Granularsynthese trifft Performance
Intellijel Multigrain ist ein neues, samplebasiertes Modul, das der Hersteller als „Stereo Morphing Granular Sampler“ bezeichnet. Die Kanadier genießen in der Szene einen sehr guten Ruf und setzen oft Maßstäbe – auch diesmal?
- Was ist es? Intellijel Multigrain, Granular-Sampler-Modul für das Eurorack-System, kombiniert Granularsynthese, Live-Sampling und Performance-Funktionen.
- Kreatives Sampling: Dank „Always Listening“ und Live-Resampling jederzeit aufnahmebereit – inklusive Effektverarbeitung.
- Vielseitige Performance: Acht simultane Soundslots mit morphbaren Scenes und granularen Klangtexturen ermöglichen komplexe Live-Sets.
- Professionelle Verwaltung: Presets, Projekte und umfangreiche Speicheroptionen machen Multigrain auch ohne Display leistungsfähig.
- Firmware 1.2: Führt Looping-Recorder, granulare Live-Modi und Blur-Effekt für externes Audio ein – erweitert, aber erhöht auch die Komplexität.
Inhaltsverzeichnis
Intellijel Multigrain Morphing Granular Sampler
Einleitung
Ich erinnere mich an ein Interview mit Tony Rolando von Make Noise, der eine Produktentwicklung mit einem leichten Schulterzucken und dem Hinweis auf Intellijel begründete, die ja schon analoge Synthese perfekt realisiert hätten – man habe sich etwas Neues einfallen lassen müssen. Das sagt viel über den Respekt in der Szene für Intellijel. Intellijel hat sich nun dem Thema kreativen Samplings mit Granularsynthese angenommen.
Anmerkung: Nach Redaktionsschluss kam noch ein frisches 1.2-Update. Änderungen wurden ergänzt und im Text kenntlich gemacht.
Basics
Intellijel Multigrain spielt Grains ab, die es aus in acht Soundslots geladenen Samples ausliest. Die grünen Buttons dienen als Trigger. Dabei kann man neue Grains aus demselben Slot oder anderen Slots triggern, während alte noch „bis zum Ende“ spielen. Ein typischer Sampler ist das Modul somit nicht. Mit den Buttons A und B sowie einem Crossfader lässt sich stets zwischen zwei Szenen mit Einstellungen pro Soundslot morphen. Dabei muss man manchmal zwischen dem aktiven/selektierten und dem spielenden Sound unterscheiden – zuvor gespielte Slots können ja noch ausklingen.
Die weiß-grauen Regler (Crossfade Shape, Level, Rate, Size, Pitch und Tone) beziehen sich auf die Granularsynthese, die drei schwarzen Regler (Start, Warp und Scan) auf Positionsparameter. Auch eine Grain-Reverse-Option ist integriert. Ein langer Hall à la Clouds ist ebenfalls enthalten, um Klänge weich verschwimmen zu lassen. Auch das Eingangssignal kann damit bearbeitet werden – seit Firmware 1.2 kann diese Effektbearbeitung von der Bearbeitung der Slots getrennt werden, sodass „Blur“ auf die Soundslots wirkt, ohne das Input-Signal zu beeinflussen. Ein wenig Effektgerät ist Intellijel Multigrain also doch – erst recht nach dem Firmware-Update 1.2: Nun können Grains in einem neuen Live-Modus auch aus dem Live-Input oder dem Inhalt eines neuen Looping-Recorders generiert werden.
Grains werden (erst) auf Basis des geladenen Samples erzeugt. Wird z. B. ein Grain getriggert, hört man eine Änderung von Parametern wie Pitch erst beim nächsten Grain-Triggering – oder nachdem das Grain bis zum Ende durchgelaufen ist. Man kann Grains aber natürlich auch schnell hintereinander triggern. Sie können mit Raten von 0 bis ca. 130 Hz erzeugt werden und 20 ms bis 4 Sekunden lang sein. Nach vier Sekunden ist bei einer Abspielrunde grundsätzlich Schluss.
