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Test: Lindell Audio LiN76, Fet-Kompressor im 1176-Stil

1176 Kompressor für Sparfüchse

3. Oktober 2022
Lindell Audio LiN76

Lindell Audio LiN76, Fet-Kompressor im 1176-Stil

Mit dem LiN76 bringt der schwedische Hersteller Lindell Audio eine eigene Interpretation des beliebten 1176 FET Kompressors auf den Markt. Seit einigen Jahren wimmelt es geradezu von Kopien dieses legendären Studio-Tools. Neben Lindell Audio haben sich bisher schon viel andere Firmen wie Warm Audio, Black Lion Audio oder Klark Teknik am 1176 Design versucht, von den vielzähligen 500er-Reinkarnationen ganz zu schweigen. Mit einem Ladenpreis von 589,- Euro ist der Lindell Audio LiN76 einer der günstigeren Vertreter seiner Gattung.

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Lindell Audio Lin76

Der LiN76 kommt im klassischen 1176 Format: 19 Zoll und 2 HE

Klassisches Layout beim LiN76 Kompressor

Für das API 500 Format hatte Lindell Audio bisher bereits einen Kompressor im 1176-Stil im Angebot, den 7X-500. Mein Kollege Armin Bauer hatte diesen bereits für einen Test in seinem Studio. Trotz seiner kompakten Größe verlockt der 7X-500 mit vielerlei praktischen Zusatzfeatures wie einem Wet/Mix-Regler und diversen Highpass-Sidechain-Settings. Aber nicht alle User besitzen ein 500er-Rack und manchen ist das kleine Format gar zu fummelig. Beim neuen LiN76 im klassischen 19 Zoll / 2 HE Format orientiert sich der Hersteller an der Topologie des Originals und verzichtet auf Extras oder neuartige Bedienelemente.

Auf der linken Seite der Bedienoberfläche befinden sich die beiden großformatigen Drehregler für Input und Output. Diesen folgen zwei kleinere Regler für die Einstellungen der Attack- und Release-Zeiten. Ein großes, hintergrundbeleuchtetes VU-Meter besitzt an der linken und rechten Seite je vier Drucktaster. Links lässt sich das Kompressionsverhalten einstellen: von den Werten 4:1, 8:1, 12:1 und 20:1 hin zum berüchtigten All-buttons-in-Mode. Rechts befindet sich der On/Off-Schalter sowie unterschiedliche Anzeigemodi für das VU-Meter.

Lindell LiN76

Optisch macht der LiN76 eine gute Figur im Rack

Verarbeitung des Lindell Audio LiN76

Geliefert wird der LiN76 gut verpackt mit einem Netzteil und einer einseitigen englischen Bedienungsanleitung. Ein Netzteil? Ja, die 19-Zoll-Variante des 1176 von Lindell wird mit 12 V/2 A betrieben. Vor vielen Jahren hatte Warm Audio hatte seine ersten Nachbauten mit 24 V Netzteil ausgeliefert. Mittlerweile stellt man die Geräte aber mit internem Netzteil her, wie das auch bei Universal Audio, Klark Teknik und Black Lion Audio der Fall ist.

Lindell_LiN76

Betrieben wird der Kompressor mit nur 12 Volt, ein Netzteil wird mitgeliefert

Die Front des LiN76 macht dank der silbernen Drehregler optisch einiges her. Bei der Benutzung merkt man, dass diese Regler leicht gerastert sind. Insgesamt sind pro Regler 40 Schritte möglich. Das ist anders als beim Original, hat aber in der Praxis den Vorteil, dass bestimmte Settings genau eingestellt bzw. “recalled” werden können.

Lin76 Lindell

Beim Layout orientierte man sich klar am 1176 Original

Die Potis und Schalter machen einen guten Eindruck und auch beim Thema Lackierung und Metallverarbeitung leistet sich der Lindell Audio LiN76 keinerlei Schwächen. Gespart wurde allerdings bei dein Ein- und Ausgängen auf der Rückseite, denn hier hat man lediglich die Möglichkeit, 6,3 mm Klinkenstecker zu verwenden. XLR-Stecker, vielleicht sogar noch mit Verriegelung, sucht man leider vergebens. Das ist per se kein Nachteil, aber selbst günstigere Kopien wie etwa der Klark Teknik KT-76 bieten hier TRS und verriegelbare Klinkenbuchsen von Neutrik. Neben den I/Os auf der Rückseite rundet die Kalibrierungmöglichkeit des VU-Meters die Bedienelemente des LiN 76 ab.

