Test: D’Angelico Deluxe Atlantic Black, E-Gitarre

19. Mai 2020

Variable Singlecut aus der Traditionsschmiede

Die Traditionsfirma D’Angelico existiert schon sehr lange und ist vor allem unter Jazzern außerordentlich beliebt. Die heutige Testkandidatin, die D’Angelico Deluxe Atlantic, ist jedoch kein Halbakustik- bzw. Archtop-Modell, sondern eine Singlecut, die von der Form ein wenig an Nik Hubers Krautster bzw. natürlich an die allseits bekannte Gibson Les Paul erinnert. Durch zwei Push-Pull-Tonregler können eine Vielzahl von Sounds erzeugt werden.

Anbei einige interessante Fakten zum Traditionshersteller, der möglicherweise nicht allen ein Begriff ist, da die Instrumente von D’Angelico in deutschen Landen bisher eher rar gesät sind. In Nordamerika sieht dies jedoch anders aus:

John D’Angelico wurde in Little Italy in Manhattans Lower East Side geboren. Mit nur 9 Jahren wurde er Lehrling bei seinem Großonkel Signor Ciani, einem erfahrenen Geigen- und Mandolinenbauer. Diese Ausbildung sollte die Grundlage für Konstruktionsprinzipien werden, die er später in seine weltberühmten Archtop-Gitarren integrierte. D’Angelicos erstes Ladengeschäft befand sich in der Kenmare Street 40 in New Yorks Little Italy. D’Angelico-Instrumente waren streng handgefertigt und demzufolge nur in sehr begrenzten Mengen erhältlich. In den späten 1930-er-Jahren, als die Produktion ihren Höhepunkt erreichte, stellte D’Angelico mithilfe von lediglich zwei Arbeitern ca. 35 Instrumente pro Jahr her. In den frühen 1960er Jahren verschlechterte sich die Gesundheit John D’Angelicos und im Winter 1964 starb er an Herzversagen. Er war erst 59 Jahre alt. Noch heute gilt D’Angelico als einer der ganz großen Archtop-Gitarrenbauer des 20. Jahrhunderts. Der erneute Wunsch nach einem typischen Archtop-Sound und eine Ausstellung im Jahre 2011 im New Yorker Metropolitan Museum of Art („Gitarrenhelden: Legendäre Handwerker von Italien bis New York“) weckten ein neues Interesse an D’Angelico-Gitarren. Die Marke D’Angelico wurde aufgekauft und ein neues Management, moderne Fertigungslager und Vertriebsinfrastruktur wurden aufgebaut. In den ersten Monaten der Neustrukturierung erstellte das D’Angelico-Team eine Reihe authentischer Neuauflagen alter Klassiker, die die bekannte D’Angelico-Qualität zu einem erschwinglichen Preis boten.

Viele „alte Jazzhasen“ (Frank Vignola etc.) sind mit Modellen von D’Angelico zu sehen. Unsere Testkandidatin, die D’Angelico Deluxe Atlantic, wurde in Korea hergestellt. Sie erhielt eine mattschwarze  Lackierung und wäre alternativ auch noch in Army Green oder Antique White zu erstehen. Die Gitarre wird inklusive eines qualitativ hochwertigen Rechteckkoffers (D’Angelico Deluxe Hardshell Case) ausgeliefert, was beim Verkaufspreis von knapp  1.200, – Euro sicher erfreulich ist.

D’Angelico Deluxe Atlantic – Korpus

Bemerkenswert ist, dass die Konstruktion dieser Gitarre einen durchgehenden Hals besitzt, an dem zwei Teile aus Linde angeleimt wurden. Diese Bauform, die schon seit vielen Jahrzehnten existiert, aber doch nur recht selten anzutreffen ist, begünstigt das Sustain des Instruments einem Maße, das durch einen geschraubten Hals mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht erreichbar wäre. Bei Linde scheiden sich die Geister, denn viele glauben, Linde sei ausschließlich ein Tonholz minderer Qualität. Dem ist jedoch nicht so, da es auch hier diverse Qualitätsstufen gibt, die sicherlich auch mit der Lagerzeit differieren. Pauschalisieren wäre also vorschnell.

