Test: Ibanez George Benson Signature GB10EM E-Gitarre

7. Juli 2020

Mit Blue zum Jazz

Wenn sich die Freundin des Testers augenblicklich in die frisch gelieferte Ibanez George Benson Signature verliebt, dann ist das kein Grund für Eifersucht. Vielmehr zeugt es von Geschmack. Zum einen vom Geschmack der Freundin, die offensichtlich zum zweiten Mal in ihrem Leben eine wirklich gute Entscheidung trifft, zum anderen vom Geschmack des Testers, weil der sich eine Freundin ausgesucht hat, die den ganzen Wahnsinn gerne mitmacht. Grund genug, sich das Testobjekt mal genauer anzuschauen. Aber nicht nur aufgrund seiner Wirkung auf das andere Geschlecht, sondern vor allem in Hinblick auf Verarbeitungsqualität, Sound und Bespielbarkeit. Let’s go!

Ibanez George Benson Signature

In auffälliger „Jet Blue Burst“ Lackierung schlüpft die Ibanez George Benson Signature aus dem Karton

Seit 1969 beglückt der in den frühen Vierzigern in Pittsburgh, Pennsylvania, geborene George Benson die Musikwelt mit seinen regelmäßig erscheinenden Werken. Als virtuoser Jazzgitarrist erhielt er viel Anerkennung und verkaufte seinen Hit „This Masquerade“ millionenfach. Viel bekannter wurde Benson allerdings mit seiner Melange aus Fusion und Pop, aus seiner Feder stammt der grandiose Song „Turn Your Love Around“.  Seit den Siebzigern arbeitet George Benson nun schon mit der Firma Ibanez zusammen, die mit seinem Signature Modell sogar der übermächtigen Konkurrenz von Gibson das Wasser reichen konnten. Hier kommt nun eine Neuauflage des Klassikers „GB10EM“

Ibanez George Benson Signature – Facts and Features

Federleicht springt die Gitarre trotz ihres voluminösen Äußeren aus dem Karton. Das ist nicht überraschend, handelt es sich bei der Gitarre doch um eine Hollowbody-Konstruktion. Viel umbaute Luft also. Und so dominieren, neben der Blueburst-Lackierung, die beiden F-Löcher den ersten optischen Eindruck. Der Korpus besteht aus Linde und trägt eine Fichtendecke, die das optisch sehr ansprechende und makellos ausgeführte „Jet Blue Burst“ Finish zur Schau stellt. Korpusrückseite und Hals sind ebenfalls jeweils mit dieser Burst-Lackierung veredelt und sogar die Zarge changiert rund um das Instrument immer wieder von blau nach grün. Am Rand beträgt die Stärke des Korpus 65 mm und steigt mit zunehmender leichter Wölbung um etwa 10 mm an. Der eingeleimte Hals aus Nyatoh ist mit einem Walnuss-Griffbrett versehen, dieses wird komplett von einem cremefarbenen Binding umrahmt. Perlmutt imitierende Griffbretteinlagen in Blockform runden das Bild des Halses ab, bundiert wurde mit 22 Medium-Bünden. Die Kopfplatte hat die von Ibanez bekannte Form, wenn es um 3L-3R Bestückung geht. In der Mitte der Kopfplatte prangen deutlich sichtbar die Initialen des Meisters. Ein dezenter Holzkragen stabilisiert den bruchgefährdeten Übergang zwischen Hals und Kopfplatte. Nettes Detail: Das „Wappen“ auf der Kopfplatte zitiert das Tailpiece vom anderen Ende der Gitarre. Der Tuner der G-Saite ist anscheinend leider defekt, hier muss jedes Mal erst eine halbe Drehung vorgenommen werden, bis der Kollege zu arbeiten bereit ist. Aber vielleicht ist er ja auch einfach in der Gewerkschaft …

Ibanez George Benson Signature

Die Initialen GB dominieren die klassisch 3L-3R bestückte Kopfplatte der Ibanez George Benson Signature. Das Logo zitiert ebenso das Tailpiece der Gitarre.