Lindell Audio Lin76

XLR-Anschlüsse besitzt der LiN76 nicht, dafür steht je ein 6,3 mm TRS-Anschluss für Input und Output zur Verfügung

Technische Daten und innere Werte des LiN76

Wie bereits erwähnt, bietet der LiN76 dem User die bekannten fünf Ratio-Einstellungen, die man von einer 1176 Kopie erwarten darf. Auch die Attack- und Release-Zeiten orientieren sich am Vorbild. Der Kompressor reagiert ultra-schnell, Attack-Werte zwischen 20 und 800 Mikrosekunden sind frei einstellbar. Die Release-Zeiten reichen von 50 bis 1200 Millisekunden. Zu sonstigen technischen Daten findet man weder in der Bedienungsanleitung noch auf der Website des Herstellers weitere Informationen.

Das 2 HE Gehäuse des LiN76 ist 25 cm tief, es wird im Betrieb nicht warm und generell ist der Kompressor ein pflegeleichtes Gerät fürs 19-Zoll Rack. Auch ist der Kompressor ein Leichtgewicht unter den 1176er Kopien. Website und Bedienungsanleitung sprechen zwar von sage und schreibe 8 kg, im echten Leben bringt er aber gerade einmal 2,6 kg auf die Wage. Hätte er tatsächlich 8 kg, wäre der LiN76 rund doppelt so schwer wie ein originaler 1176LN von Univeral Audio.

Lindell Audio Lin76

Weniger als die beworbenen 8 kg: Der Lindell LiN76 wiegt 2,67 kg

Auch das Innenleben ist sauber verarbeitet und diskret aufgebaut. Der Ausgangsübertrager wurde in den USA von der Firma Cinemag hergestellt. Einen Eingangsübertrager gibt es beim LiN76 nicht. Das hat mich überrascht, da auf der Verpackung und in der Werbung von „Transformatoren“ die Rede ist. In vielen andere Kopien wie etwa jenen von Warm Audio oder Klark Teknik findet sich ein Eingangsübertrager – tatsächlich gibt es aber auch beim „originalen“ 1176 eine Version ohne Eingangsübertrager: die Revision „G“.

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Der LiN76 Kompressor im Einsatz

Jeder, der mit der Handhabung eines FET-Kompressors im 1176 Stil vertraut ist, sollte sich im Handumdrehen mit dem LiN76 zurechtfinden. Das war zumindest meine Annahme. Überraschenderweise wollte der Kompressor bei den ersten Gehversuchen nicht so klingen, wie ich es erwartete. Auch das VU-Meter bewegte sich nur sehr behäbig und reagierte auf meine Einstellungen mit Verzögerung. Schließlich kam die Erleuchtung: Die Dreh-Regler für Attack und Release arbeiten beim LiN76 im Vergleich zum Original spiegelverkehrt.

Es ist eine Eigenheit der 1176 Schaltung, dass sich die kürzesten Werte in den höchsten Stellungen der Regler befinden. Attack- und Release-Regler des 1176 reichen von 1 bis 7, wobei 7 (ganz nach rechts gedreht) den schnellsten Werten entspricht. Alle Kopien, die ich bisher unter den Fingern hatte, arbeiten nach identischem Prinzip. Beim LiN76 muss man umdenken und spiegelverkehrt arbeiten. Das geht leider ein wenig gegen die Intuition und bremst unter Umständen den Workflow, wenn man die „normale“ Bedienung eines 1176ers gewohnt ist.

Zwei kleine Details, die mir im Betrieb auffallen: Zum einen gibt das Netzteil einen leisen hohen Ton von sich, wenn man ganz genau hinhört. Zum anderen gehen die Beschriftungen der Input- und Output-Regler weiter, als sich die Regler drehen lassen. Das stört zwar nicht im Betrieb, ist aber seltsam, wenn die Grafik der Frontplatte Einstellungen suggeriert, die nicht aufrufbar sind. Anstatt bis zum ∞ zu gehen, stoppen die Regler schon deutlich davor.

