Vierdimensionaler Wavetable-Oszillator mit vier Ausgängen
Eine kleine Firma aus Helsinki will die Messlatte für Wavetable-Klangerzeugung mit dem vierdimensionalen Wavetable Oszillator Ferry Island Modular Four Seas auf ein neues Level heben. Ich konnte das noch nicht erhältliche Four Seas-Modul als Vorserienmodell exklusiv testen. Es bietet Wavetable-Synthese auf hohem Niveau mit vier Einzelausgängen und Tuning-Spread-Optionen für jeden davon, um spannende, mehrdimensionale Ergebnisse zu erzeugen.
- Klangdimensionen: Drei Achsen plus Spread-Regler ergeben sechs Ebenen für differenziertes Morphing
- Ausgänge: Vier Einzelausgänge erlauben Akkorde, Stereo-Setups oder quadrophonische Anwendungen.
- Flexibilität: CV-Modulation, Audioeingänge, Sync- und Osc-Mod-Optionen, LFO-Modus und Smooth-Morphing.
- Besonderheit: Eigene oder Serum-Wavetables via microSD-Karte ladbar, einfache Bedienung und viele Sweet Spots.
- Einsatzgebiet: Ideal für sphärische Klänge, Live-Filmvertonung und experimentelle Elektronik.
Inhaltsverzeichnis
Ferry Island Modular Four Seas, Wavetable Oszillator
Hersteller Ferry Island Modular
Aurelie und ihr Mann Justin haben ihre Firma Ferry Island Modular in Anlehnung an ihre Heimatinsel Lauttasaari benannt. Beide sind schon länger modulare Synthesizer-Enthusiasten, doch Four Seas ist ihr professionelles Debüt. Justin arbeitet seit Langem als Software-Engineer. Er setzte seine Ideen um, während seine Frau ihn mit der Firma unterstützt. Auch der Sohn Jukka ist involviert – besser kann es kaum laufen.
In dem kleinen Projekt steckt viel Liebe und Arbeit, auch wenn es noch am Anfang steht. 2025 stellten sie ihr Modul erstmals auf der Superbooth vor und bekamen viel positives Feedback. Dort lernte ich die beiden zwar nicht persönlich kennen, zeichnete jedoch später Teile einer kleinen Zoom-Konferenz mit ihnen auf, die sich nach der E-Mail-Korrespondenz vor dem Test ergab und unten als Video verlinkt ist.
Four Seas: Basics und Funktionen
Ferry Island Modular Four Seas ist ein digitales Modul. Äußerlich bietet es genügend Platz für spontane Bedienung, reichlich Ein- und Ausgänge sowie diverse Beleuchtungen als Orientierungshilfe, die meist nahe an den Drehreglern angebracht sind und verschiedene Farben annehmen können.
Es gibt drei Ebenen – x, y und z – für die dreidimensionalen Wavetables. Justin spricht in einem Video auch von einem Würfel. Einerseits kann man die Position über x, y und z einstellen und diese via CV-Eingang modulieren. Zudem lässt sich über x-, y- und z-Spread eine Ausbreitung der Wavetables konfigurieren.
Justin erwähnte im Kurzinterview auch, dass auf den Achsen dadurch weitere Wavetables erreichbar seien. Besonders ist, dass diese jeweils an Audio-Einzelausgänge gesendet werden können, von denen es insgesamt vier gibt. Die Grundposition liegt dabei auf Ausgang 1, weitere Positionen werden über zusätzliche Ausgänge ausgegeben.
Für die CV-Modulation der x-, y- und z-Positionen gibt es drei Eingänge mit regelbaren Attenuvertern. In Mittelstellung erfolgt keine Modulation, gegen bzw. im Uhrzeigersinn gedreht, wird in beide Richtungen moduliert. Auch für die x-, y- und z-Spread-Parameter stehen CV-Eingänge bereit (diesmal ohne Attenuverter), sodass sich unten zunächst sechs CV-Ins ergeben. Mit einem Smooth-Button lassen sich die Positionen interpolieren, sodass die Schwingungsformen sanfter ineinander übergehen. Dies betrifft allerdings nicht die Bankumschaltung.
Darüber hinaus ist es möglich, die Frequenzen der vier Ausgänge in einem weiteren, globalen Spread-Mode zu verändern. Dafür stehen ein Spread-Regler und acht umschaltbare Spread-Modi zur Verfügung. Die Frequenzen können dann in vier eigene Tonhöhen ausgedehnt werden, die jeweils an die einzelnen Ausgänge gesendet werden. In leicht abweichender Mittelstellung entsteht dabei eine Art fetter Unison-Sound. Die Spread-Modi bestimmen die Frequenz- bzw. Verstimmungsverhältnisse, wenn der Spread-Regler aufgedreht wird. Einer davon arbeitet beispielsweise mit der Obertonreihe beim Aufdrehen von Spread und mit den Subharmonischen beim Herunterdrehen. Ist Spread voll aufgedreht, entsteht hier so etwas wie ein Dur-Akkord.
