Test: Humble Audio Quad Operator, Algo Expander, Eurorack

28. Dezember 2019

FM-Algorithmen fürs Eurorack

Test: Humble Audio Quad Operator, Algo Expander, Eurorack

Test: Humble Audio Quad Operator, Algo Expander, Eurorack

Humble Audio hatte im Mai auf der Superbooth 2019 seinen Quad Operator und den Algo Expander vorgestellt, ein Einstieg in die digitale FM-Synthese im Eurorack.

Damit man ungefähr einen ersten Eindruck der Möglichkeiten erahnen kann, empfehle ich zur Einstimmung das folgende Video von der Superbooth 2019.

Es laufen gleich drei Quad Operatoren gleichzeitig (obere Rack-Reihe).

Ausgepackt: Humble Audio Quad Operator und Algo Expander

Da liegen sie nun, der Quad Operator und sein Algo Expander von Humble Audio. Humble Audio haben ihren Firmensitz in Kalifornien. Es ist offenbar ihr erstes Eurorack-Projekt – und was für eins.

Packungsinhalt zum Quad Operator und Algo Expander

Abb. 2: Quad Operator und Algo Expander ausgepackt

Obwohl ich ein wenig vorbereitet war, bin ich doch überrascht von den vielen kleinen Drehreglern. Bisher haben meine Finger nur die räumlich sehr großzügigen Regler der Firma Doepfer gespürt. Die Tendenz scheint in letzter Zeit bei vielen Eurorack-Entwicklern zur Kompaktheit zu gehen.

Abstand der Regler beim Quad Operator

Abb. 3: Ein Finger-Selfie mit dem Quad Operator

Es ist für mich anfänglich etwas fummelig in der Haptik, aber ich werde mich daran schon gewöhnen. Der Drehwiderstand ist wegen des kleinen Radius angenehm schwergängig. Alle Regler sitzen fest, da wackelt nichts und insgesamt geben sie ein Gefühl der Hochwertigkeit. Neben den insgesamt 33 (!) kleinen Reglern gibt es noch zwei große konische Hauptregler. Man fasst sie unwillkürlich an der oberen stumpfen Spitze an, ebenfalls hochwertig.

Zum Spaß habe ich mal auf zwei der Eingangsbuchsen zwei unbenutzte normale Reglerkappen zum Vergleich gelegt.

Größenvergleich herkömmlicher Reglerkappen mit den Originalkappen des Quad Operators

Abb. 4: Fremde Kappen auf der Bedienoberfläche

Ich möchte mir nicht vorstellen, wenn alle Kappen diese Größe hätten. Der Quad Operator müsste eineinhalb Mal so breit sein, also gut gemacht. Die kleinen Drehknöpfe haben genügend Abstand, um sie sicher zu bedienen. Enger dürfte es nicht sein, breiter aber auch nicht. Ich finde noch fünf kleine Schalter, einige Leuchtdioden, 17 Eingangsbuchsen und vier Ausgangsbuchsen. Da gibt es viel zu erforschen.

Das Expandermodul Algo Expander hat nur einen großen Drehregler, einen Eingang und drei Leuchtdioden.

Mit den beiden Modulen werden ein 15x 2-faches Flachkabel, das obligatorische Flachkabel zum Eurorack-System, Verbindungsschrauben und ein kleiner Ansteck-Button als Gimmick geliefert.
Es fehlt ein Handbuch, das man aber schnell herunterladen kann unter: aktuelles Handbuch (in Arbeit)

Während des Tests werde ich immer wieder nachschauen, ob es ein Update gibt, denn es ist noch nicht vollständig. Apropos Update, man kann die Firmware des Quad-Operators über einen winzigen Micro-USB-Port aktuell halten. Mein Testgerät hat die aktuelle Firmware 1.0.3. Ein entsprechendes USB-Kabel liegt übrigens nicht dabei, aber vielleicht hilft ja dann das USB-Kabel des eigenen Smartphones?