Der Korpus wurde mit einem 7-fachen Binding umspannt und mit einem recht originell geformten 5-lagigen Schlagbrett ausgestattet (F-Hole Style Pickguard). Die Rückseite des Korpus ist an den Kanten deutlich abgerundet, hier wurde ein Fräskopf mit recht kleinem Radius verwendet, damit etwas mehr vom „Material“ abgetragen werden konnte.

D´Angelico Deluxe Vorder und Rückansicht

Die D’Angelico Deluxe Atlantic in Vorder- und Rückansicht

Hals

Der durchgehende Hals wurde, wie bereits angeführt, aus drei Komponenten gefertigt, wobei zwischen zwei Ahornteilen ein schmaler Streifen aus Walnuss geleimt wurde. Für das aufgeleimte Griffbrett kommt Pau Ferro zum Einsatz. In das Griffbrett wurden schöne Blockeinlagen aus Perlmutt eingesetzt (Abalone Split Block). Die Mensur beträgt 629 mm gemäß einer Gibson Les Paul, die Sattelbreite von 43 mm entspricht gleichermaßen einem „Standardmaß“ vieler E-Gitarren. Auffallend ist natürlich die relativ große firmentypische Kopfplatte, die seit jeher dafür sorgt, dass das Instrument sofort dem Hersteller zuzuordnen ist.

D´Angelico Deluxe Atlantic Griffbretteinlagen

Individuelle Griffbretteinlagen aus Perlmutt, perfekt verarbeitete fette Bünde

Die Rückseite des Halses erhielt ein mattes, satiniertes Finish, das für ein angenehmes Spielgefühl sorgt. Dabei ist zu erwähnen, dass der Hals ein klares Finish erhielt und nicht deckend schwarz lackiert wurde, was für meinen Geschmack die bessere Lösung ist. Die farbliche Trennung wurde entsprechend der Line des „ergonomisch geformten Halsfußes“, also „schräg“ vorgenommen, was optisch zunächst etwas ungewöhnlich, aber nachvollziehbar ist.

Die hohen Bünde (22 an der Zahl) wurden absolut perfekt eingesetzt, abgerichtet und poliert. Die Bünde bzw. Bundkanten fühlen sich absolut glatt an und stehen in puncto Perfektion einer amerikanischen PRS-Core, einer kostenintensiven Les Paul aus dem Custom Shop oder ähnlich luxuriösen Instrumenten sicherlich in nichts nach.

Der Hals ist recht dünn, was die Bespielbarkeit sicherlich positiv beeinflusst. Die Stärke von vielen „Flitzefinger-Ibanez-Hälsen“ wird nicht ganz erreicht, aber die Haptik ist recht ähnlich. Der Hals erhielt am Halsfuß ein „ergonomisches Shaping“, sodass die hohen Lagen mühelos erreicht werden können. Natürlich besitzt die Gitarre den firmentypischen Headstock. Auch die „Glocke“ auf der Kopfplatte wurde aus Metall hergestellt und vergoldet, was sicherlich auch zum individuellen Look der Gitarre beiträgt. Nicht ersichtlich ist mir die „Funktion“ des goldenen „Nippels“ ganz oben an der Kopfplatte, dessen Existenz scheint lediglich optische bzw. Design-spezifische Gründe zu haben.

