Test: Hotone Xtomp, Effektpedal für Gitarre

9. August 2016

Ein Pedal kaufen, viele Pedale besitzen!

Wie so oft im Leben eines Sechssaiters stehen sich in vielerlei Hinsicht zwei Lager mit gefletschten Zähnen gegenüber. Auf der einen Seite der traditionell verhaftete Vintage Player, dessen Kämpfen um den wahren Ton ganze Wagenladungen von Pedalen, Amps und Boxen fordert, lediglich durch das persönliche Budget beschränkt und auf der anderen Seite der modern angelegte Pragmatiker, der gerne zugunsten von Transportabilität und Effektivität auf Digitalisierung und Modeling zurückgreift.

-- HoTone Xtomp --

— Hotone Xtomp —

Generell haben beide Lager ihre Vor- und Nachteile, von daher werde ich den Teufel tun und mich einer Seite mehr verpflichtet fühlen als der anderen. Es gibt aber Bereiche, wo sich die Anteile in Prozenten deutlich in eine Richtung verschieben. Ganz klar sind die Rollen im Pedalbereich verteilt, sofern es sich um einen einzelnen Effekt handelt. Auch wenn im Multieffekt-Warenlager gerne auf Modeling zurückgegriffen wird, der klassische Overdrive oder aber auch Chorus der alten Schule kommt in analoger Form daher und tragen auf einem gut lesbaren Schild die Namen Ibanez, Boss oder auch den einen oder anderen Boutique Seiteneinsteiger vor sich her.

Was aber, wenn die Emulation auf ein einzelnes Pedal zugreifen soll, am besten noch multifunktional in Sachen Verzerrer, Modulation oder Raumeffekt? Ach du jemine, ich glaube, da ist gerade der erste Vintage-Jünger in der zweiten Reihe in Ohnmacht gefallen. Da wollen wir doch mal sehen, was uns mit dem HOTONE XTOMP erwartet, denn genau das ist das Konzept des in vielerlei Hinsicht herausragenden Pedals.

Facts & Features

Ich bin mir sicher, ein Teil der Leser erlebt gerade ein kleines Déjà-vu. Programmierbares Pedal mit unterschiedlichen Sounds, eventuell gespeist von einem Smartphone? Kommt uns das bekannt vor? Ja, kommt es, es ist in der Tat das Konzept der Digitech iStomp Serie, die nach eben diesem Prinzip funktioniert. Allerdings hat das HOTONE XTOMP einige Unterschiede im Betriebskonzept, die in der Praxis eine leichtere Nutzung ermöglichen.

HoTone Xtomp - Front

— HoTone Xtomp – Front —

Während Digitech eine Ladung der Sounds über ein lizenziertes Apple Kabel umsetzte und sich somit dem Apfel Affenzirkus im Bezug auf 30-Pin, Lightning und anderen proprietären Kabelmist unterwerfen musste, geht Hotone diesem Zwang aus dem Weg, indem es auf Bluetooth zur Datenübertragung setzt. Das hat den Vorteil, dass man kein sperriges Kabel mit sich rumschleppen muss, was man zudem an keiner Ecke nachkaufen kann.

Wer jetzt aber glaubt, er könne quer über die Bühne sein Pedal neu programmieren, muss leider einen Gang zurückschalten. Während des Testbetriebes gab es eine einwandfreie Funktion (iPhone 6), solange das Produkt unmittelbar neben dem Pedal lag. Aus 2 Metern Entfernung gab es leider einige Datenübertragungsabbrüche. Außerdem benötigt das Pedal bis zu einer Minute, um die Sounds zu laden, von einem schnellen Soundwechsel auf der Bühne ist daher abzuraten.

HoTone Xtomp - Stirnseite

— HoTone Xtomp – Stirnseite —

Ein weiterer Vorteil liegt in der Spannungsversorgung. Wie auch bei dem iStomp kann das HOTONE XTOMP aufgrund der intensiven Rechenleistung nicht mit einer 9 Volt Batterie betrieben werden, verträgt aber eine höhere Auswahl an Ampereleistungen als das iStomp. Während Digitech nach dem hauseigenen 1,4 Ampere (!) Netzteil verlangt, gab sich das XTOMP auch mit einem Standard 200 mA Netzteil von Ibanez oder BOSS zufrieden. Leider gehört kein Netzteil zum Lieferumfang. Ein Schelm, wer vermutet, dass man mit diesem die Verpackung dann nicht mehr so exklusiv hätte gestalten können …

Die Idee hinter dem Produkt ist jedoch einleuchtend, ein Pedal kaufen, sehr viele besitzen. Je nach Bedarf ist das HOTONE XTOMP ein Verzerrer, ein Modulationseffekt, ein Raumeffekt, eine Verstärker/Boxen-Simulation oder aber eine Kombination aus zwei verschiedenen Effekten. Allerdings ist man auf die Kombination der Werkspresets angewiesen, eine frei zusammen kombinierbare Auswahl ist nicht möglich.