Das globale Tuning lässt sich mit einem Tune- und einem Finetune-Regler steuern und betrifft alle Ausgänge gleichzeitig. Positiv ist, dass eine einmal gefundene Stimmung mit dem Lock-Button fixiert werden kann. Der zusätzliche Volt-per-Octave-CV-Eingang für die Tonhöhenkontrolle umfasst einen Umfang von zehn Oktaven.
Das Ferry Island Modular Four Seas Eurorack-Modul arbeitet mit zwölf Wavetable-Bänken. Eine Bank kann über einen Drehregler ausgewählt werden, die Umschaltung lässt sich auch via CV-Eingang modulieren. Welche Inhalte die zwölf Bänke bieten, erklärt das Handbuch. So finden sich in Bank 1 grundlegende Schwingungsformen, in Bank 2 fortgeschrittene harmonische Strukturen mit Timbres im FM-Stil, in Bank 10 Schwingungsformen, die für Wave-Folding und Pulsmodulation optimiert sind, oder in Bank 12 Schwingungsformen für LFO-Operationen. Auf der Ferry-Island-Modular-Webseite gibt es das Factory-Wavetable-Set zum Download, das Handbuch weckt zudem Hoffnungen auf weitere Sets von dort. Es ist aber auch möglich, eigene User-Wavetable-Sets zu laden und mithilfe der vorn herausnehmbaren microSD-Karte aufzuspielen.
Im Interview erwähnt Justin, dass auch Serum-Wavetables ladbar sind, sofern sie 2048 Samples enthalten. Damit verrät er zugleich etwas über die technischen Details. Four Seas ist ein modernes Modul und hier offensichtlich leistungsfähiger als manche älteren Module, die nur mit 256 Samples arbeiten.
Der lineare FM-Eingang leitet eingehendes CV- oder Audio-Signal über einen Abschwächer an die Tonhöhe des Oszillators weiter und bewirkt so eine Frequenzmodulation. Am Gerät befinden sich dafür ein FM-Eingang und ein Attenuverter für den Abschwächer direkt darüber. Die Verbindung zum Volt-per-Octave-Eingang ist durch eine Art Blumenzeichnung gekennzeichnet.
Eine zusätzliche Oszillator-Modulation lässt sich mit einem Mod-Amount-Regler (diesmal in nur eine Richtung) dosieren. Es gibt drei Modulationstypen, die über die beiden Osc-Mod-Buttons ausgewählt werden. Leuchtet die Anzeige blau, findet eine Through-Zero-Phase-Modulation statt. Orange signalisiert Phase-Distortion-Wave-Shaping. Eine gelbe Anzeige steht für den FSU-Mode. Der linke Bereich moduliert Ausgang 1, der rechte Ausgang 3.
Die Sync-Optionen funktionieren ähnlich wie die Osc-Mods und bieten drei Varianten, die sich über die Sync-Type-Buttons umschalten lassen. Eine blaue Lampe steht hier für Hard-Sync bzw. Oszillator-Reset, orange für Soft-Sync bzw. Phase-Shifting und gelb für Flip-Sync bzw. Wave-Shape-Reversal.
Zusätzlich kann ein LFO-Mode aktiviert werden, der Schwingungsformen langsamer ablaufen lässt. Dafür gibt es zwei LFO-Mode-Buttons, die diesmal lediglich zwei Zustände anzeigen: beleuchtet oder nicht. Der linke LFO-Mode-Button steuert Ausgang 1 und 2, der rechte das Ausgangspaar 3 und 4. Die LFO-Schwingungsformen entsprechen stets denen im schnelleren Modus, auch die Frequenzrelationen bleiben erhalten (siehe unten).
Praxis
In der Praxis ergeben sich interessante Klangnuancen, die über vier Ausgänge gemischt oder auf geeigneten Systemen quadrophonisch verteilt werden können. Warum dabei was wo herauskommt, fand ich anfangs zwar nicht ganz leicht zu verstehen, doch das ist auch nicht unbedingt nötig. Am besten gibt man hier die Kontrolle ab und hört genau hin.
Modifikationen der Position klingen meist weniger drastisch als die typischen Mirror-, Fold- oder Bend+/-Optionen aus Software-Wavetable-Synths. Entsprechend wirken auch die bisherigen Wavetable-Bänke eher nuanciert elektronisch. Natürlich sind auch hier extreme (heute sagt man: „Industrial-“) Klänge möglich, etwa via FM, Osc-Mod und mithilfe der Audioeingänge. Die größten Stärken von Four Seas sehe ich jedoch in sphärischen Klangwelten mit sanftem Morphing, insbesondere bei aktiviertem Smooth-Mode.
Beim Kennenlernen neuer Klangerzeuger versuche ich einerseits, komplexe Klänge und Einstellungen auszuprobieren, starte andererseits aber auch gern zunächst mit sehr einfachen Settings.
