Test: Line6 HX Effects, Multieffektboard

2. Februar 2020

Geniale Vielfalt - das Line6 Effektmonster

Line 6 HX Effects

Line6 hat mit seiner Helix-Reihe ein bisschen Geschichte geschrieben. Auf der diesjährigen NAMM gab es eine Rückbesinnung auf alte POD-Qualitäten, aber das Aushängeschild ist und bleibt die HX-Reihe. Während der HX Stomp vor allem durch seinen lückenlosen und kompakten Aufbau und seine hervorragenden Amp-Modelle zu einem Hotseller wurde, ging der Line6 HX Effects fast ein bisschen unter, möchte man meinen. Das liegt mitunter sicher daran, dass digitale Verstärker und Cab-Simulationen aktuell das große Ding sind. Wir werden uns die Neuerscheinungen von Line6, die während der NAMM 2020 vorgestellt wurden, in aller Ruhe ansehen. Um uns darauf einzustimmen, schauen wir uns ein paar der wichtigsten Effektboards von Line6 in aller Ruhe an.

Line 6 HX Effects

Erst mal vorweg: Impulse Responses kann der HX Effects auch, aber er ist eben in erster Linie ein Multieffektboard – aber was für eins. Es nutzt die Effekte und HX-Audio-Engine der Helix-Reihe und bringt sie in einem grundsoliden Format unter. Egal ob Fractal Audio, Kemper oder Line6 – oftmals wird in erster Linie über die Qualität der digitalen Amps sinniert. Dass die Effekte der jeweiligen Reihen jedoch ebenfalls ausschlaggebende Kaufargumente sein können, wird gerne vergessen – und dass die Helix-Reihe von Line6 in der Hinsicht die wahrscheinlich beste Arbeit abliefert auch. In diesem Sinne – all aboard the HX Effects.

Line6 HX Effects, Multieffektboard – Facts and Features

Hier soll das gesamte Pedalboard also ersetzt werden – die alte Mär von den Einzelpedalen, die in den Ruhestand geschickt werden, bestätigt sich manchmal, manchmal weniger. Kompakter ist das Line6 HX Effects allemal: 2,2 kg schwer, Maße von 274 x 201 x 76 mm, sodass das Ding in jede herkömmliche Tasche passt. Es gibt keinen einheitlichen Screen, sondern kleine LED-Displays pro Fußschalter, die Orientierung zwischen den Pedalen und Effekten ermöglichen, die man in seine Signalkette schaltet. Und die hat es durchaus in sich: Bis zu neun Effekte können hier gleichzeitig verwendet werden – Distortion, Preamp, Modulation, Reverb, Delay, Pitchshifter, Bitcrusher – die Liste an integrierten Effekten ist recht lang, aber auf die kommen wir noch im einzelnen zu sprechen.

Line 6 HX Effects

Eine weitere Stärke des Line6 HX Effects: das Routing. Parallele Stereo-Signalwege erlauben es, die Live-Situation ungemein präzise zu planen und Stereo-Sound am Verstärker und den Monitor aufeinander abzustimmen. Ebenso möglich: Die Vier-Kabel-Methode. Des Weiteren besitzt der Line6 HX Effects zwei FX-Loops, die auch per Stereo zugeschaltet werden können – das lässt also u. a. Raum für Stompboxes, die man eben nicht in den Ruhestand schicken will. Des Weiteren besitzt das Line6 HX Effects zwei 6,3 mm Ausgänge für die Amps und zusätzlich noch zwei Anschlüsse für Expression-Pedale, die auch als Fußschalter für den Amp fungieren können – wodurch der herkömmliche Bodentreter für die Umschaltung zwischen den Amp-Kanälen definitiv überflüssig wird.

Line 6 HX Effects

Was noch? MIDI selbstredend, MIDI-Thru und MIDI-In. Dadurch kann das Line6 HX Effects durchaus per CC- und PC-Befehle das Schaltzentrum eines komplizierten Setups sowohl mit Pedalen als auch mit Synthesizern darstellen oder DAW-Parameter steuern. Der USB-Anschluss ist in erster Linie für das Hochladen von Impulse-Responses zuständig, kann aber auch für Firmware-Updates genutzt werden. Wer jetzt einen komplexen Editor erwartet, wird enttäuscht – der klassische Helix Editor ist für den Line6 HX Effects nicht vorgesehen. Darüber hinaus aber sorgt beispielsweise die analoge Bypass-Schaltung dafür, dass das Klangsignal in keinster Weise verfärbt wird und stattdessen sauber bleibt.