Korpusseitig werden die vom Werk aufgespannten Flatwound-Saiten der Stärke .011 bis .050 von einem Tailpiece mit der Bezeichnung „VT14“ aufgenommen. Ich liebe Ibanez für diese wahnsinnig kreativen Bezeichnungen. Das Tailpiece wird von einem Holz-Cover abgedeckt, das von zwei Blumenranken verziert wird, die sich wiederum als Einlagen im Steg wiederfinden. Optisch hat sich da offensichtlich jemand sehr viele, sehr schöne Gedanken gemacht. Eine Augenweide ist der Steg als solches auch, besteht er doch, wie auch das Griffbrett, aus Walnussholz. Über zwei Rändelschrauben ist er höhenverstellbar. Eine Möglichkeit, einzelne Saiten für eine saubere Intonation zu verstellen, gibt es nicht. Die Gitarre ist aber ab Werk  oktavrein, Akkorde klingen sauber bis in die höheren Lagen. Die beiden Magic-Touch Mini-Humbucker zur Klangwandlung sind Ibanez eigene Fabrikate und haben keinen direkten Kontakt zur Decke. Der Hals-Pickup ist mit Hilfe eines Rahmens direkt am Hals befestigt, der Steg-Humbucker wird mit einer Metalllasche und zwei echt hässlichen Schrauben am schwarzen Pickguard gehalten. Die dritte, große Schraube auf dem Pickguard dient der Abstandswahrung der Plastikplatte zur Decke. Warum da drei so großköpfige, silberne Schrauben die sonst wirklich gediegene Optik des Instruments derart zerstören, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Aber es ist die verdammte Psychologie, die uns da einen Streich spielt. Ähnlich wie ein Pixelfehler auf dem Bildschirm, wandern unsere Augen immer wieder zum Stein des Anstoßes, wenn man den Makel einmal bemerkt hat.

Ibanez George Benson Signature Body

Die wirklich wunderschöne Optik und Detailverliebtheit, die sonst in dieser Preisklasse ungewöhnlich sind, werden durch drei klobige Schrauben im Pickguard massiv gestört

Die Elektronik der Ibanez George Benson Signature ist übersichtlich und schnell erklärt. Ein 3-Wege-Toggle-Switch oberhalb des Halses schaltet die Tonabnehmer einzeln oder zusammen. Jeder der Tonabnehmer hat ein eigenes Volume- und Tone-Poti. In Mittelstellung, wenn beide Pickups aktiv sind, reicht es, einen der beiden Volume-Regler zuzudrehen, um komplette Funkstille zu erhalten. Insgesamt ist die Verarbeitung der Gitarre als makellos zu bezeichnen und für den Verkaufspreis von 699,- Euro schon fast unverschämt der Konkurrenz gegenüber.

Praxis, Sound und Bespielbarkeit

Nimmt man die Ibanez George Benson auf den Schoß, macht sich eine leichte Kopflastigkeit bemerkbar. Sobald man die linke Hand am Hals hat, ist dieses Thema aber vergessen. Am Gurt konnte ich die Gitarre nicht testen, da der Gurtpin für die halsseitige Anbringung zwar der Gitarre beiliegt, aber nicht montiert war. Zum Anbinden des Gurtes an die Kopfplatte fehlten mir sowohl Lederbändchen als auch Cowboyhut. Vorteil ist natürlich, dass der Gurtpin dort montiert werden kann, wo man ihn am liebsten hat, jedoch wird handwerklich weniger geschickten Käufern da möglicherweise beim Anschrauben der eine oder andere Fluch über die Lippen kommen. Der Hals weist ein eher schlankes Profil auf, im 9. Bund misst er gerade mal 22 mm. Sehr komfortabel, aber möglicherweise einigen eingefleischten Jazzern zu dünn. Ab dem 12. Bund bremst der Hals-Korpus-Übergang die virtuose Spielfreude, sinnbringendes Akkordspiel ist etwa bis zum 14. Bund möglich.

Unverstärkt ist die Gitarre erst mal irgendwie erschreckend topfig und enttäuschend, aber man groovt und swingt sich schön schnell ein und dann macht es auch trocken Spaß. Die unverstärkte Wiedergabe lädt zu den ersten Wanderklampfen-Akkorden ein. Tatsächlich ist die Gitarre laut genug, auch ohne Verstärker einen nicht allzu lauten Sänger zu unterstützen. Dafür ist die Gitarre natürlich nicht gedacht, macht aber aufgrund dieser Eigenschaft auch beim Üben eine gute Figur. Mogeln und fuddeln ist nicht, Unsauberkeiten im Spiel verzeiht die Gitarre nicht. Das Sustain ist erstaunlich lang und tragfähig für diese Art der Konstruktion. Ich habe andere, ähnlich gebaute Gitarren in Erinnerung, deren Sustain nach wenigen Sekunden im Nirwana der Konstruktion versumpfte. Schnelle, prägnante Tonansprache ist Ehrensache, Bruder.

