Willkommen im Reich der Capturer und Profiler
Mit dem Line6 Helix Stadium XL wurde nicht einfach nur ein Nachfolger des beliebten Helix Floor vorgestellt. Neben dem neuen Agoura-Modelling und der umfangreichen Live-Integration sorgt vor allem eine Funktion für Aufsehen: Das Helix Stadium Pedal Cloning. Damit lassen sich sowohl Verstärker und Preamps als auch Overdrive- und Distortion-Pedale digital erfassen und als virtuelle Klone im Gerät speichern.
Was ist es? Line6 Helix Stadium XL, Gitarren-Multieffektgerät mit Proxy-Cloning-Technologie zum Klonen von Overdrive-, Distortion-Pedalen und Verstärkern.
- Pedal Cloning: Das Helix Stadium XL erstellt virtuelle Klone von Overdrive- und Distortion-Pedalen.
- Klangtreue: Im Test liegt der PXO-Clone klanglich und dynamisch sehr nah am Original.
- Spielgefühl: Nur minimale Unterschiede beim Anschlag, die im Praxiseinsatz kaum wahrnehmbar sind.
- Workflow: Der Clone-Prozess ist einfach und in wenigen Minuten abgeschlossen.
- Praxisnutzen: Geklonte Sounds lassen sich flexibel in Presets und Snapshots integrieren.
Inhaltsverzeichnis
Line6 Helix Stadium Pedal Cloning
Natürlich stellt sich sofort die entscheidende Frage, wie nah ein solcher Klon tatsächlich an das Original herankommen kann. Kann das Helix Stadium Pedal Cloning mein J. Rockett PXO ersetzen?
Das Line6 Helix Stadium XL habe ich hier einem ausführlichen Test unterzogen. Die Funktionen Showcase und Helix Stadium Pedal Cloning habe ich dabei zunächst außen vor gelassen. Um Letzteres kümmere ich mich nun wie versprochen, solange das Board noch bei mir verweilen darf. Danke schon mal an Lars vom deutschen Vertrieb, der dabei wirklich Geduld beweist.
Warum klone ich gerade das PXO?
Das PXO gehört nicht zu den typischen Tube-Screamer-Klonen oder transparenten Low-Gain-Overdrives. Von denen gibt es bereits mehr als genug in den Tiefen des Helix. Vielmehr liebe ich das PXO für seinen breiten, kraftvollen, mittenbetonten Sound. Zum vollwertigen Overdrive gesellt sich eine separate Boost-Sektion. Besonders interessant ist dabei die Möglichkeit, den Boost vor oder hinter die Zerrstufe zu schalten.
Klanglich bewegt sich das Pedal irgendwo zwischen Marshall-Crunch, Boutique-Overdrive und modernem Lead-Sound. Die Overdrive-Sektion verfügt über Gain-, Bass-, Treble- und Volume-Regler, während die Boost-Sektion zusätzlich mit einem Tilt-EQ arbeitet. Das könnte eine echte Herausforderung werden. Here we go …
Der Clone-Prozess
Der eigentliche Clone-Prozess gestaltet sich überraschend unkompliziert. Im Menü des Helix Stadium XL wählt man „New Clone“ und anschließend „Drive Pedal“. Für den ersten Test klone ich zunächst nur die Drive-Sektion des PXO, deren Regler alle etwa in Mittelstellung stehen. Das Helix Stadium Pedal Cloning führt mich durch alle Schritte. Zu allererst wird mir die nötige Verkabelung angezeigt. Nichts Aufregendes hier, Send und Return 4 dienen als Clone-Loop.
Spannend wird es durch die Möglichkeit, einen beliebigen virtuellen Amp und ein Cabinet aus der Library zu laden, mit deren Hilfe ich den Sound des Pedals einstellen kann. Ich entscheide mich für einen der nagelneuen, mittels Agoura-Modelling-Technologie entstandenen Amps, den Hiwatt, der sich hier WhoWatt 100 nennt und einen Hiwatt DR-103 im Brilliant Channel simuliert.