Konstruktion des Hotone Xtomp

Aber hoppla, hat man mir da das neue iPhone geliefert? Wann auch immer es einen Preis für das attraktivste Bodenpedal geben sollte, der Gewinner steht jetzt schon fest. Angefangen bei der Verpackung bis hin zum finalen Gerät, hier hat Cupertino einmal mehr Pate gestanden. Gebürstetes Aluminium, ein sehr massives Metallgehäuse, sechs Drehregler, die ja nach geladenem Effekt von einem LED-Ring in unterschiedlichen Farben angeleuchtet werden und ein On/Off-Schalter, den ebenfalls ein passender Ring zwecks Schaltungszustand umgibt und der wahlweise als True Bypass oder als Buffer-Amp im Off-Modus zu programmieren ist. Dazu noch vier kleine Gummifüße, die sich geradezu an einer glatten Fläche festsaugen. Wie gesagt, aber hoppla!

Das Gerät ist in Stereo ausgelegt, kann aber auch mono betrieben werden. Die beiden Ein- und Ausgangsbuchsen liegen jeweils sehr eng beieinander, allerdings hat Hotone ordentlich Maß genommen. Selbst bei den sehr massiven Neutrik Steckern der Cordial Roadline Serie berühren sich die Stecker nicht. Alle anderen Anschlüsse in Form des 9V Steckers und einer USB-Schnittstelle zwecks Firmware Update befinden sich an der Oberseite des Gehäuses.

HoTone Xtomp - Seitenansicht 1

— HoTone Xtomp – Seitenansicht 1 —

Insgesamt besitzt das HOTONE XTOMP 51 Effektmodulationen, 45 Einzeleffekte und 6 Kombinationseffekte. Interessant ist die jeweilige Anlehnung an klangliche Vorbilder, abhängig vom Effektbereich. Während man sich im Verzerrerbereich zu 100% auf die großen Namen wie TS-9, DS-1, OD-1, TS-808 oder MT-2 beruft, weicht man im Modulationsbereich nur zu ca. 50% auf Vorbilder aus (z.B. CE-2), um dann im Raumeffektbereich ausschließlich Eigenkreationen zu liefern. Die Library wird jedoch ständig erweitert, was dazu führte, dass am Ende des Tests 34 neue Effekte geladen werden konnten, die aber nicht mehr in den Test mit einflossen.

Dabei leuchten die jeweiligen LED-Ringe in passenden Farben der Originale (Tube Screamer grün, DS-1 orange usw.) und zeigen zudem an, welche der Regler gerade geschaltet sind und welche nicht. Ganz klar, optisch ist das nicht zu toppen! Allerdings kann man den Reglern nicht ansehen, welchen Bereich sie gerade regeln. Wo bei der TS-9 Emulation noch der Tone-Regler saß, sitzt bei dem DS-1 plötzlich der Lautstärkeregler. Auf der Smartphone App sind die Bereiche allerdings abgebildet, zudem gehören zwei Lagen Aufkleber zum Lieferumfang, mit denen man sein Pedal individualisieren kann.

HoTone Xtomp - Seitenansicht 2

— HoTone Xtomp – Seitenansicht 2 —

In der Praxis mit dem Hotone Xtomp!

Einmal die Quick Start Bedienungsanleitung überflogen, der Rest erklärt sich von selbst. Die nötige App aus dem App Store laden, starten, Effekt auswählen, Xtomp auswählen, laden, fertig. Bei Bedarf noch ein wenig Hintergrundwissen über den geladenen Effekt nachlesen und ausprobieren. Nachdem der Effekt geladen wurde, brauchen manche Regler ein paar Millimeter, bevor sie ihre neue Funktion auf dem Regler erkennen, danach läuft aber alles wie geschmiert.

HoTone Xtomp - Footswitch

— HoTone Xtomp – Footswitch —

Klanglich liefern die Effekte ein durchweg gutes bis sehr gutes Spektrum. Interessanterweise haben die Programmierer Wert auf einen überwiegend „analogen“ Klangeindruck gelegt. Kein Effekt wirkt steril digital, im Gegenteil, man hat eher einen kräftigen Hauch Vintage an die Effekte gelegt, was gerade im Verzerrerbereich dem allgemeinen Klangspektrum sehr entgegen kommt. Man könnte sagen, der Klang und die Optik des HOTONE XTOMP sind diametral.

