Kaputt? Nein, trendy!
Das JHS Pedals 424 Gain Stage ist ein LoFi-Preamp-Pedal, das die legendären Klangcharakteristika des TASCAM Portastudio 424 in kompakter Pedalform nachbildet. Dieses Overdrive-Pedal richtet sich an Gitarristen, die auf der Suche nach authentischen Tascam-Sounds und „gummiartig-elastischen“ Zerrstrukturen sind.
- LoFi-Spezialist: Authentische Nachbildung der Preamp-Sektion des Tascam 424 mit Original-Chips.
- Klangcharakter: Von gummiartig-elastischen Clean-Sounds bis hin zu kaputtem Fuzz.
- Bedienung: Zwei Gain-Stufen, EQ und XLR-Out eröffnen experimentelle Klangwelten.
- Zielgruppe: Für Indie- und Alternative-Gitarristen top, für klassische Rocker weniger geeignet.
Inhaltsverzeichnis
- JHS Pedals 424 Gain Stage
- Vorweg das Fazit: Nostalgie-Trip trifft auf moderne Realität
- Die Wiedergeburt eines analogen Dinosauriers
- Konstruktion: Grau in grau und stolz darauf
- Klangcharakter: Wenn analog auf absichtlich kaputt trifft
- Praxis: Von gummiartig bis grottig
- Schwächen: Spezialist mit Ecken und Kanten
- Konkurrenzsituation: Authentizität hat ihren Preis
Vorweg das Fazit: Nostalgie-Trip trifft auf moderne Realität
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein alter Kassettenrekorder zum Heiligen Gral der modernen Gitarristen avanciert? JHS behauptet, dass das 424 Gain Stage dieselbe „beispiellose klebrige Textur und LoFi-Fuzz“ liefert, die durch das unkonventionelle Setup des Künstlers Mk.gee erzeugt wird. Und tatsächlich: Das 424 Gain Stage liefert genau das ab, was es verspricht. Für knapp 300,- Euro bekommt man eine historisch akkurate Nachbildung der Preamp-Sektion des legendären TASCAM Portastudios, komplett mit den originalen Operationsverstärkern und der charakteristischen Gain-Struktur.
Das Pedal eignet sich primär für experimentierfreudige Gitarristen, die den aktuellen LoFi-Trend nicht nur mitmachen, sondern verstehen wollen. Klassische Rock- und Metal-Puristen werden hier eher weniger glücklich, dafür sind Indie-, Alternative- und Post-Rock-Musiker genau richtig. Wer auf der Suche nach einem traditionellen Overdrive ist, sollte sich anderweitig orientieren. Wer aber bereit ist, für einen sehr speziellen Klang tief in die Tasche zu greifen, findet hier ein durchaus faszinierendes Werkzeug.
Die Wiedergeburt eines analogen Dinosauriers
Es gibt klangliche Ansätze, die man in ihrer Tragweite nie für möglich gehalten hätte. Ich selber war Anfang der Achtziger ein stolzer User des Tascam 244 Portastudios, das ich sogar noch heute besitze.
In einer Zeit, als eine DAW ein feuchter Traum jeglicher Komponisten und Arrangeure war, bot die Portastudio-Serie erste Möglichkeiten, sich als Musiker mit den Prinzipien der Studiotechnik vertraut zu machen, ohne gleich einen sechsstelligen Betrag auf den Tisch legen zu müssen.
Ich weiß noch, wie vorsichtig ich mit den Preamps bzgl. Gain umgegangen bin, um ja keine Verzerrung auf das Kassettenband kommen zu lassen. Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, den Preamp eines Verzerrers gleich zu übersteuern, um so einen bewusst „kaputten“ Sound zu erzeugen.
Warum gerade jetzt ein Pedal herausbringen, das vom Tascam Portastudio 424 inspiriert ist, fragt man sich vielleicht. Die Antwort liegt in der Renaissance des LoFi-Sounds, maßgeblich befeuert durch Künstler wie Mk.gee, der mit seinem 2024er Album die Gitarrenwelt regelrecht elektrisierte. Plötzlich wollte jeder wissen, wie er zu diesem einzigartigen, gummiartigen Sound kam – und die Antwort war verblüffend simpel: Er spielte seine Gitarre nicht über einen Verstärker, sondern direkt ins Portastudio.