Lindell_LiN76

Etwas ungenau: Beide Regler befinden sich auf Anschlag, die Beschriftung geht allerdings noch deutlich weiter

Bevor es an die Klangbeispiele geht, messe ich die verfügbaren Gain-Reserven anhand einer Sinusschwingung. Hier schafft der LiN76 Höchstwerte und liefert in der Praxis 47 dB, genau so viel wie die Kopie von Warm Audio. Der Universal Audio 1176LN stellt 45 dB bereit. Beim Klark Teknik waren es 42 dB. Bei so hohen Gain-Reserven ist es kein Wunder, dass früher in manchen Studios der 1176 sogar als Mikrofonvorverstärker verwendet wurde.

Lindell LiN76

Das VU-Meter lässt sich mit einem Regler auf der Rückseite kalibrieren

Der Klang des Lindell LiN76

Um den LiN76 gebührend zu vergleichen, habe ich drei aktuell erhältliche Kompressoren im 1176 Stil aufgetrieben:

  • einen Klark Teknik KT-76 (mit Eingangsübertrager)
  • einen Warm Audio WA76 (mit Eingangsübertrager)
  • so wie einen Universal Audio 1176 LN (mit Eingangsübertrager)

Letzterer wurde mir vom Studioequipment-Verleih Echoschall zur Verfügung gestellt. Vielen Dank an dieser Stelle.

Bei der Arbeit mit all diesen Kompressoren wird schnell klar, warum sie in YouTube-Videos manchmal haarsträubende Ergebnisse liefern: Die Wirkungsweise der Drehregler unterscheidet sich von Gerät zu Gerät teilweise sehr stark. Daher ist es leider nicht möglich, wirklich aussagekräftige  A/B-Vergleiche zu erzeugen. Eine Einstellung auf einem Gerät hat meist nichts mit der Einstellung auf einem anderen Gerät zu tun. Die Regelwege der Input-, Output-, Attack- und Release-Regler  unterscheiden sich einfach viel zu sehr.

Lindell Audio LiN76

Lindell Audio LiN76

Daher ist nur eine gewisse Annäherung möglich, indem man als Anwender seinen Ohren und dem VU-Meter vertraut. Doch auch bei Letzterem hängt der Einsatzpunkt stark von der Kalibrierung des jeweiligen Geräts ab, wie auch vom spezifischen Modell des verbauten VU-Meters.

Das Erfreuliche: Rein klanglich erlaubte sich keiner der Kontrahenten große Schwächen. Bewegt man sich in der „Komfort-Zone“, sind die Unterschiede mitunter marginal. Pusht man die Geräte an ihre Belastbarkeitsgrenzen, werden die Unterschiede hingegen hörbar. Aber selbst hier gilt: Was davon besser, schlechter oder homogener klingt, liegt meines Erachtens allein im Ermessen und den Vorstellungen des Anwenders.

Hier hört ihr die Kompressoren mit moderater Kompression am Höfner Bass und meinem Ampeg Verstärker:

Im folgenden Beispiel benutze ich mit der gleichen Bassaufnahme den berüchtigten All-button-in-Mode:

Man hört deutlich, wie unterschiedlich die Übersteuerungen klingen. Auch die Übertrager haben hier einen Einfluss auf den Sound.

Für das nächste Beispiel benutze ich die Aufnahme eines Drum-Room-Mics (vielen Dank an den wunderbaren Drummer Achim Färber). Als Mikrofon dient das Sennheiser MKH 20, rund 2 m vom Drum-Kit entfernt. Die Ratio beträgt 20:1, Attack und Release wurden sehr schnell eingestellt:

Beim nächsten Klangbeispiel kommt ein Bändchenmikrofon des englischen Herstellers Extinct Audio zum Einsatz. Gitarre und Gesang wurde gemeinsam mit nur einem Mikrofon aufgenommen. Vielen Dank an Fabian Holland, von dem es mehr Musik auf seiner Website gibt.

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Fazit

Der Lindell Audio LiN76 sieht toll aus und liefert klanglich sehr gute Ergebnisse. Bei der Bedienung besitzt er ein paar Eigenheiten, an die man sich erst gewöhnen muss, wie etwa an die spiegelverkehrt arbeitenden Attack- und Release-Regler. Er ist einer der günstigsten Vertreter seiner Gattung, daher muss man einige Kompromisse eingehen (kein XLR, externes Netzteil). Belohnt wird man aber mit guter 1176-Kompression, die klanglich etwas cleaner klingt als bei jenen Vergleichsmodellen, die einen Eingangsübertrager besitzen.