Bei den Kopien kommt das XTOMP recht nah an die Originale, wobei insbesondere die Modulationseffekte sehr überzeugen. Die Verzerrersounds sind wie immer sehr geschmacksabhängig, hier sollte sich einfach jeder sein eigenes Bild machen. Bei den Eigenkreationen sind einige sehr interessante Effekte am Start, gerade im Raumbereich bemüht sich HOTONE um eine abwechslungsreiche Auswahl. Ausprobierenswert!

BB

Fazit

Mit dem HOTONE XTOMP befindet sich ein sehr gut klingendes Pedal auf dem Markt, das zudem locker den Designerpreis im Bereich Bodeneffekte abräumt. Konzeptionell besetzt der Hersteller der Smartphone-Programmierung eine Effekt-Nische, die er sich mit nur einem Konkurrenten teilen muss und somit aus dem Vollen schöpfen kann.

Gerade die Spezies der Studiomusiker wird sich freuen, keine Pedalboard Schlachten mehr fahren zu müssen, um den passenden Effekt auf die Schnelle liefern zu können. Aber auch Musiker, die in verschiedenen Bands mit unterschiedlichen Setups spielen, können sich ihr jeweiliges Setup vor der Probe/Show individuell zusammenstellen, ohne auf ein anderes Board zurückgreifen zu müssen. Sehr empfehlenswert!

Plus

  • Konzeption
  • Optik
  • Verarbeitung
  • Sound
  • Ausstattung

Minus

  • -

Preis

  • Ladenpreis: 229,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    dilux  AHU

    also von den emulierten pedalen kenne ich nur das ce-2, aber das klingt als original um welten besser!, verstehe auch nicht, wo das problem liegt, sich 5 pedale hinzustellen, die dann einen vollen, warmen sound erzeugen, anstatt eines stehen zu haben, welches steril und flach klingt.
    das verständnis des autors zum begriff qualität verhält sich exakt diametral zu meiner auffassung.
    für mich als synthesist ein totes stück hardware, die bewertung des xtomp lässt sich für mich nicht nachvollziehen

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      Axel Ritt  RED

      Hi „dilux“, die Bewertung lässt sich neben verschiedenen subjektiven Vorlieben an 2 objektiven Punkten fest machen, Transportabilität und Preis.

      1.) Transportabilität: Wenn man mit seiner Musik Geld verdient und viel in Bahn oder Flugzeug reisen muss, ist man dankbar für jedes Gramm was man an Gewicht einsparen kann. Wenn es mir gelingt, 3 Pedale weniger zu transportieren und dennoch meinen Sound erzeugen zu können, ist dies ein großer Gewinn.

      2.) Preis: 5 Pedale der gehobenen Preisklasse kratzen je nach Hersteller an der 800 € Marke, was ein Vielfaches des Preises des Xtomp darstellt. Dabei benötigt man evtl. einen Sound nur einmal im Set, muss dafür aber ein eigenes Pedal mitschleppen.

      Wenn sich einer jeden Verzerrer kaufen möchte, der ihm gefällt, ist das ein tolle Sache, da gibt es gar nichts zu mäkeln. Wenn es aber darum geht, professionelle Detaillösungen für den Praxisbetrieb zu finden, halte ich das Pedal für eine sehr gute Lösung.

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        Zetahelix  

        Der Sound haut mich jetzt nicht grade vom Hocker ind auch die Idee ist ja keine ganz neue, siehe zb. Digitech iStomp. Das gabs vor Jahren schon.

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          Axel Ritt  RED

          Zitat Test: „Ein Pedal mit unterschiedlichen Sounds, eventuell gespeist von einem Smartphone? Kommt uns das bekannt vor? Ja, kommt es, es ist in der Tat das Konzept der Digitech iStomp Serie, die nach eben diesem Prinzip funktioniert.“ … Es zahlt sich ggf. aus, etwas mehr als die erste Seite des Testes zu lesen und in die Soundfiles rein zu hören. Der erfahrene Leser weiß zudem dass sich ein Pedal vor jedem Amp völlig unterschiedlich anhört. Der hier verwendete Amp war ein Palmer Eins.

