Test: E-MU Proteus X

24. November 2005

EMU Proteus X

Wer kennt sie nicht, die legendären Soundmodule der Firma E-MU, die sich so herrlich untereinander in das Rack schrauben ließen? In einer Zeit, wo Expansion-Boards noch Utopie waren, wartete E-MU fast jährlich mit neuen Soundmodulen für unterschiedliche Musikstile auf: Proteus, Orbit, Mo’Phatt, Morpheus, Virtuoso 2000, Planet Earth, Ultra Proteus, Proteus 2000 – um einige zu nennen.
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Der Proteus X ist der vorläufige Höhepunkt von mehr als 15 Jahren Soundmodul-Entwicklung und bietet die perfekte Emulation der Hardware plus die Vorteile einer Softwarelösung: denn damals scheiterte die Programmierung der leistungsfähigen Synthese oftmals an dem viel zu kleinen Display. Damit ist jetzt Schluss – zumindest für Musiker, die einen PC verwenden. Mac-User schauen in die Röhre, denn der Proteus X ist nur für die Windows-Welt verfügbar.
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Lieferumfang und InstallationDas Besondere am Proteus X ist sicherlich die Kombination aus Soft- und Hardware. Denn wer die Packung öffnet, findet neben der eigentlichen Proteus X-Software eine E-MU 0404 PCI-Karte und analoge und digitale Breakout-Kabel! Und um es gleich einmal vorweg zu nehmen: das eine kann nicht ohne dem anderen! Das könnte sich zu einem klaren Minuspunkt herausstellen, wenn man nämlich bereits eine Audiokarte sein Eigen nennt und z.B. keinen weiteren PCI-Slot im PC zur Verfügung stellen kann. Aber auch die andere Sichtweise ist vorstellbar: für Neueinsteiger, die noch auf der Suche nach einer geeigneten Soundkarte sind, bedeutet dieses Bundle eventuell eine lohnenswerte Anschaffung. Aber: obwohl die 0404-Soundkarte eigentlich nicht für den Betrieb des Proteus X erforderlich ist, verweigert die Software ihren Dienst, wenn man die Karte entfernt. Andererseits ließ sich die Karte im Test problemlos mit anderen Karten (z.B. RME-Produkten) parallel installieren. Auch die Installation der erforderlichen Treiber verlief ohne Probleme. Die eigentliche Soundausgabe kann jedoch auch auf einer anderen Audiokarte erfolgen. Der Packung liegt außerdem eine deutschsprachige Kurzanleitung zur Installation der Soundkarte, vier Sound-CD-ROMs, ein Softwarepaket mit verschiedenen Programmen sowie ein umfangreiches, 200 Seiten starkes Handbuch für den Proteus X sowie ein 124 Seiten starkes Handbuch für die Audiokarte als PDF-Dateien bei. Bevor es jedoch losgehen kann, muss der E-MU-Mixer, der sogenannte Patchmix, geöffnet und dort die ‚Default Session’ geladen werden. Mit dieser Einstellung wird eine Verbindung zwischen dem Programm und der Soundkarte hergestellt.
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PatchMix = Patchbay + Mixer + Hardware-EffekteE-MUS’s PatchMix ist eine Art Patchbay für den PC, bei der jeder physische Eingang oder Ausgang (analog, S/PDIF, ADAT) mit jedem HOST-Eingang oder -Ausgang (ASIO, WDM, WAVE) verbunden werden kann, ohne das CPU-Ressourcen dafür benötigt werden. Zusätzlich stehen zwei Aux Sends mit 32 Bit-Effekten zur Verfügung, die vollständig auf dem E-MU DSP berechnet werden. Damit hört man bereits bei der Aufnahme völlig latenzfreie Effekte. Diese auf dem DSP berechneten Effekte können sogar im Sequenzer als VST-Inserts verwendet werden. Zur Auswahl stehen mehrere Mono- und Stereo-Delays, Reverb, Auto-Wah, Chorus, 1-,3- und 4-Band EQs, Rotary, Phase Shifter, Speaker Sim, Compressor, Vocal Morpher und Flanger. Aus dieser Auswahl wurden über 600 Presets erstellt. Die Qualität der DSP-Effekte ist für die Bearbeitung der Klangprogramme ausreichend. Es können so viele Effekte aktiviert werden, wie DSP-Power zur Verfügung steht. Im Praxistest konnte man so um die 20 Effekte auf der Karte berechnen lassen. Läuft die Karte allerdings im 96 oder 192 kHz-Betrieb, sind keine Effekte verfügbar.
