Test: Macmull S-Classic 2 Tone Sunburst MN

15. November 2018

Relic-Strat made in Jerusalem

Macmull S-Classic

— Macmull S-Classic 2 Tone Sunburst MN —

Dass ein Großteil der erhältlichen Edel-Strats aus den Customshops jenseits des großen Teichs stammen, ist uns ja allen schon längst bekannt. Überwiegend in den Staaten sitzen die traditionsreichen Unternehmen wie etwa Schecter, SuhrXotic, Jackson/Charvel oder Friedman und versuchen, mit ihren Kreationen auf Basis der Klassiker aus dem Hause Fender ihren Teil vom Kuchen abzubekommen. Das sind wir so gewohnt – und auch auf die in aller Regel sehr hohen Preise dieser Edelklampfen gut vorbereitet. Nun erreicht uns aber eine Customshop-Strat quasi vom anderen Ende des Planeten, denn die Macmull S-Classic wird in absoluter Handarbeit von einem kleinen Team in Jerusalem/Israel gefertigt und in nur sehr geringen Stückzahlen in alle Welt geliefert. Erwartungsgemäß hoch ist auch der Preis, mit rund 5.000,- Euro stößt dieses Instrument in Regionen vor, in denen es sich mit den besten Customshop-Instrumenten aus dem Hause Fender messen lassen muss. Wie das Ergebnis dabei ausfällt, kann man im folgenden Artikel nachlesen.

Macmull S-Classic – Facts & Features

Einen hervorragenden optischen Eindruck macht die Macmull S-Classic nach dem Öffnen des Koffers. Die Nitrolackierung auf dem zweifarbigen Sunburst-Body sowie der honiggelbe Ahornhals lassen die Herzen eines echten Strat-Fans ganz sicher gleich ein Stück schneller schlagen. Unser Testmodell besitzt eine klassische Zweiton-Sunburst-Lackierung, erhältlich ist die S-Classic darüber hinaus in vielen weiteren Farben der 50er und 60er Jahre. Erst beim genauen Betrachten wird deutlich, dass wir es auch hier mal wieder mit einem künstlich gealterten Design zu tun haben, wenn auch nicht ganz so übertrieben ausgeprägt, wie wir es beispielsweise bei der Friedman Cali oder der Xotic XSC-1 finden. Es geht deutlich dezenter zu: hier und da mal ein Kratzerchen, die Hardware etwas angelaufen, ein paar matte Stellen an der Rückseite – das war es dann aber auch schon. Das gilt zumindest für den Korpus, der aus einem Stück Erle hergestellt wurde.

Macmull S-Classic rear

Macmull S-Classic – der Hals

Etwas mehr behandelt wurde die Halsrückseite, um nicht zu sagen, dass der größte Teil der dortigen Lackierung bis auf das Holz abgeschliffen wurde. Das hat aber auch seine Vorteile, denn so ergibt sich ein angenehmes Spielgefühl für die rechte Hand.  Der Rest des Halses, der ebenfalls aus einem Stück besteht, wurde hingegen mit einer Lackschicht überzogen, die auch das Griffbrett bedeckt. Das sollte man wissen, denn nicht alle Spieler, mich inbegriffen, kommen mit einem lackierten Griffbrett so ohne Weiteres klar. Bendings, Vibratos mit dem Finger oder Slides gestalten sich recht zäh, aber damals war nun mal die Optik ein wichtiges Kriterium, um eine E-Gitarre erfolgreich am Markt platzieren zu können. Auf Basis der Stratocaster der 50er und 60er Jahre ist die Macmull S-Classic nämlich entstanden, zum Glück aber wurde auf das damals eingesetzte Halsprofil verzichtet, gegen die Strats der damaligen Zeit mit ihren „Baseballschlägern“ wirkt das Halsprofil der S-Classic geradezu filigran.