D´Angelico Deluxe Body black

Cooles Design, klassisch mit zeitgemäßer Ausstattung

Elektrik und Hardware

Die Gitarre wurde mit zwei USA Seymour Duncan DA-59 Humbuckern ausgestattet, die einen klassischen Vintage-Sound erzeugen, wie man ihn von einem P.A.F. kennt. Die Kappen der Tonabnehmer wurden vergoldet. Auch die elektrische Ausstattung wirkt mit ihren zwei Volume- und Tone-Reglern auf den ersten Blick klassisch, durch zwei Push-Pull-Potis ergeben sich allerdings diverse weitere Möglichkeiten, der Gitarre auch etwas schmalere Sounds zu entlocken. Der 3-Wege- Toggle-Switch guter Qualität übernimmt erwartungsgemäß die Aufgabe, die Tonabnehmer anzuwählen. Das folgende Diagramm zeigt die zahlreichen Möglichkeiten, die sich vor allem aus der Mittelstellung des Toggle-Switch in Verbindung beider Push-Pull-Potentiometer gewinnen lassen.

D´Angelico Deluxe Pickups

Diagramm der möglichen Tonabnehmerkombinationen

Die Hardware der D’Angelico Deluxe Atlantic (EG2P Mono Switch Craft Buchse, vergoldete Tune-O-Matic Bridge, Stopbar Tailpiece und die Grover Super Rotomatic Locking Mechaniken) wurde komplett vergoldet.

D’Angelico Deluxe Atlantic – Handling

In Verbindung mit dem ergonomisch geformten Halsfuß und der sehr guten Saitenlage, mit der unsere Testkandidatin ausgeliefert wurde, ergibt sich eine Bespielbarkeit, die man bei einer Gitarre dieser Preisklasse nur selten antrifft. Meist wird sich nur wenig Mühe gegeben, die Sattelkerben „mutig“ auf die optimale Tiefe zu bringen, da man, wenn man sich diesbezüglich zu weit aus dem Fenster lehnt, einkalkulieren muss, den einmal „verhunzten Sattel“ herauszunehmen und einen neuen Rohling einzuleimen und erneut zu bearbeiten. Eine Maschine könnte diesen Job nicht erledigen, er muss von Hand mit viel Gefühl erfolgen, was Zeit und Erfahrung erfordert. Hier haben die Gitarrenbauer von D’Angelico ein großes Lob verdient.

Die Gitarre wiegt ca. 3,6 kg, was sicherlich auch der recht leichten Linde zuzuschreiben ist und kann damit noch als rückenfreundlich eingestuft werden. Der Hals ist wohlgeformt, fühlt sich durch die matte Lackierung handschmeichelnd an und ermöglicht eine hervorragende Bespielbarkeit. Die Mechaniken greifen sich aufgrund der speziell geformten Flügel sehr angenehm, sprechen zügig an und gestatten ein exaktes Stimmen. Die Locking-Funktion ermöglicht einerseits ein schnelleres Aufziehen der Saiten und trägt sicherlich auch zur guten Stimmstabilität der Gitarre bei.

Sound

Bereits trocken liefert die D’Angelico Deluxe Atlantic einen satten, ausgewogenen und sustainreichen Klang, der sicherlich durch das Konzept des durchgehenden Halses und die Auswahl gut abgelagerter Linde positiv begünstigt wird. Klinken wir die Gitarre dann ein, kann der positive Gesamteindruck nur weiter bestätigt werden. Die Tonabnehmerbestückung erweist sich als passend, da die beiden Seymour Duncan DA-59 Humbucker optimal mit dem Instrument harmonieren, was wir im Folgenden hören werden. Wir beginnen mit den klaren Sounds und dem Halstonabnehmer im Humbucker-Betrieb:

Die beiden USA Seymour Duncan DA-59 Humbucker erledigen ihren Job ausgezeichnet, der Klang ist absolut klassisch bzw. „vintagemäßig“, da die Tonabnehmer weitestgehend nach den bekannten „P.A.F. Specs“ gefertigt wurden.

