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Test: Danelectro 59M NOS Blue Metalflake E-Gitarre

15. August 2021

Kult in Blau

Die perfekte Mischung aus amerikanischem Erfindergeist, Innovation, Mut zu Individualität und einer gehörigen Portion Kult: Das ist Danelectro. Seit ein paar Jahren legt der Kulthersteller Instrumente aus der Firmengeschichte neu auf. Mit der Danelectro 59M NOS ist nun ein Modell der beliebten „Shorthorn-Gitarren“ an der Reihe. Was das Besondere an Danelectro Gitarren ist und was speziell dieses Modell zu bieten hat, versuche ich jetzt zu ergründen. Viel Spaß mit dieser kleinen Zeitreise.

 

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Danelectro – Die Geschichte von Nathan Daniel

Oder: Was Boote, Hautüren und Gitarren gemeinsam haben

Im Jahr 1947, nachdem ein Weltkrieg nicht nur unglaubliches menschliches Leid und massive wirtschaftliche Probleme über die ganze Welt gebracht hatte, entschloss sich der 1912 geborene Nathan Daniel, der vor und auch nach dem Krieg Verstärker für Epiphone baute, seinen eigenen Weg zu gehen und hob seine eigene Firma unter dem naheliegenden Namen Danelectro aus der Taufe. Nathan Daniel, selbst kein aktiver Musiker, sondern innovativer Entwickler, der als einer der ersten einen Verstärker mit Vibrato-Effekt entwickelte, um einen orgelähnlichen Klang zu erzeugen. Anfangs verkaufte Daniel seine Produkte über große amerikanische Versandhandelshäuser. Sowohl unter dem Namen „Silvertone“ als auch unter seinem eigenen Firmennamen kamen die immer zahlreicher werdenden Instrumente in den Handel und erfreuten sich großer Beliebtheit. Anfangs waren seine Kreationen übrigens keine billigen Instrumente, jedoch verzichtete Daniel auf rasante Preiserhöhungen, wie sie die immer bekannter werdenden Marken Fender und Gibson dem Markt diktierten. Der Ruf der „Billigheimer“ entspringt also paradoxerweise nicht der günstigen Produktion der Danelectro-Instrumente, sondern den vergleichsweise hohen Preisen der Konkurrenz. Herzlich willkommen im Kapitalismus. Was teuer ist, muss besser sein …

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Von Anfang an ging Nathan Daniel einen eigenen Weg bei der Produktion seiner Instrumente. So erfand er zum Beispiel den mit Hilfe eines „Stahlträgers“ stabilisierten Hals, der einen relativ schlanken, gut bespielbaren Hals möglich machte. Zwar war diese Lösung nicht justierbar, wie die verwendeten Stahlstäbe von Fender oder Gibson, aber wo sich nichts verzieht, muss auch nichts nachjustiert werden. Sehr pragmatisch und wirkungsvoll. Die ersten Gitarren baute Daniel tatsächlich erst 1954, die hier im Test vorgestellte „Shorthorn“-Korpusform erblickte 1958 zum ersten Mal das Licht der Welt. Die mittlerweile als „klassisch“ etablierten Lipstick-Tonabnehmer entsprangen der Philosophie, hohe Qualität bei niedrigen Fertigungskosten anbieten zu können. Zu diesem Zweck wurden die Spulen in günstige Lippenstift-Hülsen gesteckt, die aus optischen Gründen später noch verchromt wurden. Auf gleicher Philosophie basiert auch die Idee, den Korpus nicht aus Massivholz zu fertigen, sondern ein Material aus dem Bootsbau zu verwenden. Diese „Masonite“ genannten Faserplatten, die aus Holzfasern in einem recht aufwändigen, aber günstigen Herstellungsprozess gewonnen werden, sind stabil und haben holzähnliche Schwingungseigenschaften. Die Korpusse der Danelectro-Gitarren bestehen aus einem Holzrahmen, der mit eben diesen Masonite-Platten vorn und hinten den ansonsten hohlen Korpus verkleidet wird. Nach gleichem Prinzip werden auch heute noch Haustüren gefertigt, deren Verwendung sogar aufgrund ihrer energiesparenden Eigenschaften in den Jahren 2009 und 2010 in den USA mittels einer Steuergutschrift gefördert wurden. Damit wäre dann auch die Zwischenüberschrift gerechtfertigt …

