Der Preisbrecher mit Überlänge!
Die Harley Benton JA-Baritone HH BK ist eine Baritongitarre im Offset-Design für Liebhaber tief gestimmter Sounds aus den Bereichen Stoner, Doom, Metal, Surf und Indie. Mit einem Ladenpreis von 209,- Euro richtet sie sich an Einsteiger und preisbewusste Gitarristen, die den erweiterten Tonumfang einer Mensur von 762 mm ohne großen Budget-Einsatz erkunden möchten.
Worum geht es? Die Harley Benton JA-Baritone HH BK ist eine preisgünstige Baritongitarre im Offset-Design mit 762-mm-Mensur und Humbucker-Bestückung für tiefe Tunings.
- Preis-Leistung: Für 209,- Euro bietet die Gitarre eine erstaunlich hohe Verarbeitungs- und Spielqualität.
- Bariton-Mensur: Die 762-mm-Mensur sorgt für hohe Saitenspannung und klare Artikulation in tiefen Stimmungen.
- Bespielbarkeit: Trotz der langen Mensur bleibt das Instrument dank des schlanken Halsprofils gut beherrschbar.
- Klang: Die Humbucker liefern ordentlich Output, wirken klanglich jedoch etwas charakterarm.
- Fazit: Eine klare Empfehlung für preisbewusste Gitarristen mit Interesse an Bariton- und Bass-VI-artigen Sounds.
Inhaltsverzeichnis
Vorgezogenes Fazit
Ladenpreis: 209,- Euro. B-Stock: 175,- Euro. Mir ist durchaus bewusst, dass ich nicht der Erste bin, der jetzt wieder einmal mit der Preisthematik ankommt. Die HB-Fachabteilung Gitarre kann das Argument wahrscheinlich schon in allen Variationen und in mehreren Sprachen herunterbeten. Aber wie bitte kann man bei diesen Preisen noch Gewinn machen? Wie hoch ist der Einkaufspreis bei den einzelnen Komponenten?
Noch vor wenigen Dekaden bekam man für solche Kurse einen Haufen zusammengeschusterten Mist, der weder akzeptabel klang noch in irgendeiner Form bespielbar war. Meine erste E-Gitarre war eine Luxor SG-Kopie Mitte der Siebziger für 350,- DM – was heutzutage inflationsbereinigt etwa 550,- bis 600,- Euro entsprechen würde. Im Vergleich dazu wirkt das, was mit der Harley Benton JA-Baritone hier für gut 200,- Euro auf den Tisch legt, geradezu absurd kompetent.
Im Prinzip kann man sich eigentlich nur noch auf die Suche machen, ob irgendetwas an der Harley Benton JA-Baritone HH BK nicht funktioniert oder sonst wie völlig aus dem Ruder läuft. Eine ernsthafte Kritik ist bei einem solchen Preis kaum mehr anzubringen. Schlimmer noch: Es gibt sogar Punkte in der Konstruktion, die auf einen höheren Abgabepreis schließen lassen würden.
Die JA-Baritone empfiehlt sich klar für preisbewusste Gitarristen, die in tiefe Stimmungen eintauchen wollen, ohne dabei den mittleren dreistelligen Bereich zu verlassen. Wer auf Anhieb ein spielfertiges Instrument mit Bariton-Mensur und Humbucker-Bestückung sucht, findet hier ein Angebot, das man eigentlich nur schwer ignorieren kann.
Konzept und Herkunft
Das „JA“ in der Typenbezeichnung dürfte nicht zufällig gewählt sein. Die Anlehnung an die Fender Jaguar liegt auf der Hand, die es seinerzeit ebenfalls als Baritongitarre gab und die ein Gemisch aus der regulären Jaguar und dem Fender Bass VI darstellte.
