Test: Imaginando FRMS, granulares FM-Synth-Plugin

23. Mai 2020

Großartige FM-Wolken

Imaginando FRMS: Habt ihr euch eigentlich auch schon mal gefragt, was herauskommt, wenn man Granularsynthese mit FM kreuzt, dem Ganzen noch etwas subtraktive Synthese hinzumischt und dann in vier Gängen aufträgt? Wie auch immer die Antwort ausfallen mag, Imaginando FRMS ist das Ergebnis dieser Fusionsoperation. FRMS steht dabei einfach für „Frames“. Aber kann man wirklich granulare Oszillatoren für FM sinnvoll nutzen?

Imaginando FRMS Grundlagen

Imaginando FRMS ist erhältlich für PC, Mac, Android and iOS, wobei eine optionale Cloud-Sync-Funktion dafür sorgt, dass die Presets und Einstellungen über die Geräte hinweg synchronisiert werden können. Die Installation auf einem Mac ist schnell und problemlos nach Registrierung auf der Imginando-Website durchzuführen. Man kann Imaginando FRMS entweder sofort für 119,- Euro kaufen oder monatlich für 11,90 Euro, wobei nach einem Jahr die Software vollständig erworben ist.

Nach der Installation kommt ein 2,6 GHz Intel Core i5 mit 8 GB ganz schön ins Schwitzen. Eine Instanz von Imaginando FRMS gönnt sich ca. 15 % im Leerlauf (abgelesen in Ableton Live; Cockos Reaper geht hier sparsamer mit der CPU um) und je nach Patch kommt man auch mit einem Buffer von 2048 Samples an die Leistungsgrenze, was mit Aussetzern quittiert wird (bezeichnenderweise passiert das beim Patch: „Heavens Crash“); auch der LoQ-Modus reißt hier nicht viel. Zum Vergleich benötigt eine DIVA-Instanz ungefähr 10 % bis 20 % weniger CPU und verbraucht so ca. 10 % im Leerlauf. Das ist schon eine Ansage. Imaginando FRMS wird uns dafür aber mit einem ganz eigenständigen Sound belohnen.

Die Wirkungsweise der Granular-Engine ist vorbildlich visualisiert

Die Wirkungsweise der Granular-Engine ist vorbildlich visualisiert

Mit der eingangs gestellten Frage ist Imaginando FRMS eigentlich schon ganz gut beschrieben. Etwas fachmännischer würde man es so umschreiben: Imaginando FRMS bietet vier unabhängige Synth-Sektionen oder Layer, die bei Bedarf untereinander mit acht FM-Algorithmen verschaltet werden können. Jedes Layer ist unterteilt in

  • VA- und Granular-Oszillator-Sektion, die auch eine Schwingungsform-Darstellung enthält, inkl. Live-Audio und Live-Sampling
  • Hüllkurven-Sektion mit zwei ADSR-Hüllkurven inklusive anpassbarer Regelcharakteristik (Log, Lin, Exp),
  • einer 12 x 15 Modulationsmatrix
  • und einer Modifier-Sektion, die vier LFOs und einen Arpeggiator (mit 5 Einstellungen) enthält.

Zusätzlich ist zu erwähnen, dass Imaginando FRMS auch Ableton Link und MPE unterstützt. Eine verschlagwortete Patch-Library gehört ebenso dazu wie eine umfangreiche MIDI-Learn-Funktion. Die LFOs sind selbstverständlich zur BPM synchronisierbar. Das Reverb klingt sehr Richtung Clouds und lässt sich trotz eingeschränkter Einstellungmöglichkeiten gut zur Klanggestaltung einsetzen. Imaginando FRMS ist achtstimmig polyphon und beherrscht auch das Granularisieren von Live-Audio anstatt von Samples. Der Audioeingang kann auch abgesampelt und die Samples dann in der Library gespeichert werden.

Klar Schiff

Jeder Unterabschnitt eines Layers ist optisch klar gegliedert und die Parameter sind schnell zu erfassen. Bei der Darstellung geht Imaginando FRMS hier einen interessanten Weg: Anstatt strikt nach Layern zu unterscheiden, ist das GUI in zwei Abschnitte geteilt, in denen jeweils ein Abschnitt eines Layers dargestellt werden kann; das ist das sogenannte Split-Layer. Und die müssen nicht zwangsläufig demselben Layer angehören. Das ist beim Editieren sehr praktisch, zumal auch Einstellungen von einem ins andere Layer kopiert werden können. Dass die Zwischenablage nach einem Kopiervorgang wieder leer ist und neu befüllt werden muss, ist nur ein kleines Manko.

Imaginando FRMS - Split Edit

Imaginando FRMS – Split Edit

Die ganze Oberfläche ist durchdacht und es ist eine Freude, damit zu arbeiten. Vor allem die Split-Layer-Editierung kann hier gefallen. Es gibt aber auch Schatten: Man kann keinen Parameterwert über die Tastatur eingeben. In der Modulationsmatrix kann man die Modulationsstärken gar nicht über die Wertekästchen steuern, sondern muss nach Auswahl immer den seitlichen Fader bewegen. Dieser hat zudem keine Feineinstellungsmöglichkeiten über die Shift-Taste oder ähnlichem. Gerade bei der Matrix hätte ich das erwartet.

Die acht FM Algorithmen von Imaginando FRMS

Die acht FM Algorithmen von Imaginando FRMS

Die Anleitung gibt es nur als Webdokument. Knapp erläutert sie die Syntheseverfahren und die Oberfläche.

