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Test: Harley Benton Mighty-15TH, Gitarrentopteil

29. Dezember 2020

Budget-Einkanaler in Vollröhrentechnik

Einen Vollröhren-Head für unter 250,- Euro? Kann das funktionieren, werden sich einige nicht ohne Grund fragen, zumal Vergleichbares aus den Reihen der etablierten Fiirmen gerne einmal das Fünffache oder mehr aufrufen und es Konkurrenten wie z. B. den 6505 Mini Head von Peavey gibt, der zwar knapp 200,- Euro mehr kostet, dafür aber auch ein echter 2-Kanaler mit großer Klangbreite ist. Das geht natürlich nur, wenn bestimmte Methoden des Direktmarketings erfüllt werden, wie sie zum Beispiel bei den Hausmarken von Thomann gegeben sind. Im Saitenbereich lautet die Hausmarke bekanntlich Harley Benton und mit dem Harley Benton Mighty-15TH macht sich Europas führendes Musikhaus auf, einmal mehr für ungläubige Gesichter in Preis-Leistungs-Bereich zu sorgen.

Harley Benton Mighty-15TH Test

Harley Benton Mighty-15TH – Vorderseite

Der Aufbau des Harley Benton Mighty-15TH

Um einen Ladenpreis, wie den oben genannten, halten zu können, ist eine Fertigung in Asien ein fester Bestandteil jeglicher Kalkulation. Während die Fertigung von Instrumenten mittlerweile zu einem Großteil nach Indonesien verlagert wurde, wird der Großteil der Produktionen von elektronischen Bauteilen immer noch in China abgewickelt. So wird auch der Harley Benton Mighty-15TH in China gebaut und ohne einen Zwischenhändler direkt in das Lager des Musikhauses Thomann geliefert, was auch den sehr günstigen Ladenpreis erklärt.

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Bei dem Harley Benton Mighty-15TH handelt es sich von der Ausrichtung her um eine Mischung aus Moderne und Tradition. Als Tradition muss die einkanalige Mastervolume-Ausrichtung gewertet werden, wie sie spätestens mit den Modellen 2203/2204 aus dem Hause Marshall vor knapp 40 Jahren ihren Siegeszug um die Welt antraten. Als Moderne hingegen ist die Lunchbox-Klasse zu sehen, die das immer wichtiger werdende Thema Transportabilität in den Vordergrund rückt.

Zudem wird immer wieder gerne an der Ausgangsleistung gespart, da man so auch schon bei vergleichsweise geringen Lautstärken sich den Effekt der Endstufensättigung zu Nutze machen kann. So kann man den Amp zwischen 7 und 15 Watt fahren, was wahrscheinlich über eine Trioden/Pentodenschaltung realisiert wird. Aber Vorsicht, ein brüllend lauter 50 Watt Vollröhren-Head ist gerade einmal ca. 30 Prozent lauter als der Harley Benton Mighty-15TH in der 15 Watt Schaltung, d. h. Endstufensättigung ist selbst bei diesen Leistungsangaben nicht in Zimmerlautstärke möglich!

Harley Benton Mighty-15TH Test

Harley Benton Mighty-15TH – Rückseite

Erzeugt wird die Ausgangslautstärke in dieser Klasse nahezu immer mittels 1, 2 oder 4 Stck. EL84 Endstufenröhren, die mit ihrem dezent spitzklingenden Grundklang sich deutlich von der Riege EL34 oder gar 6L6 abgrenzen. Klanglich ist dies alles Geschmackssache, aber in einem Gehäuse wie bei dem vorliegenden Amp mit den Abmessungen von 330 x 162  x 146 mm (B x H x T) lassen sich die größeren Glaskolben einschließlich Trafos etc. einfach nicht unterbringen. Wie viele Klein-Amps läuft auch der Harley Benton Mighty-15TH in Class-A, wobei die Vorstufe mit 2 Stck. 12AX7 (ECC83) Röhren und als Besonderheit mit einer 6E2 Indikatorröhre bestückt wurde.

Die strammen Honoratioren unter den Lesern werden sich unter Umständen noch an den legendären Effekt erinnern, als sie das Röhrenradio ihrer Oma auf dem Speicher gefunden haben und nach dem Einschalten des Geräts nach ein paar Sekunden ein türkisfarbener Balken aufleuchtete, seiner Zeit als das „magische Auge“ bezeichnet. Je nach Belastung der Endstufe „pumpte“ der Streifen nach außen hin und vermittelte dem Hörer/Zuschauer eine Einsteiger-Lichtorgel für Fußgänger. In Anlehnung an diesen Effekt hat auch Harley Benton dieses „Späßle“ verbaut und unterhält den Anwender auch optisch je nach Anschlagstärke mit einem türkisem Lichtspiel, hier allerdings in der Vertikalen. Optisch hübsch, aber klanglich ohne weitere Bedeutung.