Beide erblickten Anfang der Sechziger das Licht der Welt. Harley Benton folgt diesem Pfad konsequent, allerdings mit einem eigenen Fokus: Die Offset-Silhouette im Vintage-Gewand wurde hier vollständig in Hochglanz-Schwarz lackiert, inklusive der passend gestalteten Kopfplatte. Das ergibt ein geschlossenes, fast schon finster-elegantes Erscheinungsbild, das weit mehr hermacht, als der Preis vermuten lässt. Schwarzes Schlagbrett, schwarze Hardware, schwarze Kopfplatte – wer Minimalismus schätzt, wird sich wohlfühlen.
Harley Benton selbst beschreibt das Modell als Erweiterung der JA-Baritone-Familie, die bislang mit P90-Pickups bestückt war. Die neue HH-Variante liefert mehr Output und eine straffere Bassansprache. Damit positioniert man sich deutlich stärker im Hard’n’Heavy-Bereich.
Konstruktion und Materialien
Der Korpus besteht aus Pappelholz, einem Holz, das in dieser Preisklasse als Standard gilt und klangtechnisch durchaus respektable Resultate liefern kann, sofern Verarbeitung und Konstruktion stimmen. Klanglich ist das Sustain-Verhalten insbesondere für einen Bolt-on-Hals beachtlich, was auf eine gute Holzwahl und solides Handwerk schließen lässt.
Der angeschraubte Hals aus kanadischem Ahorn trägt ein C-Profil, das den meisten Usern zusagen sollte. Die Sattelbreite von 42 mm ist für eine Baritongitarre angemessen, wenngleich sie auch sehr schlank gehalten ist. Ein interessanter Eyecatcher ist das Griffbrett aus Purple Heart, sprich Amaranth, Violettholz oder Bischofsholz, wie es auf Deutsch genannt wird. Dieses außerordentlich harte, violett gefärbte Tropenholz aus der Gattung Peltogyne, das in Mittel- und Südamerika wächst, bietet eine schöne optische Abwechslung zur allgegenwärtigen Palisander- oder Ahornoberfläche. Die 21 Bünde sind mit Block-Inlays versehen, was dem Instrument zusätzlich einen Hauch Vintage-inspirierten 70s-Flairs verleiht.
Die Hardware ist komplett schwarz gehalten und umfasst eine feste Brücke mit Einzelreitern sowie eine Saitenführung durch den Korpus. Die Tuner im Kluson-Stil verrichten ihre Arbeit vergleichsweise gut, laufen aber ungewöhnlich schwergängig. Das ist kein Drama, aber ein Hinweis darauf, dass Harley Benton die Kosten irgendwo einsparen muss.
Die Mensur und was sie bedeutet
Die überlange Mensur der Harley Benton JA-Baritone von 76 cm ist deutlich länger, als man es von den meisten Baritongitarren gewohnt ist und entspricht einer Medium-Scale-Mensur bei Bässen. Dass Harley Benton dabei latent mit dem Bass-VI-Tuning liebäugelt, ist offensichtlich. Normalerweise bekommt man eine solche Mensur bei einer Gitarre nur bei Sonderanfertigungen, wie etwa bei meiner Custom Panthera von Framus. Im „normalen“ Bariton-Tuning geht man fünf Halbtöne unter das Standard-Tuning und erreicht die Stimmung B-E-A-D-F#-B.
Man könnte die JA-Baritone HH BK aber auch wie einen Bass verwenden, indem man eine Oktave unter die Gitarrenstimmung geht. Dies ist zum Beispiel das Tuning für den in Deutschland sehr erfolgreichen Titel „Guitar King“ von Hank the Knife and the Jets. Auch mit den werksseitig aufgezogenen Saiten der Stärke .014–.068 lässt sich mit etwas gutem Willen ein Oktav-Tuning umsetzen.
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Wer auf der Suche nach einem Baritonsatz mit einer Plain-D-Saite ist, kann gerne einmal meinen Pyramid Signature Satz für überlange Mensuren ausprobieren. Der Unterschied zwischen einer umsponnenen und einer nicht umsponnenen Saite ist in Sachen Bending durchaus spürbar, dazu gleich mehr.
