Test: Focusrite ISA One, Mikrofonvorverstärker

15. Juni 2018

Legendärer Sound zum kleinen Preis?

focusrite isa one

Wie heißt es doch in der Werbung: Für die einen ist es nur ein Schokoriegel, für die anderen die längste Praline der Welt. So ähnlich verhält es sich auch mit dem Vorverstärker von Focusrite: Die einen werden ihn eben „nur“ für einen weiteren PreAmp halten (oder gar für eine neue bayrische Krimiserie – „ISA Eins an Zentrale, wir sind auf dem Weg zum Unfallort“), die anderen wissen, welche produktionstechnischen Legenden sich hinter dem Kürzel ISA verbergen. Denn was der Käfer für Volkswagen, ist ISA für Focusrite: Ohne sie wäre man nur halb so berühmt.

Der Anfang des Focusrite ISA One

Deshalb starten wir mit einem kurzen Ausflug in die Firmengeschichte. Den ISA-Mikrofonvorverstärker gibt es schon seit 1985, seine Entstehungsgeschichte ist inzwischen Musikgeschichte. Der Beatles-Produzent Sir George Martin gab dem bekannten Ingenieur Rupert Neve den Auftrag, ein Mikrofon-PreAmp-Modul mit EQ für sein Neve Mischpult in seinem berühmten Air Studio in Montserrat zu entwickeln – das ISA 110 war geboren. Rund 7.000 US-Dollar musste man damals dafür auf den Tisch legen.

Eine Weiterentwicklung war das ISA 130, unter anderem mit Kompressor/Limiter, De-Esser/Exciter und Noisegate/Expander. Diese beiden Module – das ISA 110 und das ISA 130 – bildeten 1988 die Grundlage zur berühmten Focusrite Forte Konsole, die noch heute von vielen für das am besten klingende Mischpult aller Zeiten gehalten wird.

Als kleinsten Ableger der Serie bietet Focusrite das ISA One da. Mit einen Ladenpreis von knapp 450,- Euro wird die ISA-Herrlichkeit plötzlich erschwinglich. Oder hat die Sache doch irgendwo einen Haken?

focusrite isa one

Ich hab noch einen Koffer

… in Berlin – sowieso, aber jetzt auch noch einen weiteren hier in meinem Studio. Statt in einem unscheinbaren Pappkarton wie sonst üblich, wird der Focusrite ISA One in einem blauen Flightcase mit massiven Metallkanten und -ecken und sogar zwei Schlössern geliefert. Wobei ich mich allerdings frage, wer so blöd sein könnte, diese umständlich zu knacken, statt sich einfach den Koffer unter den Arm zu klemmen und erst einmal das Weite zu suchen. Bei einer Größe von etwa 38 x 32 x 15 cm braucht man nicht wirklich eine Sackkarre für den Abtransport. Nehmen wir es also als nettes Extra.

Die nächste Überraschung: Anders als alle ISA-Modelle vorher, ist ISA One kein Rackgerät, sondern ein Tischgerät mit abgeschrägter Frontplatte und sieht mit seinem technisch-nüchternen Design auf den ersten Blick eher aus wie ein physikalisches Messgerät. Vor allem die zentrale, großformatige VU-Anzeige trägt zu diesem Eindruck bei. Die wird noch von zwei sechsstufigen Peak-LED-Meter unterstützt, die einmal den Pegel des Haupteingangs und einmal den des Instrumenten-Eingangs oder des externen Monosignals anzeigen, das zum Abhören oder Konvertieren nach Digital zugeführt wird; die Anzeige kann dabei sowohl Pre- als auch Post-Insert verwendet werden. Das nur nebenbei – wo wir doch gerade schon mal dabei sind.

Koffer und handgeschriebene Urkunde gibt es als Zugabe

Koffer und handgeschriebene Urkunde gibt es als Zugabe

Focusrite ISA One – was ist das?

ISA One ist ein Einkanal-Mikrofonvorverstärker (mit dem sich mit einem Trick aber auch Zweikanalaufnahmen realisieren lassen) mit der Topologie der originalen ISA 100 Module, inklusive des Lundahl L1538 Transformers und des maßgeschneiderten Zobel Networks. Der PreAmp verfügt außerdem über einen Line-Eingang (XLR/Klinke) sowie über einen unabhängigen D.I.-Channel für Gitarre/Bass mit eigenem Gain-Regler, aktiv/passiv Impedanz-Umschalter und Klinkenausgang für das Routing zu einem Amp plus einem eigenen XLR-Ausgang auf der Rückseite. Vier Eingangsimpedanzen sind zur Mikrofonanpassung oder Klanggestaltung wählbar (inklusive der Original ISA 110). Über zwei Inserts lassen sich externe Prozessoren wie zum Beispiel EQ oder Kompressor zwischen Pre-Amp oder D.I. und der optionalen Stereo-AD-Wandler Karte (ISA Stereo ADC) einschleifen.

