Test: IK Multimedia Amplitube 2

23. Juni 2006

Test: Amplitube 2

Mit Amplitube 2 bietet IK Multimedia eine komplett neu designte Version ihrer bekannten Ampmodeling-Software für Windows und Mac an und nimmt damit für sich in Anspruch, so nah am Original zu sein wie keine andere Software je zuvor.
Die Frage zu beantworten, ob das gelungen ist, mag ich lieber den Leser beurteilen lassen und habe daher den Schwerpunkt dieses Tests auf die Hörbeispiele gelegt.

Struktur

Amplitube 2 ist ein erfreulich intuitiv zu bedienendes Programm. Mit der ausgesprochen reibungslosen Installation und Aktivierung der Lizenz auf dem Syncrosoft USB-Key hat man bereits den schwierigsten Teil der Bedienung hinter sich. Ein Blick ins Handbuch lohnt nur, wenn man gerne schriftlich bestätigt haben mag, was man sieht und hört.

Das Grundkonzept ist das Gleiche wie beim Vorgänger: Aus vielen verschiedenen Vor– und Endstufen, Equalizern, Boxen, Effekten und Mikrofonen baut man sich seinen Wunschverstärker zusammen. Die Auswahl der verfügbaren Module und Routingmöglichkeiten hat sich jedoch erheblich vergrößert. Amplitube 2 bietet nun vierzehn Vorstufen und EQs, sieben Endstufen, sechzehn Boxen und sechs Mikrofone. Zunächst muss man sich in der Rig-Section für ein Routing entscheiden. Tuner, zwei Amps, zwei Boxen und Effekte lassen sich in unterschiedlichen parallelen und seriellen Kombinationen verschalten.

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– Rig-Section –

Am Anfang jeder Kette steht zunächst der Tuner. Damit wäre ein Manko von Amplitube 1 behoben, auch wenn sich darüber streiten lässt, ob ein Tuner so schnell und damit unruhig reagieren sollte, wie der von Amplitube.

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– Amplitube 2 Tuner –

Weiter geht’s dann auf dem Boden, sprich auf dem virtuellen Floorboard. Hierfür steht eine umfangreiche Sammlung bekannter „Tretmienen“ zur Auswahl. Name und Optik verraten sofort, welches analoge Schätzchen gemeint ist.
Unter der Rubrik Modulation werden Chorus, Flanger, Tremolo und Phaser angeboten. Herausragend finde ich hier den Phaser, der nicht nur optisch meinem geliebten MXR Phase 100 sehr nah kommt.
Von den beiden Delays klingt das eine wie ein Bandecho, das andere eher wie eins aus Mitte der Achtziger. Eimerkettenecho. Es fehlt nur ein langweiliges Digitaldelay á la „Boss“.
Die Filtersektion bietet Wah, Envelope und LFO. Über das Wah mag ich mir kein Urteil erlauben, da ich kein geeignetes Floorboard für den Test zur Verfügung hatte.
Unter den Verzerrern findet sich mit Overscream, wie Name und Farbe vermuten lässt, eine leider wenig originalgetreue Nachbildung eines TS 808. Schon beim Linksanschlag gibt es deutlich zuviel Gain. Der Filter macht Obenrum nicht so klar dicht, wie das Original und der Verzerrung fehlt die metallische, fast blecherne Klangfarbe, mit der er sich so typisch von allen anderen Verzerrern abhebt.
Im Gegensatz dazu machen Fuzz Age und Overdrive richtig Spaß. Ersterer bietet Schmutziges, Marke Big Muff, und Overdrive erinnert an eine Ratte. Octaver, Pitchshifter, Volumepedal, Kompressor und Graphic-EQ runden die Palette ab.

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– virtuelles Floorboard –

Das Herz
Nun kommen wir zum Kern, den Amps. Vorstufen, EQ und Endstufen können beliebig miteinander kombiniert werden. Neben Modellen real existierender Amps lassen sich also auch Zwitter wie z.B. Fender Vorstufen mit Marshall Endstufe bauen.
Aktiviert man jedoch die Matchschalter, werden die einzelnen Elemente im Sinne ihrer Erfinder verlinkt. Wählt man also einen Vintage Tube Combo in der Vorstufe, bekommt man auch den zugehörigen EQ und eine Class A Endstufe mit EL 84 Röhren samt 2×12 Vintage Speakern wie bei einem VOX AC 30.
Die nachgebildeten Verstärker sind ihren Vorbildern optisch recht ähnlich und klingen zunächst auch so, dass man weiß, wer gemeint ist. Leider fehlen den Vorstufen aber oft wesentliche, für den Verstärker typische, Bedienelemente.
Ein Fender ohne Bright-Schalter ist ebenso unvollständig, wie ein VOX oder HiWatt ohne getrennte Regler für Normal- und Bright-Kanal. Bei solchen Verstärkern stellt man eben den Sound maßgeblich durch das Verhältnis der Kanäle und unterschiedliches Verlinken der Eingangsbuchsen ein- und nicht durch Schrauben am EQ. Die Equalizer greifen wesentlich schlechter als man es von den Vorbildern gewohnt ist. In einigen Vorstufen funktionieren einzelne Klangregler leider überhaupt nicht.
Die Simulation der unterschiedlichen Endstufen gelingt dafür umso überzeugender. Am Besten gelingen marshalltypische Sounds. Fendersounds klingen recht glaubwürdig, könnten lediglich etwas glasiger und gleichzeitig bassiger ausfallen.
Wenig befriedigend ist der Versuch einen aktuellen New Metal Sound zu erzeugen. EQs von in diesem Genre beliebten Amps haben z.B. charakteristische Preshapings oder stark resonierende Filter im Bassbereich, die man bei Amplitube 2 vergeblich sucht.