Übrigens: Ein Bass VI ersetzt keinen „echten“ Bassisten in der Band, erlaubt es einem Gitarristen aber, zu einem Zwitterwesen zu mutieren, das je nach Einsatzbereich einen sehr authentischen Surf-Sound ermöglicht.
Bespielbarkeit
In Sachen Bespielbarkeit muss man der Harley Benton JA-Baritone ein großes Lob aussprechen. Trotz der überlangen Mensur gestaltet sich die Handhabung aufgrund des schlanken Halsprofils als vergleichsweise einfach. Sowohl Akkord- als auch Solospiel lassen sich gut erledigen, wenngleich die umsponnene D-Saite (bei einer Gitarre im Standard-Tuning die G-Saite) in Sachen Bending einen deutlich längeren Weg aufweist als reguläre, nicht umsponnene Saiten.
Das ist keine Konstruktionsschwäche, sondern schlicht die physikalische Konsequenz aus Mensur und Tuning. Wer Bendings auf der D-Saite als festen Bestandteil seines Spiels betrachtet, sollte sich damit vorab bewusst auseinandersetzen.
Die 762-mm-Mensur sorgt dafür, dass Saitenspannung und Tonklarheit auch in tiefen Stimmungen erhalten bleiben. Das schlägt sich auch positiv auf die Artikulation nieder, da Akkorde wenig matschen und einzelne Noten gut definiert bleiben.
Klang und Elektronik
Zwei Keramik-Humbucker in Steg- und Halsposition bilden das klangliche Fundament der Harley Benton JA-Baritone. Was mich persönlich nicht ganz überzeugt, ist der Klang der hauseigenen Pickups. Er ist keramiktypisch etwas mittenbetont und hätte dadurch eine gute Basis für einen durchsetzungsfähigen Grundsound. Allerdings fehlt es den Pickups an Charakter, um im Kontext endgültig zu überzeugen.
Für High-Gain-Stoner und Doomer mag das ausreichen. Wer jedoch feinere Klangdifferenzierung sucht oder im Bandkontext bestehen will, könnte über ein Pickup-Upgrade nachdenken. Bei dem genannten Ladenpreis des Instruments ist bestimmt noch etwas Budget übrig.
Die Steuerung der Harley Benton JA-Baritone beschränkt sich auf einen Volume-Regler, einen Tone-Regler und einen Dreiwegeschalter. Hier liegt auch der einzige wirklich kritikwürdige Punkt des gesamten Instruments: Der Dreiwegeschalter stellt tatsächlich die unterste Qualitätsstufe dar. Er wackelt, er ruckelt, er arbeitet im Schaltprozess sehr indirekt und sollte deshalb ausgetauscht werden. Kostenpunkt: etwa 10,- bis 15,- Euro. Das ist der einzige handwerkliche Ausrutscher, den man an dieser Gitarre mit gutem Gewissen benennen kann.




































ich bin überascht.
es sich gerade magen sehr gut fühlt:-)) da mach ich gerne so mal die augen zu.
Dankeschön für Test!🙂
Wie bekommt man am ehesten einen Bass-VI Sound hin mit diesem Instrument? Andere Saiten, anderer Pick-up, anderes Instrument?
Hmm, wenn die Pickups eh zur Disposition stehen, wäre es dann nicht sinnig zur P90 Version zu greifen? Immerhin spart man so ein paar Euro und bekommt eigentlich das gleiche Instrument.
Ich hatte diese Version ohnehin im Blick (generell macht HB ja auch gerne mal Modelle mit weniger Massentauglichkeit. Aktuell habe ich viel Spaß mit der halb akustischen Dobro. Würde mich dementsprechend über eine 12-Saitige Bariton doppelt freuen).