Test: Drawmer 1970, Dual FET Kompressor

31. Juli 2020

Britisches Pfund Deluxe

drawmer 1970 test

Drawmer 1970, Dual FET Kompressor

Der britische Traditions-ProAudio-Hersteller Drawmer erweitert seine 70er Serie um den Dual F.E.T. Kompressor und Vorverstärker Drawmer 1970. Vorgestellt wurde das 2 HE Teil auf der NAMM-Show 2020. Leider musste die normalerweise im Frühjahr stattfindende Musikmesse 2020 in Frankfurt bedingt durch Corona die Segel streichen, doch konnte ich letztes Jahr schon das eine oder andere Drawmer Produkt der 70er Serie am Drawmer Stand beäugen, jetzt ist er, der 1970, endlich zum Test im Studio.

Ein Paar Worte zur Drawmer Firmenhistorie könnt ihr gerne im Test zum Drawmer CMC3 querlesen. Drawmer Firmenhistorie

EQ, Preamp, Compressor – die Signalbearbeitung

Das massiv und wertig gefertigte 2 HE Gehäuse kommt in dem für Drawmer typischen Design, die gelben Unterlegzeiger weisen sofort auf die Position des jeweiligen Potis, 2 VU-Meter-Anzeigen tänzeln im Auge des Betrachters in den roten Bereich bis zur Sättigung.

Drawmer 1970, die restlichen Mitglieder der 70er Serie

Drawmer 1970, die restlichen Mitglieder der 70er Serie

Der Drawmer 1970 ist die Weiterführung des Drawmer 1960 Modells, der auch in einem meiner analogen Peripherie-Racks eingebunden ist. Ich nutze sowohl die Preamps für Sprach- und Gesangsaufnahmen, den Line-Eingang als DI-Box für cleane Gitarren und Bass-Signale als auch die Stereolink-Option für 2-kanalige Stereo-Masterings, denn der 1960 arbeitet mit Röhrentechnik, die möchte man eben manchmal haben.

Die Möglichkeiten des 1970

Der 1970 kann sowohl als Mono-DI-Box mit 2-Band-EQ, als ein- oder zweikanaliger Mikrofon-Preamp mit und ohne Kompression oder als Mono- und Stereo-Summenkompressor genutzt werden. Der Sidechain-Einsatz, bedeutet Kompressionsaktion per Trigger-Signal mit Ducking-Effekt, ist auch möglich und liefert für einige Styles tolle Ergebnisse. Alle weiteren Zuschaltfunktionen sind als Finetuning-Funktionen zu den oben genannten Haupt-Features zu sehen.

Drawmer 1970 Signal Flow

Drawmer 1970 Signal-Flow

Drawmer 1970 als reiner Mono- bzw. Stereo-Preamp

Die Briten werben mit einem ultra-cleanen Signal durch Nutzung der THAT Corporation Technologie bei den Preamps. Alle per Source-Select gewählten Signale sollen so puristisch wie nur möglich dargestellt werden. Mit 66 dB Aufholverstärkung und einer Impedanzanpassung für dynamische Mikrofone möchte Drawmer die Klangbildung auch für den späteren Zeitpunkt noch zur Option machen, zuerst soll das Mikrofon bzw. der Line- oder Instrument-Input möglichst clean optimal vorverstärkt werden.

Als Addition des Klinkeneingangs kann der Instrumentensound mit einem 2-Band-EQ verändert werden. Der Bass-Bereich bietet Cut und Boost bei ca. 50-100 Hz, der Höhenbereich Cut und Boost bei 5 kHz. Mittig auf Position 5 gestellt, ist der EQ neutral. Der Instrumenteneingang kann per Gain-Regler um 25 dB bzw. um 45 dB im Boost-Modus vorverstärken. Die EQ-Kurven interagieren je nach Einstellung miteinander, der passive EQ reagiert auf das jeweils andere Frequenzband. Zusätzlich kann ein drückbarer Bright-Schalter das Signal noch mit 12 dB bei 2-8 kHz bei steiler Flanke boosten, diesen Effekt kennt man vom Gitarrenamp. Der EQ ist für Line- und Mic-Signale nicht nutzbar.

