MPC-Style-App mit cleveren Features
Hypertron Audio Hyperton ist eine MPC-Style Groovebox für iOS. In Version 2 der App gibt es nun eine KI-Anbindung zur Sample-Erzeugung. Was diese Funktion bringt, sehen wir im Test.
- Workflow: Viele starke Ideen, die jedoch teils erst nach Eingewöhnung intuitiv werden.
- Sound & Funktionen: Gute Groovebox-Grundausstattung mit flexiblen Pads, Editor und Sequencer.
- Bedienung: Einige Menüs und Gesten sind unkonventionell und zunächst wenig nachvollziehbar.
- KI-Funktion: Optional, qualitativ durchwachsen und wegen rechtlicher Risiken kein Kaufargument.
- Fazit: Sehr gute, inspirierende App zum fairen Preis – stark trotz KI, nicht wegen ihr.
Inhaltsverzeichnis
Hypertron Audio Hypertron: Pads
Die App besteht aus zwei Hauptseiten. Der „Pad“-Seite und dem Mixer. 16 Pads sind im MPC-Style angeordnet und können mit Samples belegt werden. Per „FILE“-Taster öffnet sich ein Browser zur Auswahl der Sample-Datei. Über den File-Browser wird auch der integrierte monophone Synthesizer ausgewählt. Hier gibt es in der Kopfzeile des Browsers die Optionen „Samples“ und „Synth“.
Das ist in diesem Fall zwar eine konsequent und intelligent gelöste Benutzerführung von Hypertron, wobei die Entwickler dabei leider etwas über ihre eigene Schlauheit stolpern, da man in einem Datei-Browser keine solche Auswahl erwartet. Erst wenn man die Vorgehensweise kennt, geht auch bei den Benutzern das Licht an. So gibt es leider diverse Stellen in Hypertron, die hellseherische Fähigkeiten voraussetzen und dass es selbst mit Version 2.0.9 keine anständige Bedienungsanleitung gibt, sondern nur ein paar kurze Tutorial-Videos, macht die Sache nicht leichter.
So ist der FILE-Taster nämlich auch ein Multifunktionstaster. Mit den „< „ und „>“ Tasten können die Funktionen PITCH (Tonhöhe), TIME (Abspielgeschwindigkeit des Samples), RANDOM, MIDI DURATION (Notenlänge) und SLIDER umgeschaltet werden. Dabei ist SLIDER pro Pad mit verschiedenen Funktionen belegbar.
Ebenso intelligent, aber anfangs konterintuitiv oder zumindest unkonventionell ist, dass die Auswahl mit den Pfeiltasten geschieht, die Funktion aber erst durch ein weiteres Antippen aktiviert wird. Dann lassen sich wieder mit den Pfeiltasten die Werte z. B. der Tonhöhe anpassen. Zum Deaktivieren der Funktion muss der Taster ein zweites Mal betätigt werden. Erst dann kann zu einer anderen Funktion umgeschaltet werden.
Außerdem ist hier noch der Unterschied zwischen LIVE- und FX-Modus wichtig, der in der Kopfzeile ausgewählt wird.
Im LIVE-Modus lassen sich die Pads wie gehabt spielen. Im FX-Modus werden pro Pad dagegen in horizontaler Streichrichtung die Effekte ausgewählt, die im Mixer aktiv sind und in vertikaler Richtung die Effektstärke bzw. der Parameterwert. Die Bewegungen lassen sich aufzeichnen und stehen dann als Automationspur zur weiteren Bearbeitung bereit.
Samples
Unterhalb des FILE-Tasters befindet sich die Sample-Ansicht, die durch Tippen zur Sample-Editor-Seite umschaltet.
Gleich als erster Eintrag in der Kopfzeile findet sich ein Drop-Down-Menü für die Optionen SINGLE-Sample, MULTI-Sample und EDIT – noch so ein Genialitätsschluckauf, denn das Menü bleibt nur so lange geöffnet, wie es angetippt wird. Aufrufen und Auswählen müssen also in einer Geste geschehen. Das ermöglicht zwar schnelleres Arbeiten, aber wie oben erwähnt, muss man es im Voraus wissen, bevor man es zu schätzen lernt.
Leider sind die Drop-Down-Menüs der App sehr klein und damit schlecht lesbar – oder die Skalierung auf einem iPad Pro 13″ ist schlecht gewählt. Das gilt für alle Menü- und Dialogfelder.
„Multi-Samples“ sind im Übrigen nicht mehrere Samples, sondern ein Sample, das in beliebig viele Abschnitte unterteilt werden kann (Slicing). Es kann hier auch direkt vom Mikrofon oder Audioeingang gesampelt werden.
