Tiefer geht immer - Bariton zum Budget-Preis
Die Harley Benton SC-Custom III Baritone ist ein ganz junger Spross der mittlerweile recht großen Harley-Benton-Gitarrenfamilie. Eine Baritongitarre in einem Preissegment, das es schwer macht, dieses Instrument nicht automatisch in die private Gitarrenfamilie zu integrieren. Mal schauen, ob ich Widerstand leisten kann.
Was ist es? Harley Benton SC-Custom III Baritone, eine günstige Singlecut-Baritongitarre mit 712-mm-Mensur, Tesla-Humbuckern und moderner Ausstattung.
- Bariton-Mensur: 712 mm Mensur und .013–.062-Saiten sorgen für straffe Spannung und stabiles Tuning im tiefen B-Tuning.
- Ausstattung: Meranti-Korpus, Palisandergriffbrett mit Edelstahlbünden und splitbare Tesla-Alnico-5-Humbucker.
- Spielgefühl: Niedrige Saitenlage, angenehmer C-Shape-Hals und gute Ergonomie dank Rippenspoiler und Cutaway.
- Klang: Straffes Bassfundament und lange Sustainphase, besonders stark bei cleanen bis leicht angezerrten Sounds.
- Fazit: Sehr preiswerte Baritongitarre mit überzeugender Verarbeitung, allerdings Schwächen im Highgain-Betrieb.
Inhaltsverzeichnis
Harley Benton SC-Custom Baritone – Die Mensur
Wer sich gern in den tieferen Frequenzbereichen aufhält und seine Gitarre regelmäßig um zwei oder drei Halbtöne herunterstimmt, sollte in Erwägung ziehen, sich eine Baritongitarre zuzulegen. Das ist aus mehreren Beweggründen sinnvoll. Warum ist das so?
Nun, das tiefere Tuning auf einer Gitarre herkömmlicher Bauart führt schnell zu Unsauberkeiten in der Gesamtstimmung, weil die Spannung der Saiten irgendwann stark nachlässt. Zum einen führt das dazu, dass bei härterem Anschlag die Schwingungen der Saiten zu stark ausgelenkt werden. Zum anderen gibt das ein recht schlabberiges Spielgefühl.
Die Lösung ist eine längere Mensur, die eine höhere Saitenspannung zur Folge hat. Dadurch kann auch die Stimmung des Instruments deutlich weiter herunterreichen. Ein weiterer Faktor ist die Stärke der Saiten. Bei einer Baritongitarre kommen deutlich dickere Drähte zum Einsatz, in der Regel so etwa .013 bis .062, was einem sauberen, drückenden Bassfundament zugutekommt.
Die Harley Benton SC-Custom III Baritone bietet eine Mensur von 712 mm und wird ab Werk mit eben genannter Saitenstärke ausgeliefert. Die Stimmung bei dieser Baritongitarre lautet B–E–A–D–f♯–b, womit sie eine Quarte unter der Standardstimmung einer herkömmlichen E-Gitarre liegt. Manch ein Gitarrist schwört auf noch tiefere Stimmung und spielt eine Quint tiefer. Dazu kann dann auch ein noch dickerer Saitensatz von .014 bis .068 zum Einsatz kommen.
Facts, Features und Verarbeitung
Die Harley Benton SC-Custom III Baritone verfügt über einen Korpus aus Meranti, einem in der Fertigungsregion Südostasien heimischen Hartholz. Die Formgebung der klassischen Singlecut-Gitarre schreit nach einem eingeleimten Hals, der in diesem Fall auch aus Meranti besteht und am vorderen Ende in einer ebenso klassischen Kopfplatte mit 3L/3R-Mechaniken mündet.
Insgesamt wirkt diese spezielle Les Paul deutlich schlanker und leichter als ein herkömmliches Modell, was wohl neben dem deutlich dünneren Korpus auch am Rippenspoiler auf der Rückseite liegen dürfte.
Das Griffbrett aus Palisander trägt 22 Medium-Jumbo-Edelstahlbünde, die am Rand des Griffbrettes vorbildlich verrundet sind.
Die perfekt ausgeführte Lackierung in „Army-Burst“ hat zwar einen zweifelhaften Namen, sieht aber verdammt gut aus. Das ohnehin schon recht dunkle, matte Oliv geht zum Rand hin in Schwarz über, was der Optik der Harley Benton SC-Custom III Baritone in Verbindung mit der schwarzen Hardware eine edle Tiefe verleiht.
Dem Korpus umläuft ein siebenstreifiges, schwarz/weißes Binding, die Rückseite von Korpus und Hals sind ebenfalls matt lackiert. Die Lackierung fühlt sich hochwertig und in keiner Weise klebrig an, was bei lackierten Hälsen nicht unbedingt selbstverständlich ist. Am korpusseitigen Ende der Saiten tut eine WSC-Tune-O-Matic-Bridge ihren Dienst.
Die Elektronik
Die Harley Benton SC-Custom III Baritone setzt, wie alle aktuellen Modelle, auf Tesla-Pickups. In diesem Fall sind das zwei 2 Tesla-TM‑VR‑Nitro‑Alnico‑5‑Humbucker, die für vollen, ausgewogenen Sound sorgen sollen. Ausgewählt werden die Pickups ganz Les-Paul-typisch mit einem 3-Way-Toggle-Switch. Jedem der beiden Humbucker ist ein Volume-Poti zugeordnet. Das Tone-Poti kümmert sich um die Summe.