Klingt alles ganz toll und vor allem schön technisch. Doch im Grunde interessieren uns doch nur drei Fragen: Was kann ich damit machen, was kostet es und vor allem: Brauche ich das Teil? Gefolgt von der entscheidenden Frage: Wenn ja, wie erkläre ich dann meinem Lebensabschnittspartner, dass die Sache mit der Waschmaschine doch noch etwas warten muss?

Was kann man damit machen? In erster Linie natürlich ein Mikrofon anschließen, um es zu verstärken – dafür ist der ISA One ja vornehmlich gedacht. Das geschieht über den XLR-Eingang auf der Rückseite; wohl aus bautechnisch-optischen Gründen. Ein Anschluss auf der Frontplatte wäre bei promiskuitivem Mikrofongebrauch zwar praktischer, würde aber wohl nicht so schön aussehen.

+48V Phantomspannung lassen sich falls nötig natürlich zuschalten. Für die Vorverstärkung sind ungewohnterweise gleich mehrere Regler zuständig: Der „Gain-Regler“ sorgt fürs Grobe und springt in Zehnerschritten von 0-30 dB, auf Knopfdruck auch von 30-60 dB. Für das Feintuning dagegen bemüht man den „Trim-Regler“, der stufenlos von 0-20 dB dazu gibt. Wer sich da anfangs vertut, wird teilweise mit heftigen Pegelsprüngen bestraft. Hat man das Prinzip aber erst einmal verinnerlicht, weiß man die große Bandbreite von insgesamt 0-80 dB zu schätzen.

focusrite isa one

Forum
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    AMAZONA Archiv

    und der klang ist der gleiche wie bei den großen modellen (wenn man eqs und so deaktiviert?)

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      AMAZONA Archiv

      Die Schaltungen sind genau die der anderen "großen" ISA-Modelle (und grundsätzlich übrigens auch die der RED-Serie), somit ist vom exakt gleichen Klang auszugehen.

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    m.steinwachs  RED

    Ich hab die großen Modelle leider nicht zum Vergleich hier, aber da die grundlegende Technik die gleiche ist, dürfte wohl auch der Klang sehr ähnlich sein. Was sich aber letztendlich wohl nur in einem Direktvergleich genau sagen lässt.

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      AMAZONA Archiv

      ..na klar. Die paar tausend Euro Unterschied machen nichts aus . Der Klang ist derselbe. Nur EQ muss abgestellt werden (nachdem das Gehirn aus ist ;-)

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        m.steinwachs  RED

        *g* Ich sagte "ähnlich" und nicht "derselbe". Sicher gibts da noch Unterschiede – aber die grundlegende Technik ist nunmal dieselbe… Und oft legt man ja noch mal "ein paar tausend Euro" drauf für die letzten 10% mehr an Leistung…

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    AMAZONA Archiv

    Das Teil sieht aus wie ein alter Geigerzähler aus Sowjetbeständen.

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      m.steinwachs  RED

      Ach deshalb dauernd dieses Ticken :-) Schon richtig, das Design ist für einen PreAmp etwas ungewöhnlich…

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    AMAZONA Archiv

    Die Vermarktung der ISAs erinnert mich an die Vermarktung von sog. Luxusuhren: Schöner Koffer mit kitschig verschnörkelten Zertifikaten und vielen Knöppen plus Wissenschaftsdesign. Klanglich sind die ISA 110 Ableger gute Mittelklasse, keine Frage.. Ich möchte hier nicht das Gerät dissen, aber ich musste laut loslachen, als ich die bunte Kiste sah . Da kann sih die Schülerband endflich etwas professionelles zulegen, das auch so aussieht :-)))

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      m.steinwachs  RED

      Na ja – ich glaub, ne Schülerband hätte dann lieber nen Teil, das wirklich professionell aussieht und eben nicht wie ein Geigerzähler im Schminkkoffer – zum Protzen gibts sicher ansehnlichere Geräte :-)

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    tompisa

    Das ISA One mit der Digital Option (ADC) besitzt ein unglaubliches Preis/ Leistungsverhältnis.

    Der Klang ist Spitzenklasse und tatsächlich Neve pur bei 110 , Die Flexibilität ist dabei unglaublich . Man kann Mono und Stereo Quellen nutzen und mit der Digitaloption via AES/ EBU, SPDIF oder optisch an ein Audiointerface oder DAC weitergeben

    Ich meinem zweiten kleinen Studio Raum ist das ISA One plus DigitalOption per AES/ EBU mit meinem Mytek DSD 192 DAC verbunden , Per Firwire hängt diese Kombination an meinen Mac und wird dadurch zum Highend Audio Interface mit hervorragender Analog- Vorstufe. Klanglich in derselben Liga wie ein ULN-8 , mit etwas mehr „Neve“- Charme im Klang.

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    Chris76

    „Hohe Werte betonen eher die mittleren und tiefen Frequenzen, reduzieren aber den Ausgangspegel. Geringe Werte dagegen heben die hohen Frequenzen hervor bei gleichzeitigem höheren Gesamtpegel.“

    …???…Falsch!!!

    Es muss heißen Geringe Werte betonen eher mittlere…. und Hohe Werte heben die hohen Frequenzen….

    Kopfschütteln….

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