Vom allgemeinen Erscheinungsbild könnte man dem Head auch eine „russische“ Fertigung attestieren, vermittelt der Amp mit seinem massiven, in jederlei Hinsicht metallischen Erscheinungsbild eine lange Lebensdauer und genügend Widerstandskraft gegen tollpatschige Kollegen oder zuweilen tumbe Stagehands. Die in jeder Hinsicht saubere Verarbeitung einschließlich massiver Bleche muss allerdings auch mit einem Gewicht von 9,5 kg bezahlt werden, allerdings gibt es als Bonus auch vier kräftige Füße und einen hochwertigen Klappbügel als Tragegriff.

Harley Benton Mighty-15TH Test

Harley Benton Mighty-15TH – Profil

Überhaupt hat man den Eindruck, Harley Benton hat sich trotz der vergleichsweise geringen Marge viel Mühe mit dem optischen Erscheinungsbild des Verstärkers gegeben. Das Outfit aus weißer Schrift und silbernen bzw. schwarzen Bauteilen ist hübsch anzusehen und lässt dem Verstärker genügend Möglichkeit, die Hitze aus dem Inneren abzuführen. Nicht nur die Front- und Rückenblende einschließlich Oberseite verfügen über Lüftungsschlitze, nein, selbst die Seitenteile bieten jeweils noch drei kleine abgedeckte Schlitze. Auch hübsch.

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In Sachen Regler und Schalter gibt sich der Harley Benton Mighty-15TH sehr puristisch und verzichtet sogar auf die sonst übliche Presence-Regelung. Neben einer Standard 3-Band-Klangregelung und der Gain/Master-Funktion bietet der Amp noch einen Boost-Schalter für etwas mehr Dampf im Kessel. Als Besonderheit liegt der Leistungswahlschalter auf der Vorderseite des Gehäuses und wurde in den Standby-Schalter integriert, was sich als nicht ganz praxisgerecht herausstellt. Möchte man den Amp auf Standby schalten, geht dies nur mit sehr viel Gefühl oder aber man benutzt zwei Finger, da man gerne einmal mit viel Schwung in die mittlere Schalterstellung kommt, so dass man regelmäßig über die Standby-Position hinübergleitet und in der anderen Leistungseinstellung landet. Leider stehen alle Regler einscjließlich der beiden Kippschalter deutlich nach vorne ab und würden eine seitlich flache Krafteinwirkung nicht überleben. Ich empfehle daher auf jeden Fall, dem Verstärker ein entsprechendes Case zu spendieren und ihn kräftig in Schaumstoff zu packen.

Rückseitig geht es noch spartanischer zu, hier werden lediglich drei Lautsprecherausgänge (1x 16 Ohm plus 2x 16 Ohm bzw. 1x 8 Ohm) zzgl. Kaltgerätesteckerbuchse und Hauptsicherung angeboten. Ein FX-Loop ist nicht vorhanden, was bedeutet, dass alle Effekte, auch Delay und Reverb, vor der Vorstufe des Verstärkers platziert werden müssen.

Harley Benton Mighty-15TH Test

Harley Benton Mighty-15TH im Einsatz

In der Praxis

Wer einen Einkanaler auf Vollröhrenbasis für den Live-Betrieb verwendet, wählt bezgl. seiner Verwendung meist zwischen zwei verschiedenen Ausrichtungen. Möglichkeit 1 ist die „AC/DC-Tribute-Band“-Variante, sprich man hat einen perfekten Sound gefunden und muss diesen während der gesamten Live-Show nicht mehr ändern, außer evtl. etwas mit dem Volume-Regler der Gitarre zu arbeiten. Möglichkeit 2 ist die Variante, in der man den Amp als mehr oder weniger cleane Basisstation verwendet und alle Gain-Stufen über externe Pedale erzeugt, wie es zum Beispiel auch Gitarristen vom Kaliber eines Michael Landau machen. Um es vorneweg zu nehmen: Der Harley Benton Mighty-15TH macht bei beiden Varianten eine gute Figur.