Natürlich können Samples auch importiert, gespeichert und zusammengemixt werden (Merging).
Unterhalb der Sample-Ansicht befindet sich das On-Screen-Keyboard und zwischen beiden verstecken sich einige sehr mächtige Funktionen.
Da wäre zunächst einmal die Länge der Sequenz (vier rote Quadrate), die in jeweils 16 Schritte unterteilt ist und mit den Tastern „+“und „–“ verlängert oder verkürzt wird. Mit dem RECORD-Taster (ganz rechts) kann nun direkt auf dieser Seite per Keyboard eine Sequenz eingespielt werden, ohne auf die Hauptseite wechseln zu müssen. Sehr schön!
Leider, und das gilt für alle Automationspuren in Hypertron Audio Hypertron nur wenig prominent in den Menüzeilen angezeigt, in welchem Taktabschnitt der Sequenz man sich gerade befindet. Das sollte deutlich augenfreundlicher gelöst werden.
Ein Fill-in kann automatisch alle 4, 8, 16 oder 32 Steps gesetzt werden. Darauf folgt die Notenautomation mit wahlweise Arpeggiator-, Note-Repeat- oder Live-Modi. Beim Arpeggiator muss darauf geachtet werden, dass ein Notenumfang von mehr als einer Oktave gesetzt wird, damit er aktiv wird.
Der Sequencer in Hypertron
Die Sequencer-Spuren pro Pad, Effekt oder Parameter werden auf der rechten Seite mit den Funktionen unter „EDIT“ ausgewählt. In jedem Sequencer lässt sich die Anzahl der Takte/16er-Schritte einstellen. Die Step-Werte werden einfach durch vertikales Ziehen eingestellt. Alle Sequenzen lassen sich auch kopieren und einfügen.
Auch eine sehr willkommene Funktion, die aber auch nicht intuitiv erfasst werden kann, ist die Änderung der Step-Auflösung von 16tel auf 32tel. Dazu werden die gewünschten Steps in einer einzigen Geste mit eine vertikalen Swipe markiert und der Finger dann nach oben gezogen. Auf die gleiche Weise kann die Änderung auch rückgängig gemacht werden.
Zwischen den Pads und den Funktionen befindet sich noch die zweispaltige Pattern-Auswahl, von denen es 16 Stück gibt. In der linken sind die Takes, d.h. die Patterns der individuellen Pads, umschaltbar. Auf der rechten Seite sind Gruppen, d.h. die vollständigen Patterns aller Pads. Die Linke spalte ist quasi dazu da, um zwischen den verschiedenen Parts von einzelnen Instrumenten zu wechseln und die rechte Spalte ermöglich vollkommen unabhängige Parts wie Strophe, Refrain usw., die auch alle unterschiedliche Längen haben können. Das macht die Jam-Session oder Live-Performance gleich um einiges dynamischer.
Hypertron: Synthesizer
Nach dem Auswählen des Synthesizers über die Kopfzeile des File-Browsers wird dieser über das Sample-Display aufgerufen.
Der Synthesizer selbst bietet einen Oszillator und einen LFO mit je fünf Schwingungsformen, Trigger-Optionen, so wie ein Band- oder Tiefpassfilter mit Resonanz.
Beim Keyboard- und Sequencer-Part verhält sich alles wie zuvor beim Sample-Editor.
Hypertron Audio Hypertron: Mixer
Im Mixer der App Hypertron lassen sich alle Spuren in der Lautstärke mixen, inklusive Master-Ausgang. Die Ansicht kann dazu horizontal gescrollt werden.
Neben den Effekten Panorama, Tiefpass und Hall, die immer als Insert auf jeder Einzelspur liegen, lassen sich darunter in den Slots, die zuerst kaum als solche markiert sind, auch noch weitere Effekte einbinden.
Auch hier muss nach Antippen des Slots das Menü mit der gleichen Geste offen gehalten werden, um einen der Effekte (Compressor, Delay, Distortion, Tape, Phaser, Repeater, Bitcrusher, Hochpassfilter) zu aktivieren.
Die Effekte stehen danach automatisch als Automationsspur zu Verfügung.
Die Effektstärke wird per vertikalem Swipe eingestellt und mögliche weitere Parameter lassen sich durch ein weiteres Tippen anzeigen.
Was bietet die KI-Sample-Erzeugung in Hypertron?
