Test: Elektron Analog Drive, Verzerrer-Pedal

6. Dezember 2016

8 Distortions unter einem Dach

Die schwedische Firma Elektron ist auf dem Gebiet der sechs Saiten noch recht frisch im Geschäft. Gegründet im Jahre 1998 von ein paar Studenten der Chalmers Universität in Göteborg, liegt das Hauptgeschäft des Unternehmens im Bereich Synthesizer und Drumcomputer. Erst seit Kurzem ergänzen zwei Geräte das Sortiment, die beide auch für uns Gitarristen interessant sein dürften. Mein Kollege Thilo Goldschmitz hat sich in seinem Test bereits eines der neuen Geräte vorgenommen, um es unter dem Gesichtspunkt eines Tastenmenschen zu betrachten. In seinem Artikel erhält das Elektron Analog Heat abschließend eine sehr gute Bewertung, wir werden zu gegebener Zeit unsere Bewertung natürlich nachliefern.

Richtet sich das Analog Heat noch an beide Lager gleichermaßen, so schielt das Elektron Analog Drive eindeutig in Richtung der Saitenwelt und soll mit seinen acht (!) analogen Schaltungen eine Vollbedienung in Sachen Boost, Overdrive, Fuzz und Distortion bieten. Wie der Einstieg von Elektron in die Welt der Fußtreter gelungen ist, werden wir in diesem Test beleuchten.

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— Elektron Analog Drive —

Facts & Features

Sicherlich sind rund 400,- Euro kein Pappenstiel für ein Pedal. Aber wenn man das Elektron Analog Drive zum ersten Mal in die Hand nimmt und sich das bombensichere Gussgehäuse und die hochwertigen Potis und Schalter betrachtet, bekommt man schon jetzt bereits das gewisse Gefühl, sein hart Erspartes gut angelegt zu haben. Alles wurde fest mit dem Gehäuse verschraubt und voller Freude stellen wir fest, dass sich die Anschlüsse allesamt an der Stirnseite des Pedals befinden. Somit gibt es kein unnötiges Gerangel links und rechts des Gehäuses auf dem Pedalboard, auch wenn das Analog Drive mit seinen Maßen von 171 x 177 x 62 mm und dem Gewicht von deutlich über einem Kilo schon ein wenig auf dicke Hose macht.

Bevor wir uns jedoch mit dem Bedienpanel, den Potis, den Schaltern und deren Funktionen befassen, gilt unser Blick zunächst der Stirnseite des Analog Drive Pedals.

Stirnseite – die Anschlüsse des Elektron Analog Drive

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— Anschlusspanel des Elektron Analog Drive —

Starten tun wir ganz links außen mit der Eingangsbuchse für das Instrument. Danach geht es mit der Ausgngsbuchse auch gleich wieder raus, ehe der Blick auf zwei Expressionpedal-Anschlüsse fällt. Beim Einklinken eines Expressionpedals in die Buchse mit der Bezeichnung „Exp Gain“ lässt sich der Verzerrungsgrad der acht Zerrmodule mit dem Fuß steuern, die Anschlussbuchse „Exp Mid“ ermöglicht hingegen die Steuerung des durchstimmbaren Mittenfilters des Elektron Analog Drives.

Die MIDI-Schnittstelle bietet einen Zugriff auf sämtliche Parameter des Gerätes, somit können die 100 internen Speicherplätze durchgeschaltet, die komplette Klangregelung gesteuert und auch der Grad der Verzerrung aus der Ferne geregelt werden. Selbst Programm-Change-Befehle vermag die beige Kiste über den MIDI-Out-Port zu senden.

Den Abschluss macht die Buchse für das 12-Volt-Netzteil, das sich im Lieferumfang befindet. Durch das Einstecken des Netzadapters erwacht das Analog Drive zum Leben, keine elegante Art für ein Gerät der 400-Euro-Klasse, wie ich meine. Selbst Pedale zu einem Viertel des Preises wurden schon mit einem Netzschalter gesichtet. Immerhin sind Netzstecker und das eigentliche Netzteil voneinander getrennt, somit verstopft kein weiteres Plastikteil die ohnehin immer chronisch überfüllte Steckdosenleiste.

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— Das mitgelieferte Netzteil PSU-3 —

Oberfläche – Bedienpanel

Zunächst einmal gilt es positiv zu erwähnen, dass die drei Metallschalter nicht nur angewinkelt in das Gehäuse eingeschraubt wurden, sondern zugleich auch noch so weit entfernt von den Potis sitzen, dass ein Fehltritt (und somit eine Beschädigung der Regler) nahezu ausgeschlossen werden kann. Mit dem mittleren der drei Softklickschalter (BYPASS/SELECT) lässt sich das Pedal aktivieren bzw. das Preset laden, welches zuvor mit dem linken oder rechten Schalter ausgewählt wurde. Und das Angebot ist nicht ohne, immerhin 99 Presets bzw. Sounds können dauerhaft im Speicher des Analog Drive abgelegt werden. Ein einfaches, aber für diese Belange vollkommen ausreichendes Zweisegmentdisplay informiert über den aktuell ausgewählten Speicherplatz, zudem dient es auch zum Einrichten der MIDI Funktionalität bzw. der Zuweisung der Parameter, die das Pedal senden und/oder empfangen soll.