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KlanggestaltungDer Proteus X ist ein klassischer Sample-Player gepaart mit der aus den Hardware-Modulen bekannten subtraktiven Synthese, mit der der Klang eines Samples in vielfältiger Weise moduliert und bearbeitet werden kann. Eine Stimme besteht aus einem oder mehreren Samples, einem dynamischen Verstärker, bis zu drei sechsstufigen Hüllkurvengeneratoren, bis zu zwei Multi-Wave-LFOs und bis zu 32 als „Cords“ bezeichnete Modulationsroutings, die alles miteinander verbinden.Natürlich fehlen auch die legendären E-MU Z-Plane-Filter nicht. Es stehen insgesamt 54 verschiedene Filtercharakteristiken zur Auswahl! Neben den klassischen Filtertypen wie Tief-, Hoch- oder Bandpass, findet man viele außergewöhnliche Typen – darunter auch mehrpolige Resonanzfilter, Vokalfilter und die E-MU typischen Morphing-Filter, mit der sich sehr organische Klänge erstellen lassen.
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Ein Preset kann eine oder mehrere Stimmen enthalten, um z.B. mehrere komplexe Stimmen überzublenden, sie zu schichten oder dazwischen umzuschalten.Leistungsstarke Stimm- und Samplezonen ermöglichen ein Crossfading nach Position und Anschlagdynamik oder mit Hilfe von Realtime-Reglern in bis zu 128 Schichten. Hinzu kommt noch eine leistungsstarke Effekteinheit sowie die Möglichkeit, einfache Standard-Effekte direkt von einem DSP auf der 0404-Audiokarte berechnen zu lassen und damit die PC-interne CPU zu entlasten. Eine Besonderheit ist auch die Ultra-High Precision Interpolation, die bereits in den Hardware-Modulen zum Einsatz kam. Dieser Algorithmus ermöglicht ultrahochpräzise Tonhöhenverschiebungen speziell für Presets, bei denen der gesamten Tastatur nur wenige Samples zugeordnet sind. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass man diese Funktion abschalten (ja, das geht) und dadurch CPU-Ressourcen sparen kann, wenn man Presets mit vielen Samples verwendet. Proteus X bietet natürlich auch einen 32-fachen Multimode, mit dem man übersichtlich die Presets auf die verschiedenen MIDI-Kanäle legen und Pan-Position, Lautstärke, Effektrouting und Output einstellen kann. Das Sample an sich kann jedoch nicht editiert werden. Diese Funktionalität bleibt dem Emulator X vorbehalten.
Software-EffekteDie Effektabteilung des Proteus X ist ausgesprochen leistungsstark ausgelegt. Neben den bereits genannten DSP-basierten Standard-Effekten, bietet das Programm eine große Auswahl an sehr guten Software-Effektprozessoren in hoher Qualität. Die Effektrouting-Architektur ist sehr flexibel. Effekte können als Teil eines Presets oder im Multisetup verwendet werden. Pro Preset können zwei Effekte zugeordnet werden – pro Multisetup können drei Effekte zugeordnet werden. Die Effektanteile sind auf der Voice-Ebene oder der Preset-Ebene steuerbar. Das Routing ist derart flexibel, dass eine intensive Beschäftigung mit diesem Konzept unvermeidbar ist. Glücklicherweise widmet das Handbuch diesem Themenkomplex ein ausführliches Kapitel. Folgende Effekt-Typen stehen zur Verfügung: Reverb Delay (mono), Ring Modulator, Early Reflections Reverb, Flanger, SP12-ulator, Reverb Lite (mono), Phaser Growl, Chorus, Early Reflections, Tube, Chorus / Delay (mono), EQ – 1Band, Parametric Twin (mono), Delay, EQ – 4 Band, Delay (BPM) und Pitch Shifter (mono).
