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Test: Harley Benton DC-Junior FAT, E-Gitarre

22. August 2021

Doublecut Junior zum Bestpreis

Harley Benton DC-Junior FAT Faded Cherry

Nachdem wir die Harley Benton DC-60 Junior im Test hatten, eine preiswerte SG mit beachtlichem Preis-Leistungs-Verhältnis, haben wir den Blick auf weitere Modelle der DC-Reihe von Harley Benton geworfen. Am Ende des Tages stellt sich immer bei solchen Preisklassen die Frage, wie groß der Unterschied zu den großen Preisbrüdern ist. Eine Gibson Junior steht uns aktuell nicht zur Verfügung, aber Maybach haben uns freundlicherweise ihre Lester JR für einen ausführlichen Vergleichstest zur Verfügung gestellt und wir werden konkret gegenüberstellen, welche klanglichen Unterschiede zwischen diesen beiden Gitarren auszumachen sind.

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Die zu vergleichende Gitarre ist die Harley Benton DC-Junior FAT, eine Doublecut mit Dogear Pickups, die sich so nah wie möglich am Gibson-Vorgänger orientiert wie nur möglich. Das Thema Billiggitarre hat vor allem in der heutigen Zeit das Potential, die Gemüter zu erhitzen – das ist hier nicht das Ziel. Stattdessen möchte man eine einfache Frage klären: Hat Harley Benton hier eine – vereinfacht ausgedrückt – gute Gitarre produziert? Und wenn ja – mit Abstrichen?

Harley Benton DC-Junior FAT – Features

229,- Euro – für eine Doublecut Junior. Das macht neugierig, skeptisch, vorfreudig – alles auf einmal. Denn die Junior FAT soll vor allem eins leisten: das unvergleichliche Feeling einer echten Gibson Junior reproduzieren. Entscheidend hierbei – neben dem Klang – sind Gewicht und der Hals. Sofort beim Auspacken setzt sich der gleiche Eindruck fort, den auch schon die DC-60 Junior transportierte: den einer tadellosen Verarbeitung. Es ist wirklich beachtlich – Mahagonikorpus, geleimter Mahagonihals, dreiteilig, komplett gleichmäßig verarbeitet. Zugegeben, bei der Saitenlage musste ich hier ran, im Gegensatz zur DC-60, die von Werk her völlig passte. Danach jedenfalls ist Oktavreinheit gegeben. Trotzdem –  brauchten erstmal ein bisschen Anlauf, die DC-Junior FAT und ich.

Harley Benton DC-Junior FAT Faded Cherry

Ich lasse mir Zeit und nehme die Gitarre ausführlich in Beschlag – das Ebenholzgriffbrett ist so sauber, ebenmäßig und glänzend gut verarbeitet, dass ich ein bisschen staunen muss. Zum unmittelbaren Vergleich ziehe ich meine Godin Stratocaster heran, die ebenfalls mit einem Ebenholzgriffbrett auskommt, aber definitiv nicht so glatt und sauber ist wie die HB. Ein paar unplugged Chords gespielt und gleich festgestellt: Trotz des extrem leichten Gewichtes passt das mit dem Sustain, auch wenn er nach hinten hin etwas scharf abknickt. Weiter geht’s mit dem Lack, matt und sanft anzugreifen am Hals. Gefällt mir definitiv besser als bei der DC-60, die aber punkten konnte mit dem SG-typischen, flachen C-Shape-Hals. Das hier ist eine gänzlich andere Nummer.

Harley Benton DC-Junior FAT Faded Cherry

Was meine ich damit? Nun, Harley Benton haben’s genau genommen mit den Maßen. Mit einer Mensur von 628 mm und vor allem dem Fat’59-Hals sind das hier originalgetreue Maße, die keine Zweifel zulassen sollen. Die Gitarre verlangt nach einem ordentlichen Grip, ist aber knapp über 3 kg leicht. Das ergibt in der Summe genau das Gibson Junior Feeling, das man so zu schätzen weiß: Gitarren, die nicht delikat angefasst werden wollen und es einem auch nicht schwermachen. Sind die Wrap-Around-Brücke und der Graphit-Sattel ein hinzunehmender Kompromiss? Vor allem ersteres kann beim Saitenaufziehen durchaus nerven, wenn man die mittlere, sehr feine Kerbe nicht vernünftig trifft. Nun, beides schlägt sich vor allem auf die Stimmstabilität nieder und auch hier wiederholt sich der Eindruck der DC-60: dauert eine Weile, aber die Wilkinson Stimmmechaniken rasten ein und das Gerät agiert verlässlich genug, um einen bis zwei Songs durchzuhalten.

