweitert, ein deutliches Plus.

clavia nord piano 4

Verfügte das 3er Modell des Nord Pianos noch über 54 Speicherplätze für Piano Sounds, sind es beim Nord Piano 4 nun insgesamt 120 Plätze. Der Speicherplatz ist mit 1 GB dagegen gleich geblieben. Allen Nord-Neulingen sei gesagt: Das Soundrepertoire der Nord Keyboards ist nicht fix, sondern kann vom User mit Hilfe der Nord Sound Editor Software frei bestimmt werden. Ab Werk werden die Nord Keyboards mit einer passenden Auswahl an Sounds ausgeliefert, über die Website des Herstellers lassen sich aber neue Sounds herunterladen und individuell auf das Nord Keyboard übertragen. Wie viele Sounds in das Nord Piano passen, hängt einerseits von der jeweiligen Größe der Sounds Samples und dem maximalen Speicherplatz des Pianos ab. Dieser beträgt beim 4er Modell des Nord Pianos 1 GB. Für die Sample Synth Sektion stehen weitere 512 MB bereit, die separat mit den entsprechenden Sounds belegt werden können. Die Nord Sound Library wächst stetig und umfasst mittlerweile eine Vielzahl an unterschiedlichsten Klängen.

Als Sound-Flaggschiff hat Clavia beim Nord Piano 4 das Royal Grand 3D Piano gewählt. Dieses bietet einen ungemein authentischen Sound, der mit viel Liebe zum Detail erklingt. Das Piano lässt sich sehr dynamisch spielen und überzeugt auch aufgrund der sehr realistisch klingenden Pedalgeräusche und Saitenresonanzen. Der räumliche Sound ist sehr gut und das Piano kann vor allem für klassische oder jazzige Stücke herangezogen werden.

Hier ein Beispiel des Royal Grand 3D:

Auch der Velvet Grand Sound kann auf ganzer Linie überzeugen. Dieser klingt etwas kompakter, bietet nicht ganz so ein räumliches Gefühl und kann für Lieder herangezogen werden, die ein Piano mit etwas mehr Eigenart erfordern.

Deutlich kantiger und knarziger klingen die Upright Pianos des Nord Piano 4 und hier kann das Clavia Piano ebenfalls überzeugen. Die Sounds weisen deutlich mehr Charakter auf als viele Konkurrenten. Es ist erstaunlich, wie sehr sich Clavia diesem Feld widmet, das findet man bei anderen Herstellern bei weitem nicht in solch einem breiten Angebot.

Mein eigentlicher Favorit der Clavia Keyboards sind jedoch die E-Pianos. Vor allem die Pendants von Rhodes und Wurlitzer können überzeugen, wenn auch die Tastatur des Nord Pianos 4 hierfür zu Flügel-lastig ist. Rein von der Soundqualität spielen die E-Pianos von Clavia aber seit vielen Jahren in der obersten Liga mit.

Sample Synth Sektion des Clavia Nord Piano 4

In der zweiten großen Sound-Sektion des Nord Pianos 4 findet man alle über das eigentliche Piano-Umfeld hinaus gehenden Sounds, so u.a. Orgeln, Streicher, Bläser und Synthesizer. Auch hier dreht man sich mit Hilfe eines Potis durch die stattliche Anzahl der Sounds. Maximal 512 MB stehen hierfür zur Verfügung. Auch hier wurde die maximale Stimmenanzahl erhöht, genau genommen von 15 auf 30.

clavia nord piano 4

Wichtigstes Hilfsmittel zum Anpassen der Sounds an die eigenen Bedürfnisse sind der Attack, Decay/Release Regler sowie die Dynamik-Einstellungen Filter/Amp. Hiermit lässt sich die Sektion beispielsweise so einstellen, dass die Anschlagsstärke über die Filter-Stellung entscheidet und Sounds hierdurch heller oder dunkler klingen. Mit Hilfe der Hüllkurven-Regler lassen sich Sounds in Windeseile anpassen und aus soften Pads mit viel Attack und langem Release werden deutlich knackigere und kürzere Sounds.

Effekte des Clavia Nord Piano 4

In der Effektabteilung des vierten Nord Pianos ist gegenüber dem Vorgänger kaum etwas passiert, was nicht schlecht ist, denn die Effekte von Clavia können sich absolut sehen lassen. Die Abteilung besteht zunächst aus zwei Slots, die für

  • Pan, Tremolo, Wah, Ring Modulator
  • Flanger, Chorus, Phaser, Vibe

zuständig sind. Jeder Slot lässt sich entweder der Piano- oder der Sample Synth Sektion zuordnen. Darüber hinaus bietet das Nord Piano 4 eine Delay Einheit mit tappbarem Tempo, einem 3-Band-Equalizer, wovon das Mittenband im Bereich 200 Hz bis 8 kHz stufenlos stimmbar ist. Es folgt die Amp/Kompressor Sektion, die die drei Amps Twin, JC, Small sowie einen Tube Distortion und einen Stereo Kompressor bietet. Der Reverb ist global ausgelegt und bietet die drei Modi Hall, Stage und Room, wobei alle drei zusätzlich in einer Bright Version vorliegen.

clavia nord piano 4

Die einstellbaren Parameter der Effekte sind zwar überschaubar, dafür lässt sich alles dank dem intuitiven Zugriff schnell und zielgerichtet einstellen. Das mag nichts jedermanns Sache sein, im Live Betrieb lässt sich das Nord Piano aber hierdurch extrem schnell an neue Situationen anpassen.