Als nettes, nicht zu unterschätzendes Goodie sind die Humbucker splitbar. Leider nicht getrennt voneinander, das wäre sicherlich praxisorientierter, ist aber angesichts des Preises der Harley Benton SC-Custom III Baritone sicherlich verschmerzbar.
Nach dem Öffnen des rückseitigen mit Graphitlack abgeschirmten Elektronikfachs erwartet uns saubere Lötarbeit. Wer hier noch modifizieren möchte, hat reichlich Platz, sich auszutoben. So könnte zum Beispiel noch ein getrennter Split der beiden Humbucker realisiert werden.
Die Praxis
Die Werkseinstellung passt, die Saitenlage ist erfreulich niedrig und modern. Zusammen mit dem C-Shape-Hals ergibt sich sofort ein vertrautes Spielgefühl, auch wenn das ganze Instrument eine Zigarettenschachtelbreite länger ist als gewohnt. Die Saiten sind bei B-Stimmung straff, das Instrument spricht schnell und mit deutlichem Attack an.
Eine minimale Kopflastigkeit ergibt sich aus den Dimensionen des Instruments. Im Sitzen ist das allerdings absolut tolerabel, am Gurt fällt es überhaupt nicht mehr auf. Dank Rippenspoiler und ausgefrästem unteren Cutaway spielt sich die Harley Benton SC-Custom III Baritone nach kurzer Eingewöhnung wie eine alte Bekannte.
Unbedingt erwähnen möchte ich, dass im Karton ein Paar Security Locks liegen und die Gurtpins schon direkt dafür passend ausgewählt wurden. Warum machen das nicht alle Hersteller?

Der Neck Joint der Harley Benton SC-Custom III Baritone ermöglicht in Zusammenhang mit der Fräsung am Cutaway müheloses Spiel in den oberen Lagen
Der 3-Weg-Toggle arbeitet sauber und rastet sicher ein, die Potis haben gleichmäßige Regelwege. So soll es sein. Der Coil-Split erfolgt per Pull-Poti. Dank der verwendeten Dome-Knöpfe klappt das auch mit schwitzigen Händen zuverlässig.
Frisch aus dem Karton hört man deutlich Schleifgeräusche beim Ziehen von Saiten, was für eine unzureichende Polierung der Bünde spricht. Das erledigt sich aber im Verlauf der ersten paar Spielstunden komplett von allein und soll nicht als Minuspunkt verstanden werden.
Der Sound
Trocknen angespielt imponieren sofort der growlige, straffe Bass und das lange Sustain. Wenn die Tesla-Pickups das so umsetzen, dann erwartet uns ein zutiefst beeindruckendes Fundament.
Zur Demonstration der klanglichen Fähigkeiten der Harley Benton SC-Custom III Baritone spiele ich die Gitarre direkt in die DAW und verwende das Neural DSP Archetype: Petrucci X Plug-in.
Mit einem cleanen Sound zeigt die Harley Benton SC-Custom III Baritone ebenfalls die eben erwähnten, straffen Bässe und zusätzlich einen überraschend weichen, geradezu seidigen Sound. An Effekten sollte hier lediglich ein Reverb zum Einsatz kommen. Ich musste allerdings die extreme Dynamik, die bei einer Baritongitarre aufgrund der ungewohnten Frequenzen auftritt, mittels eines Compressors im Eingang minimal zügeln.
Es folgen zwei Klangbeispiele mit je einem Breakup- und einem satten Crunch-Sound. Während bei ersterem unter Verwendung des gesplitteten Hals-Pickups noch alles recht ausgewogen klingt, mogelt sich die tiefe B‑Saite bei letzterem langsam, aber deutlich vernehmbar in den Vordergrund.
Tighte Rockriffs sollten ja für eine Baritongitarre quasi die Paradedisziplin darstellen. Leider entpuppen sich die Tesla-Pickups jedoch als recht mikrofonisch. Was bei liegenden Akkorden noch nicht stört, tritt bei abgedämpften Riffs dann leider deutlich zutage.
Hätte ich im ersten Moment noch gesagt, das komplette Layout der Harley Benton SC-Custom III Baritone schreit nach Metal, muss ich mir eingestehen, dass ich die Stärken nach diesem Test eher in cleanen bis angezerrten, atmosphärischen Sounds sehe. Hier ein Beispiel mit ein paar Effekten. Dieser Sound macht mich glücklich, damit könnte ich tagelang rumdaddeln. Das satte Bassfundament und die angenehmen, seidigen Höhen eignen sich hervorragend für Ambient und Atmo.




































Schöner Test! 👍
Bei dem Preis könnte man natürlich gleich ein paar extra PUs einplanen. Dann ist das Problem mit der Mikrofone auch gelöst.
@Trichter Danke ☺️
Ja, absolut D’accord. Mich würde echt interessieren, wie das Ding mit einem Satz EMG 57/66 klingt. Leider kann ich am Testinstrument nicht rumschrauben, das gibt Mecker…😂
HB haben in letzter Zeit ein paar wirklich schöne Gitarren. Schade, dass es die nicht als Bässe gibt, denn da ist die Auswahl deutlich weniger ansehnlich.