Test: Harley Benton EX-76 Classic GHW AN, E-Gitarre

11. Oktober 2020

Eine günstige Explorer im Antik-Finish

Harley Benton EX-76 Classic GHW AN E-Gitarre

Harley Benton EX-76 Classic GHW AN E-Gitarre

Die Musikhaus Thomann Hausmarke Harley Benton beschert uns auch im Jahr 2020 einige Neuheiten, die wir euch natürlich gerne in unseren Reviews präsentieren. Neu im Programm sind nun drei Explorer-Modelle, die mal wieder mit einem extrem günstigen Preis die interessierte Kundschaft locken sollen. Schlappe 350,- Euro werden zum Beispiel für die EX-76 Classic GHW AN aufgerufen, die bei uns zum Test in der Redaktion eingetroffen ist. Ob das ausreicht, um eine grundsolide Explorer zu fertigen, werden wir im nun folgenden Review versuchen festzustellen.

Harley Benton EX-76 Classic GHW AN – Facts & Features

Obwohl das Design bei vielen unter uns unweigerlich die Zugehörigkeit zum Heavy-Bereich suggeriert wurde bzw. wird, wird die Explorer bis heute noch von vielen Musikern unterschiedlicher Stilrichtungen eingesetzt. Angefangen bei Lynyrd Skynyrd, über Gary Moore und The Edge von U2, bis hin zu James Hetfield (Metallica), den spitzbärtigen Buben von ZZ Top und Eric Clapton: Sie alle wurden schon mit einer Gibson Explorer gesichtet. Sie hat eben „Wumms“ für jedermann bzw. jede Stilistik, die vollmassive Mahagonikonstruktion sorgt seit jeher für ordentlich Druck im Kessel und auch in Sachen Performance kann der ausladende Korpus mit seiner großen Auflagefläche für den Unterarm gefallen.

Harley Benton Explorer

Die Harley Benton EX-76 Classic GHW AN hält sich streng an die Vorgaben des Originals und erscheint ebenfalls mit massiven Hölzern aus Mahagoni für den Korpus und den Hals, aus zwei Teilen wurde der zackig geformte Body hergestellt und nur mit einer Klarlackschicht überzogen. Das ergibt laut Hersteller das Finish „Antique Natural“ und dürfte Fans von Vintage-Gitarren sicher auf Anhieb gefallen. Die Vorderseite ist wie beim Original absolut eben ausgefallen, auf der Rückseite sorgt eine Fräsung im oberen Bereich dafür, dass sich das Instrument angenehm an den Körper des Spielers anschmiegt.

Mahagonihals und Amaranth Griffbrett

Der Hals besteht wiederum aus drei Teilen und ist von einer etwas kräftigeren Sorte, auch hier dient eine Klarlackschicht dem Schutz des Holzes. Doch es sei gleich an dieser Stelle Entwarnung gegeben, denn der Lack zeigt sich weitestgehend resistent gegen das unbeliebte Kleben bei feuchter Greifhand. Die Lackierung ist bis in die letzten Ritzen hervorragend gelungen und bietet daher überhaupt keinen Anlass zur Kritik.

Harley Benton EX-76 Classic GHW AN Hals-Neck

Zwar kräftig, aber keineswegs klebrig: Halsrückseite der EX-76 Classic GHW AN

Aufgeleimt wurde ein Griffbrett aus Amaranth mit einem 15″ Radius, einfachen weißen Dots zur Orientierung und 22 Jumbo-Bünden, auch an dieser Stelle überzeugt die Verarbeitung. Die Bundkanten wurden sauber abgerichtet und auch an eine sorgfältige Politur der Bundoberflächen wurde gedacht. Das gleiche gute Bild gibt der Sattel ab, der von Graph Tech stammt und sauber in seiner Position eingesetzt wurde. Ein weiterer bekannter Name zeigt sich bei den Mechaniken an der hübsch designten Kopfplatte, hier stattet Grover die Gitarre mit einem Satz Klemmmechaniken aus, die wie die komplette Hardware in Gold erstrahlen. Die Tuner arbeiten zweifellos hervorragend, haben aber aufgrund ihres Gewichts einen entscheidenden Nachteil auf die Ergonomie des Instruments, denn sie sorgen für eine spürbare Kopflastigkeit. Die EX-76 Classic GHW AN „zieht“ also deutlich nach links, was man natürlich besonders beim Spielen mit der Gitarre auf dem Schoß bemerkt.

Für die Aufnahme der Saiten sorgt eine klassische Steg/Tailpiece-Konstruktion, beide Teile wurden sauber in die Decke eingesetzt. Die solide Goldchromschicht sollte sich lange gegen Feuchtigkeit oder aggressiven Handschweiß zur Wehr setzen können und um noch mal auf das Thema vergoldete Hardware zu kommen: Sämtliche Metallteile an Bord der Harley Benton EX-76 Classic GHW AN besitzen diese Farbe. Jede Schraube – und sei sie auch noch so klein – ist vergoldet, was zusammen mit dem rot-braunen Finish ein stimmiges Bild ergibt. Lediglich die Kappe des Dreiwegeschalters besteht aus schwarzem Kunststoff, was uns nun zur Elektronik der „Harley Benton Explorer“ führt.

Roswell Pickups und minimalistische Schaltung

Waren es früher noch Pickups von Wilkinson oder anderen Anbietern, so werden die Instrumente von Harley Benton nun schon seit geraumer Zeit mit Tonabnehmern von Roswell ausgestattet. Ich gebe zu: Nicht immer habe ich ein gutes Haar an diesen Teilen gelassen, jedoch steigt die Qualität dieser Pickups proportional zur Qualität der Gitarren und Bässe aus dem Hause Harley Benton, das muss man einfach feststellen bzw. wir konnten dies in unseren Tests über die Jahre hinweg bestätigen. Verbaut wurden hier zwei Roswell LAF AlNiCo-5 Humbucker, die über einen Dreiwegeschalter angesteuert und mit jeweils einem Volume-Poti für jeden Pickup sowie einem gemeinsamen Tone-Regler dem Geschmack des Spielers bzw. der Gegebenheit angepasst werden können.

