Test: Dreadbox Polyend Medusa, Hybrid-Synthesizer & Grid Controller

7. November 2018

Hybrides Joint Venture

Hybride Synthesizer, die digitale Oszillatoren mit analogen Filtern kombinieren, sind mittlerweile wieder weit verbreitet. Wesentlich seltener anzutreffen sind hingegen hybride Oszillatorschaltungen. Eine solche bot in den vergangenen Jahren nur der Evolver von Dave Smith Instruments. Damit hat es nun ein Ende. Doch die Verbindung von analogen und digitalen Oszillatoren ist nicht der einzige Aspekt, der den Medusa zu einem Hybrid-Synthesizer macht. Denn beim Medusa handelt es sich auch um ein transeuropäisches Projekt, das die digitale Expertise des polnischen Herstellers Polyend und die analoge Expertise des griechischen Herstellers Dreadbox zusammenführt. Polyend machte zuletzt mit dem Sequencer SEQ in der Branche von sich reden, während Dreadbox für eine ganze Reihe von analogen Instrumenten steht, die allesamt nach der griechischen Mythologie benannt wurden. Zu den beliebtesten Exemplaren zählen unter anderem ein Modularsystem, der 4-stimmige Analogsynthesizer Abyss, der Erebus, der nun in seiner dritten Inkarnation veröffentlicht wird, der Hades, Nyx sowie Murmux bzw. Murmux V2. Durch die Zusammenarbeit ist nun mit dem Medusa ein Synthesizer herausgekommen, der die Analogschaltung von Dreadbox erstmals unter digitale Kontrolle bringt, um digitale Schwingungsformen erweitert und mit einem multifunktionalen Pad-Raster verbindet.

Dreadbox Polyend Medusa

Dreadbox Polyend Medusa

Der Dreadbox Polyend Medusa im Überblick

Der knapp einen halben Meter breite und etwa zweieinhalb Kilo schwere Medusa macht nach dem Auspacken einen äußerst robusten Eindruck. Auch ein näherer Blick auf das Bedienfeld des aluminiumverpackten Geräts lässt den Betrachter nicht zu Stein erstarren. Alles ist gut sortiert und klar gegliedert: Rechts befindet sich die Dreadbox-Hälfte, die den Klangerzeuger beherbergt, links die Polyend-Hälfte mit einem Raster aus 8×8 Silikon-Pads. Beide Bereiche werden durch einen mittleren Abschnitt zusammengehalten, der mit einem OLED-Display zwecks Menüführung ausgestattet ist. Hier können nicht nur die Aufnahme und Wiedergabe von Sequenzen gesteuert sowie Sounds verwaltet, sondern auch Synthesizer- und MIDI-spezifische Konfigurationen festgelegt werden.

Die angenehm bespielbaren Silikon-Pads und Druckknöpfe sind für den langjährigen Gebrauch geeignet und die Fader in der Synthesizer-Hälfte haben einen guten Widerstand, der auch Feinjustierungen ermöglicht, ohne dass hier etwas zu schnell verrutscht. Nur die Potentiometer wirken zuweilen etwas leichtgängig und deren Kappen ein wenig wackelig. Die mit einer Kunststoffachse ausgestatteten Potentiometer sind nicht mit dem Gehäuse verschraubt, sondern einzig auf der Platine befestigt. Etwas angenehmer ist hingegen der Drehwiderstand des nichtgerasterten und mit einem Druckknopf ausgestatteten Endlos-Encoders, der sich im mittleren Bereich befindet. Zur Designwahl „Potentiometer vs. Encoder“ jedoch später mehr.