Ein tolles Feature ist die Möglichkeit der Impedanzanpassung für dynamische Mikrofone. Dieser Mikrofontypus benötigt keinerlei Phantompower, also Vorsicht beim Drehen des Source-Reglers, wenn ein Bändchenmikro im Eingang steckt, das könnte Schaden nehmen. Widerstände von 200 Ohm, 600 Ohm und 2,4 kOhm holen den optimalen Charakter aus jedem Mikrofon. Der jeweilige Sound ist natürlich Geschmacksache.

Kondensatormikrofone mit +48 V Phantomspeisung werden mit dem Source-Einrastregler auf der Position Mic +48V angewählt.

Zwei nützliche Features sind Phasenumkehr oder Phasendrehung sowie ein Highpass- bzw. Lowcut-Schalter, der den unteren Frequenzbereich bei 70 Hz um 12 dB absägt. Dies ist bei tieffrequenten Umgebungsgeräuschen, wie Trittschall-, Maschinen-, oder Motorengeräuschen, im Aufnahmeumfeld sinnvoll.

Dynamikbearbeitung mit allen Zusatz-Features

Nun soll mit dem Drawmer 1970 Sound gemacht werden. Schauen wir uns nach der Reihe alle Möglichkeiten an.

Ist das anliegende Signal erst mal gut ausgesteuert, bekommt es dynamisch betrachtet gleich wieder eins aufs Dach, denn zur Verdichtung soll der Kompressor seine Dienste verrichten. An dieser Stelle gehe ich nicht weiter auf die generellen klassischen bis extremen Einstellmöglichkeiten eines Kompressors ein, doch hat der Drawmer 1970 neben den vier Reglern zur Kompressor-Kernkompetenz (Threshold, Ratio, Attack, Release) noch weitere zuschaltbare Funktionen zur Seite gestellt bekommen und diese lohnen einen genaueren Einblick.

Mit dem 1970er Model kann keine Mutibandkompression realisiert werden. Drawmer stellt dem 1970 jedoch 2 Erweiterungen der Kompressorfunktion bereit, die den oberen und unteren Frequenzbereich gesondert beeinflussen. Der Big-Switch verringert im Sidechain-Betrieb die Sensitivität im Bassbereich und lässt somit untenrum mehr Wums zu. In der Summenkompression liefert der Big-Switch zwar auch volle Dynamikkontrolle, regelt gefühlt aber eine leichtere Ratio. Somit ist der Tiefbassbereich wuchtiger im Big-Switch-Betrieb.

Im oberen Frequenzbereich macht der Air-Knopf eine ähnlich Figur, denn er liefert bei sonst zu heftig eingestellter Kompression ein natürlicheres Klangbild, Becken klingen weniger blechern, Vocals zischeln weniger. Beide Knöpfe sind so eine Art Handbremse und passen ins Bild des sehr musikalische klingenden Drawmer.

Ein weiteres Feature ist der PGM-Knopf. Dieser bewirkt eine automatische Anpassung der Release-Zeit an die Dynamik des Originalsignals. Das ist wiederum sehr interessant bei Musik oder Einzelsignalen mit viel Dynamik-Range.

Tipps und Tricks – Praxisalltag im Studio

Als wichtigsten Tipp möchte ich die Verkabelung des 1970 erwähnen, denn der Preamp kann ja nicht nur zu Beginn der Signalkette, sondern auch als abschließendes Masteringtool genutzt werden. Daher gilt es sich zu überlegen, wie alle Anschlüsse in das bestehende Studiosetup eingebunden werden können. Mein 1960 übernimmt oft die komplette Mikrofonie, seien es Aufnahmen mit Dynamik- oder Kondensatormikrofonen. Danach gehen die Ausgänge auf den Wandler und in die DAW. Dasselbe Spiel für Aufnahmen mit cleaner E-Gitarre oder Piezo-Aufnahmen von klassischen Gitarren. Hier kann wie beim 1970 noch ein 2-Band-EQ den Sound optimieren. Als Master-Insert oder direkt nach der Summierung wird der 1970 dann eingeschleift, hier muss das Signal per Stereo-Aux-In zugeführt werden. Mit einer entsprechende Patchbay oder genügend freien Wandlerplätzen kann das problemlos realisiert werden.