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BedienungDer Proteus X bietet einen leistungsstarken Datei-Browser mit Library-Funktion, mit der sich gleichartige Sounds in Kategorien sortieren lassen. Die einzelnen Presets werden in der typischen Baumstruktur dargestellt. Zum Auswählen eines Sounds, zieht man das entsprechende Preset per Drag&Drop einfach in den Synthesizer. Das funktioniert auch mit kompletten Bänken.
Durch die volle Kompatibilität mit der Emulator 4-Soundbibliothek, kann man Emulator 4-Bänke problemlos in den Proteus X laden. Andere Formate, wie Soundfount, Gigastudio, EXS, Halion, EMU III, ESI oder AKAI, können mit Hilfe eines Translator-Programms in das Proteus X-Format gewandelt werden. Dieses Programm muss leider separat gestartet werden.
Die Proteus X-Benutzeroberfläche ist einfach zu durchschauen und macht im Gegensatz zu den Hardware-Modulen nun erstmals die leistungsstarke Klangsynthese beherrschbar. Die Parameterwerte können wahlweise per Tastatur oder per Maus eingegeben werden. Leider sind die Drehregler recht klein ausgefallen. Bei entsprechend großen Monitoren mit hoher Auflösung muss man deshalb schon etwas genauer hinsehen. Negativ bewerte ich die recht düstere Gestaltung der Bedienoberfläche: dunkle Grautöne mischen sich mit einem dunklen Blau. Alles ist so düster, so dass man beim Editieren der Parameterwerte teilweise nicht sehen kann, ob man einen Wert ausgewählt hat oder nicht. Zum Glück gibt es eine weiße, blinkende Schreibmarke, die die Bereitschaft zum Aufnehmen neuer Werte signalisiert.
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LeistungsbedarfLeider ist der Proteus X sehr leistungshungrig und genehmigt sich je nach Sound mehr oder weniger CPU-Ressourcen. Dies ist aber nicht weiter verwunderlich, denn die subtraktive Synthese, die ungewöhnlichen Filtermodelle und die möglichen Modulationsverschaltungen benötigen nun mal viel Rechenleistung und vergleichbare VST-Instrumente verbrauchen auch nicht weniger. Bei der Programmierung von eigenen Presets sollte daher darauf geachtet werden, dass nicht benötigte Filter oder Modulationen immer deaktiviert werden. Da ein Preset mehrere Voices enthalten kann, werden bei jedem Tastendruck entsprechend auch mehrere Stimmen und damit CPU-Leistung verbraucht. Einige Presets verbrauchen bei einem einfachen Akkord mit 3 Stimmen bereits 25% der CPU-Ressourcen unseres Referenz-PCs (PIV, 3.4 GHz, 2 MB DDR-RAM, Matrox Parhelia). Das Studio Grand Piano verbraucht dagegen bei 60 Stimmen ca. 40% auf der Cubase-Leistungsskala. Wird also reger Gebrauch von der Synthese gemacht, erhöht sich der Leistungsverbrauch drastisch. Leider merkt man den Leistungshunger nicht nur bei der Soundausgabe: auch der Bildschirmaufbau der einzelnen Masken lief auf unserem Referenz-PC trotz 128 MB Grafikspeicher nicht immer flüssig. Dank Disk-Streaming werden nicht die kompletten Sample-Dateien in den wertvollen RAM-Speicher geladen, sondern nur die ersten paar Sekunden und die Preset-Informationen. Der Rest wird dann bei Bedarf direkt von der Festplatte abgerufen.