Rückseitig bietet der Dreadbox Polyend Medusa einen Ein-/Ausschalter sowie einen Anschluss für das mitgelieferte Netzteil. Daneben folgen drei Audiobuchsen im Klinkenformat: Ein Mono-Hauptausgang, ein Kopfhörerausgang (beide Ausgangssignale können separat geregelt werden) und ein Monoeingang zur Verarbeitung eines externen Signals, das vor der Filterschaltung in den Signalweg eingespeist wird. Schließlich ist hier noch ein MIDI-Trio (In/Out/Thru) untergebracht sowie ein USB-Anschluss, der ebenfalls für MIDI-Zwecke und darüber hinaus für Software-Updates genutzt werden kann. Mit Software-Updates hat auch das unscheinbare und mit RESET überschriebene schmale Loch zu tun, das sich neben den MIDI-Buchsen befindet. Dahinter verbirgt sich ein Schalter, durch den sich das Aufspielen eines Firmware-Updates und ein anschließender Neustart initialisieren lässt. Alles, was man dafür benötigt, ist eine umgebogene Büroklammer. Von der wurde während des Testdurchlaufs auch ganze fünfmal Gebrauch gemacht, da es Firmware-seitig noch die ein oder andere Baustelle gab, was vor allem die MIDI-Funktionalität, die Stimmstabilität und das Verhalten der Filterresonanz anbelangte. So war anfangs unter anderem keine Synchronisation zu einem externen Clock-Signal möglich, MIDI-CC-Parameterdaten konnten weder gesendet noch empfangen werden, die Stimmung lief alle 20 Minuten aus dem Ruder und die Filterresonanz verhielt sich extrem unmusikalisch, da sie ab etwa drei Uhr von Flüstern auf Kreischen sprang.

Dreadbox Polyend Medusa

Die Anschlüsse des Medusa

Das Testgerät wurde zuletzt vom Release-Kandidaten für die Firmware-Version 1.1 gesteuert, die in mancherlei Hinsicht einen Quantensprung im Vergleich zu den Firmware-Versionen darstellt, mit denen der Medusa zunächst ausgeliefert wurde. Die fortwährend aktualisierte Firmware machte nicht nur deutlich, dass es auf diesem Gebiet noch einiges zu tun gab, sondern Polyend sich auch zeitnah um die Wartung kümmert. Für frühe Käufer bleibt es allerdings ein Ärgernis, unfreiwillig Teil eines Betatest-Programms zu werden. Auch ich schob das Gerät innerhalb der ersten zwei Wochen oft frustriert zur Seite und fragte mich, ob hier jemals auch nur ein einziger Betatest vor Auslieferung stattgefunden habe oder gar Dritte konsultiert wurden– ein erster Eindruck, der sich vermeiden ließe, würde man Produkte weniger vorschnell auf den Markt hetzen. Zumal man als Hersteller nicht vergessen sollte, dass die eigene Ungeduld sehr schnell durch die Ungeduld der Käufer abgestraft werden kann.

Dreadbox Polyend Medusa

Der Medusa-Prototyp zeigt, wie weit man das Instrument weiterentwickelt hat

Die Dreadbox-Hälfte: Der Synthesizer

Für den Hersteller Dreadbox stellt der Medusa womöglich einen Testlauf für kommende Instrumente dar. So gaben die beiden Gründer Yiannis Diakoumakos und Dimitra Manthou kürzlich in einem Interview mit dem YouTube-Kanal ProckGnosis zu Protokoll, dass man zukünftig beabsichtige, eher in eine hybride Richtung zu steuern. Grund genug, sich die Synthesizer-Hälfte des Medusa genauer anzuschauen. Beginnen wir mit den Klangerzeugern. Hier finden sich drei identische analoge Oszillatoren, ein Rauschgenerator und drei identische digitale Oszillatoren. Damit die alle miteinander harmonieren, startet der Medusa eine Autotuning-Prozedur, nachdem man ihn eingeschaltet hat. Grundsätzlich wird empfohlen, dem Medusa eine Aufwärmzeit von etwa 20 Minuten einzuräumen, bevor es losgehen kann.

Die analogen Oszillatoren bieten vier klassische analoge Schwingungsformen, durch die man sich mit der WAVE-Taste hindurchklicken kann: Sägezahn aufwärts, Rechteck, Dreieck und Sinus. Ferner lassen sich die einzelnen Oszillatoren um eine Oktave auf- und abwärts grobstimmen und um 100 Cents auf- und abwärts feinstimmen, was auch in dem für den Synthesizer zuständigen OLED-Display angezeigt wird. Schließlich gibt es noch einen Oktavwahlschalter, mit dem man die Tonhöhe um eine Oktave hinauf- oder hinabtransponieren kann. Sämtliche Oszillatoren decken ein Frequenzspektrum von sechseinhalb Oktaven ab, was nicht sonderlich umfangreich ist, aber für die gängigsten Anwendungen vollkommen ausreicht.

