Test: iZotope, Iris, Software-Synthesizer

20. Juni 2012

Resynthesizer

Gewöhnlich suche ich bei einem neuen Synthesizer lange nach einem Init-Preset. Manchmal ist es gar nicht vorhanden und ich muss es mir erst selbst erstellen. Ich liebe es, einen Sound von Grund auf neu zu erstellen, was wahrscheinlich von meinen Erfahrungen an modularen Synthesizern herrührt. Gleichzeitig ist meine Musik, die ich mache, bestimmt von Improvisation und Intuition – der Augenblick der Gegenwart ist der Meister meiner Kunst. Ich habe in meinem Studio nicht die Muße, ewig an einem Sound herum zuschrauben, wenn ich ein neues Musikstück aufnehme. Die Art, wie ich im Konzert arbeite, setzt sich in meiner Studioarbeit fort – alles muss schnell verfügbar sein und funktionieren, ansonsten ist der kurze Moment des kreativen Schaffens verpufft.

Dieser Widerspruch zwischen meinem Anspruch am eigenen Klangdesign und dem Produzieren im Augenblick lässt sich bei Software-Synthesizern selten bis gar nicht überwinden. Erst recht nicht, wenn es um innovative Sounds geht. Nun schickt sich die Firma iZotope mit ihrem samplebasierten Software-Synthesizer Iris an, mich eines Besseren zu belehren.

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Gleich oben, neben der Funktion zum Sichern von eigenen Klängen, befindet sich ein Button mit der Aufschrift „New“. Wird dieser betätigt, wird ein Init-Preset geladen. Hier lädt ein Hersteller die Benutzer ihres Software-Synthesizers ein, mit dem Instrument „from scratch“ Sounds zu programmieren? Sind die verrückt oder überheblich?

Theorie

iZotope hat im Grunde mit Iris einen samplebasierten Resynthesizer entwickelt, der die spektrale Bearbeitung von Audiomaterial jetzt auch für Synthesizer fruchtbar macht. Was bedeutet das eigentlich? Das gesamte Frequenz/Zeit/Lautstärkespektrum eines Samples wird im Spectogram visuell dargestellt. Im Display wird die Frequenz von unten nach oben, die Zeit von links nach rechts und die Lautstärke von hell nach dunkel repräsentiert. Mit einem Blick kann ich beim Hören des Samples und beim Sehen der Abspiellinie erkennen, an welcher zeitlichen Stelle und in welchem Frequenzbereich sich das lauteste Audioevent befindet.

Das Spectogram ist die Seele und der Hauptarbeitsplatz von Iris

Das Spectogram ist die Seele und der Hauptarbeitsplatz von Iris

Klangbeispiele
Forum
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    Helmut

    Wenn die letzten Worte „Best „Buy“ heißen, müsste das Teil doch noch ein Sternchen mehr bekommen, oder?

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    AMAZONA Archiv

    Auf den ersten Blick kann man die Begeisterung des Autors für das IRIS-Konzept teilen. Wenn man sich allerdings etwas intensiver damit beschäftigt: Das Einzeichnen von Klangverläufen ist interessant, allerdings am Ende des Tages statisch. Das bedeutet, dass die Einflussnahme auf den Klang an sich durch Modulationen in einem nur sehr begrenzten Rahmen machbar sind. Ob das in der Praxis reicht oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich war es ein wichtiger Punkt, mich trotz anfänglicher Begeisterung, gegen einen Kauf zu entscheiden.

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      j.rauner  RED

      Das die Modulationsfähigkeiten beschränkt sind, habe ich in meinem Test ja erwähnt. Aber für mich war das einzeichnen und mischen von Frequenzen nicht statisch. Eher das Gegenteil – ich habe Iris einen ganzen Monat getestet und immer weiter dazu gelernt, um mit den Werzeugen umzugehen. Die paar LFOs und Hüllkurven habe ich kaum benutzt, und weitere Modulationen nicht vermisst, weil bei Iris Modulation und Klangformung in eins fallen.
      Aber es ist wie immer, den einem sagt diese Art des Sounddesigns zu und dem anderen das andere – kommt auch darauf an, was man für Musik macht.

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    Jesus

    Wer Harmor hat, kann sich Iris sparen.

    Da kann man auch Filterkurven selbst einzeichnen und direkt mit Photoshop das Spektrum bearbeiten.

    Wobei ich mit Harmor eindeutig bessere (musikalischere) Ergebenisse erziele als mit Iris (hatte die Demo mal).

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    ariston

    Eine gute Rezension, an deren Begeisterung ich mich problemlos anschließen kann. Iris ist ein fantastischer, kreativer Tummelplatz und lässt mich ständig neue, tolle Klänge erforschen. Keine Minuspunkte zu vergeben ist allerdings etwas irreführend: so gibt es noch ein paar Bugs (Werkzeuge funktionieren plötzlich nicht), und die CPU-Last schlägt sogar Diva (bei Radius RT und höherer Polyphonie). Auch wäre es nett, wenn man die Abspielgeschwindigkeit der Samples einstellen könnte.
    Iris ist toll, kann aber durchaus noch besser werden.

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      j.rauner  RED

      ariston, vielen Dank für Deinen Kommentar! Also bei mir hat die Funktion der Werkzeuge, soviel ich mich an den Test-Monat erinnern kann, immer funktioniert – es gab da kein Ausfall. Ja, unter dem RadiusRT-Mode war die CPU-Last merklich höher als beim normalen Resample-Mode – aber lange nicht so sehr wie bei der göttlichen Diva. Vielleicht sind unsere Computersysteme unterschiedlich? Den RadiusRT-Mode habe ich persönlich nur als Gimmick angesehen, meine Sounds habe ich ausschließlich im Resample-Mode gemacht. Die Abspielgeschwindigkeit lässt sich nur im Resample-Mode per Root-Key und Pitch einstellen, im RadiusRT-Mode ist sie logischerweise fest. Aber ich glaube, du meinst eine tonhöhenunabhängige Einstellung.

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        ariston

        Genau, die tonhöhenunabhängige Justierung wäre eine tolle Erweiterung… inwieweit das technisch möglich ist, ohne das „hear what you see“ Konzept zu durchbrechen, weiss ich natürlich nicht.

        Unter Radius RT in der höchsten Qualität klingt’s bei mir tatsächlich oft besser (manchmal ist’s egal), aber bei 4-6 Tönen mit langen Release Zeiten ist oft Schluss. Ich habe ein i7 Notebook, also keine Krücke. Diva läuft da mittlerweile (Patch!) besser.

        Vielleicht liegt das mit den Werkzeugen an Ableton, muss es nochmal in einem anderen Host probieren.

        Danke für den Test und die Antwort!

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    rz70  

    Kann ich nur unterstreichen. Tolles Tool für alte Samplelibs. Hab das Teil jetzt auch schon mehr als einen Monat und bin immer noch begeistert. Und das ist erst Version 1.0. Bin mal gespannt was da noch kommt.

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