Bekanntermaßen werden Einkanaler so gut wie nie für High-Gain-Sounds gezüchtet. Warum? Nun, es würde die „Flexibilität“ des Amps deutlich einschränken. Würde man die Vorstufe entsprechend Gain-lastig konzipieren, würde ein echter Clean-Sound wegfallen und über den Volume-Regler ließe sich ggf. noch etwas in Richtung Crunch-Sound ergattern, allerdings zumeist mit den Gain-Einstellung einhergehenden Nebengeräuschen. Setzt man den Amp aber als einen Clean-/dezenten Crunch-Vertreter ein, gibt es mit einem zusätzlichen Overdrive einen Lead-Sound und mit zurückgenommenem Volume-Regler einen Clean-Sound. Oder aber man stellt den Amp clean ein und benutzt zwei Pedale, Overdrive und Distortion für eine zusätzliche Gain-Variation. Funktioniert bestens, Unmengen von Amps im 2203/2204-Stil sprechen eine eindeutige Sprache.

Nimmt man den Harley Benton Mighty-15TH für den cleanen Sound, fällt direkt ein leichtes Manko auf, das sich über alle zur Verfügung stehenden Sounds legt. Der Amp klingt ordentlich, weist aber eine latente „Belanglosigkeit“ im Sound auf. Der Sound ist immer ein wenig matt und es fehlt ihm etwas an „Spritzigkeit“, wie man sie von den höherpreisigen Konkurrenten her kennt.

Natürlich wäre es anmaßend, den Amp mit der Boutique-Abteilung oder Reissue-Auflagen z. B. aus dem Hause Marshall zu vergleichen, dafür sind die preislichen Abstände einfach zu hoch. Im Großen und Ganzen hält der Amp allerdings, was er verspricht. Er bietet, abhängig von der Konzeption und der Gleichstromwiderstände der Pickups, alles von Clean bis Crunch und verträgt sich auch bestens mit Zerrern aller Art, die dem Amp ihr ganz eigenes Soundprofil aufdrücken können. Für Gitarristen, die wissen, was sie wollen und dabei einen kleinen, stabilen und preiswerten Vollröhreneinkanaler brauchen, ist er genau die richtige Wahl.

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Fazit

Mit dem Harley Benton Mighty-15TH setzt die Thomann Hausmarke zum Preiskampf in der Vollröhren Lunchbox Amp Klasse an. Der Head ist sehr gut verarbeitet, vergleichsweise leicht zu transportieren und bietet eine breite Palette an cleanen und angecrunchten Sounds.

Der sehr günstige Kurs entschädigt für den etwas farblosen Grundsound, was die Praxistauglichkeit des Amps allerdings nicht schmälert.

Plus

  • Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Optik
  • Verarbeitung

Minus

  • höhenarmer Grundsound

Preis

  • 229,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Joerg  

    Ich bin von den Teilen (direkt) Made in China völlig ab.
    Direkt = damit meine ich die saugünstigen Dinger, die ohne „Aufsicht“ eines bekannten Herstellers und seinem Namenszug auf dem Teil hergestellt werden.
    Warum ?
    Darum !
    Ne, Spass beiseite: 3 so Dinger hatte ich im Laufe der Jahre und das Einzige, was wie auch immer positiv hängen geblieben ist, ist folgendes:
    A) wie schnell die ohne schuldhaftes Zutun den Geist aufgegeben haben
    und
    B) auf welche seltsamen Art und Weisen das geschehen kann
    „Positiv“ in dem Sinne, wieviel neue Sachen man im Laufe des Lebens erleben kann und darf 😁

    • Profilbild
      Hein Schlau  AHU

      Kann ich nachvollziehen. Meinen Meteor-Mini-Amp betrifft das aber anscheinend nicht – ich denke, wenn man „bescheiden“ bleibt und für wenig Geld auch kleine (Ausgangs-) Leistung erwartet, kommt das schon hin.
      Eine Vollröhre aus China würde ich aber auch vermeiden und auch die billigen Multieffekte klingen schrecklich.
      Und für einen „matten“ und „höhenarmen Grundsound“ sind mir auch 229 Euro viel zuviel (mir wären dafür auch 29 Euro zuviel).

      • Profilbild
        Joerg  

        Das seh ich genauso.
        Da ich auch gerne mit Modelling arbeite: Nach Teilen von Moo* und Hoto* bin ich wieder bei Line6 gelandet.
        Nach meinem ganz subjektiven Empfinden nicht ohne Grund.

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