Micro Midiport und die Steckerleiste für das Verbindungskabel zwischen Quad Operator und Alg Expander

Abb. 5: Micro-MIDI-Port und die Steckerleiste für das Verbindungskabel zwischen Quad Operator und Alg Expander

Und damit kommen wir zur Rückseite:
Beide Module müssen über das oben erwähnte Flachkabel verbunden werden. Aufpassen muss man lediglich, dass man die doppelreihigen Stecker auf die einreihigen Stiftleisten korrekt einsetzt. Falls man bei einem Stecker der Module die falsche Reihe benutzt, passiert nichts, da es ja keine Verbindung gibt. Die Kontrolldiode leuchtet einfach nicht auf.

Doppelreihige Stecker und einreihige Steckerleisten am humble audio quad operator

Abb. 6: Doppelreihige Stecker und einreihige Steckerleisten

Warum es noch andere Stiftleisten gibt, erschließt sich mir nicht. Offenbar hat Humble Audio noch etwas vor. Auf der kompakten Platine sieht man außer winzigen ICs nicht viel, wenn man von den weißen Tastern SYSBOOT und RESET absieht.

Die Platine mit zwei weißen Tastern SYSBOOT und RESET auf der Platine

Abb. 7: Die Platine mit zwei weißen Tastern SYSBOOT und RESET

Alles erscheint äußerst digital.

Quad Operator und Algo Expander im Eurorack

Man benötigt insgesamt 34 TE Einheiten in der Breite (Quad Operator 30 TE, Algo Expander 4 TE). Also werfe ich aus meinem Rack einige Module heraus und ersetze sie und vergesse auch nicht die Unterlegscheibchen für die Schrauben.

Platzbedarf von Quad Operator und Algo Expander im Eurorack

Abb. 8: Quad Operator und Algo Expander im Eurorack

Um es gleich vorweg zu nehmen: Mit dem Quad Operator kauft man sich keinen TX81Z von Yamaha. Mit digitalen FM-Synthesizern ,wie die der DX-Serie von Yamaha, verbindet man hauptsächlich typische polyphone E-Piano-Sounds und perkussive Glockenklänge. Insbesondere polyphones Spiel klingt immer sehr eindrucksvoll. Will man eigene Presets erstellen, muss man sich in die Abgründe tief verschachtelter und kleinschrittiger Editiermenüs begeben oder man ist in der glücklichen Lage, die Editier-Software SoundDiver noch ans Laufen zu bekommen, aber auch dann ist der Weg mühevoll. Stundenlanges Experimentieren und Zwischenspeichern sind ein absolutes Muss.
Es gab auch schon früher eine Editier-Hardware z. B. den DX-Programmer. Software-Varianten sind auch nicht jedermanns Sache, wenn es um einfache Programmierung geht.
Die Theorie zur FM-Synthese dahinter findet man übrigens in dem sehr lesenswerten Artikel von Holger Gerdes:

SYNTHESIZER 4: WAS IST FM-SYNTHESE UND PHASEN-FREQUENZMODULATION

Humble Audio schiebt dies offenbar alles zur Seite und gibt die Maxime aus:

One knob per function design for true ease of use”.

Mehr darüber findet man im selbstbewussten Firmen-Manifest. Das muss man beim Lesen dieses Tests im Hinterkopf behalten.

Kein Durchsteppen durch irgendwelche Menüs, alles im Direktzugriff, keine Kompromisse in den Modulationen. Der Künstler soll sich direkt und frei entfalten! Ein hoher Anspruch, mal sehen, wie nah und schnell man herankommen kann, abgesehen davon, dass ich kein Künstler bin.

Wie der Name schon sagt, handelt es sich um einen Vierfach-Oszillator mit einem Expander. Alle vier Oszillatoren sind digitale Oszillatoren („Operatoren” in Anlehnung an die DX-Serie), d. h. ihre Ausgangsschwingungen werden durch eine Berechnung in einem Prozessor erzeugt. Die zugrundeliegende Idee ist, diese Schwingungen durch Modulationen untereinander zu verknüpfen. Das Handbuch gibt keinen Aufschluss darüber, ob die Modulation durch Frequenzmodulation oder durch Phasenmodulation erfolgt. Das muss einen Musiker auch nicht unbedingt interessieren. Beide Modulationsformen ergeben ähnliche Ergebnisse.