Anschlüsse und Lieferumfang des Clavia Nord Piano 4

Das Nord Piano 4 bietet einen Stereo Ausgang, einen Kopfhörerausgang sowie einen 3,5 mm Stereo Klinkeneingang für Zuspielungen. Zwei Pedale lassen sich an den Buchen Sustain und Volume/Control Pedal anschließen. Verbindungen zum Computer werden über USB hergestellt, zu anderen MIDI-Klangerzeugern geschieht dies wahlweise über das MIDI Duo (In, Out). Das Netzteil des Nord Piano ist intern verbaut, so dass zum Anschluss ein Kaltgerätekabel ausreicht.

clavia nord piano 4

Zum Lieferumfang des Nord Piano gehört ein gedrucktes Handbuch, ein Netzkabel, eine DVD mit der aktuellen Version der Nord Piano Library sowie löblicherweise ein Dreifach-Pedal.

Fazit

Clavia hat beim Nord Piano 4 einige neue Funktionen implementiert bzw. die bestehenden erweitert. Allen voran sei hier die Erweiterung des Sample Synth Speichers, die erweiterte Polyphonie und die EQ-Presets der Piano Sektion genannt. Damit bleibt das Nord Piano 4 weiterhin ein Oberklasse-Piano, das – ebenfalls Clavia-typisch – preislich weit oben angesetzt ist. Für einen Preis von 2.598,- Euro überlegt man sich auf alle Fälle zwei Mal, in was man sein Geld investiert.

Plus

  • Klang
  • Tastatur
  • Bedienung
  • Verarbeitung

Minus

  • hoher Preis

Preis

  • Ladenpreis: 2.598,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    syntach  

    Im Jahr 2018 nicht genug Speicher für die gesamte Clavia Library on board: no go.
    Da wird alles auf bühnen- und roadtauglich getrimmt, aber zum Patch Wechseln muss ich den Computer benutzen. Bäh!
    Schade, dass es nicht als DICKES Minus angekreidet wird…

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      adissu  

      Ich stimme zu! Ob es gleich die ganze Library sein muss kann man ja noch diskutieren aber das man hier von Speicherkapazitäten unter 4 GB redet ist gelinde gesagt peinlich. Vor allem, wenn man weiß, wie lange es dauert, einen neuen Sound hochzuladen. Das geht ja nicht eben mal in 10 Sekunden.

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        suxeedjo

        Das sehe ich genau so – es handelt sich hier ja nicht gerade um ein Instrument das man aus der Portokasse bezahlt. Da wäre etwas mehr Speicherkapazität sicher kein Ding, das könnte man schon erwarten.

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    gutomi  

    Das Lob der akustischen Pianos kann ich nachvollziehen, nicht das der Epianos. Hier ist Nord einfach nicht mehr zeitgemäß, zumal bei den vom Autor ausgewählten. Ich besitze ein Nord Electro, einen Kronos und Software. Der Kronos und natürlich Plugins haben ein ganz anderes Level. Wenn überhaupt ein Nord-Rhodes dann doch das Nefertiti oder Amped. Ich halte dies nicht für eine Geschmackssache, sondern für etwas Objektivierbares. Nichts für ungut ;-)

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      cosmolab  

      Ich hab noch ein Nord Stage „Classic“.
      Hat sich denn an den E-Pianos seither überhaupt was nennenswert geändert?

      Bei meiner Uralt- Version muss ich allerdings sagen, ist es eher anders herum. Da sind die Rhodes ziemlich lebendig – und die Pianos klingen irgendwie „gelb“. Im Vergleich ist das neueste NS3 wirklich beneidenswert besser (und damit sicher auch dies NP4 hier) .

  3. Profilbild
    cosmolab  

    @Felix T.:
    Wie ist es mit der Tastatur?
    Es ist wohl dieselbe wie beim NordStage3-88 , NICHT jedoch wie z.B. beim hier getesteten NordElectro 6 (und wohl auch dem NordStage3-76) richtig?

    Neulich hab ich mal ein LE6 angespielt. Dessen Tastatur spielte sich etwas eigenartig – man hatte das Gefühl, die Tasten federn nach dem Anschlag „in die Finger zurück“. Man spürte Vibrationen in der Taste – auf Dauer könnte das unangenehm sein. Von meinem uralten NS1 „Classic“-76 kenn ich sowas nicht.

    • Profilbild
      Felix Thoma  RED

      Hallo cosmolab. Die Tastatur des Nord Piano 4 verfügt zusätzlich über einen Triple Sensor, das hat das Nord Stage 3 nicht.

    • Profilbild
      Sebastian Voltz

      Die Tastatur ist eine laut Clavia von ihnen selber modifizierte Fatar TP 40 gh, wie auch beim Nord Piano 3. Sie spielt sich seltsam und hat wenig Gewicht aber die Anbindung an die Sounds ist sehr gut. Das verleitete mich vor drei Jahren zum Kauf eines Nord Piano 3. Ich kann nur davon abraten.
      Mein Instrument wurde in den knapp 18 Monaten drei Mal repariert, jedesmal die Tastatur und jedesmal was anderes. Dafür dass das eins der teuersten Stagepianos auf dem Markt ist, ist die Qualität miserabel.

  4. Profilbild
    UliS

    2500,- Euro und kein Midi-Thru Anschluss?

    Das wären Bauteile für 2 Euro und für viele der
    Verzicht auf Multí-Interfaces und Kabelsalat.

    Pfui Nord, schämt Euch!
    Ein dicker Minuspunkt für die Praxistauglichkeit.

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