Line 6 HX Effects

Line6 HX Effects, Multieffektpedal – das Bedienpanel

Line 6 HX Effects

Das Line6 HX Effects arbeitet mit zwei distinkten Modi: dem Preset-Mode und dem Stomp-Mode. Im Preset-Mode können die einzelnen Fußschalter Sounds aus dem bis zu 128 Effekte umfassenden Repertoire ansteuern. Fußschalter A, B, C und D werden mit den Presets belegt, die zwei Schalter links außen erlauben es, zwischen den 32 Bänken hin- und herzuschalten. Pro Bank gibt es also vier Speicherplätze, die belegt werden können – äußerst praktisch und einfach. Der Stomp-Mode sorgt dafür, dass das Line6 HX Effects nun wie ein Pedalboard gedacht werden kann. Die sechs Fußschalter können wie einzelne Pedale in einer Signalkette ein- und ausgeschaltet werden – ein für die Live-Situation nicht zu unterschätzendes, praktisches Feature. Die kleinen LED-Bildschirme erfüllen ihren Zweck allemal gut: Das Anwählen der jeweiligen Effekte und das Verändern der Parameter kann problemlos über die drei kleineren Potis auf der Oberseite eingestellt werden, während das große dafür zuständig ist, zwischen den Effekten hin- und herzuschalten. Die Auswahl der Effekte als solche hat es durchaus in sich. Organisiert sind sie in folgende Oberbereiche:

  • Delay 
  • Reverb
  • Modulation
  • Dynamics
  • Distortion 
  • EQ
  • Filter
  • Volume
  • Wah

Zusammen kommen die Modelle in den Rubriken wie erwähnt auf 128 Stück. Ganz schön sauber, wenn man bedenkt, dass sich die Zusammenstellung der Distortion-Module beispielsweise an großen Klassikern orientiert.

Die Auswahl ist also sehr groß und deckt ein breites Feld ab. Der Pedal-Edit-Modus erlaubt es zusätzlich, in der Live-Situation ohne das Drehen der Regler Parameter zu ändern – dafür muss zunächst der Mode-Schalter getätigt werden, um in den Pedal-Edit-Modus zu kommen. Nachdem der entsprechende Effekt angewählt wurde, werden auf Fußschalter 1 bis 3 nun seine ersten drei Parameter angezeigt. Mit Draufdrücken und Nutzung des Expressionpedals können die Parameter nun geändert werden, ohne dass man sich bücken muss – sehr fein! Auch nicht zu vergessen: Im Stomp-Modus kann einem Preset ein Looper zugeordnet werden, dessen maximale Aufnahmezeit in Stereo 30 Sekunden beträgt. Und die Verwendung von sogenannten „Snapshots“ trägt einem alten Problem von Live-Nutzung von DSP-basierter Technologie Rechnung: diese kurzen, wahrnehmbaren tonalen Lücken beim Wechsel zwischen den Presets. Innerhalb eines Presets können 4 Snapshots gespeichert und auf den Fußschaltern A bis D verteilt werden – diese Snapshots ermöglichen, quasi innerhalb eines Presets lückenlose und fließende Wechsel in Sachen Parameter oder Tempo zu machen.

Eins wird also vor allem deutlich: Das Line6 HX Effects ist tief, es ist wie viele Multieffektboards ungemein umfassend und besitzt viele versteckte Kniffe und Tricks. Was die Praxis hergibt, schauen wir uns jetzt an.

Line6 HX Effects, Gitarrenboard – in der Praxis

Wir spielen das Line6 HX Effects über den Hi-Z Anschluss des Audiointerface – sowohl mit Gitarre als auch mit Synthesizer. Danach jagen wir das Multieffektgerät durch den FX-Loop des Laney Lionheart Combo-Verstärkers und probieren uns dort in erster Linie durch die Verzerrungen.

Zunächst machen wir uns ein Bild von den Modulationen, Reverbs und Delays, direkt eingespeist in das Audiointerface. Von randomisierten Filtern, über machtvolle Reverbs und angenehm warmen Tape-Delays kann die Engine so ziemlich alles abdecken, was einem in den Sinn kommt. Wer die Helix-Reihe kennt: Die Effekte belegen klanglich so ziemlich den sweet spot zwischen digitalem und analogem Charakter. Im unmittelbarem Vergleich mit Mooer muss man sagen: Die Helix Engine klingt irgendwie weicher und dynamischer. Auffällig ist jedoch sofort ein kleines „Bedienungsmakel“ des HX Effects:

Die touch-sensitive Fußschalter sorgen dafür, dass auch bei der Andeutung einer Berührung bereits in den Parameter-Modus geschaltet wird. Wer wie ich live vor dem Preset-Wechsel einer Passage den Fuß schon mal in die Nähe des entsprechenden Fußschalters bringt, muss sich das beim HX Effects schleunigst abgewöhnen, denn allein das andeutende Schweben des Fußes über dem Schalter sorgt dafür, dass der Preset-Modus verlassen wird. Gut gemeint, kann aber für unliebsame Stepptanz-Momente in der Live-Situation sorgen.