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        Chick Sangria  

        Laut Thomann-Bewertung gibt es Umschaltverzögerungen zwischen Sounds, die einen professionellen Praxisbetrieb unmöglich machen. Die Formulierung „tote Hardware“ klingt hart, aber tatsächlich: Woher soll ich wissen, welche Parameter die Regler bedienen? Zumindest wenn ich nicht mein iOS-Gerät unter der Nase habe – was im Live-Einsatz ja gerade unerwünscht ist.
        Andererseits: Ein Display hätte das Gerät sicher teurer gemacht, sowas kann wohl erst ein Line6 Helix für ein Vielfaches.

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          Axel Ritt  RED

          entweder du platzierst dir einen der mitgelieferten Aufkleber unter oder über den Reglern, oder aber du merkst dir die Regler. Außerdem sagen dir ja auch deine Ohren was für einen Regler du gerade bewegst. Wie gesagt, für den laufenden Live-Betrieb um verschiedene Effekte abzurufen ist das Produkt nicht gemacht! Dort fungiert es lediglich als On/Off, oder aber du lädst einen neuen Effekt in der Spielpause.

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        dilux  AHU

        vielleicht bin ich ja zu sehr idealist, aber genau die von dir genannte betrachtungsweise – man kann sie wahrscheinlich als pragmatisch beschreiben – würde in mir immer die befürchtung hervorrufen, beim erschaffen oder wiedergeben von musik das wichtigste zu verlieren: die leidenschaft.
        ich finde, das primäre kriterium beim beurteilen von equipment, das zum musik produzieren genutzt wird, muss der klang sein, und auch wenn diese beurteilung subjektiv erfolgt, finde ich, das xtomp hat 3 sterne nicht verdient.

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          Axel Ritt  RED

          das ist dein gutes Recht, aber die Definition von Klang ist nun mal in höchstem Maß subjektiv. Von daher, jedem das Seine …

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      Marcus Müller  

      Für den Gitarristen, der einen xtomp jetzt ein paar Monate im Einsatz hat, ist er ein sehr flexibles Teil mit überwiegend exzellenten bis zumindest brauchbaren Effekten. Braucht man während der Bandprobe einmal einen ausgefalleneren Effekt…mit dem xtomp keine Problem und bequehm über das iphone. Qualitativ übrigens deutlich besser als die istomps von denen ich auch einige besitze (mittlerweile Staubfänger).

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    OscSync  

    Du schreibst „Konzeptionell besetzt der Hersteller der Smartphone-Programmierung eine Effekt-Nische, die er sich mit nur einem Konkurrenten teilen muss“ und meinst damit Digitech.
    Ein deutlich mächtigeres aber konzeptionell nicht grundsätzlich anderes Kaliber wäre für mich auch das Eventide H9 mit Steuerung per Control-App über Bluetooth.

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    Zetahelix  

    Klar, das H9 kostet aber nun mal dreimal so viel :) Abgesehen von der Zusatzhardware für BT … für das Geld find ich das Xtomp schon OK, nicht dass das falsch rüberkommt.

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    janschneider  

    Auf den ersten Blick kommt einem das Konzept ja ganz pfiffig vor, auf den zweiten denke ich dann: Moment, ist das eigentlich nicht nur ein Multieffektpedal in hip, aber unpraktisch, da kein Display, keine per Fußschalter anwählbaren Presets, aber dafür Abhängigkeit von einer App und BT? Was ist die Zielgruppe? Gitarrenpedal-Hipster, denen es peinlich wäre, sich mit sowas offensichtlich „digitalen“ wie einem Multieffektpedal erwischen zu lassen?
    Klar, manche Multieffekte sind mal schnell doppelt und dreifach so teuer, aber es gibt ja auch einige in ähnlichen preiskategorien wie das Hotone, Boss z.B. Da müsste der Sound dann schon drastisch besser sein, das mag ich jetzt anhand ein paar Beispiele nicht bewerten wollen…

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      AMAZONA Archiv

      Das sehe ich genau so. Die Nachteile gegenüber echten Multis überwiegen viel zu deutlich, auch wenn es noch so gut klingt, was live sowieso keiner hört. Für den Live-Betrieb ist es, dank der langen Ladezeiten, kaum zu gebrauchen und im Studio greift der Transportvorteil nicht, der live auch nur dann gegeben wäre, wenn man mit dem Xtomp mehrere Treter einsparen würde. Wenn ich einen Sound beim Gig wirklich nur einmal benötigen sollte, halte ich das Multieffekt für die bessere und deutlich flexiblere Wahl. Schließlich ist es ja nicht die Fülle an Möglichkeiten, die Viele an Multis ablehnen, sondern, dass die meisten digital und die Effekte und Amps „nur“ imitiert sind, und das ist beim Xtomp auch der Fall.

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