Plus

  • gut klingender Kompressor mit Tendenz zu cleanem 1176 Charakter
  • optisch sehr ansprechend

Minus

  • kein internes Netzteil (externes Netzteil surrt)
  • Reglerwege spiegelverkehrt bzw. nicht den Beschriftungen entsprechend

Preis

  • 589,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    D-Joe

    Hallo Hr. Tschernut,

    vielen Dank für diesen interessanten Artikel.
    Möglicherwiese war die Bauart der Potentiometer in der Konstruktionsfase eine Andere als die, die schlussendlich verbaut wurden (=> Drehweg Unterschied).
    Der umgekehrte Regelweg von den Att. und Rel. Potis sehe ich auch als verwirrend an und kann keinen Mehrwert darin erkennen.
    Trotzdem würde ich dieses Gerät gerne einmal testen!!!!

    Auch in anderen Formaten lese ich ihre Artikel sehr gerne.
    Besonders der mit den englischen Bändchen Mic´s hat mir gefallen.
    Das wollte ich auf diesem Weg noch los werden.
    Danke,

    schöne Grüße
    aus Salzburg

    Joe Deinhammer

    • Profilbild
      Raphael Tschernuth RED

      Hi Joe, danke für dein Feedback, das freut mich zu hören! Ja, Bändchen Mikros schätze ich mittlerweile sehr und es gibt tatsächlich ein paar Engländer, die neben der Firma Coles erstklassige Bändchen Mikros bauen :)
      Solltest du den LiN76 mal unter die Finger bekommen, würde es mich sehr interessieren, ob der Regelweg anders ist. Bei einem Kollegen, der auch einen LiN76 zum Test hatte, war es auch seitenverkehrt.
      Viele Grüße nach Salzburg! Raphael

  2. Profilbild
    digital-synthologie AHU

    „Leider“ klingt der teuerste 1176 (Universal Audio) auch am besten.
    Er hat eine Spur Cremigkeit, die den anderen mMn fehlt. Da man wahrscheinlich bei der Elektronik nicht so viel anders gemacht hat, wird es wohl an den Übertragern liegen.

    • Profilbild
      torsten rausch 1

      Ich bin ein Hardware-Freund und benutze gerne diverse „Staubfänger“ bei mir im Studio. Aber aktuell sehe ich gerade bei Kompressoren keinen Mehrwert mehr gegenüber den digitalen nachbauten.

      • Profilbild
        0dB

        spannend…bei mir ist´s gerade anders herum…gerade bei Kompressoren finde ich den Mehrwert am größten ,.. ;-)

        • Profilbild
          torsten rausch 1

          Wie kommt für dich der Mehrwert zustande? Ist es der Klang/Sound des komprimierten Signals? Ich habe den ssl Bus comp. als Plug In und der liefert sehr gute Ergebnisse. Einzig meinen Magnetismus von tegeler Audio hab ich behalten, der Rest war ersetzbar. Es war auch befreiend, nur noch 2 Kompressoren zu haben.

          • Profilbild
            0dB

            Hi Torsten
            Der Mehrwert kommt für mich aus mehreren Ecken…zum einen natürlich der Sound. Ich finde gerade bei extremeren Einstellungen bleibt das analog komprimierte Signal griffiger, dicker, körperhafter…und zum anderen tu ich mir viel leichter an den analogen Geräten den Sweetspot zu finden.

            Ich hatte da kürzlich so ein Aha-Erlebnis. Ich hab diverse 1176 Emulationen, mit denen ich nie besonders gut zurecht gekommen bin. War irgendwie nie der richtige Kompressor für mich. Jetzt hab ich mir einen Soundskulptor 1176-Klon gebaut und damit finde ich ganz schnell die richtige Einstellung. Die spürt man einfach…ein paar Milimeter vor, oder zurück und man ist drüber. Aber das gelingt mir mit den Software-Kollegen nach wie vor nicht.

            Das meinte ich.
            Grüße, Stefan.

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