Clean klingt dieser Amp – ganz wie das Original – satt und mit viel Headroom. Also eine gute Basis für das Pedal. Der Amp wird mit etwas Spring Reverb ausgestattet und klingt out of the box so:
Vermutlich werden jetzt verschiedene Testsignale durch das Pedal geschickt. Im Gegensatz zum Profiling beim Kemper höre ich aber nichts. Dass der Vorgang dem Profiling ähnelt, verrät die Mahnung im Manual, unbedingt einen Gehörschutz zu tragen, wenn mikrofonierte Amps gemessen werden.
Nach erfolgter Messung, die das Helix Stadium Pedal Cloning kreativ „Collecting Device DNA“ nennt, werden die Daten über die Proxy-Engine verarbeitet und wieder auf das Gerät übertragen. Das bedeutet: Meine Clone-Daten werden zunächst auf einen Server übertragen, wo sie sich in eine Warteschlange einreihen, bevor sie bearbeitet werden.
Der gesamte Vorgang dauert nur wenige Minuten. Wer allerdings exzessiv klonen möchte, muss im Sinne des Fair Queueing schon mal mit Wartezeit rechnen.
Wichtig zu wissen ist, dass das Helix immer nur einen ganz bestimmten Zustand des Pedals erfasst. Sämtliche Reglerstellungen sind praktisch eingefroren. Wer mehrere Lieblings-Settings besitzt, muss entsprechend mehrere Clones anlegen. Allerdings – und da muss ich schon einmal relativierend einschreiten und etwas vorgreifen – verfügt der fertige Klon später über zahlreiche Regler, die denen des Vorbilds zwar nicht nachempfunden sind, sich aber trotzdem als nützlich erweisen können. Dazu später mehr.
Kleiner Fun Fact nebenbei: Das Display zeigt während des Clone-Prozesses einen Schafskopf. Vermutlich ist das Dolly, das weltweit erste Klonschaf, das seinerzeit für mächtig Wirbel sorgte.
Der erste Vergleich
Nach Abschluss des Clonings erlaubt das Stadium XL einen direkten A/B-Vergleich zwischen Original und Clone. Jetzt wird’s spannend. Beim ersten Umschalten fällt auf, wie nah der Clone am Original liegt. Die Frequenzen, die Ansprache und das Gain-Verhalten sind quasi identisch.
Das PXO besitzt eine sehr angenehme Mittenstruktur, die sich besonders bei klassischen Rock-Riffs bemerkbar macht. Diese Charakteristik wird vom Helix Stadium Pedal Cloning mehr als überzeugend eingefangen. Auch Palm-Mutes zeigten keine nennenswerten Unterschiede. Der typische Druck im unteren Mittenbereich bleibt erhalten.
Wo liegen die Unterschiede?
Natürlich darf die Frage nicht ausschließlich lauten, ob der Clone ähnlich oder genauso klingt. Das können mittlerweile viele Systeme. Entscheidend ist das Spielgefühl. Hier zeigt sich ein infinitesimaler Unterschied. Das Original-Pedal reagiert bei sehr dynamischem, hartem Anschlag etwas anders. Allerdings bewegt sich das in einem Bereich, der im Blindtest – falls er dort überhaupt auffällt – weder dem Clone noch dem Original-Pedal eindeutig zugeordnet werden kann. Im Bandkontext oder innerhalb eines fertigen Mixes wird mit Sicherheit niemand sagen können, ob gerade das Original oder der Clone zu hören ist.
Wie reagieren aber nun die Regler des Clones im Vergleich zu denen des Pedals? Der Clone bekommt vom System eine 3-Band-Klangregelung verpasst sowie einen Low- und High-Cut. Ich drehe am Pedal die Höhen etwas hinzu und reduziere die Bässe. Im gleichen Verhältnis schraube ich auch genau diese beiden Regler beim Clone in Position. Listen and repeat:
Schließlich will ich noch wissen, wie der Gain-Regler reagiert. Ähnliche Prozedur: Am Pedal und am Clone reduziere ich den Gain um etwa eine Vierteldrehung.