Bislang gab es bei der Begutachtung des Instruments bis auf die Sache mit der Kopflastigkeit keinerlei Kritik an der Verarbeitung insgesamt und das ändert sich auch bei den Bedienelementen nicht, denn alle drei Potis laufen sauber und frei von jeglichem Spiel auf ihren Achsen, während der Dreiwegeschalter an der Spitze des unteren Cutaways satt in seinen Positionen einrastet. Eine Singlecoil-Schaltung gibt es bei dieser erdigen Rockgitarre nicht, somit stehen dem Benutzer ausschließlich die Sounds des Steg-Pickups, der beiden Pickups und die des Roswell in der Halsposition zur Verfügung. Aber sind wir mal ehrlich: Wer kauft sich schon eine Explorer, um damit unverzerrt zu spielen? Und damit ab zum Sound-Check!

EX-76 Classic GHW AN – Sound-Check

Akustischer Grundsound/Handling

Die massive Mahagonikonstruktion bietet bereits trocken angespielt eine erstaunliche Menge an Druck und eine starke Betonung der Bässe und der Mitten sowie eine überraschend beachtliche Lautstärke. Nicht ganz so knackig erweist sich das Attack, aber auch das war ja mehr oder weniger bei einem Vollmahagoni-Instrument zu erwarten. Dafür begeistert aber das Sustain umso mehr und lässt Akkorde kräftig stehen und einzelne Noten mit ungeahnter Wucht abfeuern.

Das Slim Taper Halsprofil besitzt ordentlich Fleisch und kann dennoch gefallen, der Grund dafür liegt in der griffigen Lackierung der Halsrückseite, die sich auch mit feuchter Greifhand nahezu widerstandslos bespielen lässt, ich erwähnte es ja bereits weiter oben im Text. Die Bespielbarkeit ab Werk geht in Ordnung, technisch anspruchsvollere Spieler würden sich vielleicht noch ein flacheres Setting der Saiten wünschen, was aufgrund der guten Verarbeitung des Halses und der Bünde aber kein Problem darstellen sollte. Aber auch schon so „out of the box“ bietet die Harley Benton EX-76 Classic GHW AN eine Bespielbarkeit, wie man sie in dieser Preisklasse nicht oft findet.

Elektrischer Sound

Die beiden Roswell-Pickups machen einen guten Job und können das klangliche Potenzial der Grundkonstruktion nahezu komplett ausschöpfen. Sicher, hier und da wirkt es vielleicht etwas schwammig und körnig, insgesamt betrachtet aber harmonisieren die beiden Humbucker gut mit dem Mahagoni-Body und bieten eine breite Palette von Sounds, die vornehmlich im Classic-Rock und im Blues ihre Stärken finden. Trotz der fehlenden Singlecoil-Option besitzen auch die unverzerrten Klänge durchaus ihren Reiz, zudem halten sie sich in puncto Nebengeräuschen erfreulich zurück und verderben auch nicht den Spaß bzw. die Dynamik und somit das Spielgefühl, wenn man die Lautstärke mit einem der Volume-Potis absenkt. Durch die hervorragende Verarbeitung des Instruments und dessen überzeugenden Grundsound könnte es sich aber dennoch lohnen, die beiden Roswells durch ein paar hochwertigere Tonabnehmer zu ersetzen!

EX-76 Classic GHW AN – Klangbeispiele

Für die folgenden Klangbeispiele wurde ein Mesa/Boogie Studio 22+ Combo verwendet. Vor dem Combo wurde ein AKG C3000 Mikrofon platziert, ehe das Signal in Logic Audio aufgenommen wurde.

Fazit

Die Harley Benton EX-76 Classic GHW AN präsentiert sich im Test als eine sehr gut verarbeitete und für diese Preisklasse mehr als überzeugende Explorer, die sich mühelos mit dem Original messen kann. Einziger Kritikpunkt ist ihre Kopflastigkeit, doch das kann man ja mit einem fetten Ledergurt kompensieren. Der gehört ja ohnehin irgendwie dazu.

Plus

  • Verarbeitung
  • Optik
  • kräftiges Sustain
  • warmer und druckvoller Klang
  • hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • Kopflastigkeit

Preis

  • 350,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Hein Bloed  

    Täuscht der optische Eindruck, oder ist der Korpus der HB nicht deutlich kleiner, als der Body einer regulären Gibson Explorer?
    Ich hatte die vor ziemlich viel Jahren mal vor dem Bauch, ebenso mal eine Ibanez Destroyer und ich kann mich daran erinnern, wie riesig mir jeweils der Korpus erschien. Das sind richtige Bretter.
    Im Video sieht die HB massiv kleiner aus, das dürfte auch die Ursache für die Kopflastigkeit sein.
    In den Bewertungen bei Thomann wird ebenso ein verkleinerter Korpus erwähnt. Wie kommt der Autor dann zu Sätzen wie „Die Harley Benton EX-76 Classic GHW AN hält sich streng an die Vorgaben des Originals“? oder „…mehr als überzeugende Explorer, die sich mühelos mit dem Original messen kann“?

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Tach Hein,

      ja, der Korpus ist etwas kleiner, ansonsten aber echt Explorer im Design und von der Qualität sehr, sehr nah am Original.

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