Die Kraft der vier Oszillatoren

Herzstück jedes Layers sind zwei Oszillator-Engines: eine granulare und eine virtuell analoge. Sehr gut ist hier die Darstellung des granularen Oszillators gelungen. Man kann genau sehen, wie die einzelnen Grains sich verhalten, wenn man die neun Granular-Parameter verstellt. Jeder der fünf Hauptparameter (Window, Offset, Size, Density und Tune) hat noch einen einstellbaren Random-Parameter, der unabhängig von der Modulations-Matrix arbeitet. Den Einfluss der Parameter kann man wunderbar im Waveform-Fenster einsehen, der eine gelungene optische Umsetzung präsentiert. Man begreift hier tatsächlich intuitiv, was die einzelnen Parameter machen. Aber warum wird in den Specs von drei Synth-Engines geredet?

Imaginando FRMS - Split Edit

Imaginando FRMS – Split Edit. Oben Layer 1, unten Layer 3.

Granulares FM-Neuland

Nun, die Dritte entsteht eben durch die FM-Modulation eines Granular- oder VA-Oszillators durch einen anderen. Und hier liegt das eigentliche Synthesepotential von Imaginando FRMS. Denn Modulationsmatrizen und VA oder Granular bekommt man auch woanders. Hier ist es aber möglich, auf einfache und intuitive Weise zu erkunden, wie FM mit einem granularen Oszillator als FM-Modulator oder FM-Carrier klingt.

Imaginando FRMS - Wellenformen Auswahl und Verwaltung

Imaginando FRMS – Schwingungsformen Auswahl und Verwaltung

Die FM-Option wird im Global-Menü aktiviert. Hier wählt man zwischen acht 4-OP-Algorithmen. Jeder FM-Modulator hat dann, je nach Algorithmus, einen FM-Amount-Regler. Das erste Layer ist dabei stets Carrier und kann auch nicht auf sich rückgekoppelt werden. An Klängen eröffnet das von drohenden Drohnen über aleatorischem Chaos bis zu ätherischen Pads und allerlei Noisigem eine große Palette an Klanggestaltungsmöglichkeiten. Sicher könnte man hier nach mehr Algorithmen rufen, allerdings ergeben granulare Oszillatoren von sich aus schon viel Variation, so dass bei noch komplexeren FM-Algorithmen mit noch mehr OPs wohl kein klanglicher Mehrwert entstehen würde.

Modulations Matrix

Modulationsmatrix

Imaginando FRMS ist dabei kein Synth, der immer gut klingt. Das liegt wohl zuerst an der Natur der FM-Synthese und nicht am Plugin selbst. Es ist klar, dass je chaotischer der granulare Oszillator wird, die Ergebnisse immer unvorhersehbarer werden. Imaginando haben hier also ein Präzisionswerkzeug geschaffen, bei dem kleinste Veränderungen sich stark auf das Ergebnis auswirken. Man kann Imaginando FRMS natürlich auch einfach als vierfachen granularen bzw. VA-Synth nutzen. Damit lässt man das eigentliche Potential aber liegen. Es empfiehlt sich von einem Init-Patch (das ich in den Factory-Patches vermisst habe) Schritt für Schritt an die Granluar-FM heranzutasten.

Fazit

Mit Imaginando FRMS ist eine wirklich interessante Synthese-Engine entstanden, die für cineastische und fantastische Klangkreationen wie geschaffen ist. Die sauber strukturierte Split-Oberfläche erfasst man auch ohne Anleitung in wenigen Minuten; die Darstellung der flitzenden Grains erlaubt das intuitive Erfassen der Grain-Parameter. Die fehlende direkte Eingabe von Werten ist kein Deal-Breaker und kann bestimmt noch nachgereicht werden. Klanglich sollte hier für lange Zeit genug Futter zu finden sein. Dabei finde ich, dass die Werks-Patches nicht gut zeigen, was klanglich alles möglich ist. Nicht zu vergessen: Mit Imaginando FRMS kann man Audio auch live granularisieren oder zunächst sampeln; das sollte ebenfalls eine spannende Spielwiese sein.

Zukunftsgerichtet mit MPE und Ableton Live Link ausgestattet gibt es eigentlich nur eine Grenze: den CPU-Hunger. Auf dem oben genannten System sind mehr als zwei Instanzen nicht sinnvoll einzusetzen, hier wird man wohl Spuren oft einfrieren müssen. Entschädigt wird man mit einer mächtigen Syntheseform, die intuitiv zu bedienen ist und vor allem für Experimentelles und Filmmusik gut einzusetzen ist.

Plus

  • interessantes Synthesekonzept, reichhaltige Klangforschung möglich
  • durch Split-Interface schnelleres Arbeiten möglich
  • MPE-Modus
  • Ableton Live Link

Minus

  • neigt zu interner Übersteuerung bei Basis-Schwingungsformen, vor allem Sinus (unabhängig vom Master)
  • Matrix-Einstellung nur mit großem Seiten-Fader
  • keine eigenen Kategorien im Patch-Browser anlegbar
  • hohe CPU-Anforderungen

Preis

  • 119,- Euro
  • oder 11,90 Euro/Monat für 12 Monate
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  1. Profilbild
    gaffer  AHU

    15€ für iOS – bei dem Leistungshunger aber sicher nur auf Pro Geräten. Aber „Improvements“ bei der Effizienz werden angekündigt (im einzigen Review). Bei Android dürfte ganz wenig gehen. In Zukunft steht dann beim musikalischen Rechnertest: das Modell schaffte 6 Instanzen FRMS (erinnert mich an Zeckenkrankheiten) bei 256 Samples. Goodbye Diva.

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