KlangbeispieleDie hier vorgestellten Klangbeispiele entstammen alle aus der mitgelieferten Werks-Library. Alle Drumloops liegen auch als einzelne Drum Kits zur Verfügung. Mittlerweile kann man weitere Soundpakete dazukaufen. Folgende Erweiterungen sind erhältlich: EMU VIRTUOSO X ESC Sound Library – Orchestral Sound Library (komplette Soundbibliothek des Virtuoso 2000 Sound-Expanders), EMU STREET KITS ESC Sound Library (Hip-Hop and Dance Drumsets), EMU PROTEAN DRUMS ESC Sound Library, EMU TECHNO SYNTHS ESC Sound Library, EMU BEAT GARDEN, EMU MO´PHATT X ESC Sound Library (komplette Soundbibliothek des Mo’Phatt Sound-Expanders), EMU PLANET EARTH X ESC Sound Library (komplette Soundbibliothek des Planet Earth Sound-Expanders).
Audiokarte inklusiveBei der beiliegenden Audiokarte handelt es sich um die 0404-Karte, die auch separat für 89 Euro erworben werden kann. Die Wandler vertragen 24-bit Signale bis 192 kHz und haben einen Dynamikumfang von 111 dB (A/D). Der Rauschabstand beträgt 116 dB (D/A). Mit zwei beiliegenden Kabel-Pritschen verfügt man insgesamt über 2 analoge Eingänge (6,3mm Klinke), 2 analoge Ausgänge (6,3mm Klinke), S/PDIF In/Out (koaxial und optisch, umschaltbar auf AES/EBU) sowie einen MIDI IN und OUT. Die analogen Ein- und Ausgänge sind im Vergleich zu höherwertigeren E-MU-Karten nicht symmetrisch ausgelegt. Die Karte wird über ASIO 2.0 oder WDM-Treiber in das PC-System eingebunden. Auf der Karte befindet sich der sogenannte E-DSP, der unabhängig von der CPU-Leistung Effekte berechnen kann. Insgesamt stehen 28 unterschiedliche Effekttypen und über 600 Presets zur Verfügung. Im Praxistest mit dem Audio-Analyser ‚RightMark’ überzeugte die Karte unter 16 und 24 Bit durchweg mit sehr guten Audiowerten. Die optional erhältliche Sync-Tochterkarte ergänzt das System durch Word Clock In und Out zur sample-basierten Synchronisation externer Digitalgeräte sowie SMPTE Timecode In/Out zum Synchronisieren anderer Aufnahmegeräte, wobei ein separater MIDI Time Code-Ausgang auf der Sync-Karte Timing-Probleme beseitigt, die durch dieKombination von MTC und MIDI Performance-Daten entstehen.Das Preis-/Leistungsverhältnis ist einfach exzellent: es ist schon erstaunlich, dass man für wenig Geld so viel Qualität bekommen kann.
FazitDer Proteus X emuliert perfekt die Klänge der E-MU-Hardware-Rompler und bringt frischen Wind in’s VST-Instrumentenrack. Subtraktive Synthese, Disk-Streaming, die legendären E-MU Filter, DSP-Effekte, Softwareeffekte, leistungsstarkes Effektrouting und eine umfangreiche Modulationsmatrix sind die Pluspunkte dieses Instrumentes. Im Komplettpaket enthalten ist die hochwertige Audiokarte 0404 mit analogen und digitalen Anschlüssen sowie MIDI. Qualität und Preis stimmen bei diesem Produkt einfach und deshalb gebe ich diesem Bundle eine klare Kaufempfehlung!
Plus:++++ sehr gut klingender Allround-Rompler mit guten Presets+++ umfangreiche Bearbeitungsmöglichkeiten dank subtraktiver Synthese+++ E-MU-typische Filtermodelle+++ Disk-Streaming+++ qualitativ hochwertige Audiokarte+++ konkurrenzloser Preis (Audiokarte 0404 ist im Preis enthalten)+++ ausführliche, sehr gut verständliche Handbücher mit Synthesizer-Grundlagen auf CD
Minus:— 0404-Audiokarte ist für den Betrieb zwingend erforderlich— sehr hoher CPU-Verbrauch– düstere Gestaltung der Oberfläche– keine MAC-Version- analoge Ein- und Ausgänge der 0404-Audiokarte nur asymmetrisch

Hersteller: E-MU SystemsGetestete Version: 1.5.2 (PatchMix-Version 1.71a, Treiberversion: 1.8)UVP: 199,00 EuroStraßenpreis: 149,00 Euro, Wert der beiliegenden Audiokarte: 98 EuroSound-Bibliotheken: 49,00-69,00 Euro pro Library
Systemvoraussetzungen: • Pentium III 1 GHz oder entsprechende CPU (P4, 2 GHz oder schneller empfohlen)• 512 MB RAM (1 GB DDR oder größer empfohlen)• Festplatte mit einer Übertragungskapazität von 200 MB/s• Windows 2000 oder XP

 

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