JHS-Gründer Josh Scott erkannte das Potenzial und griff tief in die Trickkiste der analogen Vergangenheit. Die Gain-Struktur des 424 Portastudios 1:1 zu kopieren, ist keine Marketing-Floskel. Die Jungs haben tatsächlich die originalen UPC4570- und NJM4565-Operationsverstärker verwendet und die komplette Gain-Schaltung des 424 eins zu eins übernommen.
Konstruktion: Grau in grau und stolz darauf
Mein Tascam 244 war aber auch vom Grundkonzept her immer darauf ausgelegt, hochwertige Studiotechnik für Fußgänger zu bieten, während der Nachfolger, das Tascam 424, etwas „hemdsärmeliger“ zur Sache ging. Wahrscheinlich hat sich JHS Pedals auch aus diesem Grund die Gain-Struktur dieses Protagonisten geschnappt, um das JHS Pedals 424 Gain Stage Pedal zu konzeptionieren, das klanglich deutlich „heller“ und „schärfer“ daherkam als das auf „reichhaltig“ und „cleaner“ getrimmte 244.
Schön finde ich auch die Übernahme der an Belanglosigkeit nicht zu überbietenden grauen Farbe des Portastudios für das Pedal, die selbst von einer Rostschutzfarbe in Sachen Entertainment überholt wird. Stilecht ist es aber allemal. Das kompakte Metallgehäuse (122 x 66 x 41 mm, 290 g) wirkt solide und praxistauglich, auch wenn es optisch etwa so aufregend ist wie ein Parkplatz in Gelsenkirchen.
Die Bedienelemente sind logisch angeordnet und spiegeln die originale Portastudio-Philosophie wider: Volume, Bass, Treble sowie die beiden entscheidenden Gain-Regler. Dabei übernimmt das JHS Pedals 424 Gain Stage die komplette Gain-Schaltung des 424 mittels des Trimreglers (Gain1), des Volume-Faders (Gain2) und des Mastervolume-Reglers (Volume). Jede der Stufen hat eine andere Auswirkung auf den Klang des Instruments, von daher lohnt es sich allemal, mit den drei verschiedenen Reglern in Sachen Zerrstruktur ordentlich zu experimentieren.
Der Soft-Touch-Fußschalter und die Status-LED funktionieren tadellos, auch wenn man sich an das etwas andere Schaltverhalten gewöhnen muss. Ein besonderes Feature ist der symmetrische XLR-Ausgang mit Ground-Lift-Schalter – eine durchaus sinnvolle Erweiterung für den Studioeinsatz.
Klangcharakter: Wenn analog auf absichtlich kaputt trifft
Hier wird es interessant, denn das JHS Pedals 424 Gain Stage ist definitiv kein konventionelles Overdrive-Pedal. Das JHS Pedals 424 Gain Stage liefert den „elastischen“ LoFi-Sound, den man erhält, wenn man ein Gitarren-Rig direkt an ein Portastudio 424 anschließt. Genau diese „labberigen“ Eigenschaften machen den Charakter des Pedals aus.
Die beiden Gain-Stufen arbeiten völlig anders als gewohnt. Gain 1 fungiert als Preamp-Eingangsstufe und kann richtig brutal werden, wenn man sie entsprechend aufdreht. Hier entstehen die charakteristischen, überladenen Sounds, die an übersteuerte Kassettenrekorder erinnern. Gain 2 agiert als Kanal-Lautstärkeregler der zweiten Stufe und kann den von Gain 1 erzeugten Sound sowohl zähmen als auch weiter aufheizen.
Das Zusammenspiel beider Gain-Stufen eröffnet ein faszinierendes Spektrum zwischen glasklar-gummiartigen Clean-Sounds und völlig zermatschten Fuzz-Texturen. Der Sound ist nie traditionell „amp-like“, sondern immer etwas künstlich und bewusst „kaputt“. Die EQ-Sektion mit separaten Bass- und Treble-Reglern funktioniert genau wie beim Original-Portastudio. Wer ausgeprägte Bässe oder spitze Höhen sucht, wird hier fündig.
Praxis: Von gummiartig bis grottig
Im direkten Vergleich mit anderen LoFi-Pedals fällt die Authentizität des 424 Gain Stage sofort auf. Wo andere Hersteller versuchen, Vintage-Charakter zu simulieren, reproduziert JHS tatsächlich die originale Schaltung. Das macht sich klanglich deutlich bemerkbar – der Sound hat diese typische „Portastudio-Gummigkeit“, die durch Software-Emulationen nur schwer zu erreichen ist.