Die Bedienoberfläche des Quad Operators

Funktionale Bereiche im Panel des Quad Operators

Abb. 9: Ein Überblick über die Eine-Funktion-ein-Regler-Philosophie

Um es gleich vorweg zu nehmen: Übersichtlichkeit sieht anders aus. Es genügt meiner Ansicht nach nicht, alle Regler und Buchsen in einem rechteckigen Raster anzuordnen. Das sieht zwar ordentlich aus, doch ist dadurch der Funktionszusammenhang ohne optische Unterstützung nicht verbessert. Ich habe zwei Tage gebraucht, um die verschiedenen Modulationswege zu verinnerlichen, aber der Reihe nach.

Herausstechend sind lediglich die zwei großen kegelförmigen Regler links beim Quad Operator und rechts beim Algo Expander.

Bleiben wir beim Quad Operator.
Zur besseren Übersicht habe ich einige farbige Rahmen im Bild ergänzt.
Auffällig ist, dass es in der oberen Hälfte relativ wenige Beschriftungen gibt, insbesondere ist die Bedeutung der kleinen Regler beim Ersteinstig völlig unklar. Da helfen auch nicht die wenigen Videos. Meistens verdeckt dort die Benutzerhand die Bedienoberfläche und man bekommt allenfalls auf die Schnelle eine waagerechte oder senkrechte Handbewegung mit einem Schlagwort präsentiert. Nun gut, der Quad Operator soll erforscht werden. Der Philosophie folgend (Maxime! und Manifest!) steht jeder Regler für eine ganz bestimmte Funktion. Schließt man probeweise nur den Ausgang des vierten Operators (schwarz unterlegte beschriftete Buchse unten rechts) an, ist schon ein Ton zu hören.

Ich kenne die festen Modulationswege meines DX11 und ähnlicher Synthesizer, bin also nicht überrascht, wie stark sich sein Klang bei kleinsten Reglerbewegungen verändern kann. Ich empfinde sofort den Drang, ohne Rücksicht auf klangliche Sackgassen hier und dort zu drehen, ohne Beachtung irgendeiner (noch nicht vollständigen) Anleitung.

Klangbeispiel 01: erste freie Klangforschung

Ich habe zu meiner Erbauung einen leichten Hall als Effekt ergänzt. Ich arbeite mit den Operatoren 3 und 4 (zu einem Mischer geführt) und wähle eine einfache Sequenz. Ansonsten drehe ich unsystematisch an der Modulationsmatrix und lasse den Klang auf mich zukommen.

Ja, da zeigt sich die Philosophie: Verändere die Parameter und lass dich inspirieren, ohne dich durch  irgendein mathematisches Zahlenwerk der digitalen FM-Synthese ablenken zu lassen. Verlass dich auf dein Gehör! Ich beginne zu spüren! Mich überrascht, dass die klanglichen Übergänge sehr weich sind.

Nachdem ich mich unsystematisch ausgetobt habe, bleibt es mir nicht erspart, mich um den prinzipiellen Aufbau zu kümmern. Die Anleitung weist richtig darauf hin, dass man sonst sehr schnell in einem Chaos an Klängen endet; also gehe ich nach dieser Phase systematisch vor.

Die globalen Parameter des Quad Operators

Die vier schwarz unterlegten Ausgänge sind sofort erkennbar. Wie oben schon kurz erwähnt, gibt es globale Einstellungen. Die von mir rot umrandeten Parts betreffen Einstellungen, wie die Hauptstimmung aller vier Operatoren: Grobeinstellung der Stimmung (coarse), die Feineinstellung (fine) zur Verstimmung über einen Bereich von sechs Halbtönen nach unten oder oben.

