Test: EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted, E-Gitarre

19. Juli 2020

Mit kleinem Budget auf den Spuren des Rockolymps!

Wohl dem Künstler, dessen Name trotz Krebserkrankungen und schwerstem Alkoholismus bis zum heutigen Tag zumindest bei allen Musikern von 50+ die Strahlkraft einer Supernova gleich innehat. Wohl kein Gitarrist weltweit hat es im Bereich Popularität, Innovation und Virtuosität zu so großem Erfolg gebracht wie Edward van Halen, der es ohne Frontkasper David Lee Roth zwar wohl nur zu den Attributen 2 und 3 geschafft hätte, im Zusammenspiel mit DER Blaupause des Showmans der Achtziger es aber zu Weltruhm der höchsten Liga brachte. Nach vielen Jahren der Kooperation mit verschiedenen Herstellern hat Eddie bereits vor einiger Zeit sein eigenes Imperium ins Leben gerufen, das unter dem Trademark „EVH“ so ziemlich alles in Signature-Edition anbietet, was der Spross eines holländischen Jazz-Klarinettisten und einer Indonesierin je in seinem Leben in die Hände oder unter seine Füße bekommen hat. Zum heutigen Test liegt eine EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted vor, bei der EVH wie viele andere Hersteller sich auch in neue Preisregionen wagt.

Die Konzeption der EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted

Der Gitarrenmarkt verändert sich zusehends. Zwar erscheinen immer einmal wieder hochgerüstete Signature-Modelle von 3.500,- Euro an aufwärts in der Szene, aber bis auf wenige Die-Hard-Fans, die willens sind, ihrem Idol auch in diese Preisregionen zu folgen, lässt sich mit diesen Instrumenten kein Umsatz mehr machen. Für den „normalen“ Hobbygitarristen stellt eine vierstellige Zahl eine Art Mauer dar, die nur in wenigen Situationen überwunden wird. Genaue Zahlen liegen mir nicht vor, aber ich bin mir recht sicher, dass der überwiegende Teil von tatsächlich verkauften Gitarren einen dreistelligen Preis aufweist.

Interessant ist dabei immer wieder, welche Funktionen, Details oder Verarbeitungsschritte dem Rotstift zum Opfer fallen, so wie auch in diesem Fall, bei der die Hommage an Edwards Sohn Wolfgang mit nur knapp 17 % des Ladenpreises der USA-gefertigten Edward van Halen Signature-Gitarre zu Buche schlägt.

Auch wenn Eddies Mutter aus Indonesien stammt, sie wird wohl kaum der Grund sein, warum die EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted in diesem Land gefertigt wird. Zum einen hat Indonesien China den Rang abgelaufen, wenn es um günstige Herstellungsmethoden geht, zum anderen verzeichnet das Land seit Jahren eine ständige Qualitätssteigerung in Sachen Fertigungsqualität. Ganz ohne Abstriche wird es aber wohl dennoch nicht gehen, was sich eventuell noch zeigen wird.

Versendet wird die Gitarre in einem Pappkarton, der mit „Papp- und Styropor-Formeinlagen“ ausgelegt wurde. Ja, die Gitarre ist unbeschädigt angekommen und es ist nicht mehr üblich, Gitarren aus dem dreistelligen Verkaufssegment mit einem Koffer auszuliefern, aber die „Verpackung“ war dieses Mal wirklich grenzwertig. Wahrscheinlich ist es günstiger, jede zehnte Gitarre mit Totalschaden wegwerfen zu müssen, als neun Gitarren mit einem Koffer auszuliefern. Nun denn, Firmenpolitik.

Test: EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted

EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted – Halsübergang

Nimmt man die Gitarre das erste Mal aus der Pappverschalung, wird man von einer Naturholz-Armada fast erschlagen. Vier verschiedene Holzfarben aus drei verschiedenen Holzarten stellen jede Eiche rustikal Schrankwand in den Schatten. Dabei fällt vor allem die knapp 5 mm dicke Decke aus „Spalted Marple“ ins Auge, einem Ahorn-Holz, das durch einen Pilz befallen wurde und aufgrund dieser Durchsetzung eine charakteristische Maserung an den Tag legt. Die Decke läuft bis an die Außenkanten durch und erzeugt dadurch eine Natural- oder auch Fake-Binding.

Als Korpus kommt einmal mehr das von Edward van Halen präferierte Basswood, zu Deutsch Linde, zum Einsatz, das rötlich gebeizt wurde und dadurch optisch einen Mahagoni-Touch bekommt. In Sachen Gewicht schlägt die Gitarre mit 3,4 kg zu Buche, was als recht moderat durchgeht. In Sachen Hals und Griffbrett wurde einmal mehr gebacken, sprich das Toasting von Ahornhälsen ist nunmehr auch bei den preiswerten Modellen kein Thema mehr. Das Griffbrett wurde als Compound mit 305 mm – 406 mm (12″ – 16″) vom dritten bis zum zwölften Bund ausgeführt.

