Test: EASTWEST Quantum Leap SILK

12. Mai 2009

Orientalisches von der Seidenstraße

Warum in den Osten schweifen?

Nicht erst seit sich das Vierte und RTL2 um die Verbreitung asiatischen Kulturguts bemüht – durch die spätmitternächtliche Ausstrahlung von alten Kung-Fu Schinken, die meine höchste Aufmerksamkeit genießen – trifft auch das Interesse an der asiatischen Musikästhetik auf eine größer werdende Resonanz beim westlichen Publikum und ist spätestens seit Ang Lees preisgekröntem Drama „Tiger & Dragon“ auch einem breiten Publikum bekannt. Während dessen erreichen uns ebenfalls aus dem Indischen Subkontinent immer mehr farbenfrohe, tanzversessene Bollywood-Produktionen, die sich hierzulande schon eine sichere Fangemeinde erobert haben. Und wer kennt nicht den einschlägigen Hit von MC Panjabi „Mundian to Bach Ke“, der 2002 die Tanzflächen gehörig aufmischte. Sich der Faszination und der Exotik fernöstlicher Kulturästhetiken zu entziehen, ist nicht leicht, und das Bedürfnis westlicher Musiker, sich mit dieser Exotik auseinanderzusetzen und sie zu reproduzieren, ist auch an der Sampling Industrie nicht spurlos vorübergegangen. Aber gerade bei solchen Unterfangen ist es nicht nur die technische Perfektion, die zum Erfolg führt, sondern auch die Liebe zum Detail, die, sollte man EASTWEST glauben, mit ihrem neusten Produkt Quantum Leap: SILK die ultimative Antwort gefunden hat.
Hinter der Firma Quantum Leap steht Nick Phoenix, der sich für SILK, folgt man seinem NAMM-Interview, noch mehr als üblich ins Zeug gelegt hat, um eine Erweiterung seiner ausgezeichneten Quantum Leap: RA Samplebibliothek zu kreieren. SILK umfasst bekannte und weniger bekannte Blas- und Streichinstrumente aus China, Indien und Persien, die allesamt von Weltklassemusikern aufgenommen wurden, darunter Jiebing Chen, Ravi Shankar und Ali Akbar Khan und etliche andere, die sich Phoenix aus dem Internet zusammengegoogled hat – kein Witz. Das Produkt dieser Zusammenarbeit ist nicht nur hochwertig, sondern auch hochpreisig. Ob es sein Geld wirklich wert ist, werden wir bald sehen.

Am seidenen Faden entlang

An Instrumenten aus Persien sind enthalten: Electric Cello, Kemenche, Nay, Duduk, Tar, Qanun und einen 30er Satz Unisono-Streicher. Die Instrumente aus China umfassen das Erhu, Zhonghu, Jinhu, Pipa, Guzheng, Yangqin, Sheng, Suona low, Suona high, Dizi low, Dizi hi, Xiao, Bawu. Schließlich sind mit Dilruba, Sarod, Tanpura und Bansuri die Instrumente aus Indien vertreten. Auf vier DVDs ist die insgesamt 25GB große Bibliothek verteilt, die auf die heimische Festplatte geschaufelt werden will. Diese Festplatte sollte an einem Rechner angeschlossen sein, in dem ein schneller G5 oder Intel-Prozessor arbeitet und über mindestens 2GB RAM verfügt. Die Empfehlung geht aber eher in Richtung 2,5GHz Core2Duo oder P4 mit 4GB Ram. Wenn das Setting aber nicht zu groß ist, tut es auch ein MacBook mit 1,83GHz und 2 GB Ram, auf dem SILK getestet wurde.
Zur Autorisation von SILK wird noch ein iLok und ein Benutzerkonto bei soundsonline.com benötigt, wie für alle Qunatum Leap Produkte. Sowohl Installation und Autorisation verliefen reibungslos, aber man sollte nicht erwarten, dass sich 25GB innerhalb von 2 Minuten kopieren lassen, ein guter Zeitpunkt, um sich mal mit dem Handbuch von SILK und dem der hauseignen Sampleengine PLAY auseinanderzusetzen.

Der Browser von Silk

PLAY (it again Sam)

PLAY ist wie gesagt die Sample Engine von Quantum Leap,  die durch umfangreiche interne Skripte, komplexe Instrumenteneigenschaften und -spielarten in ein möglichst einfaches Benutzerinterface zu integrieren versucht. „Versuchen“ deshalb, weil es halt mal Natur der Sache ist, dass bei steigender Komplexität der Arrangements und der MIDI-Programmierung auch die Komplexität in der Anwendung steigt – und wenn man mit mehreren Instrumentenspielvariationen arbeitet sowieso. Hilfsmittel wie Keyswitching und Modwheel-Variationen sind da noch die kleinste Hürde. Aber PLAY macht seine Sache erstaunlich gut und profitiert vor allem durch die geschickte und natürlich praxisgerechte Anordnung der Samples und Spielarten, so wie man es von einem professionellen Produkt erwarten kann. Aber auch an Effekte wie Delay, Hall, Equalizer, Hüllkurve und sogar ADT (Artificial Double Tracking) und Stereo Dopplung wurde gedacht, die je nach Bedarf zugeschaltet werden können.

