Das Schweizer Taschenmesser der Klon Clones
Der J Rockett Archer Select ist die Antwort auf die verschiedenen Archer-Versionen – ein Pedal, das alle erdenklichen K-Style-Overdrive-Optionen in einem kompakten Gehäuse vereint.
- Vielseitig: Sieben wählbare Diodentypen (inkl. LED) liefern ein breites Spektrum an Klon‑Charakteren.
- Praxisfreundlich: Zwei Footswitches, gerasterter Clipping‑Poti, True Bypass und DI‑Out mit Speaker‑Simulation.
- Sound: Von warmen Klon‑Standards bis zu offenen, komprimierten Tones; OA10 bleibt mein Favorit.
- DI‑Out: Praktisch für Direct Recording, klingt aber etwas dicht/nasal – für mich verzichtbar.
- Verarbeitung: Robustes, hochwertiges Gehäuse; etwas größerer Formfaktor für bessere Bedienung.
Inhaltsverzeichnis
Die ersten 5 Minuten mit dem J Rockett Archer Select
Schon wieder ein Klon-Clone? Das könnte man sich denken, wenn man zum ersten Mal vom neuen J Rockett Archer Select hört. K-Style-Pedale gibt es wie Sand am Meer, zumal der originale J. Rockett Archer selbst zu den bekanntesten Vertretern gehört. Aber wenn man das Pedal auspackt, hat man schnell den Verdacht, dass hier mehr unter der Haube stecken könnte. Mehr Regler, mehr Buchsen – das könnte interessant werden.
Lieferumfang & erster Eindruck
Der Lieferumfang des J Rockett Archer Select ist schnell geklärt: Effektgerät im Karton – das war’s! Nothing fancy. Mehr braucht man bei einem Zerrpedal ja auch nicht. Ich muss allerdings sagen: Seitdem sich vor allem bei Herstellern von Boutique-Pedalen, zu denen der J Rockett Archer Select definitiv gehört, der Trend durchgesetzt hat, alle Produkte mit Plektren, Stickern, Comics und Sonstigem auszustatten, war ich anfangs etwas enttäuscht, dass man hier leer ausgeht. Im Prinzip bedeutet das aber nur, dass der Fokus wieder einmal ausschließlich auf dem Produkt liegt – einem exquisiten, hochwertigen Overdrive-Pedal.
Der erste Eindruck ist durchaus positiv, wenn auch wenig überraschend: gute, gewohnte Archer-Optik, gute Haptik. Auffällig ist, dass der Formfaktor des Pedals etwas breiter ist, als man es eventuell anhand von Fotos vermuten würde. Das finde ich in Anbetracht der zwei nebeneinanderliegenden Footswitches durchaus positiv, was die Praxis beim Pedalboard-Dance angeht.
Line Check
Der obligatorische Line Check des J Rockett Archer Select zaubert einem direkt ein Grinsen aufs Gesicht. Vor einen cleanen Amp gehängt, kommen sehr vielversprechende Sounds entgegen – und zwar in vielen unterschiedlichen Facetten, da der neue Archer Select verschiedene Clipping Stages an Bord hat. Das klingt wirklich interessant, deshalb springen wir direkt in die Details. Viel Spaß!
Facts & Features
Der Archer Select ist in einem etwas größeren Gehäuse untergebracht als die Standard-Version und die meisten anderen J. Rockett Audio Designs-Pedale. Das liegt daran, dass wir auf der Oberseite im Gegensatz zu den drei typischen Reglern, die wir sonst bei Klon-Style-Pedalen finden, dieses Mal vier Regler, einen Toggle-Switch und zwei Footswitches bekommen.
Fangen wir mit den Potis an: Output, Treble und Gain sind vertraute Parameter und steuern die Ausgangslautstärke, die Höhen sowie den Grad der Verzerrung. Mit Clipping haben wir jedoch ein gerastertes Poti, das uns sechs verschiedene Clipping-Dioden als Alternative zur Standarddiode (OA10) zur Verfügung stellt, die teilweise auch in anderen J Rockett Archer-Versionen zum Einsatz kommt. Somit vereint der Archer Select verschiedene Klon-Sounds in einem Gehäuse. Die beiden Footswitches übernehmen rechts den True Bypass, links die Aktivierung der Clipping-Sektion. An der Stirnseite befinden sich wie gewohnt die Input- und Output-Buchsen sowie der 9-V-Netzteilanschluss. Auf der linken Geräteseite findet sich zudem eine weitere Buchse: ein D.I.-Out mit Speaker-Simulation.