Globale Parameter und Modulationseingänge des Quad Operators

Abb. 10: Coarse- und Fine-Regler, Globale Eingangsbuchsen für Tonhöhe, globale Frequenzmodulation und Reset

Man spürt keine Rasterung, nur ein fast versteckt liegender Strich gibt die Nullstellung an. Unterhalb beider Hauptregler findet man einen Umschalter von VCO- zu einem LFO-Betrieb. Aha, man kann das Modul auch als komplexe Modulationsquelle benutzen. Ich gehe auf diese Möglichkeit nicht ein, da das den Artikel in seiner Länge sprengen würde – ein Forschungsgebiet. Daher gebe ich nur die reinen Daten an:
Frequenzbereich im VCO-Betrieb: 16,35 Hz (C0) bis 2093 Hz (C7)
Frequenzbereich im LFO-Betrieb: 0,511 Hz (C-5) bis 65,41 Hz (C2)

Global sind hier auch die drei Eingänge 1V/OCT, LF FM und RESET.

Der erste ist sofort klar als tonhöhengebender Eingang identifiziert. Dort muss ein Sequencer oder ein Keyboard angeschlossen werden; die 1V/OCT-Charakteristik lässt den Quad Operator als kompatibel zu anderen Eurorack-Modulen erkennen. LF FM deutet auf Low Frequency Frequenzmodulation hin. Die dritte Buchse RESET kenne ich von der FM-Theorie her. Man benötigt für die digitale Frequenzmodulation und die Klangkonstanz ein Trigger-Signal, um allen vier Operatoren einen gleichen Phasenstart (alle Operatoren starten ihre Schwingungsphase synchron) zu geben. Man kann ihn benutzen oder auch bewusst ignorieren.

Die Operatoren des Quad Operators

Ganz klein auf der linken Seite sieht man die Nummerierung der Operatoren. Daneben ein Umschalter, mit dem man von einem fixen Frequenzverhältnis zu einer freien Stimmung umschalten kann. Ist der Operator in der Position Lock auf den Grundton eingestellt (Ratio bei „12 Uhr”) und schaltet auf Free um, dann verändert sich die Frequenz. Das sollte bei einem digitalen Oszillator eigentlich nicht sein. Das ist zwar nicht überwältigend schlimm, aber unbefriedigend, da man eine manuelle Neustimmung vornehmen muss.

Im orangenen Rahmen findet man die jeweilige Modulationsstärke, mit der die Operatoren auf den (vierten) Operator wirken.

Neben dem Lock/Free-Umschalter liegen nun die sieben Drehregler zum jeweiligen Operator  (grüner Rahmen).

Die Parameter des vierten Operators

Abb. 11: Die Parameter des vierten Operators

Ein Blick nach oben offenbart die Bedeutungen (von links nach rechts):

RATIO (Frequenzverhältnis zum Grundton): Veränderung der Operator-Frequenz auf harmonische Obertöne (Rechtsdrehung ausgehend von der Mittelstellung) und (!) Subharmonien (Linksdrehung). Harmonische Obertöne sind ganzzahlige Vielfache der eingestellten Grundfrequenz, Subharmonische dagegen sind Bruchteile hiervon. In den meisten Naturinstrumenten kommen lediglich die harmonischen Obertöne vor. Mit Subharmonischen hat Oskar Sala mit seinem Mixtur-Trautonium experimentiert. Sie treten auch in schwingenden Platten und Glocken auf. Dieser Aspekt wird im Handbuch überraschender Weise nicht erwähnt. Im zweiten Tondokument hört man zunächst die elf möglichen Harmonischen, dann Rückstellung auf den Grundton, danach die elf Subharmonischen. Ich habe zwei Operatoren auf denselben Ton gestimmt und verändere nur bei einem die Ratio.

Klangbeispiel 02: Harmonische und Subharmonische

Auffällig ist, dass die Harmonischen und Subharmonischen in Schritten eingestellt werden, ohne dass man eine Rasterung am Drehregler spürt. Wenigstens eine Nullstellung wäre als Mittenrasterung wünschenswert. Der kleine Schalter links davon muss sich in der Stellung „LOCK” befinden, um Frequenzverhältnisse einzustellen. Hier zeigt sich ein Vorteil der digitalen Schwingungserzeugung; im Gegensatz zum Analogen ist es keine „Schwierigkeit”, exakte Frequenzverhältnisse einzustellen. Ändert man die Einstellung am Schalter auf „FREE”, kann man damit die Operatorfrequenz grob einstellen.