Harley Benton DC Junior – Pickups & Sounds

Jetzt stellt sich die Frage: Wiederholt sich mein Eindruck von der DC-60? Hochwertige Buchse, gute Volume- und Tone-Alpha-Potis, gute, wenn auch unten rum etwas flache Pickups? Der große Clou der HB DC Junior ist das Coil-Splitting. Für den Preis keine gängige Sache – tatsächlich will mir aus dem Stehgreif keine weitere Gitarre einfallen, die unter 250,- Euro ein verlässliches Coil-Splitting erlaubt.

Harley Benton DC-Junior FAT E-Gitarre

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Aber wir nehmen den Laney und die SM-Mikrofone zur Hand sowie den Benson Germanium Fuzz und erforschen den Sound. Kopflastigkeit ist kein Thema – die Gitarre liegt perfekt an und bleibt in Position. Die Saitenlage ist immer noch nicht ideal, die Oktavreinheit macht Probleme und erfordert erneut ein leichtes Nachjustieren. Was mir sofort bewusst wird, nachdem ich ein paar Akkorde stehen lasse: Allein das Sustain rechtfertigt streng genommen den Preis.

Ich bin kein Gitarrenbauer und bin mir entsprechend nicht sicher, wie genau Harley Benton das machen. Der Lack ist so sauber aufgetragen und die Verleimung ebenfalls, sodass sich nicht genau einschätzen lässt, aus wie vielen Stücken der Korpus besteht und wie weit sich dies auf das Sustain auswirkt. Die Akkorde stehen, die Bespielbarkeit ist dank des sauberen Ebenholzgriffbretts, dem Mattlack am Hals und der nicht gegebenen Bundschärfe eine wahre Freude. Und der Sound?

Harley Benton DC-Junior FAT E-Gitarre

Nun – clean ist er, Coil oder Humbucker hin und her, nicht der Überflieger – sehr flach und charakterlos. Aber so wirklich will mich das nicht überraschen – auch bei hochwertigen P90 Kopien oder Originalen bin ich kein großer Fan des muffigen Clean-Sounds der kultigen Coils. Deshalb besorgt man sich keine Junior.

Es soll rotzen – lässt sich nicht anders ausdrücken. Eine DC Junior muss einen glaubwürdigen Punk-, Rock- und Stoner-Sound transportieren, der knistert und raunt und dieses gewisse Etwas transportiert. Und siehe da – ich bin überrascht. Die Roswell P90D Humbucker Coils sind hervorragend für den Zerrkanal meines Laneys ausgelegt. Selbstredend wurde hier nichts mit einem EQ nachjustiert – Amp und Roswell Pickups funktionieren gut genug miteinander.

Die zweite Königsdisziplin: Fuzz. Für P90-Kopien und -Originale gibt es keinen besseren Freund für einen schmatzigen, dreckigen Sound als einen Germanium-Fuzz. Silizium-Fuzz ist zu kratzig und brutal für den Mitten-Peak der P90-Frequenzen. Der Benson holt das aus den Roswell Dogears raus. Überrascht bin ich, dass die Pickups immer noch eine gewisse Transparenz und Gleichmäßigkeit im Frequenzrahmen transportieren, wenn ich vom Power-Akkord ins Barré gehe.

Ich bin ein großer Sonic-Youth-Fan. Thurston Moore hat so ziemlich mit jedem Gitarrentypen unter der lieben Sonne experimentiert und ein paar seiner denkwürdigen und bezeichnenden Sounds, die für den Post-Punk der späten 90er prägend waren, waren durchaus auf vintage P90er angewiesen. Per Coil-Splitting gebe ich dem Sound im ersten Beispiel ein bisschen Leichtigkeit und versuche mich an den SY-typischen Harmonien. Transportiert die Harley Benton DC Junior ebenfalls äußerst glaubwürdig. Ein bisschen den Tone rausgedreht – nur einen Hauch – und ich fühle mich an die Daydream Nation erinnert.

Coil-Splitting ist nur ein Weg, um der Gitarre unterschiedliche Sounds zu entlocken. Wie auch bei der DC-60 bin ich auf die Arbeitsqualität der Alpha-Potis gespannt. Sukzessive drehe ich die Klarheit und Helligkeit hoch, beginne mit muffigen Blues-Sounds und arbeite mich aus dem dunklen Fährwasser heraus. Hervorragend – lässt sich nicht anders sagen. Das geht auch hier wieder in Jaguar- oder Jazzmaster-Richtung, wenn man den Tone so richtig schön dunkel hält. Kombiniert mit dem Coil-Splitting ergeben sich hier unzählige Gesichter, die die DC Junior zeigen kann. Für viele macht das den Braten vielleicht nicht fetter, aber ich kann hier auch nur wieder auf den Preis verweisen. Gleiches gilt übrigens für das Volume-Poti. Die Höhen bleiben angenehm präsent, wenn auch ganz klar die Mitten dominieren, je leiser man die Gitarre dreht. Ganz klar jedoch kein Alleinstellungsmerkmal der Harley Benton DC Junior.