Die Danelectro-Instrumente haben ihren eigenen, unverwechselbaren Charme und wurden bzw. werden von nicht wenigen prominenten Gitarristen verwendet. Pink Floyds Urmitglied Syd Barrett stand mit einer Danelectro-Gitarre im Studio und auf der Bühne und Jimmy Pages legendäres „Kashmir“-Riff wäre ohne Shorthorn-Modell und die legendäre Gesichtskirmes wohl undenkbar. Nachdem die Produktion der Danelectro-Gitarren in den 1960er-Jahren aufgrund der wachsenden Konkurrenz aus Fernost eingestellt wurde, übernahm Mitte der 1990er-Jahre ein findiger Investor Namens Steve Ridinger die Rechte am Namen Danelectro und veröffentlichte nach und nach alte Schätze mit leicht verbesserter Hardware.

Danelectro Players

Ein paar bekannte Gesichter, die sich öffentlich zu den kultigen Danelectro-Gitarren bekennen. (Quelle: Danelectro Homepage)

Danelectro 59M NOS – Facts & Features

Gerade mal 2,96 kg wiegt die Danelectro 59M NOS. NOS steht übrigens für „New Old Stock“, bedeutet in etwa „Neu aus altem Lagerbestand“ und bezieht sich auf die Lipstick-Pickups. Der Korpus der Gitarre besteht aus einem Gerüst aus Pappel, die Decke und der Boden bestehen, wie oben schon erklärt, aus Masonite. Dieses ist in wunderbarem, auffälligem „Blue Metalflake“ lackiert, einer geradezu dreidimensional wirkenden sauber ausgeführten Lackierung. Kontrastiert wird die Lackierung vom einschichtigen, geschwungenen Pickguard, das den 3-Wege-Schalter zur Pickups-Wahl und die beiden Doppel-Potis trägt. Letztere sind jeweils für einen der beiden Pickups zuständig, wobei sich der schwarze Ring um die Lautstärke kümmert, während der weiße Knopf den Anteil der Höhen im Sound regelt. Der neu designte Wraparound-Steg sitzt in einer Vertiefung der Decke und ermöglicht die Einstellung der einzelnen Saiten. Der Hals aus Ahorn ist deckend schwarz lackiert und trägt ein Griffbrett aus Pau Ferro. Die 21 Jumbobünde, die sich gleichmäßig über eine Mensur von 635 mm verteilen, sind sauber abgerichtet. Der Hals ist mittels 4 Schrauben mit dem Korpus verbunden, so etwas wie einen ergonomischen Neckjoint findet man nicht. Das Halsprofil ist flach und „sportlich“, die Halskrümmung kann mittels eines Double Action Trussrods kopfplattenseitig eingestellt werden. Die nur minimal nach hinten gekippte, schmale Kopfplatte trägt die 6 präzise arbeitenden Tuner, die inneren 4 Saiten laufen nahezu gerade vom Metallsattel zu den Wirbeln, die beiden E-Saiten dagegen weisen schon einen deutlich schrägeren Verlauf auf. Die Kopfplatte ist ebenfalls in Blue Metalflake lackiert und trägt den Danelectro-Schriftzug.

Die Danelectro 59M NOS in der Praxis

Trotz des geringen Gewichtes ist die Danelectro 59M kaum kopflastig, mit der Hand am Hals ist das Handling völlig unproblematisch, dies gilt sowohl für die sitzende Position als auch für das am Gurt hängende Instrument. Der vordere Gurtpin befindet sich nicht, wie sonst bei anderen Gitarren üblich, am oberen Korpushorn, sondern am sowieso schon recht klobigen Hals-Korpus-Übergang. Bis zum 17. Bund ist die Gitarre bequem bespielbar, darüber hinaus verdirbt genau dieser klobige Übergang zum Korpus die Freude ein wenig. Die Saitenlage ist modern flach eingestellt, das kommt flüssigem Spiel natürlich entgegen, wer die Gitarre gern, so wie viele der prominenten Benutzer, mit einem Bottleneck bearbeiten will, wird dagegen erstmal fluchen. Eine auf Wunsch höhere Saitenlage ist aber dank des praxisgerechten Steges schnell und unkompliziert zu realisieren.