Das ist besonders angenehm beim Hall, der es sonst sehr schwierig machen würde, die Instrumente in eigene Arrangements zu integrieren. Es finden sich aber auch zuschaltbare MIDI-Effekte wie legato und portamento, sowie samplebezogene Scripte für schnelle Wiederholung und Round Robin Reset, die verhindern, dass das selbe Sample mehrmals gespielt wird und somit nicht zu dem bekannten Maschinengewehr-Effekt führt, sondern wesentlich natürlicher klingt. In den Voreinstellungen sind besonders die Optimierungsmöglichkeiten für das DFD (Direct from Disk-Streaming) hervorzuheben, so dass auch kritischere Situationen sauber klingen. Doch das wahre Sahnestückchen versteckt sich rechts oben auf der PLAY-Bedienoberfläche ab Version 1.2 von SILK: das Microtuning. Wie schön erwähnt hört sich fernöstliche Musik für nah-westliche Ohren meist fremdartig an, und manch einem mag auch schon mal das Prädikat Katzenmusik in den Sinn gekommen sein. Das liegt darin begründet, dass westliche Tonskalen anderen Tonabstände, sprich Frequenzverhältnisse haben als östliche, deren Harmonien mit der  weit verbreiteten populären chromatischen Tonskala meist gar nicht zu reproduzieren sind. Hier setzt das Microtuning an und mapped ca. 40 Tonskalen, von Afrika über Java bis Persien, mit den jeweils korrekten Tonabständen auf die Zwölftonoktave eines handelsüblichen MIDI-Keybards. Sollten einige Töne nicht vorhanden sein, so werden diese zusätzlich auf die nächstliegenden Tasten gemappt, um die Oktave zu füllen. Es ist schon interessant zu sehen, dass sich zumindest bei der Oktave die Völker der Erde einig sind, in deren Anwendung als „2:1 Frequenzverhältnis“, egal wie viele Töne in einer Oktave definiert werden. Wobei die Obergrenze für das menschliche Gehör bei ca. 53 unterscheidbaren Tönen pro Oktave liegt, das sind ca. 4% Tonhöhendifferenz, aber zurück zum Thema.
Das Microtuning nimmt einem also eine ganze Menge Arbeit beim Feilen an authentisch klingenden Kompositionen ab, es ersetzt aber nicht die ästhetische Auseinandersetzung, sofern man authentisch spielen möchte, oder gar Aneignung spielerischer Fertigkeiten. Aber es weist einem einen nützlichen Weg. Wie gesagt ist niemand nun gezwungen, ein Sarod auch immer authentisch oder genauer gesagt traditionell spielen zu müssen. Dazu ist die Sampletechnologie ja da, und diese Möglichkeiten neue spannende Wege zu beschreiten sollten unbedingt wahrgenommen werden.

Unter dem seiden Sari

Damit der geneigte Musiker also seiner Vorliebe für die klanglichen Aspekte der Seidenstraße zum Ausdruck bringen kann, sind die SILK-Instrumente in mehrere Sets unterteilt. Da wären zum einen die „Elements“, das sind die einzelnen dedizierten Spielweisen der Instrumente ohne spezielle Skripte und Effekte. Pro Instrument können das ziemlich viele Elements sein, je nachdem wie viele Spielweisen das Instrument zulässt. Da die Elements quasi die tiefste Sampleebene darstellen, kann man hier mit dem entsprechenden Arbeitsaufwand beim Arrangement und bei der MIDI-Programmierung die exakteste Anpassung der Klänge vornehmen.
Die nächsten Teilsets sind Keyswitch, DXF (dynamic cross-fades) Legato und LIVE. Bei diesen Sets werden die Samples der einzelnen Spielweisen durch eine zweite Keyzone auf der Tastatur umgeschaltet, alteriert, umgeblendet oder per Modwheel und Anschlägsstärke variiert. Das Handbuch gibt genauere Informationen über das Mapping des jeweiligen Sets an. Hier lassen sich mit relativ geringem Aufwand dynamische und lebendig klingende Melodien und Harmonien spielen, etwas Übung natürlich immer vorausgesetzt. Zuletzt gibt es noch die Performances, die ca. 5GB der Bibliothek ausmachen. Das sind komplett eingespielte Samplephrasen, die über die Tastatur abgerufen werden können. Hier bedarf es nur wenig Beschäftigung mit der Materie, allerdings ist man auch auf bestimmte Tempi und Harmonien festgelegt, und es bedarf schon des Einsatzes größerer Kaliber wie Cubases VariAudio oder Celomonys Melodyne, um hier mehr herauszuholen. Allerdings betont auch Nick Phoenix immer wieder, dass die Performances besonders als Lernhilfe geeignet sind, um sich an die traditionelle Spielweise der Instrumente heranzutasten. Aber wie gesagt: Niemand muss traditionell spielen, und es macht hier auch wirklich großen Spaß zu „faken“. Als zusätzliche Spielhilfe ist die aktuelle Tastenbelegung immer im virtuellen Keyboard der PlugIn-Oberfläche blau unterlegt angezeigt.