Also, wie ist die DC Junior einzuordnen? Nun, für den Preis die wahrscheinlich aktuell beste Gibson Doublecut Junior Kopie auf dem Markt. Ist sie mehr als ein Ersatzteillager oder Grundgerüst zum Verbauen neuer Pickups? Auch ja. Oktavreinheit und Stimmstabilität hin und her, die DC Junior steht ihren Mann. Und auch, wenn es zweifelsohne stärkere Junior-Typen auf dem Markt gibt – für Puristen und auch für Neulinge, die sich dem rotzigen Junior-Sound annähern wollen, eine starke Alternative oder vollwertiger Ansatzpunkt.

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Fazit

Lobeshymnen auf Harley Benton sind so eine Sache, aber als Tester muss man auf dem Grund der Tatsachen bleiben. Tiefpreise haben immer einen schalen Beigeschmack, vor allem in der heutigen Zeit. Doch kommt die Harley Benton DC Junior allen Musikern entgegen, die ihr Arsenal ausbauen und dabei im Rahmen des finanziell Möglichen bleiben wollen. Das hatten HB hier im Sinn und das hat funktioniert. Die Harley Benton DC Junior weiß genau, was sie sein will und macht es hervorragend: Klang, Verarbeitung, Sustain, Gewicht, Feeling – es stimmt viel. Keine perfekte Gitarre, aber für diesen Preis rechtfertigt sich hier problemlos noch ein „sehr gut“.

Plus

  • gutes Sustain
  • Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Sound durch Potis und Splitting vielseitig
  • geringes Gewicht
  • authentisches Junior-Feeling

Minus

  • Oktavreinheit
  • Saitenlage

Preis

  • 229,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Freddy

    Du meinst wahrscheinlich „coiltapping“, denn einen P90 kann man gar nicht splitten. Was bedeutet für Dich „Coils“ im Gegensatz zu „Humbuckern“? Trotz aller Coolness finde ich eine korrekte Wortwahl immer hilfreich.
    Leider scheinen die Klangbeispiele etwas lustlos und bringen die Facetten des Instruments nicht richrig rüber.
    Etwas zu viel Fuzz, finde ich. Aber das mag ich eigentlich bei den meisten Tests nicht so gern. Mit ein paar gut eingestellten Zerrkanälen oder Tretern kriegt man auch eine schwache Klampfe zum singen. Ich spiele selbst eine DC Special ( Selbstbau) mit (logisch) 2 P90ern und mag den HalsPu nicht missen. Der StegPu ist tatsächlich clean etwas weniger ausdrucksstark.
    Aber bei dieser Art Klampfen ,besonders den Junioren, darf man nicht vergessen in welchem Kontext sie einst auf den Markt gekommen sind. Und ein Nachbau ist kein Nachbau, wenn er das Original (immerhin von 1959 ca) im Jahre 2021 versucht zu blamieren.
    Grüsse

    • Profilbild
      lambik  

      Der verbaute P90 ist „gestackt“ und hat daher 2 übereinanderliegende Spulen. Ist also kein normaler mit nur einer Wicklung.

      • Profilbild
        Freddy

        Sorry, hab ich überlesen. Das erklärt es selbsverständlich.
        Hab sehr viele Meinungen zu sehr vielen soapbars gelesen und etliche Soundbeispiele gehört (man kann die ja nicht alle kaufen und antesten) und hab den Eindruck, daß die Streuung recht groß ist.
        Bei dem schlanken Taler für die HB ist sicherlich das Budget knallhart kalkuliert.
        Allein die Wraparound bridge aus Alu von Rockinger ist ja schon ein Viertel des DC junior Preises. Und die ist echt geil.
        Die guten Billigklampfen haben eine ambivalente Ausstrahlung, finde ich.
        Einerseits ist es ein leckeres Schnäppchen, das Spaß machen kann, andererseits wird ein Musikinstrument zu einer beliebigen Wegwerfware, die wahrscheinlich unter ökologischen und sozialen (Arbeitsbedingungen in Fernost) Gesichtspunkten eine echte Sauerei sind.
        That´s life. Und wenn man bedenkt, daß es in Fernost nur ca 3 große Gitarrenwerke gibt, die alle möglichen Brands bedienen, dann wird die Harley Benton vielleicht ja zufällig neben einer Schecter oder Gretch übers Band geschoben…
        Grüße

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