Wählt man für die analogen Oszillatoren eine Rechteckschwingung aus, kann man auch die Pulsbreite modulieren. So lässt sich über einen entsprechenden Regler diese zwischen 50 und 95 Prozent manuell einstellen – ein Umfang, den man mittels LFO-Steuerung jederzeit überschreiten kann. Dies ist allerdings nur für alle analogen Oszillatoren gleichzeitig möglich, nicht pro Oszillator. Im Gegenzug verfügt der Medusa gleich zweimal über eine Hard-Sync-Option. So lassen sich der zweite analoge Oszillator zum ersten und der dritte analoge Oszillator zum zweiten synchronisieren. Die Hard-Sync-Option führt schnell zu aggressiven Klangcharakteristiken und vor allem in höheren Lagen wird deutlich, dass sich die modulierte Frequenz eines synchronisierten Oszillators stufenweise und nicht übergangslos ändert.

Neben Pulsbreitenmodulation und Hard Sync gehört Frequenzmodulation zu den Spezialitäten der analogen Oszillatoren. Für diesen Zweck ist der dritte analoge Oszillator als Modulationsquelle zuständig. Mögliche Modulationsziele sind die Frequenzen der ersten beiden Oszillatoren (nicht getrennt, sondern nur gemeinsam) sowie die Filterfrequenz, so dass sich auch allerhand metallische Klänge erzeugen lassen.

Darüber hinaus werden die Oszillatoren noch durch einen Rauschgenerator ergänzt. Mit einem entsprechenden Regler lässt sich das Rauschen von einem tiefpassgefilterten bis zu einem hochpassgefilterten Signal durchfahren, was auch modulierbar ist. Der tiefpassgefilterte Rauschtyp wird hier braunes Rauschen genannt, der hochpassgefilterte Rauschtyp violettes Rauschen und der mittige und durch ein Notch-Filter gefärbte Rauschtyp graues Rauschen.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Emmbot  

    Ich konnte den auf der Superbooth mal testen. Der sieht klasse aus und ist auch Wertig verarbeitet. Soundmäßig kam ich leider in den 15 Minuten an dem Gerät nicht so hin. Liegt aber daran, dass ich mit dem Pad nicht so klar kam. Da braucht man schon mehr Zeit und Übung.

    • Profilbild
      Mike Hiegemann  RED

      Ja, seit Firmware-Version 1.1.0 sind grundlegende MIDI-Funktionen voll integriert. Zudem wurde die MIDI-Clock-Stabilität verbessert und MIDI-CC-Nachrichten können nun ausgetauscht werden.

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    Numitron  

    Tolles Gerät, finde ich super wenn sich 2 europäische Firmen zusammentun. Aber plastikpotiachse? Hatte das mal bei billigen Logitechboxen. Ist natürlich irgendwann gebrochen.

  3. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Der Medusa ist ein ziemlich bemerkenswertes Instrument mit einigen einmaligen Features, scheint jedoch noch nicht ganz fertig in der Entwicklung zu sein. Immerhin werden einige Upgrades geboten; Velocity und invertierte EGs sollten auf jeden Fall noch nachgereicht werden. Beim sonicstate-Test konnte mich auch der Sound überzeugen. Ich bin schon neugierig, was Dreadbox und Polyend sonst noch so in der Entwicklung haben und ob sich die Hybrid-Ausrichtung auch auf die Eurorack-Module der Griechen auswirken wird…

  4. Profilbild
    lightman  AHU

    Ausführlicher Test und tolle Soundbeispiele, danke dafür.

    Die Medusa spricht mich klanglich sehr an, wenn mal die Ecken und Kanten der Firmware abgeschliffen sind, wird das ein richtig geiles Teil.

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