Lange Samples können nur abgespielt werden, wenn man die Startposition für das nächste Grain passend moduliert oder mit dem „Scan“-Regler durch das Sample manövriert. In Mittelstellung gibt es keine Bewegung; nach rechts gedreht bewegt man sich vorwärts, nach links rückwärts durch das Sample. „Start“ entscheidet, von wo aus die Wiedergabe beginnt, „Warp“ stellt ein, welche Länge ab der Startposition via Scan durchsucht wird (ähnlich einem „Loop-Length“-Parameter).
Auf der SD-Karte lassen sich bis zu 48 Projekte verwalten. Ein Projekt kann wiederum 48 Presets beinhalten. Jedes Preset verfügt über acht Soundslots/Kanäle, die beim Drücken mehrerer Buttons manchmal auch überlappend hörbar sind, weil zuvor gespielte Slots eventuell noch „ausklingen“. Das ist allerdings etwas anderes ist als Polyphonie, wie man sie kennt. Ein Soundslot nutzt zwei Scene-Einstellungen. Das ergibt 8 × 48 × 48 = 18.432 Soundslots × 2 Scenes = 36.864 Scenes, die gespeichert werden können! Intellijel Multigrain kann also ein enormes Repertoire an Klangfragmenten für einen Live-Act verwalten. Maximal lassen sich 32 Sekunden in Stereo sampeln (Stand Firmware 1.2).
Es lässt sich nicht nur auf Knopfdruck sampeln – ein 32-Sekunden-Puffer hört immer mit, um Audio (vom Input oder vom Output via Resampling) nachträglich einzufangen. Diese Funktion hat bereits den Roland SP-404MKII groß gemacht und war meines Wissens im Eurorack-Kosmos bislang so nicht zu finden. (Der neue Looping-Recorder aus Firmware 1.2 ist nun eine weitere Alternative: Er speichert eingehendes Signal über einen einstellbaren Zeitraum zwischen, das man sofort in einem Soundslot abgreifen kann.)
Via CV In X, Y und Z eingehende Modulationssignale lassen sich Parametern zuweisen. Transposition ist via 100 % Modulationszuweisung eines CV-Ins möglich, muss jedoch einzeln pro Scene programmiert werden. Auch eine interne Random-Modulationsquelle ist integriert, die im Stil von S&H für jedes Grain einen neuen Wert generiert und Parameter unterschiedlich moduliert. (Nach dem Firmware-Update 1.2 moduliert diese Quelle standardmäßig nicht mehr bipolar, sondern unipolar – das lässt sich in neu eingeführten System Settings ändern.)
Ich würde meist gern auch alle Sounds auf einmal transponieren können. Es gibt außerdem Morph- und Sync-CV-Ins. Zusätzlich geht CV via Outs A und B heraus. Next-, Select- und Gate-CV-Ins erlauben die ferngesteuerte Umschaltung zwischen Sounds und/oder das Triggering.
Praxis Teil 1
Trotz vieler Funktionen kommt man auch ohne Handbuch leicht zu guten klanglichen Ergebnissen. Unten leuchten die Soundslot-Buttons 1-8, die voreingestellt mit Samples gefüllt sind, sodass man die Wirkung der Parameter schnell ausprobieren kann. Mit gehaltener Latch-Taste spielen Samples auch ohne „Festhalten“. Dass sich Grains via „Tone“ und „Level“ mit eigener Filtereinstellung und Lautstärke spielen lassen, wird schnell wichtig, wenn sie sich bei hohen Rates oder Sizes überlagern.
Man muss sich – wie bei vielen Synths mit Presets – daran gewöhnen, dass Reglerstellungen oft nicht dem entsprechen, was man hört. Insbesondere um die Aufnahmefunktion zu verstehen, musste ich einen Blick ins Handbuch werfen. Gleiches gilt für fortgeschrittene Details und die Soundverwaltung.
Via Mod-Quelle (z. B. X) und Zuweisung zu Pitch können Grains auch via V/Oct angesteuert werden. MIDI oder Polyphonie fehlen. Firmware 1.1 führt weitere Sync-Optionen ein, die via ALT + Sync per Preset aktiviert werden. Mit aktivem Sync kann die Rate wie ein Clock-Divider/Multiplier agieren. Sind Rate, Size und Pitch (optional mit zwei Buttons) verlinkt, ergibt sich besonders schnell eine interessante rhythmische Begleitung.
