Test: Dwarfcraft Devices – Grazer, Gitarrenpedal

14. April 2020

Granulare Vielfalt für Synthie und Gitarre!

Test: Dwarfcraft Devices Grazer Gitarrenpedal

Dwarfcraft Devices sind eine Firma, welche die seltsamen, verschlungenen Outskirts der Pedal-Düne bevölkern. Pristine Klangbilder. Eleganz. Vollendung. Schöne Attribute, die gerne bei Source Audio, Strymon oder Meris Verwendung finden – bei Dwarfcraft Devices eher weniger. Der Lo-Fi-Charakter ist nur ein Aspekt der Produktsparte dieser amerikanischen Freak-Schmiede. Die Firma erschafft oft unberechenbare, völlig einzigartige Stompboxen, die über die Fuck your ears-Philosophie von JPTR FX oder Destroy Everything-Richtlinien von Death By Audio hinausgehen und bereits einige Jahre auf dem Buckel haben. Dwarfcraft Devices beherrschen die Zwischentöne ganz hervorragend. Mehr als das: Ihre Stompboxen sind oft seltsam innovativ – unerwartete Ungeheuer mit einer Vielzahl von twists and turns. Ich persönlich besitze seit Jahren den Wizard of Pitch und halte es immer noch für eins der coolsten Pitchshifter-Pedale, die jemals gebaut worden sind. Die Pedalfirma aus Wisconsin ist in erster Linie das Baby von Benjamin Hinz, dessen de facto oft etwas seltsamen YouTube-Videos einen verwirrter zurücklassen, als man es vorher war. Aber irgendwas macht der gebürtige Amerikaner richtig: Die Produktsparte konnte zuletzt wieder ordentlich wachsen und mit der Happiness-Filter-Box und unserem vorliegenden Stutter- und Grain-Pedal Grazer sind der Firma ein paar äußerst interessante Produkte gelungen.

Dwarfcraft Devices Grazer, Looper-Pedal, Facts & Features

Was das Grazer genau ist, ist – typisch eben für Dwarfcraft – auf Anhieb nicht ganz leicht zu beschreiben. Im Herzen ist die Twisted Orange Box ein Granular-Delay mit ausgewiesenem Buffer, in dem ihr Phrasen hineinladen und auf Granular-Ebene verfremden könnt. Das ganze Hexenwerk bei granularer Synthese ist in der Gitarrenwelt vor allem darauf beschränkt, Micro-Loops – manchmal nur Millisekunden-lange Phrasen – gepitcht, aufgebröselt und verfremdet durchlaufen zu lassen. Raus kommt dabei ein oft hektisches, unberechenbares Klangbild, das bei neueren Shoegaze-Jungs wie von Tera Melos Einsatz findet oder bei Avantgardisten wie Omar Rodriguez-Lopez.

Test: Dwarfcraft Devices Grazer Gitarrenpedal

Das etwas klobige Gehäuse des Grazers ist auf dem ersten Blick gewöhnungsbedürftig, hat aber durchaus seinen Charme, vor allem durch die gute Cover-Arbeit. Zwei Fußschalter befinden sich auf dem Pedal.

  • Bypass versetzt das Pedal in den aktiven Modus
  • Grab greift aus dem konstanten Sample-Strom, den der Grazer produziert, ein Stück heraus – einen random slice – und spielt dieses im Loop, solange man den Grab-Schalter gedrückt hält.

Dass ein Slice im Sample-Modus erfasst wird, kann auch ohne den Grab-Schalter vonstatten gehen. Der Grazer besitzt hierfür den AGR-Kippschalter – Automated Grab, wobei der Slice von alleine in regelmäßigen Abständen aus dem Sample-Strom neu herausgenommen wird, gesteuert durch einen internen LFO. Die zwei beeinflussbaren Größen sind hierbei vor allem durch den Size-Regler und den Pitch gegeben. Während Size sich auf die Länge des abzugreifenden Samples bezieht, lässt sich mit dem Pitch-Regler die Tonhöhe einstellen.

Doch der Reihe nach – welche weiteren Kippschalter besitzt der Grazer? Ganz wichtig: Das Pedal entfaltet seine volle Wirkung mithilfe eines Expression-Pedals. Die Samples während des Spielskollabieren oder eskalieren zu lassen, macht einen großen Charme des Pedals aus und hierfür ist auch der XPD-Schalter gedacht. Ist er auf der rechten Position, reguliert das Expression-Pedal Size, also die  Länge des Samples. Ist der Kippschalter auf der linken Position, lassen sich mithilfe des Expression-Pedals Tonhöhe bzw. Pitch anpassen. Der letzte Kippschalter – der F/R-Schalter – ist für die Richtung des Playbacks des Samples zuständig. Fakt ist: Die Samples, die der Grazer abgreift, sind allesamt auch bei maximaler Einstellung des Size-Reglers nicht besonders groß. So können „Kleinigkeiten“ wie eben die Richtung der Grains durchaus verloren gehen im Klanggebilde – zumindest bei Gitarre. Wie wir später im Praxis-Teil nachvollziehen werden, ist der Einsatz des Grazers vor allem mit Drum-Machines eine lohnenswerte Angelegenheit. Aber alles der Reihe nach. Die weiteren Regler des Dwarfcraft Devices Grazer lauten wie folgt:

Test: Dwarfcraft Devices Grazer Gitarrenpedal

  • Mix: erlaubt das Einstellen von Dry- und Wet-Signal – eine tatsächlich sehr wichtige Größe beim Grazer, da die Fluktuationen in der Lautstärke des Samples mit dem eigenen Spiel zusammenhängen und man oft nachjustieren muss, um den Wahnsinn nicht zu sehr ausufern zu lassen.
  • Grab: im automatisierten Grab-Modus, will heißen, wenn die Samples automatisiert abgegriffen werden, lässt sich über diesen Regler die Schnelligkeit des LFOs, mit dem die Samples abgegriffen werden, einstellen.
  • Pitch: Der – zumindest bei Nutzung der Gitarre – spannendste Regler. Der Pitch-Knob des Grazer ist nicht gewöhnlich – das erste Drittel des Umfangs umfasst vier Oktaven. Alles darüber hinaus nimmt sehr fremdartige Ausmaße an. Insgesamt läuft der Regler entlang Quinten und Oktaven.
  • Volume: erlaubt die allgemeine Einstellung des Lautstärke. Nicht unerwähnt sollte hierbei bleiben – in höheren Lautstärkeregionen verstärkt sich der Lo-Fi-Charakter des Klangbildes.

Insgesamt also ein seltsamer Kumpane, den Dwarfcraft Devices da geschmiedet haben, einer, der das eigene Spiel im Grain-Pool durchtränkt und mit einem granularen Stutter-Schatten belegt, der in gezähmten Momenten wie ein einfaches Echo anmutet und in anderen wie ein kaputter Computer. Der Grazer ist nicht vollständig zähmbar, ganz klar: Er bereitet Wellen, auf die man geschickt reiten möchte, die man mitnehmen will – und nicht die totale Kontrolle über ein spezifisches Klangbild. Wie sich das in der Praxis konkret verhält, schauen wir uns jetzt an.

Dwarfcraft Devices Grazer – in der Praxis

Test: Dwarfcraft Devices Grazer Gitarrenpedal

Kein MIDI, kein CV, keine Speicherplätze – wer darauf hoffte, beim Grazer eine kleine interne Bibliothek an abgedrehten Sounds anlegen zu können, dürfte enttäuscht sein. Aber das ist nicht allzu schlimm – die zentrale Interaktion dieses Pedals verläuft über die Regler Pitch und Size und solange man sich mit dieser einigermaßen vertraut macht, bekommt man ein Gespür dafür, wozu der Grazer fähig ist. Gleich vorweg – die genannte Interaktion zwischen den beiden Größen ist äußerst eigenwillig und alles andere als logisch auf den ersten Blick. Fährt man Size jenseits der Zwei-Uhr-Marke, setzt ein White Noise/Bitcrush-Effekt ein, der richtig bösartig ausschert, wenn man Pitch zu sehr Richtung Anschlag setzt. Speziell mit einem Expression-Pedal jedoch ist das Grazer ein fast schon unverschämtes Vergnügen. Es ist Granular-Synthese aus einem Cyberpunk-Labor – maximal abgedreht und schwer einzuschätzen bisweilen, doch es kann helfen, blind Vertrauen zu fassen und die Sounds gewähren zu lassen. Ob Bitcrusher-Wolken, Stutter-Effekte à la Infinite Jets, Reversed-Delays, Lo-Fi-Noise – für die Gitarre lässt sich alles aus dem Grazer ausholen – bis auf gewöhnliche Sounds. Auch die Interaktion mit High-Gain macht neugierig – das Pedal ist für Industrial-Sounds ebenso hervorragend geeignet, wie das Klangbeispiel 8 zeigt. Der interne LFO gibt dem Grazer ein Mindestmaß an Berechenbarkeit, zumindest was die Akzentuierung der granularen Elemente angeht. Auch angenehm: Das für Dwarfcraft Devices so typische Grundrauschen fällt bei dieser Art Pedalkonzept ebenfalls nicht sonderlich ins Gewicht. Halten Bass und Schlagzeug also konzentriert 7/8 und ist der Raum für Improvisation da, ist ein weiteres denkbares Anwendungsgebiet des Grazer avantgardistische Solo-Eskapaden à la Frusciante oder Lopez.

Ein weiteres Highlight ist zweifelsohne die Arbeit mit Drum-Machines. Ich habe meinen Moog Drummer from another mother genommen und durch den Grazer gejagt. Ein Frevel für viele, wenn MIDI und CV beide nicht vorhanden sind, echte Berechenbarkeit und Planbarkeit ist dadurch nicht gewährleistet. Aber der Grazer gibt hervorragende Gelegenheit, um Elemente aus laufenden Sequenzen in den Buffer zu packen und mithilfe des Mix-Knobs immer wieder in den Vordergrund zu mischen. Dabei ist es eher sinnvoll, den LFO-Grab-Modus zu aktivieren und mit Pitch und Size den Rest zu erledigen – and the weird experiment may commence. Es rauscht, fiept und übersteuert. Die VCOs des DFAM produzieren Millionen kleiner granularer Schatten, die bei maximaler Size als zusätzlicher Noisegenerator fungieren können.

Fazit

Charmanter Lo-Fi-Nonsense – oder doch ein bisschen mehr? Definitiv ein bisschen mehr. Der Grazer ist einzigartiges Pedal, ein Granular-Modul wie sonst keins vor ihm. Der Einsatz für Gitarre ist da fast schon ein bisschen beschränkt. Obwohl es ungemein Spaß macht, den Grazer mit einem Expression-Pedal zu nutzen, glänzt das gute Stück vor allem beim Einsatz mit Drum-Machines. Eine definitive Wild-Card fürs Pedalboard und ein guter Kumpane für den experimentierfreudigen Musiker – zu einem vernünftigen Preis.

Plus

  • Size und Pitch-Interaktion
  • Expression-Pedal Nutzung
  • harmoniert mit Drum-Machines

Minus

  • sehr eigenwillig im Klangbild

Preis

  • 259,- Euro
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