Die Audiofiles sind übrigens nicht per Reamping entstanden, sondern jeweils live eingespielt. Hört jemand signifikante Unterschiede? Ich nicht.
Nun knöpfe ich mir noch den Boost vor. Der Tilt-EQ steht auf 3 Uhr, der Level-Regler etwa auf drei Minuten nach zwei. Auch hier ist kein nennenswerter Unterschied auszumachen.
Jetzt würde ich gern noch testen, ob ich einen Unterschied höre, wenn ich Boost und Drive am Pedal aktiviere oder die beiden Clones im Signalweg des Helix hintereinander schalte. Doch hier macht mir das Helix das Leben schwer. Es gelingt mir nicht, zwei Clones gleichzeitig in die Kette zu schieben. Sobald der Boost- oder der Drive-Clone aktiviert ist, ist der jeweils andere verfügbare Clone ausgegraut und nicht dazu zu bewegen, sich meinen Wünschen entsprechend in die Kette zu setzen.
Ich vermute, dass es sich dabei um einen Bug in der gerade erst veröffentlichten Firmware 1.3.2 handelt. Einen anderen Grund sehe ich angesichts der massiven Rechenleistung des Helix nicht.
Update: Nach einigem Mailverkehr mit dem Vertrieb und weiteren Versuchen steht fest: Doch, es liegt an der Rechenleistung. Die Betriebsanleitung sagt dazu: „Due to the complexity of Proxy Clones, a Clone block can require approximately the same DSP usage as an Agoura Amp model. Up to four Clone blocks can be added per preset (two clones per main path).“ Trotz mehrerer Versuche mit weniger rechenintensiven Amps gelingt es mir nicht, zwei Clones des PXO plus Amp in einen Pfad zu schalten.
Der Praxisnutzen
Die eigentliche Stärke des Clones liegt nicht im reinen Nachbau eines Pedals. Viel interessanter und praxisgerechter ist die Integration in das Helix-Ökosystem. Der geklonte PXO-Sound lässt sich direkt in Presets einbinden, mit Snapshots automatisieren oder gemeinsam mit virtuellen Verstärkern und Effekten nutzen. Auf einmal steht mein Lieblings-Overdrive in beliebig vielen Presets gleichzeitig zur Verfügung, ohne dass ich ein zusätzliches Pedalboard schleppen müsste.
Gerade Gitarristen, die mit unterschiedlichsten Setups unterwegs sind, dürften diesen Komfort schnell zu schätzen lernen. Als Nächstes steht noch das Amp-Cloning an. Dafür muss ich meinen ehrwürdigen Bogner Alchemist entstauben. Bleibt dran, es lohnt sich. Bis zum nächsten Mal
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Die entscheidende Frage ist halt immer, warum bzw. wozu man sich etwas kauft.
Weil es „leider geil“ ist, weil man alles mal ausprobieren will, weil es einfach neu ist, weil der Influencer es anpreist, oder weil man es eben für etwas ganz spezifisches braucht.
Daß es für heute und alle Tage das simpelste bleiben wird, eine Axt in einen echten Amp zu stecken und dann einfach loszuspielen, stimmt zweifelsfrei, trifft aber eben nicht das „warum“ und „wozu“ von jedem.
Wer aber in jedem Song einer Top40 Band anders bzw. wie das jeweilige Original klingen will, mit einem schnellen Fuß-Klick schon im nächsten Song sein will um die Pause zwischen den Songs minimal zu halten, und dafür bereit ist, in das zwangsweise komplexe Thema von Sound-Design und vorprogrammierten Patches zu investieren, wird häufig bei dieser Gerätegattung landen.
Und irgendwo dazwischen gibt es eben noch ganz andere Anforderungsprofile, Gerätegattungen und Preisschilder.
Genau aus diesem Grunde sieht man bei keinem der echten Gitarren-Göttern so ein Teil … von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen.
Die SPIELEN und schrauben nicht … oder sie überlassen das Schrauben anderen.