Test: Erica Fusion Plasma Drive, Eurorack Verzerrer

13. Mai 2019

3kV-Verzerrer fürs Eurorack

erica fusion synth plasma drive

Erica Fusion Plasma Drive, Eurorack Verzerrer

Plasma Drive heißt die Inkarnation des Plasma Pedal der lettischen Firma Gamechanger Audio für das Eurorack. Unterstützt wurden sie dabei von Erica Synths – das Ergebnis wird als Erica Fusion vertrieben und ist auch dort erhältlich, wo es Erica Synth Module gibt.

Plasma Drive also. So, so. Schon wieder so ein trendiger gehypter Name eines vermutlich aus schnödem Sand bestehenden Effektmoduls? Mitnichten! Denn hier steht nicht nur Plasma drauf, hier ist auch Plasma drin.

Erica Fusion Plasma Drive: Auf Nummer Sicher

Kennt jemand Tesla-Spulen? Mithilfe eines bestimmten Wicklungsverhältnisses eines Transformators kann man aus wenigen Volt mehrere (auch Tausende) Kilovolt Wechselspannung erzeugen. Baut man diese Spule in einer speziellen Weise auf, indem man eine Seite der Sekundärwicklung quasi als Funkantenne benutzt, können die Spannungen dort so hoch sein, dass die Luft um sich herum ionisiert. Dann reißen die Elektronen vom Atomkern ab und es entsteht der vierte Aggregatzustand: Plasma.

Es wird im Erica Fusion Plasma Drive also so viel Spannung erzeugt, dass das Xeon-Gas in der von außen sichtbaren Röhre ionisiert und beim Rückfall der Elektronen auf ihr Ruheniveau das typisch blau-weiße Licht erzeugt, das man auch von Blitzlichtern oder unangenehm hellen Autoscheinwerfern kennt. So gesehen könnte das Produkt auch einen anderen Namen tragen. Denn es könnte auch Ionisation Drive oder Electrical Excitation Drive heißen – ist aber zu sperrig und lässt sich nur schlecht aussprechen.

Faradayscher Käfig

Faradayscher Käfig

Im Prinzip spielt man also einen Blitz. 3 kV ins Rack schrauben, ob das gutgeht? Der Stromverbrauch des Erica Fusion Plasma Drive hält sich dabei mit 150 mA im mittleren Level. Die Xeon-Röhre und die gesamte Elektronik ist durch ein Metallgehäuse, das als Faradayscher Käfig dient, komplett abgeschirmt. Auf der Vorderseite schützt eine dicke Kunststoffscheibe die Röhre – hier wurde auf Nummer sicher gegangen. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Verarbeitung des Moduls von allerbester Qualität – kein Wackeln, kein Wabbeln, top!

Erica Fusion Plasma Drive: Das ist es, was es ist

Im Namen steckt es schon – Erica Fusion Plasma Drive ist ein Overdrive. Zusätzlich bietet er noch einen 2-Band-EQ nach der Verzerrung und eine Oktavschaltung vor der Verzerrung, mit der Oktaven und Suboktaven hinzugemischt können. Solche Fuzz-Oktaver sind bei den Gitarrenpedalen wohlbekannt. Überhaupt merkt man dem Gerät an, dass es eine Umsetzung des Plasma Pedal von Gamechanger Audio ist.

Es wurden mehrere CV-Buchsen hinzugefügt, damit das Gerät mit der Eurorack-Welt in Verbindung treten kann. Steuerbar sind: Dry/Wet, Voltage, Octave Trigger und Sub Octave Trigger. Die Einstellungen, ob der EQ im Signalweg sein soll oder in welcher Oktave der erste Octaver spielen soll, legt man über Kippschalter fest.

Erica Fusion Plasma Drive - Hohe Frequenzen2

Hohe Frequenzen

Was der Dry/Wet-Regler macht, ist wohl klar. Der Voltage-Regler hat die wichtige Funktion festzulegen, wie hoch die Spannung sein soll, die der Xeon-Röhre zugeführt werden soll. Je mehr Spannung, desto mehr Geräuschanteil bekommt das verzerrte Signal.

Bereits beim ersten Drittel des Voltage-Potis des Erica Fusion Plasma Drive hat man die volle Geräuschdröhnung erreicht. Eine weitere Öffnung verändert das Ergebnis zwar, je nach Material immer noch hörbar, doch eher im Verhältnis der zu hörenden Frequenzen.