Das Ferry Island Modular Four Seas Modul benötigt etwas Zeit zum Hochfahren. In meiner Vorserienversion schienen Sync- und Osc-Mod-Umschaltungen bei orangener Beleuchtung in seltenen Fällen kurz nicht zu reagieren, funktionierten dann aber nach kurzer Zeit wieder. Aurelie antwortete, dass dies im Endprodukt behoben werde. Auch wenn alle Spread-Regler heruntergedreht sind und kein Audioeingang belegt ist, bewirken die Osc-Mod-Umschalter und Potis Veränderungen. Ich begann zunächst im blauen Modus mit Standard-Thru-Zero-Modulation. Im folgenden recht rohen Beispiel hören wir nur Ausgang 1. Der Bank-Regler steht auf ca. 10 Uhr. Ich drehe an X-, Y- und Z-Position, einmal mit und einmal ohne aktivierte Smooth-Einstellung. Am Ende schalte ich kurz die Osc-Mods um – eingesteckt ist jedoch nichts.
Im folgenden Beispiel verdrehe ich den globalen und die individuellen Spread-Regler, wechsle Bänke und globale Tuning-Spread-Modi, verstelle Spread bzw. Tuning und lasse Sounds aus den Einzelausgängen herauskommen (mit aktiviertem Smooth-Mode, der sich nicht auf Bankumschaltungen auswirkt, weshalb diese im Beispiel klar zu identifizieren sind):
Besonders interessant sind die globalen (Tuning-)Spread-Modi, mit deren Hilfe bei aufgedrehtem Spread-Regler unterschiedliche Tonhöhen erzeugt werden, die dann aus den vier Ausgängen ausgegeben und in einem externen Mixer separat abgemischt werden können. Das ist im Audiobeispiel zu hören, in dem zwei der vier Ausgänge ein etwas anderes Panning erhalten. Dementsprechend eignet sich Ferry Island Modular Four Seas besonders gut für fette Drone-Sounds und Stereo-Klänge. Im nächsten Beispiel ist der Spread-Mode 1 zu hören: Beim Aufdrehen von Spread entstehen Töne der Obertonreihe, beim Herunterdrehen Subharmonische, während sich sonst nichts verändert.
Es gibt sieben weitere Spread-Modi und Frequenzrelationen, zum Beispiel basierend auf pythagoreischem Tuning/Fifths (Mode 3), der Fibonacci-Zahlenreihe (Mode 5) oder dem Goldenen Schnitt (Mode 7), die in dieser Reihenfolge im nächsten Beispiel zu hören sind:
Ferry Island Modular Four Seas kann sich auch selbst modulieren. Im nächsten Beispiel geht Ausgang 3 in den FM-Eingang und ich schalte zwischendurch vom LFO-Mode zum normalen Osc-Mode für Ausgang 3 um. Wenn eine solche LFO-Modulation durch Self-Patching stattfindet, verändern sich Oszillator und LFO gleichermaßen bei Bewegungen des Tune-Reglers in ihrer Frequenz, wodurch die Klangrelationen beibehalten werden – ich finde, das klingt interessant.
Ähnliches passiert, wenn ich Spread via LFO moduliere. Hier konnte ich mir eine spätere Umschaltung in den Osc-Mode und gleich weitere Osc-Mod-Variationen nicht verkneifen.
Die Experimente führe ich im nächsten Beispiel noch weiter, wo ich die Four Seas Ausgänge noch besser im Stereobild mit dem externen Mixer verteilt und zusätzlich die anderen globalen Spread-Modi ausprobiert habe.
Zum Schluss noch ein Beispiel für Osc-Mods (inkl. Hochdrehen und Umschalten) mit über Audioeingang 1 und 2 eingespeisten Drums sowie dem Ton aus einem kleinen Video für AMAZONA.
Alle Klangbeispiele sind hier zu Testzwecken „Four Seas pur“ und eignen sich natürlich besonders gut für eine Effektbearbeitung (z. B. Filter, Delay und Reverb) im Anschluss.
Konkurrenz zum Ferry Audio Modular Four Seas
Ferry Island Modular Four Seas ist als Oszillator einzigartig. Die Idee, eine Verstimmung oder Akkorderzeugung in verschiedenen Modi via Drehregler zu realisieren, findet sich in etwas anderer Form jedoch auch im populären 4ms Ensemble Oscillator. Dort gibt es allerdings keine vier Einzelausgänge und auch nicht so detaillierte Eingriffsmöglichkeiten in die Klangerzeugung. PPG Wave 2.4 oder Industrial Music Electronics Piston Honda sind alternative Wavetable-Eurorack-Module. Andere wie Waldorf nw-1 oder Synthesis Technology E352 Cloud Terrarium sind nicht mehr erhältlich.
Video
Hier noch ein Video mit Erklärungen, Sounddemos und Ausschnitten aus einer Zoom-Konferenz, die ich vor dem Test mit Aurelie und Justin geführt hatte (im zweiten Teil des Videos).
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kleiner Fehler: Jukka ist nicht der Sohn, es gibt einen Sohn, aber der heisst anders.
Mitentwickler Jukka ist Musiker und musiziert unter dem Alias „Noise Trees“
interessantes Konzept, danke für den Test!