Kommen wir zum Einsatz eines Synthesizers, in diesem Falle die kleine, aber famose Volca FM-Kiste. Per MIDI werden das HX Effects und der Synthesizer synchronisiert. Ein FM-Synthesizer und ein Multieffektboard zusammen ergeben eine schier unerschöpfliche Menge an potentiellen Sounds – das wird sofort deutlich. Und der HX Effects verträgt sich ganz hervorragend mit der kleinen Kiste, die quasi eine zusätzliche Sammlung an LFOs und Envelope Filtern darstellt, mit denen der Synthesizer arbeiten kann. Ebenfalls toll: Wie die Reverb-Engines auf den Volca FM anspringen – tief und ergreifend.

Jetzt wagen wir ein kleines No-Go unter Gitarristen: Wir schließen den HX Effects in den FX-Loop meines Amps an und setzen die Distortion-, Fuzz- und Overdrive-Modelle zwischen die Vor- und Endstufe. Normalerweise gilt es, nur Reverb, Delay und Modulationen in den FX-Loop zu schalten – Distortion gehört vor den Amp! – aber meine persönliche Erfahrung hat gezeigt, dass bei manchen Multieffektboards das Einspeisen in den FX-Loop gute Ergebnisse erzielen kann. Erstens ist der Signal-Level da einfach höher, was einen saturierten, sehr satten Zerrsound ergibt und zweitens kann man dadurch mit recht niedrigem Gain-Level bereits massive Ergebnisse erzielen. Eine Dauerlösung ist das nicht unbedingt, denn die Belastung auf die Röhren darf nicht außer Acht gelassen werden. Trotzdem: Abgenommen wurden die Ergebnisse mit einem Shure SDM57 – und bei ausschließlicher Nutzung des cleanen Kanals röhrt es ordentlich. Die Verzerrungen, die dieser digitalen Kiste innewohnen, wirken natürlich – da kann sich Mooer definitiv eine Scheibe von abschneiden! Beim Fuzz-Beispiel arbeiten wir uns durch sämtliche Engines mit dem gleichen Riff, wobei hier auffällig wird, dass das digitale Aufbröseln im Sustain bei manchen Modellen unschön daherkommt. Distortion und Overdrive werden einfach gedrückt und entfalten zwischen Vor- und Endstufe einen glaubhaften, durchschlagenden Charakter.

 

 

Fazit

Es ist die Königsdisziplin von Line6: die Effektklassen. Sie aus dem Helix Monster herauszuhieven und direkt in ein kompaktes Multieffektboard zu packen: legitime Sache, absolut toll umgesetzt. Die vielen Anschlüsse lassen auch zu, das HX als zentrale Schnittstelle eines Rigs zu nutzen, aber in erster Linie hat man es hier einfach mit der Speerspitze der digitalen Gitarreneffekte zu tun. Ein sehr angemessener Preis tröstet ebenfalls über Schönheitsfehler hinweg, wie die übertrieben empfindsamen Fußschalter. Daumen hoch!

Plus

  • großartiger Klang
  • Bedienung sehr flexibel
  • zahlreiche Routing-Optionen
  • 2 Stereo-FXLoops
  • guter Preis-Leistungs-Verhältnis

Preis

  • 499,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    hansiwalker

    Frage: ist es mit dem Line6 HX Effects machbar, 2 Mono-Sends vom Mischpult auf den linken resp. rechten Eingang zu legen und dann (beispielsweise) für das linke Signal ein Delay und für das rechte Signal ein Reverb einzustellen und gemischt in Stereo auszugeben? (sprich: das Ding wie 2 Mono-in -> Sterero-out Effekte zu nutzen;-)
    Danke schon mal.

    • Profilbild
      Dimi Kasprzyk  RED

      Hallo Hansi
      Das geht nicht. Separate Effektbelegung für die Mono-Kanäle und eine anschließende Ausgabe in Stereo ist in den Settings des HX Effects nicht vorgesehen. Ich bin mir aber recht sicher, dass die Headrush Boards das können. Zumindest lassen sich mit dem Headrush Looperboard einzelne Overdubs eines Loops mit unterschiedlichen Effekten belegen und separat in Stereo rausgeben.