DETUNE: kontinuierliche Verstimmung des Operators um einen Bereich von -6 bis +6 Halbtöne
SHAPE: verändert die Schwingungsform kontinuierlich von Sinus über Dreieck und Rechteck schließlich zum Sägezahn.

Beim dritten Klangbeispiel habe ich beide Oszillatoren in etwa auf Dreieck/Rechteck gestellt, damit man bei den tiefen Frequenzen überhaupt etwas hört. Zunächst wird der vierte Operator von Sinus über Dreieck und Rechteck zum Sägezahn mutiert; dann ergänze ich den Operator 3 parallel mit derselben Frequenz. Ich stelle mit dem Detune-Regler des Operators 3 ein Intervall ein und verändere ebenfalls Shape auf Sägezahn. In der Folge drehe ich am Haupt-Detune zur tiefsten Frequenz und dann bis zur höchsten.

Klangbeispiel 03: Shape und Detune

Natürlich klingt das beim systematischen Experimentieren nicht besonders aufregend, aber ich will den Quad Operator ja kennenlernen. Intern ist übrigens für alle vier Operatoren ein einfacher VCA eingebaut, mit dem man an den unteren vier Eingängen jeweils Hüllkurven einspielen kann. Ich habe hier eine einfache Attack-Decay-Hüllkurve (DOEPFER A-142-4) von einem Sequencer ansteuern lassen und über die Eingänge des Quad Operators eingespeist (grüne Patchkabel). Die Gesamttonhöhe habe ich über den 1V/OCT-Eingang durch einen Sequencer und ein Keyboard verändert (rotes Patchkabel). Die gelben Patchkabel führen zu einem Mixer.

Basispatch

Abb. 12: Basis-Patch

Mal sehen, ob ich den Quad Operator als Orgel benutzen kann.

Klangbeispiel 4: Additive Synthese wechselt zur Frequenz-Modulation

Wie man hören kann, habe ich ein Stück zweistimmig (in Logic Pro X) eingespielt. Die Klangfarbe wechselt nach wenigen Takten. Die unterschiedlichen Klangfarben sind allein durch verschiedene Einstellungen in der Modulationsmatrix entstanden, d. h. durch komplexe Frequenzmodulation. Notiert habe ich mir die Einstellungen nicht. Man kann sich aber diese auf drei Speicherplätzen des Algo Expanders abspeichern und wieder aufrufen, allerdings wirklich nur für die Modulationsmatrix, leider nicht für RATIO, SHAPE und DETUNE. Ich gehe auf den Algo Expander weiter unten noch ein. Die Umstellungen der Klangfarbe habe ich nicht live vorgenommen, da ich ja jeweils zwei Spuren aufnehmen musste. Das Umschalten für monophones Spiel besteht aber wirklich nur aus einem Doppelklick auf eine der Tasten beim Algo Expander.

Wer sich für den Test-Patch interessiert:

Patch mit additiver Synthese

Abb. 13: Patch zu einem Orgelklang

Über die roten Kabel werden die Tonhöhe des Quad Operators und der Gate-Eingang eines Vierfach-ADSR (DOEPFER A-143-2 Quad ADSR) mit unterschiedlichen Hüllkurven versorgt.
Die vier Hüllkurven steuern die VCAs des Quad Operators (blaue Patchkabel). Alle vier Operatoren-Ausgänge werden gemischt (gelbe Kabel).