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– Amplitube Box –

Gut gefällt mir die Simulation der Boxen. Ebenso die der Mikrofone. Alle gebotenen Mikrofonmodelle sind sofort eindeutig an ihrem charakteristischen Klang zu identifizieren. Die Auswahl ist sehr praxisgerecht. Lediglich das Neumann U87 ist überflüssig. Ein Mikrofon das keinen Schalldruck verträgt, hat bei Gitarrenproduktionen nichts verloren. Ein Bändchenmikrofon wäre noch wünschenswert. Leider gibt es bei den Großmembran-mikrofonen keine Auswahl der Richtcharakteristiken. Für den Vergleich der Mikrofone habe ich mit dem JCM 900 in 12Uhr-Stellung einen Sound gewählt, der jedem Gitarristen vertraut sein dürfte.

Leider ist die Auswahl an Mikrofonpositionen absolut ungenügend. Verschiebungen von wenigen Millimetern sind in der Praxis nicht nur deutlich wahrnehmbar, sondern zur Soundgestaltung mindestens genauso wichtig wie die Einstellung der Equalizer der Verstärker.
Mikrofonpositionen auf der Achse liefern viel zu scharfe Ergebnisse. Positionen nur wenige Zentimeter neben der Kalotte hingegen sind fast immer schon zu belegt. Ein sehr feines Raster in dem Bereich, in dem sich die Schwingspule der Speaker befindet, ist interessant. Hier entscheidet sich, ob sich ein Sound in die Musik einfügt oder nicht. Amplitube 2 unterscheidet aber nur zwischen On- und Off-Axis, Near und Far. Mit Ambience wird eine Räumlichkeit zugemischt.

Das Effekt-Rack
Als letztes Glied in der Kette bietet Amplitube 2 das Effekt-Rack. Hier wird erneut die ganze Palette an Modulationseffekten, Hall, Delay, Kompressoren, Stereoenhancer, Pitchshifter und EQ geboten. Wozu man hinter einem Lautsprecher Modulations-effekte braucht, verstehe ich nicht. Alle anderen angebotenen Effekte überlasse ich gern anderen PlugIns, die auf die jeweilige Disziplin spezialisiert sind und darüber hinaus auch für andere Instrumente anwendbar sind.
Hall sollte man im Mix besser über AUX-Wege ansteuern, um die Möglichkeit zu haben, mehrere Instrumente im gleichen Raum platzieren zu können.

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– Effekt-Rack –

Fazit
Die Vielseitigkeit und Klangqualität von Amplitube 2 ist beeindruckend, die Bedienung intuitiv. Dank der großen Auswahl an Verstärkern, Effekten, Boxen und Mikrofonen lassen sich Sounds erzeugen, die den unterschiedlichsten Stilistiken gerecht werden. Grund zur Kritik gibt es wenig. Für meinen persönlichen Geschmack klingen lediglich die meisten Boxen zu hell. Aber das ist ja glücklicherweise höchst subjektiv.

Plus
+ + + Vielseitigkeit
+ + + angenehm dynamisches Spielgefühl

Minus
– – – zu geringe Auswahl an Mikrofonpositionen

Preis
UVP: 329,- €
Straßenpreis: 270,- €

 

Klangbeispiele
Forum
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    Seltsamer Test finde ich. Ich jedenfalls empfinde Amplitube 2 wesentlich authentischer als bspw. Guitar Rig 2 Klänge. Klanglich und darauf kommt es mir an, ist m.E. Amplitube 2 dem GR2 deutlich überlegen. Insb. merkt man das, wenn man Reamping betreibt. GR2 ist verglichen mit Amplitube 2 eher dünn im Klang und weniger durchsetzungsfähig. Amplitube 2 versucht auch nicht identisch eine Kopie zum Vox C30 oder Fender Twin Reverb oder eben Marshall zu sein. Amplitube hat excellente Preamps und Amps kreiert, die nun einmal die Klangeigenschaften der eben erwähnten mit aufnehmen ins Potential , aber halt nicht nachäffen, was eh nicht funktioniert (das versucht GR2) . Die AMpsimulationen von GR2 fallen deutlich gegenüber Amplitube 2 im Mix ab. Bitte einfach mal FX abschalten und das pure Signal ohne Hall und ohne FX hören. Da trennt sich dann die Spreu vom Weizen und eben auch Amplitube 2 vom GR2 .

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    AMAZONA Archiv

    Mir scheint der Test ebenfalls eirig, da sich unverhältnismäßig an Unterschieden zu "realen" Amps etc aufgerieben wird, aber der Vergleich eben zur bislang vorhandenen SW gescheut wird. Klar, NI sitzt in Berlin und schickt jede Woche fleissig Päckchen, aber verdammt nochmal Amplitube klingt drei Klassen besser. Mehr Details, mehr Dynamik, mehr Fülle. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

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    AMAZONA Archiv

    Habe gerade den Test im Mix gemacht . Aber eigentlich hat sich Amplitube „am Leib“ schon viel besser angefüllt als Guitar Rig. Und im Mix ist es wirkich dann ein Klassenunterschied zu Guitar Rig. Leider fällt mir in der letzten Zeit immer mehr auf, daß anscheinend die Italiener es dann doch geschmacklich besser treffen als die Jungs aus Berlin. Die Ik-Sounds sind momentan in fast allen Belangen um einiges weiter vorne. Naja, wer auch meint DJ-Software programmieren zu müssen. Grüße

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