Vorsicht bei Zugabe von Phantomspeisung, denn Strom ist für einige dynamische Mikros pures Gift.

Bei einer Verwendung von dynamischer Mikrofonierung kann man dem Mikrofon verschiedene Impedanzen zuordnen. Hier sind die größten Klangunterschiede zu bemerken, ohne dass auch nur ein Quäntchen Kompression benutzt wird. Der Geschmack entscheidet. Eine Möglichkeit ist auch die Parallelaufnahme desselben Instruments. Channel 1 nimmt beispielsweise den Bass per DI ab und gleichzeitig wird mit Channel 2 die Box vom Amp aufgenommen, später mischt man diese dann.

Die F.E.T.-Technik des Kompressors ermöglicht ultraschnelle Attack-Zeiten und ein klangliches Verhalten ähnlich einer Röhrenkompression. So kann in extremem Einstellungen z.B. ein Schlagzeug-Sound total gecrasht werden, da die kurzen, schnellen, lauten Impulse sofort unter den Hammer kommen. Gleichzeitig weist der F.E.T.-Typus eine hohe gefühlte Musikalität auf. Kurz erklärt macht der Kompressor das Signal unaufdringlich fett.

Wer das Thema Parallelkompression mag, wird mit dem Wet/Dry-Prinzip des 1970 happy sein. Am Ende des Signalflusses kann der Anteil des Kompressors zum Originalsignal stufenlos von 0-100 % zugemischt werden, Lautstärkeunterschiede werden per Gain-Regler ausgeglichen. Die Parallelkompression macht den Kompressor etwas weicher und weniger hörbar, denn das Originalsignal läuft ja immer prozentual mit.

Im Stereolink-Betrieb ist Channel 1 Master, Channel 2 Slave, pfiffigerweise hat der Drawmer 1970 an zwei verschiedenen Positionen je eine Stereolink-Funktion gesetzt. Sowohl der Kompressor als auch der Output kann verlinkt werden. Je nach Anwendung hat das unterschiedliche Auswirkungen aufs Handling und vereinfacht Aussteuerungsprozesse.

Sollte ein in Deutschland gekaufter Drawmer 1970 im Ausland betrieben werden, muss unbedingt die Sicherung an die dortige Stromversorgung angepasst werden. T 500 mA bei 110 V und T250 mA für 230 V. Grundsätzlich ist das Gerät global mit 110-230 V nutzbar.

Drawmer 1970, Front und Back Bedien- und Steckfelder

Drawmer 1970, Front- und Back-Bedien- und Steckfelder

Klangbeispiele – die besten Einstellungen

Alle Sounds sind isoliert von anderen Musikern bei mir im Studio während der Lockdown-Zeit entstanden, somit müsst ihr mit meiner Stimme vorliebnehmen. Der Song war bereits im Test des SPL Mixdream im Einsatz. Ich habe gängige Einstellungen genutzt, aber auch die eine oder andere heftigere Einstellung mit A/B-Vergleich.

Der Drawmer 1970 klingt sehr warm und musikalisch, kann aber auch schnell zupacken und gnadenlos deckeln. Puristen können die Kiste auf Bypass schalten und nur das DI- oder Mikrosignal vorverstärkt und symmetriert an die DAW ausgeben. Ganz schön vielseitig der 1970er. Drawmer gibt ihm nicht ohne Grund den Beinamen Toolbox, das kann ich voll und ganz unterschreiben.

Fazit

Der Drawmer 1970 ist die Weiterentwicklung des 1960er Modells. Zwei getrennt oder stereo nutzbare Kanäle feinster klarer Vorverstärkung plus dynamisch färbende Kompression machen die 2 HE Unit zu einer Allzweckwaffe im Studio. Instrument-, Mic- und Line-Signale können mit allen Vorzügen der F.E.T.-Technik komprimiert werden. Wer der Drawmer Sound einmal im Studio hatte, möchte ihn nicht mehr missen. Pfiffige Schaltungsdetails machen den britischen 2 HE Kasten an jeder Position der Produktionskette sehr interessant.

Plus

  • Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Klangmöglichkeiten
  • zeitloses klassisches Design
  • wertige Verarbeitung und Hapik

Preis

  • 1.268,- Euro
Klangbeispiele
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