Wenn ich Akkord-Samples in Soundslots oder ein langes Sample in einen Slot aufnahm, konnte ich via Buttons und/oder Crossfader auch Akkorde ansteuern.
Sampling und Praxis Teil 2
Der rot umrandete Sampling-/Record-Button ist mangels Beschriftung für Anfänger nicht sofort zu identifizieren. Blaues „Atmen“ zeigt: Das Modul hört zu, was am Eingang oder Ausgang anliegt. Unterschieden wird zwischen Basic Sampling und Advanced Sampling. Ersteres ist schnell erledigt – nach kurzem Drücken leuchtet der Button rot. Advanced Sampling erlaubt Trimming und das Speichern von Samples aus dem Buffer; diese Page erreicht man durch langes Drücken der Sampling-Taste nach der Aufnahme. Es gibt auch eine Settings-only-Page, welche die Trimming-Optionen ausblendet. Hier stellt man lediglich ein, ob via Resampling oder über den Audioeingang gesampelt wird.
„Thru“ für Monitoring spielt stets das (dann auch mit Effekt bearbeitbare) anliegende Signal vor. Im Resampling-Modus konnte ich auch das mit Effekten bearbeitete Eingangssignal sampeln, wenn „Thru“ aktiviert war. Ich bevorzuge oft Resampling als Quelle, weil ich dann sowohl den Eingang als auch den Ausgang sampeln kann. Neue Aufnahmen – egal in welchem Modus – lassen sich in einen der acht Slots speichern oder zunächst im Ordner „Recs“ auf der microSD-Karte ablegen. Eine Vorrichtung zum Löschen von Samples gibt es am Gerät nicht; das soll am Computer erfolgen.
Via Sample-Loading-Page lädt man Samples ins Projekt. Die zugehörigen Buttons befinden sich oberhalb der acht Slots; zuvor muss „Alt“ gedrückt werden. Wenn ich z. B. in der Loading-Page von „Recs“ auf „Wav“ oder „Project“ umschalte, wird dem ausgewählten, blinkenden Slot sofort ein neues Sample zugeordnet. Mit „Preview Next/Previous“ kann ich vor- und rückwärts springen. Aufnahmen sind voreingestellt chronologisch auffindbar.
Buttons A und B spielen im Advanced-Sampling-Mode den Sample-Start- bzw. Endpunkt kurz an. „Scan“ wird dann zu „Nudge“ und sorgt optional dafür, dass jedes Drücken von A oder B zu einer leichten Verschiebung des Start- bzw. Endpunkts führt. Automatisches Normalisieren einer Aufnahme ist möglich; Aufnahmen werden voreingestellt durchnummeriert.
Praxis Teil 3: Verwaltung, Samplerate, Konkurrenzvergleich
Während Projekte einen Autosave-Modus nutzen und insgesamt stets die jeweils letzte Einstellung wieder aufrufen, lassen sich Presets laden und speichern. Das ist praktisch, muss aber erst verstanden werden (siehe Bilder und Video).

Intellijel Multigrain Project Page, Projekte können nur geladen werden und speichern den letzten Zustand automatisch
Ohne microSD-Karte kann man mit den acht Soundslots auch im RAM arbeiten. Die SD-Karte sollte nicht, kann aber im laufenden Betrieb entnommen werden (inkl. Reboot-Option). Schade, dass keine USB-Buchse zur Sample-Übertragung vorhanden ist.
Samples lassen sich im Format 16 Bit, 48 kHz, WAV aufspielen. Morphagene arbeitet mit 32 Bit, was die Klangqualität von Experimenten erhöht, scheint aber mehr zu rauschen, hat keinen Hall und ist stärker Sampler (mit einer maximalen Sample-Länge von 174 Sekunden) – auch wenn es ähnliche Parameter gibt.
Intellijel Multigrain kann zwar wie Morphagene klingen, beherrscht aber allenfalls auf Umwegen den typischen Sound des klassischen „Varispeed“-Parameters, den man auch bei Qu-Bit Stardust findet – einem Modul, das ebenfalls stärker Sampler mit Slicing-Optionen ist. Stardust kann quasi unendlich lange Samples aufnehmen, aber stets nur eines davon auf dem Stick verwalten. Intellijel Multigrain klingt gut; in Stardust und Morphagene bekam ich im Test ehrlich gesagt manchmal etwas schneller den verfremdeten Sound hin, den ich suche.