YouTube Demo

Schönes Silk-Tutorial

Fazit

Also sprach Zarathustra

Wobei wir wieder bei der Authentizität angelangt sind. Für Nick war die Frage nach den Gefühlen der beteiligten Artisten wirklich von Bedeutung, und die Frage, ob es sich bei SILK um Kulturraub oder Kulturaustausch handelt, wurde nicht leicht genommen und die ethnische Identität mit Respekt behandelt. Wollen wir also Nick glauben schenken, waren viele der beteiligten Künstler geschockt. Geschockt über die brillante Qualität der Aufnahmen, die von ihnen gemacht wurden und wie es geschafft wurde, die Eigenheiten der einzelnen Spieler mit einzufangen und sie damit ein klein wenig zu verewigen, so Nick. Wenn Sie also demnächst das Erhu von SILK spielen, spielen Sie nicht nur ein Streichinstrument, sondern auch etwas Jiebing Chen mit, und das würde ich schon als Kulturaustausch betrachten. Wenn diese Weltklassemusiker also schon von diesem Produkt begeistert sind, was soll ich dann als westlicher Barbar noch meckern. Die müssen ja schließlich wissen was authentisch ist.
Technisch gesehen hatte ich wenige Probleme, und PLAY 1.2.0 lief ziemlich absturzsicher unter Leopard 10.5.6. Die Ladezeiten von der internen 5400RPM Festplatte bleiben allesamt unter 30 Sekunden, das Streaming bei einem Patch mit 2-4 Element-Sets bei durchschnittlich bei 3-6% Systemlast verlief ohne Schluckauf. Beim Arbeiten in einer Host-DAW, hier Pro Tools, sah die Sache schon etwas anders aus, und die RTAS-Engine war schnell ausgelastet, was allerdings mit dem hochsetzen der Puffer der Audiokarte wieder in den Griff zu bekommen war. Sollte das Streaming nicht ordentlich klappen, äußert sich das meistens darin, dass die Lautstärkehüllkurve nicht greift und das Sample komplett gespielt wird. Notenhänger gab es jedoch keine. Wie zuvor erwähnt ist eine dedizierte Streamingfestplatte beim intensiven Arbeiten mit großen Sample Libraries generell Pflicht. Was mir noch auffiel war, dass einige Samples bei zu niedriger Anschlagsstärke abgeschnitten wurden. Woran das genau liegt, vermag ich nicht zu sagen, vielleicht an der etwas alternden M-Audio Keystation, vielleicht bei meinem zaghaften Tastenspiel oder den Sampleskripten oder der Leistungsfähigkeit meines MacBooks insgesamt. Ansonsten machte die Bibliothek irre viel Spaß und die Liebe zu Detail war an allen Enden zu spüren. Kurz, für die z.Zt. 479 Euro bekommt man eine fernöstliche Samplelibrary, die klanglich ihresgleichen sucht und professionellen Ansprüchen absolut gerecht wird. Wer hätte auch anderes erwartet von Quantum Leap. Der dennoch heftige Preis macht die Bibliothek für Hobbymusiker eher uninteressant, es sei denn, man vergleicht die  Anschaffung dieser Bibliothek mit der einer Konzertgitarre oder eine Klaviers, will sagen: Die Intensität der Nutzung bestimmt letzten Endes die Kaufrechtfertigung. Und SILK lässt sich sehr intensiv und expressiv spielen und vielseitig einsetzen und wird auch auf längere Sicht ihren Käufer nicht enttäuschen. Selten inspirierte eine Bibliothek so sehr wie SILK.

Plus

  • Klang
  • Authentische Spielbarkeit
  • Vielfalt der Instrumentenspielweisen
  • Einfachheit des PLAY Interfaces
  • Vielfalt der Instrumente

Minus

  • ab und an Abspielprobleme bei niedriger Anschlagstärke
  • relativ hoher Preis

Preis

  • 479 Euro
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