Positiv hervorzuheben ist die Dynamik des Pedals. Je nach Anschlagsstärke reagiert es völlig unterschiedlich – von klaren Arpeggios bis hin zu völlig überladenen Powerchords. Der XLR-Ausgang erweist sich als durchaus praktisch, auch wenn man ihn nicht zwingend braucht. Die Möglichkeit, das Signal parallel zu Amp und Interface zu schicken, erweitert die Einsatzmöglichkeiten erheblich. Praxisgerecht ist auch die Ground-Lift-Funktion, um entsprechende Brummschleifen zu vermeiden.
Schwächen: Spezialist mit Ecken und Kanten
Es bleibt natürlich die Frage, ob man knapp 300,- Euro ausgeben möchte, um die Gitarre möglichst LoFi klingen zu lassen, während man sich im Gegenzug alle Mühe gibt, den Sound möglichst edel und druckvoll zu gestalten. Wer allerdings auf der Suche nach einer exakten Kopie des Tascam-Sounds ist und kein übergroßes Vintage-Produkt mit sich herumschleppen möchte, ist hier genau an der richtigen Stelle.
Das JHS Pedals 424 Gain Stage ist ein Spezialist und das ist gleichzeitig seine größte Stärke und Schwäche. Wer vielseitige Overdrive-Sounds sucht, wird enttäuscht sein. Das Pedal kann im Grunde nur eine Sache – aber die dafür richtig gut. Die Bedienung erfordert Geduld und Experimentierfreude, da die beiden Gain-Stufen nicht intuitiv funktionieren.
Konkurrenzsituation: Authentizität hat ihren Preis
Direkte Konkurrenz gibt es eigentlich keine, da sich niemand sonst die Mühe gemacht hat, ein komplettes Portastudio zu miniaturisieren. Andere LoFi-Pedale wie das Chase Bliss Automatone oder verschiedene Tape-Delay-Simulationen bewegen sich in ähnlichen Preisregionen, bieten aber völlig andere Ansätze.
Vintage-Portastudios kosten auf dem Gebrauchtmarkt mittlerweile ähnlich viel wie das 424 Gain Stage, sind aber unhandlich, wartungsintensiv und nicht Pedalboard-tauglich. Insofern ist die JHS-Lösung durchaus konkurrenzfähig, auch wenn sie preislich im oberen Segment angesiedelt ist.



































Gute Besprechechung. Ich finde es cool und mutig, dass JHS immer wieder mit ungewöhnlichen Konzepten überrascht, anstatt eine als Gamechanger präsentierte zwanzigste Interpretation von Big Muff, Tubescreamer und Co vorzustellen.
Ich kann mir dieses Gerät auch gut als Studiotool für kranke Sounds vorstellen, genau wie ja die JHS Colorbox auch kein dezidiertes Gitarrenpedal ist…
Gleichzeitig frage ich mich, ob man einen ähnlich kaputten Sound nicht auch mit einem übersteuerten Billig-Preamp/EQ-Pedal hinkriegt…aber für GENAU diesen Sound gibt´s wahrscheinlich nichts Vergleichbares.
Was den Preis betrifft: natürlich heftig, aber da die Zielgruppe eher klein sein dürfte, hat man damit ein potenziell seltenes Gerät, das vermutlich sehr wertbeständig sein und/oder später mal sogar Sammlerwert-Status haben wird…siehe Chase Bliss.
Herrlich beschrieben, jeder der spitzzüngigen Vergleiche ein Genuss! Ob ich mir das Ding allerdinx als Pedal hinstellen ließe, wüsste ich nicht einmal dann, wenn man mir den Preis bezahlte, anstatt ihn selber löhnen zu müssen. Ich hatte einst das Portastudio im Original und seine Klanggrenzen und Schwächen schon damals beseufzt. Mir das olle Ärgernis als teures Nostalgiepedal von und für heute anzudrehen, mutet mich ähnlich an wie der Vorschlag, für sagen wir 100 Euro ein Fläschchen Lebertran zu kaufen, das so schmeckt wie es klingt, um davon nochmal Masern oder andere Kinderkrankheiten zu bekommen. Hauptsache, ganz wie früher! 😄
@Eibensang Das trifft ja eigentlich auch auf die Emulation von Bandmaschinen zu. aber HIER würde ich AUCH sagen: ziemlich viel Schotter für ein One Trick Pony, und das Portalstudio haben wir alle nur wegen seines Preises benutzt, aber garantiert nicht wegen seines Sounds.