Test: Coles 4038, Nohype Audio LRM-V, Bändchenmikrofone

Coles 4038, Nohype Audio LRM-V – In der Praxis

Neben anderen Klassikern wie dem Neumann U87 oder dem Sure SM7b hat auch das Coles 4038 bei vielen Toningenieuren den Status des “Desert Island Mics“. Der Produzent Steve Albini hat einmal gesagt, wenn er sich für ein Mikrofon entscheiden müsse, wäre es das Coles 4038.

In der Praxis zeigt sich, dass beide Mikros vom Output her sehr ähnlich sind. Die Ausgangsleistung der beiden ist gut, da hatte ich schon leisere Kaliber im Studio. Das LRM-V liefert einen Tacken mehr (etwas über 1 dB), was sich in der Praxis nicht auswirkt.  Bei den Beispielen wurde die Lautstärke so gut es ging mit digitalem Gain angepasst. Der drehbare Kopf des Coles ist genial und eröffnet viele Möglichkeiten. Durch die Bauart des LRM-V kann die Positionierung manchmal etwas erschwert sein – eben dann, wenn bei gewissen Winkeln der Bügel den XLR-Ausgang blockiert.

Coles 4038 und Nohype Audio LRM-V

Den Anfang macht eine Piano Aufnahme in Blumlein Stereo:

Im Laufe des Tests werde ich verschiedene Preamps benutzen. Beim Piano kommt der portable Recorder Sound Devices MixPre6 zum Einsatz.

Weiter geht es zur Akustikgitarre. Ihre schimmernden Höhen sind gutes Futter, um die Präsenzen des Coles zu veranschaulichen. Dafür sind beim LRM-V die Pickgeräusche weniger prominent. Alle Aufnahmen mit Akustikgitarre wurden mit dem Warm Audio WA-12 Preamp gemacht.

Für sanftes Picking wäre ein Ribbon nicht unbedingt die erste Wahl, aber trotzdem auch hier ein Beispiel dazu. Um die nötige Lautstärke zu erreichen, habe ich in der DAW noch ein paar dB digitalen Gain hinzugefügt:

Nun wage ich ein Experiment, um zu sehen, wie das LRM-V auf Equalizer-Einstellungen reagiert. Hier noch einmal das Coles 4038 im Vergleich mit dem LRM-V, bei dem ich nun per EQ ein paar Höhen (über 5 kHz) hinzugefügt habe:

Bei crunchiger E-Gitarre springen uns die Mitten des LRM-V förmlich ins Gesicht. Durch die recht nahe Positionierung am Speaker ist generell der Bassanteil recht groß – ich wollte, aber die Position, die ich bereits bei anderen Tests hatte (Golden Age Premier GA-47, sE Electronics RNT, u.a.),  beibehalten um euch einen Vergleich zwischen den Tests zu ermöglichen.

Coles 4038 und Nohype Audio LRM-V

Als Preamp kommt hier das RME UFX zum Einsatz. Das Ganze geht auch etwas cleaner:

In meinem Test des Hall Plugins Spaces II von Eastwest wurden übrigens viele Audiobeispiele an der Gitarre mit dem LRM-V aufgenommen. Bei der Abnahme von Verstärkern überzeugt mich das LRM-V auf ganzer Linie.

Coles 4038, Nohype Audio LRM-V – Weitere Aufnahmen

Leider hatte ich während des Testzeitraums keine Gelegenheit, mit einem „echten“ Schlagzeuger und einem gut klingendem Set vernünftige Schlagzeugaufnahmen zu machen.
 Um euch trotzdem nicht mit leeren Händen dastehen zu lassen, habe ich mich selbst hinter die abgerockte Schießbude aus dem Proberaum gehängt und versucht etwas einzutrommeln.
 Der Sound ist schon in Natura nichts besonderes, von den Mikros kann man sich daher keine Wunder erwarten. Auch ein gutes Mikro wird ein schlecht klingendes Instrument immer schlecht klingend abbilden. Erschwerend kommt noch die Akustik des Proberaums hinzu. Trotzdem könnten die Beispiele für den einen oder anderen von euch nützlich sein.

Coles 4038 und Nohype Audio LRM-V

Ein Mikrofon habe ich als Mono-Overhead auf die Snare Drum zeigend positioniert, ein weiteres Mikrofon etwa 2 Meter vor dem Schlagzeug in ca. 1,20 Meter Höhe aufgestellt. Als Preamp kam wieder der Sound Devices MixPre-6 zum Einsatz.