Ein Regler für acht analoge Schaltkreise

Herzstück des Elektron Analog Drive ist der zentral angeordnete CIRCUIT SELECTOR Regler, mit dem sich die acht verschiedenen und 100 % analogen Schaltkreise anwählen lassen. Um deren Charakteristik zu beschreiben, lassen wir doch am besten den Hersteller zu Wort kommen:

  1. CLEAN BOOST – ein Booster, der das Signal um bis zu 20 dB anhebt
  2. MID DRIVE – Simulation eines Ibanez Tubescreamers
  3. DIRTY DRIVE – ein schmutziger Overdrivesound mit Tendenz zum Fuzz
  4. BIG DIST – hier soll ein voll aufgeregelter Marshall Stack simuliert werden
  5. FOCUSED DIST – Distortionsound mit einem Fokus auf die oberen Mitten
  6. HARMONIC FUZZ – ein Fuzz, zusätzlich mit einem Octaversound angereichert
  7. HIGH GAIN – ein Verzerrer im Stil der kalifornischen Edelamps wie Boogie & Co.
  8. THICK GAIN – noch mehr Gain …
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— Circuit Selector mit den acht Zerrschaltungen —

Der CIRCUIT SELECTOR ist ein Endlosdrehregler, entsprechend schnell geschieht das Schalten zwischen den einzelnen Stufen, die dann durch eine orange LED angezeigt werden. Nach der Auswahl des gewünschten Zerrmoduls läuft das Signal weiter durch eine Dreibandparametrik mit Bässen, Höhen und Mitten und den schon weiter oben angesprochenen Mid Freq Regler, der eine genaue Bearbeitung des für einen Gitarrensound enorm wichtigen Mittenspektrums ermöglicht, Stichwort „Durchsetzungskraft“.

Obligatorisch sind die beiden Potis für Gain (Grad der Verzerrung) und Level (Lautstärke der einzelnen Presets). Das Poti mit der Bezeichnung Preset rechts vom Display sorgt für die Auswahl der gespeicherten Eigenkreationen, bei einem Tritt auf den mittleren der drei Metallschalter wird der Klang dann geladen. Alternativ kann man die Presets natürlich auch mit den beiden Metallschaltern links und rechts am Gehäuse auswählen und dann den finalen Klick in der Mitte setzen.

Zwei rote LEDs unterhalb des Displays dienen zur Bestimmung der momentanen Position eines jeden einzelnen Reglers. Möchte man also informiert darüber werden, in welcher Stellung sich das Poti im ausgewählten Preset gerade befindet, dann genügt ein Drehen bis zum Aufleuchten beider LEDs zur „aktuellen Bestandsaufnahme“.

Sound & Praxis mit dem Elektron Analog Drive

Der technische Aufwand mit den acht analogen Schaltungen hat sich wahrlich gelohnt, denn das Analog Drive bietet eine Vollbedienung in Sachen Verzerrung, die ihresgleichen sucht. Unter den Presets gibt es keine Ausrutscher, so reicht die Spannweite vom Linksanschlag des Potis und gemäßigteren Zerr- bzw. Crunchsounds bis hin zur High-Gain-Orgie beim Letzten der Module ganz rechts außen. Die Signalqualität ist oberste Liga, auch wenn bei höheren Verzerrungen das Rauschen dann doch spürbar zunimmt. Dann ist man aber bereits in derart hohe Regionen vorgestoßen, in denen ein sauber artikulierter Ton ohnehin kaum noch machbar ist.

-- Elektron Analog Drive Signalweg --

— Elektron Analog Drive Signalweg —

Das klingt eigentlich nach Metal, ist es aber nicht wirklich. Die Charakteristik geht bei allen acht Modulen eher in die Richtung der übersteuerten und fast zum explodierenden Klassiker wie etwa einem Marshall Plexi, Fender Princeton oder den legendären „Schlachtschiffen“ von Orange, Laney und Hiwatt. Messerscharfe Scooped Metal Sounds im Stile eines Rectifier oder Engl sind nur schwierig bzw. gar nicht zu produzieren, aber der Markt ist ohnehin übersättigt von solchen Pedalen. Auch der Equalizer reagiert eher wie bei einem guten, alten Vintage Röhrenamp, als wie bei einer der neuen High-Gain-Metalmaschinen.

Das Elektron Analog Drive on YouTube

Fazit

Der Aufwand hat sich gelohnt! Verpackt in ein sehr robustes Gussgehäuse erwarten den Besitzer des Elektron Analog Drive acht komplett unabhängige Zerrpedale, die vom leichten Crunch, über Fuzz bis zum brachialen High-Gain eine enorme Bandbreite bieten. Die Erweiterbarkeit mit Expressionpedalen sowie die Möglichkeit, eigene Kreationen auf bis zu 100 Speicherplätzen abzulegen, machen das Elektron Analog Drive zu einer Universallösung im Dickicht der erhältlichen Verzerrerpedale. Der Preis geht für das Gebotene mehr als in Ordnung!