Nach diesem Ausflug in die tonale Musik, zurück zum Bedienpanel. Beim Ausprobieren dieses Patches habe ich ziemlich unsystematisch die sehr einfache Ausgangsklangfarbe (vier Sinusoperatoren parallel ohne gegenseitige Modulation) durch Drehen in der Modulationsmatrix verändert. Da muss ich aber auch etwas Kritik anmelden. Wie oben gezeigt (grün umrandete Regler-Reihe), gehören zu jedem der vier Operatoren insgesamt sieben Miniregler. Benutzt man diese Regler beim Live-Spiel, greift man häufig in die falsche Reihe (falscher Operator). Abhilfe könnten einfach waagerechte Linien zwischen den vier Operatorenreihen schaffen. Hat man die richtige Reihe ausgewählt, muss man auch noch den richtigen Regler finden. Abgesehen davon, dass in der Matrix fast jegliche Beschriftung fehlt, wäre es wenigstens wünschenswert, wenn man den ersten drei Reglern RATIO, DETUNE und SHAPE andersfarbige Kappen gäbe. Damit wäre auch das Ausspähen der eigentlichen Modulationsmatrix leichter.

Und damit kommen wir zum Sahnestück:

Die Modulationsmatrix des Quad Operators

Modulationsmatrix

Abb. 14: Die Modulationsmatrix des Quad Operators

Die Beschriftungen sind eher spartanisch. Blau umrandet findet man eine 4×4-Matrix. Anstelle der festen Algorithmen der DX-Serie gibt es hier die freie Zuordnung. Jeder Operator kann durch die anderen und sich selbst moduliert werden. Schauen wir zurück zur Abbildung 9 (orangener Rahmen rechts oben). Unter der Überschrift MOD 4 finden wir die zugehörige Modulationsspalte. Der oberste Regler stellt den Modulationsgrad durch den Operator 1 ein, darunter den durch 2 usw. Offenbar kann der Operator sich auch selbst modulieren (vierter Regler von oben). Alle vier Operatoren haben diese Eigenschaften. Im Gegensatz zu den festen Algorithmen der digitalen DX-Serie ist die Modulation völlig frei „vorverdrahtet”. Mit den Reglern wird jeweils die Modulationsstärke eingestellt. Daran muss man sich erst gewöhnen, ist aber schon sehr praktisch und zum Live-Spiel animierend. Puristen mit mathematischem Feingefühl kommen hier allerdings nicht auf ihre Kosten. Noch nicht einmal ein Anhaltspunkt, mit dem man einen Modulations-Patch notieren, geschweige denn rekonstruieren könnte, ist vorhanden. Der Quad Operator lebt vom momentanen musikalischen Moment, eine Planung ist nur bedingt möglich, d. h. der Musiker muss sein Instrument beherrschen (und natürlich auch einüben). Markierungen würden wahrscheinlich auch nicht viel nützen, da man die Position bei so kleinen Reglern nicht reproduzieren kann.

Im violetten Rahmen findet man noch eine Möglichkeit, eine externe Klangquelle mit Audiorate-Abtastung (AR FM) zusätzlich einzuspielen. Auch hiermit kann man die vier Operatoren modulieren. Natürlich darf man auch einen der Operatorausgänge als „externe” Quelle benutzen.

Modulation mit dem Quad Operator

Abb. 15: Modulation mit dem Quad Operator

Das Foto macht deutlich, dass eine Notation unmöglich ist. Nach mehreren Tagen des Probierens erkenne ich mittlerweile den Algorithmus (senkrechte Spalten verfolgen). Ich demonstriere mal zur Abschreckung:

Operator 1 wird nicht moduliert (alle Regler auf „7 Uhr”, der Nullstellung), Operator 2 wird von Operator 1 moduliert (Regler 1 auf „2 Uhr”), Operator 3 von Operator 1 („10 Uhr”) und leicht von Operator 4 („8 Uhr”) und schließlich Operator 4 von Operator 2 („9 Uhr”), Operator 3 („12 Uhr”)  und durch sich selbst („9 Uhr”). Nicht berücksichtigt ist, dass die Ratio nicht bei allen gleich ist und zudem noch verstimmit wurde. Übrigens bezeichnet man die gegenseitige Modulation der Operatoren 3 und 4 als Crossmodulation. Dies alleine birgt schon überraschende Klangverformungen, insbesondere, wenn man zusätzlich Modulationen an den Parametern (Eingangsbuchsen zur Ratio, Shape und Gain) nutzt.

Das alles zeigt, dass es ein unmögliches Unterfangen ist, Klänge zu reproduzieren.