  2. Profilbild
    Bonjek

    Zwei korrigierende Anmerkungen zum Artikel: Das HX Effects kann über den Editor HX Edit am PC programmiert werden. Sogar Helix Presets ohne Amp-Sim können seit dem letzten Update geladen werden. Außerdem steht anfangs bei der Aufzählung der Effekte auch Preamps, was leider nicht stimmt. Ansonsten sehr gutes Rewiew! Das Ding klingt hammermäßig!

  3. Profilbild
    roseblood11  

    Warum muss man in solchen Geräten immer wieder den gleichen uralten analogen Sch… nachbilden? Es gibt zB hunderte Verzerrer, die viel besser klingen. Und es gibt hochinteressante digitale MultiFX aus mehreren Jahrzehnten, die moderner und origineller waren, als die sogenannten „Klassiker“. Hier klingt vieles, wie für 60-jährige gemacht, die die Top 40 ihrer Jugend nachspielen wollen.
    Ein völlig sinnlos verschenktes Potenzial, denn technisch kann das Gerät doch viel mehr.
    Kann man wenigstens die „Klassiker“ in einer HiFi-Variante nutzen? Also zB ein „analoges“ Delay ohne künstlich beschnittenen Frequenzgang oder ohne Aliasing Artefakte?

    Zwei Detailfragen:
    – Kann man in jeder Bank ( = jedem Song bei mir ) ein eigenes Tempo speichern? Und das dann ggf per Tap Tempo auf der Bühne anpassen? So dass die Anpassung gültig bleibt, solange man INNERHALB der Bank zwischen Presets hin und her wechselt? Aber so, dass wieder das ursprünglich gespeicherte Tempo gilt, wenn man die Bank verlässt und dann wieder aufruft?

    – Kann man einen beliebigen Modulationseffekt auf die Repeats eines Delays legen, um sich ein eigenes Modulationsdelay zu basteln? Also statt den ewig gleichen Sounds mit Chorus oder Vibrato mal einen Phaser oder ein Tremolo nehmen?

    • Profilbild
      clausiii

      Pro Bank nicht, pro Preset schon.
      Snapshots Sind eher dafür gedacht Songparts zu sein als ganze Presets. Da würden auch dann Tap Tempo Änderungen übernommen werden.

    • Profilbild
      roseblood11  

      Das Tempo ist aber eine Variable, die sich in aller Regel auf den ganzen Song bezieht. Nicht auf einzelne Sounds innerhalb eines Songs. Es ist mir nicht nachvollziehbar, wieso die Hersteller diese Binsenweisheit nicht begreifen.

  4. Profilbild
    clausiii

    Das HX FX ist zu meiner FX- und Schaltzentrale meiner Röhrenamps geworden! Bester Kauf seit langem!

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    Soundreverend  AHU

    Hallo Dimi, hast Du mal die Boss GT 100 ausprobiert und könntest Du ein paar vergleichende Worte dazu finden? Ich tendiere momentan eher zu den Boss Geräten, evtl. sogar GT-1 da kleiner als GT100 mit gleichen Funktionen. Mir geht es eher um „weiche und weite“ Sounds, also Chorus, Delay und eine zarte Zerre. Ich hatte bis vor kurzem einen alten POD live XT, der hat mir gar nicht mehr zugesagt.

    Vielen Dank vorab.

    • Profilbild
      roseblood11  

      Ich habe den Pod XT live auch noch. Die Amps sind nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, wobei er die fetter verzerrten Sachen immernoch ganz gut kann. 99% jedes Publikums wird nichts negatives auffallen…
      Bei den Effekten hat sich meiner Meinung nach nichts weltbewegendes getan.

    • Profilbild
      Dimi Kasprzyk  RED

      Ich muss ehrlich gestehen, dass meine Erfahrungen mit dem Boss GT 100 sich darauf beschränkten, das gute Teil von einem Bandkollegen ausgeliehen und eine Woche lang benutzt zu haben – ein echtes Urteil maße ich mir da im unmittelbaren Vergleich also nicht an. Aus dem Stehgreif jedoch: Die Effekte des HX Effects klingen besser – ich kann mich entsinnen, das GT 100 über Kopfhörer gespielt und die Zerren als sehr synthetisch empfunden zu haben. Dieser Eindruck hat sich beim HX Effects zu keiner Sekunde eingestellt. Das ist meine ehrliche Einschätzung, die aber auch nicht verwundern sollte – das GT 100 hat bald zehn Jahre auf’m Buckel.

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