Bei allen klanglichen Vorteilen, die ein getoasteter Hals mit sich bringt, sollte man allerdings nicht vergessen, die restlichen Bestandteile des Halses der neuen Farbgebung anzupassen. So ist die neue Farbe des Halses nicht mehr ein heller, gelb-brauner Ton, sondern vielmehr ein mittleres, fast schon dunkles Braun. Die Griffbrettmarkierungen auf der Oberseite und an den Seiten des Griffbretts wurden aber weiterhin in Schwarz ausgeführt, was dazu führt, dass man auf einer schummerig ausgeleuchteten Bühne absolut nichts mehr von ihnen erkennen kann. Hier wird sich der eine oder andere Fehlgriff nicht vermeiden lassen. Ein sinnvoller Ansatz ist der Zugang zum Trussrod oberhalb des Halstonabnehmers, der zwar optisch vielleicht nicht jedem gefällt, mechanisch aber die deutlich bessere Variante als die Schwächung des Halses bei dem Übergang zur Kopfplatte darstellt.

Test: EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted

EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted – Pickups

Den Abschluss des Halses bietet eine der kleinsten Kopfplatten, die z. Zt. verbaut werden. Es erschließt sich mir nicht genau, warum EVH eine solche Freude an kleinen Kopfplatten hat, es herrscht jedenfalls eine drangvolle Enge auf der Rückseite des Headstocks, zumal es die Mechanik der D-Saite noch gerade eben schafft, nicht aus der runden Auskerbung herauszustechen. Auch wurden je drei Mechaniken bei der 3:3 Ausrichtung parallel zum Hals, die anderen drei längs zur Kopfplattenseite ausgerichtet. Nun denn, die Kunst ist frei, allerdings setzt noch ein anderer Punkt den EVH Mechaniken die negative Krone auf.

Ich weiß nicht, wer die Mechaniken in Lizenz baut, aber mit der Verwendung dieser Mechaniken hat sich EVH keinen Gefallen getan. Selbst wenn die Mechaniken aufgrund des Klemmsattels vergleichsweise wenig benutzt werden, in Sachen gleichmäßiger Ansprache versagen die Tuner komplett. Die Mechaniken haben ein recht großes Spiel, sowohl im Anziehen als auch im Lockern der Mechaniken und fassen erst nach knapp 2 mm Drehbewegung. Für mich ein großer Dämpfer in Sachen verwendete Komponenten.

Test: EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted

Als Vibratosystem kommt natürlich ein Floyd Rose System zum Einsatz, das aber fest auf der Decke aufliegt und dadurch eine deutlich höhere Stimmstabilität bietet als ein freischwebendes System. Auch das Reißen einer Saite zerschießt dir bei dieser Variante nicht direkt das komplette Tuning und man kann den Song noch mit 5 Saiten zu Ende spielen. Leider sind die Finetuner in Sachen Gängigkeit nicht unbedingt die Creme de la Creme, hier ruckelt es schon ein wenig und auch der Kraftaufwand ist deutlich höher als bei hochwertigeren Ausführungen.

In der Elektrik kommt eine Schaltung mit 2 Humbuckern aus eigener Fertigung, einem Dreiwege-Schalter und einem Mastervolume und Mastertone zum Einsatz. So weit, so gut, aber die siebeneckigen Potikappen hätten eine Entgratung verdient gehabt. In der Tat sind gerade die Abschlüsse nach oben hin so scharfkantig, dass man in der Hektik der Bühnenpräsentation Gefahr läuft, sich an den Kanten zu verletzen.

Test: EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted

In der Praxis

Unverstärkt gespielt überzeugt die EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted vom ersten Ton an. Die Ansprache ist schnell, das Sustain aufgrund des getoasteten Halses sehr gut. Die Saitenlage war vom Werk aus leider deutlich zu niedrig eingestellt, was sich aber mit ein paar Handgriffen beheben lies. Glücklicherweise leidet das fest aufliegende Vibratosystem auch nicht unter dem bei nahezu allen freischwebenden Vibratosystemen vorhandenen „mitschwingende-Federn-Syndrom“, das dir jedes Staccatoriff zerschießt.

Der Lautstärkeregler arbeitet wohl logarithmisch, was zur Folge hat, dass man knapp 80 % der Lautstärkeregelung auf den letzten 25 % des Regelwegs zur Verfügung hat. Dies an sich ist kein Problem und wird von vielen Strat-Spielern sogar explizit geschätzt, man muss sich nur u. U. erst etwas daran gewöhnen.

Klanglich bietet die EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted ungewöhnlich viel Van Halen fürs Geld, sofern man sich vor Augen führt, wie sich besagter Sound zusammen setzt. Wer das ultimative High-Gai- Geboller sucht, ist bei diesem Instrument definitiv nicht an der richtigen Stelle. Vielmehr hat man die Möglichkeit, insbesondere in Zusammenarbeit mit dem Volume-Regler, viel im Lead- und Crunch-Bereich zu arbeiten, eben jenem Bereich, den Eddie primär auf allen VH Platten beackert.

Die Bespielbarkeit des Instruments ist gut, die Verarbeitung ebenso, der Sound recht authentisch, das „holzige“ Finish wie immer Geschmackssache. Ein gutes, vielseitiges Instrument mit dem Fokus auf Rock, nicht auf Metal.

Test: EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted

EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted – Im Einsatz

Fazit

Mit der EVH Wolfgang WG Std Exotic Spalted bietet EVH viel Van Halen Flair fürs Geld. Die sehr preiswerte Gitarre erlaubt einen guten Einstieg in das VH Lager und überzeugt über weite Strecken trotz einiger Abstriche im Detail.

Plus

  • Verarbeitung
  • Klang
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • viel Spiel in den Stimmmechaniken
  • scharfkantige Potikappen

Preis

  • 529,- Euro
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