Es stellt sich aber auch die Frage: Muss man eigentlich eine komplexe FM-Synthese unbedingt derart mathematisieren, wie es entsprechende Software-Instrumente tun? Was nützt mir die Auswahl eines Algorithmus, da man spätestens bei drei Operatoren nicht mehr vorausahnen kann, was die gegenseitigen Modulationen eigentlich klanglich bewirken. Hier hat musikalische Erfahrung äußerste Priorität. Ich selbst muss mich hier im Zaum halten, da ich eher zu denjenigen gehöre, die einmal gemachte Klangerlebnisse wiederholen möchten. Das ist nicht die Idee des Quad Operators: Das Live-Spiel und die spontane Entscheidung sind angesagt, deshalb auch die vielen Regler, die nur einen Parameter regeln. Das überzeugt in der Tat.

Mit der Zeit lernt man aber auch die Wirkungen zum Beispiel bei den Änderungen der Ratio kennen. Die grobe Einteilung mit einfachen Frequenzverhältnissen hilft hier, möglichst häufig klangliche Erfolgerlebnisse als Ausgangspunkt nehmen zu können und dann durch leichtes Verstimmen eine Variante zu erzeugen.

Trotzdem wünscht man sich, wie bei einem Software-Instrument ein Preset anlegen zu können. Schließlich handelt es sich um ein digitales Instrument! Dazu hilft mir das Zusatzmodul Algo Expander.

Die Speicher des Algo Expanders

Abb. 16: Algo Expander

Er besitzt vier Taster zum Aufrufen von Presets. Die obersten drei (A, B, C) können einen live eingestellten Modulations-Patch durch langes Drücken abspeichern. Es gibt also drei Preset-Plätze. Durch einfaches Tippen lassen sich diese aufrufen.

Klangbeispiel 5: Glocken

Wählt man ein anderes Preset, so leuchten beide entsprechende Dioden. Mit dem Drehregler (oder auch mit Hilfe einer über die Eingangsbuchse angeschlossene Modulationsquelle) kann man nun kontinuierlich überblenden – äußerst praktisch. Dieses Zusatzmodul ist meiner Ansicht nach ein Muss. Leider werden hierzu die Einstellungen der Ratio des Detunes und des Shapes nicht abgespeichert. Mir ist aufgrund des Klangeindrucks nicht klar, wie der Entwickler das Überblenden zwischen den Modulations-Presets durchführt, aber ich kann erahnen, dass das programmtechnisch nicht ganz einfach ist.
Im obigen Klangbeispiel der Glocken spiele ich zunächst zwei Glockenklänge. Anschließend habe ich dieselben Audioschnipsel (in Logic) nochmals zusätzlich mit einem Hall belegt. Erst dann entfalteten sich die digitalen Klänge zu einem Klangerlebnis. Modulare Synthese ist nicht für sich selbst klingend, sondern immer im Zusammenhang mit dem musikalischen Umfeld zu sehen. Ein Quad Operator (wie auch andere Klangquellen) braucht Unterstützung.

Zum Abschluss möchte ich noch ein Beispiel anführen, wie man die Modulationseingänge zur Ratio, Shape und Gain für einen lebendigen Klang benutzen kann.

Quad Operator komplexe Modulationen

Komplexe Modulationen

Digitale Module sind noch Neuland und die Entwicklung ist sicherlich noch am Anfang. Man wird sehen, was auf diesem Gebiet in den nächsten Jahren passiert. Die Entwickler müssen sich über einen Kompromiss zwischen Programmierung und freiem Spiel Gedanken machen. Wie soll das Interface eines digitalen Moduls aussehen?

Technische Daten: Quad Operator und Algo Expander

Modulbreiten
Quad Operator 30 TE
Alg Expander 4 TE

Strombedarf für beide Module zusammen
+140 mA (+12 V) / -13 mA (-12 V)

Einbautiefe 25 mm

Update für Firmware möglich

Fazit

Während des Tests offenbarten sich zwei musikalische Seelen in mir: Einerseits liebe ich die Mathematik und damit auch die Physik hinter der digitalen Frequenzmodulation. Damit gehen exakte Einstellungen und Reproduzierbarkeit einher.
Andererseits genieße ich auch die bloße Inspiration, die von der Haptik eines modularen Systems ausgeht. Keine Zahlen, sondern das musikalische Gehör und der Augenblick sind die Triebfeder der Kreativität.