So klingt die Danelectro 59M NOS E-Gitarre

Trocken angespielt offenbart sich direkt, wofür die Danelectro-Gitarren bekannt sind und geliebt werden: Ein unglaublich drahtiger, offener Klang perlt mir bei den ersten offenen Akkorden entgegen. Der Obertonreichtum der Konstruktion ist schon fast zum Fürchten und im Geiste drehe ich schon mal den Treble am Verstärker zurück. Mit den Fingern der rechten Hand gespielt knallt und schmatzt es, dass es eine wahre Freude ist. Die Bässe sind straff und ebenfalls sehr drahtig. Mit dem Plektrum ist das unverstärkte Instrument schon recht laut. Das schwingungsfreudige Material verleiht der Gitarre bereits jetzt ein gleichmäßiges, langes Sustain und anschlagsgesteuerte Quietscher, die sogenannten „Pinch Harmonics“, entstehen fast von selbst.

Für die ersten Klangbeispiele entscheide ich mich für einen cleanen Sound, die Wahl fällt auf das Profile eines Fender Blackface. Mit den Fingern gespielt hört man direkt die unglaubliche Drahtigkeit des Sounds, der Hals-Pickup überträgt ein breites Spektrum vom knackigen Bass und glitzernden Höhen mit genau dem richtigen Anteil der mittleren Frequenzen. Im ersten Beispiel ab 0:27 hört ihr dann die Kombination aus beiden Pickups. Erwartungsgemäß wird der Sound jetzt etwas kehliger und gewinnt an Höhen, ab 0:42 hört ihr den Steg-Pickup allein, der Sound verliert nun noch an Bass, ohne jedoch die Höhen zu stark hervortreten zu lassen. Mit Plektrum knallt es erwartungsgemäß etwas mehr, die Gitarre fühlt sich in allen drei Schalterstellungen wohl und die Sounds besitzen einen hohen Praxiswert. Ein leichtes Schaltknacksen macht sich bemerkbar. Das dritte Beispiel zeigt die Funktion der Tone-Regler. Der Wirkungsbereich der Potis beschränkt sich etwa auf den ersten Millimeter des Regelweges und kennt quasi nur die Stellung „ein“ und „aus“.

Ein angezerrtes Profile des Morgan AC20 zeigt dann die ganze Qualität der Pickups. Der Hals-Pickup klingt charakterstark und satt, der Bridge-Pickup knallt im Telecaster-Stil mit leichter Überbetonung der Höhen. Ein alternatives Tuning muss natürlich auch kurz ran. Die Mittelstellung des Schalters schreit nach einem Bottleneck. Ich bin kein Virtuose mit dem Röhrchen, aber das musste dann doch kurz sein.

Kaum jemand wird auf den Gedanken kommen, mit einer Danelectro-Gitarre Metal spielen zu wollen. Dass aber höhere Gainsettings in einem Classic-Rock-Song durchaus auch ihren Reiz haben, zeigt das letzte Beispiel. Nebengeräusche sind erstaunlicherweise kaum ein Thema. Fehlendes Durchsetzungsvermögen übrigens auch nicht. Die Gitarre quengelt und grunzt und verschluckt sich gelegentlich, das hat Stil.

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Fazit

Kultfaktor hin oder her, die Danelectro 59M NOS hat ihren eigenen Kopf und einen starken Charakter mit hohem Praxiswert. Diese Gitarre nur als Gag einzustufen, wäre genauso verkehrt, wie sie nur aufgrund ihrer Optik an die Wand hängen zu wollen. Clean und angezerrt hat mich dieses Instrument voll und ganz in seinen Bann gezogen, angesichts des Preises von 529,- Euro scheint mir diese Gitarre eine wirklich sinnvolle Ergänzung eines jeden Gitarristenhaushaltes zu sein. Eindrucksvoll ist auch die Tatsache, dass es offenbar keine teuren Hölzer braucht, um eine Gitarre mit sehr guten Klangeigenschaften zu bauen. Die Gitarre macht Spaß, die miserable Wirkung der Tone-Regler kann man da verschmerzen.

Plus

  • Sound
  • Optik
  • Pickups
  • Kultfaktor
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • Wirkungsweise der Tone-Regler

Preis

  • 529,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Diese Danelectro Dinger waren in den 90zigern die billigsten Hobel die es im Session in Walldorf gab, damals als der Laden noch dem Harry gehörte war das ein toller Schuppen.

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