Beide Humbucker parallel geschaltet liefern ebenfalls einen typisch klassischen Ton:

Hören wir den Steg-Pickup mit klarem Sound:

Für die verzerrten Sounds wurde der zweite Kanal meines Peavey Classics 20 aktiviert und der Gain-Regler sowie die drei Regler der Klangregelung auf 12 h positioniert, der Klang könnte mit „crunchy“ umschrieben werden. Der Stegtonabnehmer erzeugt einen kraftvollen und ausgewogenen Ton mit satten Mitten und klaren Höhen, der sich vorzüglich für Rock und Blues eignet:

Jetzt aktivieren wir die Push-Pull-Funktion der Tone-Regler, um dem Steg-Pickup-schmalere, „einspulige“ Klänge zu entlocken. Der Klang wird etwas bissiger und besitzt weniger Bässe:

Hier der Halstonabnehmer als Singlecoil, wobei die Spule nahe des 22 Bundes aktiv ist:

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment erstellt:

D’Angelico Deluxe Atlantic – Peavey Classic 20 MH – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic (etwas Hall bzw. Delay hinzugefügt).

Fazit

Die D’Angelico Deluxe Atlantic ist eine moderne, verlässliche und gleichfalls individuelle Singlecut, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Push-Pull-Potis klanglich viel zu bieten hat. Der Grundsound, die Verarbeitung und die Bespielbarkeit können als hervorragend eingestuft werden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist, obwohl die Gitarre in „Fernost “ gefertigt wurde, sicherlich gut, da man absolut nichts finden kann, was den sehr guten Eindruck dieses Instruments schmälern würde und die Gitarre inklusive eines guten Koffers ausgeliefert wird.

Plus

  • Sound
  • Design
  • klanglich flexibel
  • Mechaniken
  • Bespielbarkeit
  • Werks-Setting

Preis

  • 1.199,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    kinsast  

    „Die Traditionsfirma D’Angelico existiert schon sehr lange und ist vor allem unter Jazzern außerordentlich beliebt.“
    Na ja – das mag gelten fuer dir Traditionsfirma, hat aber und das kann man gar nicht oft genug sagen um der andauernden Misinformation entgegenzuhalten – was sich jetzt D’Angelico nennt hat so gar nichts mit der alten Firma zu tun. Diese Gitarren kommen aus den gleichen Fabriken wie Epiphones, Ibanez und unzählige andere aus China, Indonesia, Korea etc.
    Das spricht nicht gegen diese Instrumente – aber diese Fantasiegeschichten könnte man langsam fallen lassen.

    • Profilbild
      ctrotzkowski  

      Ich finde auch, dass Überschrift und Einleitung gleich zu Beginn einen falschen Eindruck erwecken.

      Wobei ja korrekter Weise der offerbar aus der englischen Wikipedia übersetzte Geschichtsteil ja dann auch erklärt, daß die Firma über 40 Jahre faktisch nicht existiert hat.
      Aber somit ist es eben keine Traditionsfirma, sondern eine Neugründung, die sich auf alte Traditionen der Marke beruft.

      Der Ansonsten schön geschriebene Testbericht macht es ja trotzdem glaubhaft, daß man eine gute Gitarre erwarten darf – daher braucht es meiner Meinung nach gar keine überschwänglich beschworenen Legenden, um Lust auf gute Instrumente zu machen – laßt die Fakten erklingen! ;-)

  2. Profilbild
    Emrage

    Ein sehr schönes Instrument! Leider führt sie kein Händler vor Ort, um sie mal anzuspielen. Macht auf jeden Fall neugierig :-)

    Kann es sein, dass das selbe Modell nur in einer anderen Farbe im März 2019 hier schonmal vorgestellt und getestet wurde? Der Unterschied ist nur die Lackierung richtig oder handelt es sich um ein Update?

  3. Profilbild
    Hein Bloed  

    Da geben sie sich solche Mühe, ein schlüssiges (für mich zu kitschiges) Design durchzuziehen und dann pappen sie Potis an die Klampfe, die man sonst an Modelling-Amps aus der 100-Euro-Liga findet.

    Dem bereits kritisierte Hinweis auf die vermeintliche Fimengeschichte im Artikel möchte ich noch hinzufügen, das ich diesbezüglich Firmen wie Blade oder Heritage sehr viel authentischer finde, die haben sich ihre Geschichte mit guten Gitarren selbst erarbeitet und nicht einfach einen verfügbaren Markennamen gekauft.

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