Das Urteil zu diesen feinen Modulen ist dementsprechend auch zwiespältig. Plus- und Minus-Zuordnung in der Beurteilung ist hier eher subjektiv. Die Leser dieses Tests werden sicherlich ebenso empfinden und ihr Urteil in die eine oder andere Richtung legen.

Möchte man exakte Reproduktion eines einmal eingestellten Klanges, dann liegt man bei dem Quad Operator falsch. Hier hilft nur Archivieren von eingespieltem Audiomaterial.

Möchte man sich allerdings bei einem Live-Auftritt frei inspirieren lassen, dann genügen durchaus die mit dem  Algo Expander gespeicherten drei Presets, um sich vom momentanen Eindruck treiben zu lassen. Das Prinzip „One knob per function design for true ease of use” überzeugt. Der experimentelle und mutige Künstler kommt voll auf seine Kosten. Die vielfältigen Modulationsmöglichkeiten durch externe Quellen sollte man dann aber auch nutzen: Der Quad Operator benötigt ein modulares Umfeld wie zum Beispiel Vierfach-LFOs, Vierfach-Hüllkurven und Vierfach-Abschwächer.
Obwohl ich eher zu den Spielern gehöre, die exakte Reproduzierbarkeit favorisieren, hat mich dieses Konzept stark beeindruckt und ich kann Live-Künstler, die an ihren Knöpfen drehen und überraschende Klangwelten produzieren, verstehen – ein beeindruckendes Modul. Man darf gespannt sein, was Humble Audio in den nächsten Jahren noch entwickelt.

Plus

  • zweckmäßiges Design (siehe aber auch „Minus”)
  • hochwertige Ausführung
  • Philosophie der modularen Synthese „One knob per function design for true ease of use”
  • variable Modulationsmatrix
  • externe Modulation von Frequenzverhältnis, Schwingungsform und Lautstärke
  • externe zusätzliche Klangquelle
  • Umschaltung von festen Frequenzverhältnissen auf freies Schwingen für jeden Operator
  • globales Umschalten auf LFO-Betrieb

Minus

  • Handbuch noch nicht vollständig
  • Strukturierung der Bedienoberfläche lässt keine direkten Rückschlüsse auf die Zuordnung zu
  • wenig Beschriftungen
  • fehlendes Micro-USB-Kabel (für ein eventuelles Firmware-Update nötig)

Preis

  • Quad Operator: 539,- Euro
  • Algo Expander: 99,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    tomk  AHU

    Sehr interessant!!!

    Ich empfinde Modular grundsätzlich als nicht 1:1 reproduzierbar, ein komplexer Patch ist in sich selbst lebendig. Digitale Module wie z.B. Cyclebox, oder Shapeshifter gibt es doch schon lange …

    • Profilbild
      herw  RED

      Das ist richtig; deshalb war es auch für mich eine echte neue Erfahrung, da ich sonst das Exakte von z.B. REAKTOR liebe.
      Ich selbst habe durch diesen Test das Gefühl des einmalig erzeugten Klangs gespürt. Und ich denke, dass dieser Oszillator schon eine neue Erfahrung wert ist.

  2. Profilbild
    SynergyMan  

    Ein durchaus polarisierendes Produkt, was nicht jedem (mit Gewalt) gefallen will. Sehr mächtig in der Klangerzeugung und Flexibilität, aber wie der Author sagt: „Das alles zeigt, dass es ein unmögliches Unterfangen ist, Klänge zu reproduzieren.“ Das muss man wirklich wollen. Vielleicht ist der Hersteller doch noch bereit, eine weitergehendes Memory Modul herauszubringen, was RATIO, DETUNE und SHAPE abspeichert. Für alle, die reproduzierbar doch für erstrebenswert halten, ohne den Chaosfaktor auszugrenzen.

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