Auch wenn das nächste Bild etwas anderes suggeriert, sollte man bei Sprachaufnahmen immer einen Popschutz verwenden, wenn man mit Bändchenmikros arbeitet. Beide Mikros haben zwar neben dem äußeren Metallkorb noch ein feines Metallnetz auf der Innenseite, aber sicher ist sicher. Als Preamp kommt hier der Zoom F8 zum Einsatz, bei den Sprachaufnahmen habe ich rund 10 dB digitalen Gain in der DAW hinzugefügt:

Coles 4038 und Nohype Audio LRM-V

Fazit

Beim Coles 4038 und dem Nohype Audio LRM-V haben wir es mit zwei richtig guten Mikros zu tun. Während des gesamten Testzeitraums war es eine Freude, mit den klassischen Coles 4038 und den neuen Nohype Audio LRM-V zu arbeiten.

Dabei ist das, was das Nohype Audio gemessen am Preis bietet, einfach unglaublich. Es klingt anders als das Coles, aber es ist kein schlechter klingendes Mikrofon. Während das Coles wunderbare Höhen liefert, trumpft das LRM-V mit fetten Mitten auf. Meines Erachtens ist das LRM-V der mit Abstand beste Deal für ein Bändchenmikrofon – zumal die Endfertigung jedes Mikrofons in einer kleinen Firma in Belgien vonstatten geht und das Thema „Quality Control“ groß geschrieben wird.

Der Klassiker Coles 4038 gibt sich im Test keinerlei Blöße und offenbart mit Frische und Plastizität, warum er zu Recht eine Legende ist. Die Verarbeitung des Coles 4038 ist absolute „Premier League“ und es ist einfach ein Muss für jedes Studio. Der Preis geht voll in Ordnung und auch der Werterhalt ist beim Coles gegeben. Was leider für Ärger sorgen kann, sind die Extrakosten für einen Adapter, um das Mikrofon auf einem Mikrofonstativ zu befestigen. Hier hat das Nohype einen cleveren Trittschallfilter im Gepäck, den es sogar kostenlos dazu gibt. Ich komme aus dem Staunen über das LRM-V nicht heraus und kann beide Mikrofone wärmstens empfehlen.

Plus

  • edler, offener plastischer Klang (Coles 4038)
  • Positionierungsmöglichkeiten, 180 Grad schwenkbarer Kopf (Coles 4038)
  • "Built like a Tank" (Coles 4038)
  • toller, sehr authentischer Vintage-Klang (Nohype Audio LRM-V)
  • genialer Trittschallfilter (Nohype Audio LRM-V)
  • unglaublicher Preis (Nohype Audio LRM-V)

Minus

  • Adapterstecker zum Befestigen am Mikrofonstativ kostet extra (Coles 4038)

Preis

  • Ladenpreise:
  • Coles 4038 : 1.129,- Euro
  • Nohype Audio LRM-V : 195.- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Toller Vergleich, sehr spannend! Das NoHype klingt zwar etwas wackelig was die Dynamik angeht, aber der Frequenzgang gefällt mir am Amp sogar besser als beim Coles. Das bei dem Preis, unglaublich! Da ist ein Stereopaar eigentlich schon Pflicht.
    Ich hätte mir mehr EQ Beispiele gewünscht, bei der EQ-barkeit trennt sich die Spreu vom Weizen. Aber als Orientiereung hilft der Bericht schon super weiter. Im Endeffekt muss man das dann eh selber ausprobieren.
    Das Nohype ist auf jeden Fall ein grossartiger Tipp!

    • Profilbild
      Raphael Tschernuth  RED

      Freut mich, wenn dir der Test gefällt. Ich war bisher sehr zufrieden mit der EQ-barkeit des LRM-V.
      Bei vielen Quellen gefällt mir der Klang ohne EQ schon sehr gut, bei Stimme je nach Gusto einfach etwas Höhen rein und Bässe raus.
      Viel Spass beim selbst ausprobieren ;)

  2. Profilbild
    Markus Galla  RED

    Super Testbericht! Das bestätigt mich einmal mehr in meiner Meinung, dass nicht immer ein großer Markenname auf den Mikrofonen stehen muss. Ich glaube jedenfalls, dass man neuen und günstigen Produkten eine Chance geben sollte, gerade dann, wenn man schon ein gutes Mikrofon besitzt und auf der Suche nach weiteren Klangfarben ist.

    • Profilbild
      Raphael Tschernuth  RED

      Hi Markus, vielen Dank! Ja, besonders in den letzten Jahren gibt es tatsächlich immer wieder ein paar kleinere Mikrofonschmieden die ganz Tolles leisten und die gleichzeitig preislich enorm attraktiv sind.
      Das LRM-V ist auf jeden Fall ein guter Einstieg in die „Bändchen-Welt.“

  3. Profilbild
    Ted Raven  AHU

    Was ich wirklich nicht brauche, ist ein Broadcasting-Mkrofon. Normalerweise mache ich einen großen Bogen um alles, was damit zu tun hat aber diesen Vergleichstest habe ich verschlungen. Lob dem Autor.

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