Die Clipping-Dioden
Alle verwendeten Diodentypen außer der LED sind NOS (New Old Stock) Germanium-Dioden und wurden von J Rockett gesammelt. Das bedeutet, dass diese Dioden nicht mehr produziert werden, sondern nur verfügbar sind, solange die Bestände reichen. Das erklärt unter anderem auch den gehobenen Preis. Die Dioden im einzelnen:
- 1N270: Tayda Electronics-Diode
- 1N695: russische Diode aus dem Jeff Mod Archer
- 1N34A: Klon Centaur Original
- D9B: aus dem Silver Archer
- D9E: aus dem Archer iKon
- RED LED: LED-Transistor, super für Clean Boost
D. I. Speaker-Simulator
Der D.I.-Out ist als TRS-Buchse ausgeführt und liefert ein direktes Signal mit Speaker-Simulation, die auf einer britischen 4×12-Gitarrenbox basiert. Dieser Ausgang richtet sich primär an Anwender, die ihren Overdrive-Sound direkt abhören wollen, kann aber ebenso gut für Direct-Recording ohne Amp verwendet werden. Der auf der Oberseite des Pedals angebrachte Toggle-Switch fungiert beim D.I.-Output als Ground-Lift.
Auf einen Blick:
- K-Style Overdrive / Boost
- 7 wählbare Diodentypen: OA10, 1N270, 1N695, 1N34A, D9B, D9E, RED LEDs
- Standarddiode ist OA10, wenn der Clipping-Schalter nicht aktiviert wurde
- alle Dioden sind NOS (New Old Stock)-Germanium-Dioden – LED ausgenommen
- DI-Output und Speaker-Simulation für Direct Monitoring & Recording
- Ground-Lift zur Vermeidung von Brummen am DI-Out
- Regler: Output, Treble, Gain, Clipping-Auswahl
- Schalter: On/Off, Clipping, Toggle (Ground-Lift)
- Ein- und Ausgang: 6,3 mm Monoklinke
- DI-Ausgang: 6,3 mm TRS-Klinke, symmetrisch
- Stromversorgung: 9 V DC, Center negative
- Stromaufnahme: 100 mA
- Abmessungen (L × B × H): 107 × 72 × 42 mm
- Hergestellt in den USA
Der J Rockett Archer Select in der Praxis
Bei all den Features wollen wir nicht vergessen, wie das Pedal klingt und ob sich der hohe Preis rechtfertigt. Das Test-Setup sieht folgendermaßen aus: Der Archer Select ist das erste Pedal in der Signalkette, von dort aus geht es in mein Pedalboard, das einen clean eingestellten Morgan PR12 speist. Dieser hängt an einer Universal Audio Ox Box mit 4×12er Greenback-Cabinet. Von dort geht es in ein RME Fireface 802 und anschließend in Ableton Live 12. Alle Beispiele sind unbearbeitet.
12-Uhr-Check
Als Erstes machen wir den 12-Uhr-Check: Alle Regler auf 12 Uhr – und los. Die Clipping-Optionen kommen hier noch nicht zum Einsatz, wir nutzen durchgehend die originale OA10-Diode. Sowohl mit der Tele als auch mit der Paula liefert der Archer Select satte, warme Klon-Sounds der Extraklasse. Das gefällt mir ausgesprochen gut, auch wenn ich in diesem Setup den Treble-Regler vermutlich etwas pushen würde. Nicht ohne Grund schreibt J. Rockett Audio Designs, dass die OA10-Diode ihr Favorit ist.
Diode-Check
Schauen wir uns nun die verschiedenen Soundoptionen durch die sechs zusätzlichen Dioden bzw. die LED an. Für dieses Soundsample stehen sowohl der Treble-Regler als auch der Gain-Regler auf etwa 14 Uhr. Zum Einsatz kommt die Tokai Love Rock am Steg-Tonabnehmer. Am Anfang hört ihr das Pedal im Bypass, danach den Sound ohne aktives Clipping. Anschließend schalte ich von links nach rechts durch die fünf alternativen Dioden sowie die LED auf Position 6.
Hier lässt sich sagen, dass jede Position eigene Nuancen mitbringt, sodass wohl jeder seinen persönlichen Klon-Favoriten finden wird – mal offener, mal komprimierter zeigt sich die ganze Bandbreite an Klon-Optionen. Die LED (Position 6) sticht besonders heraus, da sie einen deutlichen Lautstärkesprung erzeugt und sich daher ideal als Clean-Boost eignet. Mir persönlich gefällt jedoch immer noch die Standardeinstellung ohne Clipping am besten. Wer sich nicht auf einen Typ festlegen will, kann sehr gut Position 1 wegen der dezenten Pegelanhebung als Boost nutzen.
D.I. Out
Die Möglichkeit, direkt aus dem Pedal aufzunehmen, ist ein echter Pluspunkt für die schnelle nächtliche Recording-Session. Auch wenn das D.I.-Signal etwas dicht wirkt und mir persönlich zu nasal klingt, lässt sich damit durchaus arbeiten. Auf dem Bridge-Pickup gefällt es sogar ziemlich gut. Ich persönlich würde bei einem Pedal dieses Kalibers jedoch lieber auf den Direct-Output verzichten und dafür ein paar Euro sparen. Wer sich so ein Pedal kauft, hat in der Regel genügend hervorragend klingende Amps oder Cab-Sim-Optionen zur Hand.


