Zunächst einmal ist die KI-Anbindung völlig optional und steht sowohl dem Workflow als auch der Verwirklichung der eigenen Kreativität nicht im Weg. Zur Nutzung bedarf es eines Online-Kontos bei Hypertron Audio mit E-Mail-Anmeldung. Es wird aber auch „Log-in mit Apple“ inklusive E-Mail-Schutz angeboten.
Der KI-Server selbst wird von Hypertron Audio betrieben und deren AGBs müssen vor der Anmeldung akzeptiert werden.
Allerdings ist der Knackpunkt bei der ganzen Sache, dass Hypertron Audio keine eigenen KI-Datensätze nutzt, sondern die von ChatGPT – und die sind, wie alle großen KI-Services, ziemlich ignorant gegenüber den Urheberrechten anderer. D. h. auch die von der Hypertron Audio-KI erzeugten Samples können (werden) urheberrechtlich geschütztes Material enthalten, was zu Problemen führen kann.
Um die KI-Sample-Erzeugung zu nutzen, bedarf es KI-Credits, die App-intern gekauft werden können. 20 Credits kosten 0,99 Euro und 1 Credit reicht für ein erzeugtes Sample mit maximal 10 Sekunden Länge aus.
Wichtig zu wissen: Hypertron Audio verkauft die Samples an sich nicht, sondern nur den KI-Service, um sie zu erzeugen. Für das „Clearing“ sind die Anwender selbst zuständig.
Die Funktion ist also eher mit Bedacht zu genießen, da bei generativen KI-Anwendungen generell noch vieles unreguliert ist und im rechtlichen Graubereich liegt. Deswegen sehe ich auch davon ab, hier entsprechende Audiobeispiele einzufügen.
Was die Qualität der Samples angeht, die nach ca. einer Minute Wartezeit erzeugt wurden, ist das Material vorwiegend bestenfalls als Effekt oder sonstige Hintergrundergänzung zu gebrauchen. Am besten klappt es noch mit einfachen Instrumenten-Prompts wie Brass, Gitarre, Drum etc. Man erhält aber trotzdem keine Einzelinstrumenten-Solos, sondern immer einen „Komplettmix“, also mit Begleitung, Rhythmus etc. – wenn es gut läuft. Wenn nicht, hören sich die Samples an wie Ausschnitte von Songs, die durch steile Filter, Bitcrusher und Phaser gedreht wurden – vor allem Phaser.
Auch ob die KI überhaupt Material liefert, das zu meinem Textprompt oder gar dem angepeilten Track passt, ist nochmal ein andere Sache. Das ist sehr viel Zufälligkeit dabei. Das kann einen auf neue Ideen bringen, muss es aber nicht. Bis was halbwegs Passendes herauskommt, ist man einige Credits los.
Wer also hoffte oder Angst hatte, die KI in Hypertron wäre ein Fundament für schnell gelieferten Content, braucht sich hier keinen Kopf zu machen und meiner Ansicht nach braucht man sich Hypertron auch nicht wegen des KI-Features zu holen.
Mit spezifischen Sample-Librarys ist man besser bedient und da sind die Verwertungsrechte geregelt. Die App bietet auch ohne KI genug gute Gründe für eine Anschaffung.
Sonstiges
Als AUv3 kann Hypertron als Audio und als MIDI-instrument/Sequencer instanziiert werden und im Mixer kann jeder Spur direkt ein eigener MIDI-Kanal zugewiesen werden.
Dabei gibt es für Audio auch 16 Multi-Out-Ausgänge. Vorbildlich!
Die Tracks können einzeln exportiert werden und es kann sogar festgelegt werden, wie viele Einzelspuren man haben will. Was will man mehr.
Auch ein sehr nettes Feature ist, dass den Pads individuelle Farben zugewiesen werden können.
Vielleicht haben ja schon einige bemerkt, dass die App auch auf dem Mac installiert werden kann, aber dort nicht funktioniert. Das Problem ist dem Entwickler bekannt. Ob es aber zukünftig behoben werden kann, war zum Zeitpunkt dieses Tests noch nicht gewiss. Schön wäre es jedoch, eine solche Groovebox auch auf dem Mac zu haben.





















































„Leider sind die Drop-Down-Menüs der App sehr klein und damit schlecht lesbar“
Richtig. Und das ohne Not, wie man in deinem Beispiel sieht (5. Screenshot)
@Tai Puh, bestätigend meine ich: „Musikmachen geht doch auch auch ohne Lesbarkeit.“ nur nicht so gut wie sonst!