Dem Equalizer gebührt eine besondere Erwähnung, denn der Kippschalter On/Off schaltet den EQ keineswegs ganz aus. Diese Einstellung bezieht sich nur auf das cleane Signal. Im verzerrten Ausgang ist der EQ immer aktiv. Damit kann man das Ergebnis so anpassen, dass es sich besser in das Originalsignal einfügt – gute Lösung.

Die Octaver-Schaltung fügt Obertöne oberhalb oder unterhalb des Eingangs hinzu. Das geschieht vor der eigentlichen Verzerrung, so dass es das Ergebnis maßgeblich beeinflusst, ob nun eine höhere oder tiefere Oktave hinzugemischt wird. Eine höhere Oktave bringt noch mehr Geräuschanteil, eine tiefere Oktave dekonstruiert das Signal, das regelrecht zerhackt wird.

Die Parameter reagieren alle sehr sensibel und beim Steuern über CV ist vor allem Fingerspitzengefühl gefragt, möchte man brauchbare Ergebnisse bekommen.

Gesang der Ionen beim Erica Fusion Plasma Drive

Wem es vielleicht aufgefallen ist: Ich sprach schon mehrfach von Geräusch in Zusammenhang mit dem Klang des Erica Fusion Plasma Drive. Denn tatsächlich ist das für mich der Grundklang. Hier werden nicht subtil Obertonstrukturen verändert oder neue hinzugefügt. Das Signal geht gnadenlos im Rauschen der Elektronen unter und der außerhalb von FX nutzbare Bereich ist doch sehr beschränkt. Am ehesten profitiert noch eine Gitarre von dem Über-Drive, wobei es eben sehr nach Fuzz klingt.

Erica Fusion Plasma Drive - Tiefe Frequenzen2

Tiefe Frequenzen

Von singenden Ionen kann hier also überhaupt nicht die Rede sein. Der Klang ist sehr geräuschhaft und ja – elektrisierend, wenn das naheliegende Wortspiel erlaubt ist. Das liegt aber hauptsächlich am Anblick der zuckenden Ionenstrahlen in der Xeon-Röhre, die sich auch erkennbar zum Eingangssignal verändern. Schaut man aber weg und hört sich nur den Klang an, klingt es einfach nur wie ein misslungener Verzerrer, der schlecht parametrisiert ist. Am ehesten können noch komplette Mixe profitieren, denen man ganz wenig Verzerrung mitgibt.

Erica Fusion Plasma Drive

Erica Fusion Plasma Drive

Fazit

Das Modul sieht klasse aus und ist eine Zierde für jedes Rack. Rein optisch würde noch ein Flux-Kompensator dazu passen, leider schon ausverkauft. Ich will den Erica Fusion Plasma Drive wirklich nicht zerreißen – denn er hat seine Berechtigung und sein Einsatzgebiet. Die Art der Verzerrung ist aber akustisch nicht neu, sondern geht doch sehr auf die Fuzz-Tradition zurück. Am Ende des Tages muss man sich die Frage stellen – sind mir der Klang und die Optik wirklich 358,- Euro wert?

Persönlich kann ich die Frage eindeutig mit Nein beantworten. Es mag aber durchaus den einen oder anderen geben, der eben genau das braucht, vielleicht sogar zwei, um damit einen fertigen Stereo-Track zu mastern – wer weiß.

Plus

  • tolle Optik
  • EQ kann nur für Ausgangssignal aktiviert werden
  • kein Leerflaufrauschen durch natürliches Noise-Gate
  • Klang kann völlig zerstört werden

Minus

  • Klang ziemlich begrenzt
  • Parameterisierung sensibel

Preis

  • Ladenpreis: 358,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Kari  

    Wirklich schade, dass sich die Verzerrung nicht gut anhört. Ich hätte mir das Teil nur zu gerne ins Rack geschraubt, aber abgesehen von der Optik, macht es wirklich keinen Sinn.
    Vielen Dank für die ehrliche Meinung!

    Werde mir stattdessen einfach eine Plasma kugel und einen Laser kaufen, um damit mein Studio zu verschönern :)
    Ich habe mal irgendwo gelesen dass einige Modular freaks, Laser und andere Effekte mittels CV’s steuern. Wäre vielleicht ein gutes Thema für einen Workshop!

  2. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Abgesehen von der Optik kann ich mit diesem Teil nur sehr wenig anfangen; solch eine Zerre ist mir bei weitem nicht diesen Preis wert. Allerdings hat Erica Synths ja ein Faible für Noise und Industrial und jemand wie Dr.W könnte es toll finden. Übrigens wird es bei Thomann für 368,-€ angeboten, nicht 358,-.

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