Allerdings ist Multigrain wohl vielseitiger, kann Grains auch mal eben reversen und ist bei der Sample-Verwaltung für eine Performance überlegen – zumal seit Firmware 1.2 noch optimierte Funktionen von Granular-Effekten hinzukamen. Der Chompi Sampler kann ebenfalls gut Samples verwalten, hat MIDI und kann Samples für meinen Geschmack musikalischer (polyphon) spielen oder stimmen.
Intellijel Multigrain kann auf acht Kanälen mehrere Grains gleichzeitig ausgeben. Fast könnte man denken, die Hersteller hätten sich abgesprochen, jeweils wegzulassen, was die anderen können – sodass man alles kaufen muss.
Sonstiges
Das Halten eines Slots beim Drücken eines anderen erlaubt das Kopieren eines Samples. Ähnlich funktioniert es mit Scenes. Random + Drücken eines Sound-Buttons erzeugt zufällige Parametereinstellungen. Tonhöhenveränderungen via Pitch lassen sich quantisieren; die Skala kann pro Soundslot oder – neu seit Firmware 1.1 – für alle Soundslots gemeinsam definiert werden. Es gibt viele weitere Optionen, etwa einen Ping-Pong-Play-Mode. Möglicherweise kann auf der Rückseite irgendwann eine Expansion verbunden werden – zumindest ist ein Steckplatz frei. Eine MIDI-Erweiterung fände ich interessant (mit Kanalzuordnung für Soundslots). Es werden zahlreiche Soundpacks als Projekte sowie eine 32 GB microSD-Karte mitgeliefert.
Video
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Ja, der Quantizer ist toll, vor allem weil man spontan eine Skala oder eben nur Oktaven/ Quinten zulassen kann. Damit hat man vieles im Griff. Varispeed in Morphagene hat aber eine andere Klangästhetik.
Und was nicht geht, ist mal eben alle Slots transponieren. Angenommen, Du baust Dir ein Set, wo 8 Sounds zusammen passen. Dann jammst Du mit jemand, der aber ein paar Halbtöne höher spielt. Dann könne es hier durchaus leichter gehen, mit Multigrain sich „einzustimmen“.
@Heiner Kruse (TGM) gleichzeitig ist es irgendwie auch das leistungsfähigste Modul überhaupt.
Heute kam noch ein neues Intellijel Video
https://www.youtube.com/watch?v=A2D-TyxJGAA&t=127s
@Heiner Kruse (TGM) und da erzählen sie zB, dass man Latch halten kann, um Pitch Modulation für alle Slots simultan zu programmieren, das hatte ich gesucht…..
@Heiner Kruse (TGM) ich finde das Handbuch nicht optimal strukturiert, aber das ist Kritik auf hohem Niveau, dennoch mit Videos geht es hier manchmal besser und ist auch beherrschbar, jedenfalls bis zu den 1.2 Funktionen, die dann nochmal einen drauf setzen
Scheint mir ähnlich zu sein wie beim Instruo Arbhar – wahnsinnig viele und tolle Funktionen, das Handbuch muss aber stets geöffnet sein bzw. mache ich mir immer wieder Notizen und hab sie stets neben meinem System liegen. Zu viel um sich alles merken zu können. Soll aber sicherlich keine Kritik sein, ganz im Gegenteil.
Danke für den Test!
@Jens Hecht eigentlich geht’s noch, wenn man es einmal verstanden hat, weil viele Zweitfunktionen als eingefärbter Schriftzug zu finden sind. Nur für die Firmware 1.2 Funktionen eben nicht. Sonst ist vieles schlüssig gelöst.
@Heiner Kruse (TGM) Aus genau diesen Gründen, die Jens und Heiner nennen, habe ich mir das Modul nicht gegönnt, obwohl Sound und Möglichkeiten extrem verlockend sind. Leider nichts für mich. Mir war schon bei Erscheinen klar, dass ich das UI nicht würde lernen wollen, und der damalige Verweis auf künftige Funktionen hat das befürchten lassen, was mit V1.2 eingetreten ist.