Für die Soundfiles habe ich mich für ein Kemper Profil eines Dumble Amps von Michael Britt entschieden, das in Verbindung mit dieser Gitarre eine gute Figur macht. Der Ton ist sauber und klar definiert mit straffen, dezenten Bässen und seidig glänzenden Höhen. Vom Hals zum Steg nimmt die Schärfe des Tons naturgemäß zu, wird aber nie unangenehm oder beißend. Die Gitarre klingt insgesamt sehr kultiviert und holzig. Der Output ist eher moderat. Auch bei höheren Lautstärken hält sich die Feedback-Neigung zurück, was wohl auch an den von der Korpusdecke isoliert angebrachten Pickups liegen dürfte. Die akustischen Eigenschaften kommen verstärkt voll zum Tragen, das gilt auch für präzises Spiel.

Die Tonregler haben einen hohen Wirkungsgrad. Komplett zugedreht tritt der holzige Sound wunderbar in den Vordergrund, was sich vor allem bei Sololines und einzelnen Tönen positiv bemerkbar macht. Für Akkorde ist der dann im Vordergrund stehende Bass zu viel des Guten.

Kommt ein Booster zum Einsatz und zerrt man den Amp dezent an, beginnt der Sound zu leben und zu atmen. Die Bässe bleiben dabei immer beherrschbar, die Höhen drängen sich nicht in den Vordergrund. Beim Hals-Pickup dachte ich spontan an den großartigen Sound von Johnny A.s „Oh Yeah“. Großes Kino! Beim Steg-Pickup muss man mit der Zerre aufpassen, damit es nicht ätzt, aber ein Röhrenamp in der Sättigung macht definitiv Spaß!

Zum Schluss noch ein Sound aus der Kategorie „Zeig mal, was der Kemper kann“. Ein cleaner, effektbeladener Sound aus der Profilschmiede von Guido Bungenstock, der Bogner XTC.

Fazit

Well done, Ibanez! Ein paar kleinere Mängel gilt es zu beheben, aber man bekommt verdammt viel Gitarre fürs Geld. Allein der Optik und der kleinen Details wegen lohnt es sich, die Gitarre genauer in Augenschein zu nehmen. Sieht man von dem optischen Fauxpas mit den gefühlt wagenradgroßen Schrauben im Pickguard ab. Der unverstärkte Klang dürfte den einen oder anderen abschrecken, deshalb bitte immer mit Amp probieren und nicht aufgeben. Der defekte Tuner ist höchstwahrscheinlich einer Montagsmontage zuzurechen, aber bei einer funktionierenden Endkontrolle dürfte das eigentlich nicht durchschlüpfen.

Plus

  • Optik
  • Klang verstärkt
  • Tonkultur
  • Verarbeitung
  • durchdachtes Konzept
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • Klang unverstärkt
  • Tuner der G-Saite defekt
  • optischer Fauxpas mit drei Schrauben im Pickguard
  • zweiter Gurtpin nicht montiert

Preis

  • 685,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Die vielen Abstriche erinnern mich qualitätsmäßig eher an „Steve Benson“.

  2. Profilbild
    Zwo5eins  

    Die Gitarre könnte leicht schöner sein.
    Warum sind die F-Löcher so globig geschnitten? Das geht doch feiner und schöner. Tonabnehmer ohne verstellbare Pole Pieces. Warum ?? Als Jazzer spielt man ggf eine umwickelte G-Saite, wie will man das ausgleichen ?
    Die Farbe, ähhhm, da muss man wieder die Geschmacksfrage bemühen….
    685€ sind doch nicht gerade wenig ?

  3. Profilbild
    Maxi  

    Leider klingen die Audiobeispiele gar nicht nach George. Habe mich daher schon immer gefragt, wozu es diese Signature-Modelle gibt. Bringen eigentlich nichts …. ;-)

    • Profilbild
      Zwo5eins  

      bei Bsp 4 höre ich schon diesen leicht hohlen woody Sound einer kleinen Archtopgitarre … ausgehend von diesem Sound denke ich kann man die Gitarre schon jazzig klingen lassen

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