Plus

  • Sound
  • Flexibilität
  • Dynamik
  • 100 Speicherplätze
  • kinderleichte Bedienung
  • Qualität der Hardware

Minus

  • Rauschen bei hoher Verzerrung
  • kein Netzschalter

Preis

  • Ladenpreis: 399,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    1994 habe ich mir ein Digitech GSP2101 für ein haufen Geld gekauft, es konnte wirklich verschiedene Distortions deutlich hörbar erzeugen, auch Kombinationen aus 2 Distrtions, es ist nun 20 Jahre her, die Entwickling sollte weiter sein, ich weiss nicht bei dieser Neuentwicklung war es sehr gut daß der Amp und die Gitarre immer gleich eingestellt war und auch das ähnliche gespielt wurde, aber bei den Klangbeispielen klingt der Distrtion irgenwie doch immer gleich??? Das Gerät kann doch „nur“ verzerren und ja etwas eq. Ich wundere mich immer wieder dass Rauschen bei hoher Verzerrung bemängelt wird, eigentlich ist das ein normales Phänomen eher ein Problem schlechter Pickups, ansonsten hauptsächlich nur bei Pausen wirklich problematisch. Aber heutzutage braucht man kein teueres HushIICX mehr weil es durch nichts zu ersetzen wäre. Inzwischen finde ich aber dass in unserer Perfekten glattgebügelten VST und Nebengeräuschlosen technisch 384khz digitalen Welt das Rauschen eine wichtige Eigenschaft verloren hat.

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    r.biernat  RED

    Ich muss auch sagen, dass abgesehen von der Fuzz-Distortion alles mehr oder weniger gleich klingt. Ansonsten scheint das Solieren zumindest hörbar Spaß gemacht zu haben.

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    roseblood11  

    Doch, 100 Speicherplätze kann man sehr gut brauchen, da die Kiste ja Midi Prg Chg senden kann. MultiFX für Modulation, Delay, Hall etc in den Effektweg und den Zerrer als Schaltzentrale nutzen. Dafür ist er dann wirklich konkurrenzlos kompakt, für die Möglichkeiten.

    Aber ansonsten finde ich ihn enttäuschend. Das sind sicher keine 8 diskreten Schaltungen, maximal drei, eher zwei. Vergleicht das DIng mal mit dem Boss ME-5 von 1989. Selbes Prinzip – analoge Schaltungen digital angesteuert. Dort aber wirklich mit drei komplett unterschiedlichen Schaltungen (die man per Lötkolben modden kann!), ebenfalls flexiblem EQ, dazu Compressor, ein sehr gutes Noise Gate und Chorus/Flanger wie im CE-2 und BF-2. Alles analog, genauso komplex wie die EInzelpedale. Die Parameter waren gröber, aber bei den Verzerrern hat mich das nie gestört, zumal man per Pegelanpassung von Compressor oder EQ alles perfektionieren kann. Und klanglich ist das Boss durchaus vergleichbar. Für den Preis dieser Kiste hier kriegt man etwa 5 bis 8 ME-5… Ich nutze das auch als Midi-Zentrale (steuert ein G-Major 2 an), was noch besser geht, als mit dem Elektron. Macht den Test alt gegen neu wirklich mal, dazu noch ein Nova-Drive und Nova-System für die „mittlere Generation“!

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    AMAZONA Archiv

    Boss me5 von 1989, ich glaube nicht dass amazona daran interessiert ist dafür ein gutes Wort ein zu legen auch wenn du recht hast, das Ding ist klasse, aber bei Thomann.de leider inzwischen ausverkauft. Und das neue Modell ist komplett digital und klingt auch so. Wer heute analog neu will muss das xfache bezahlen, denn analog liegt total im künstlich erzeugten Trend. Und der stets pleite gegangene Musiker zahlt. Musik ist Kunst alles ist erlaubt.

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    mhagen1  

    Vielen Dank für den schönen Test und die Soundbeispiele! Das Analog Drive ist aus meiner Sicht ein echter Volltreffer, vor allem beim Preis von ca. 200,- Euro, der derzeit aufgerufen wird. Nach längerem Test kann ich bestätigen, dass der Verzerrer wirklich eine riesige Palette unterschiedlicher Zerrsounds zur Verfügung stellt. Ob mit acht separaten Schaltkreisen oder anderen technischen Raffinessen – egal! Das Ohr ist der Master. Ich werde mich ganz sicher von den meisten meiner Zerrpedale trennen, da die Handhabung des AD mittels Speichern und MIDI einfach haushoch überlegen ist. Und das ist auch genau das, was ich z.B. bei den Strymon-Zerrern Riverside und Sunset vermisse: die klingen auch hervorragend, sind vielleicht noch ein bisschen flexibler, haben aber keinen oder nur einen Speicherplatz (Sunset).
    Für Synthesizer-Sounds inklusive Gain- und EQ-Modulation via CV verwende ich das Pedal auch (z.B. mit dem Arturia Microbrute).
    Beim aktuellen Preis ist dann auch noch was übrig für ein Noise Gate, um den Krach bei hoher Verzerrung zu eliminieren.

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