Die Bundierung ist gut gelungen, Abzüge gibt es jedoch für die nur unzureichend polierten Oberflächen des Bunddrahts – eigentlich ein Unding für ein Instrument dieser Preisklasse. Der neue Besitzer wird also ein Weilchen mit Schabgeräuschen auskommen müssen, bevor Saitenzieher weich und präzise vonstattengehen können. Doch das ist leider nicht alles, was beim Hals für Verwunderung sorgt. Hinzu kommt die Platzierung der Einstellschraube des Halsstabs, die an den Halsfuß gesetzt wurde, somit heißt es also Hals abschrauben, wenn mal eine Justierung notwendig wird. Bei aller Liebe zu Design der Strats der 50er und 60er – ein Zugang von der Kopflatte aus hätte dem Design bestimmt nicht geschadet, zumal ja im Headstock ein entsprechendes Loch bereits vorhanden ist. Die Kopfplatte selbst ist noch ein besonderes Thema, mir persönlich sagt das extrem schlichte Design ja eher nicht zu. Aber das ist ja, wie so vieles im Leben, wieder mal Geschmackssache.

Macmull S-Classic headstock

— Irgend etwas zwischen klobig und schlicht: die Kopfplatte der Macmull S-Classic —

Macmull S-Classic – die Hardware

An der Kopfplatte sitzen natürlich auch die Mechaniken, die von Gotoh stammen, etwas angegammelt in ihrer Optik wirken und mit weißen Knöpfen bestückt wurden. Ob es nun an den Mechaniken liegt oder am korrespondierenden Vintage-Vibrato am anderen Ende der Drähte, lässt sich nicht genau bestimmen. Tatsache ist aber, dass zumindest unsere Testgitarre erhebliche Probleme beim Halten der Stimmung hatte, dazu musste man noch nicht einmal den Vibratohebel übermäßig strapazieren, um ein deutliches Verstimmen zu provozieren. Schon wenige Bewegungen reichten aus, um erneut die linke Hand in Richtung Kopfplatte (und damit zu den Mechaniken) zu bewegen. Das Stimmen selbst kann auch zum Geduldsspiel werden, da die Gotoh-Tuner alles andere als reibungslos auf ihren Achsen laufen.

Macmull S-Classic Vibrato

— Berühmt, berüchtigt, geliebt und gehasst – das Vintage-Vibrato, hier an der Macmull S-Classic —

Macmull S-Classic – die Elektrik

Alles vertraut und alles wie erwartet, die drei Singlecoils mit Alnico 3 Magneten aus eigener Fertigung von Macmull sitzen in einem weißen Pickguard und werden über den gewohnten Fünfwegeschalter angewählt. Die drei Potis für Volume und Tone sind von sehr guter Qualität, sie laufen federweich und ohne Spiel auf ihren Achsen und auch der knackig einrastende Schalter dürfte dem Besitzer über Jahrzehnte keine Probleme bereiten. Auch bei der Anbringung der drei Regler weicht Macmull kein Stück vom Original ab, von daher dürfte das sehr nahe am Steg-Pickup platzierte Volume-Poti wieder mal für Verdruss bei dem einen oder anderen Spieler sorgen, wenn der Ton immer und immer wieder leiser wird …

Macmull S-Classic – ein kurzes Zwischenfazit

Fast 5.000,- Euro für eine Stratkopie – da muss schon alles stimmen, davon ist die Macmull S-Classic allerdings ein gutes Stück weit entfernt. Dinge, wie etwa deutliche Probleme beim Halten der Stimmung oder unzureichend bearbeitete Bünde, sollten in dieser Preisklasse eigentlich kein Thema mehr sein. Mal schauen, vielleicht kann die Macmull S-Classic ja im Praxisteil wieder Boden gutmachen?

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Was zur Hölle soll diesen Preis für ’ne Stratkopie, die nicht mal wie ihr Vorbild klingt, rechtfertigen? Ist das Dingen im See Genezareth getauft und im Jesusgrab kryonisch getunt worden? Wurde für den Transport in die Shops das Rote Meer geteilt? Fragen über Fragen….

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        AMAZONA Archiv

        Hattest du denn wenigstens beim Antesten eine Erleuchtung gehabt, spirituelle Reinigung – ist dir ein Heiligenschein gewachsen, hat sich eine gerissene Saite zu einem Jesusbild gekräuselt, oder so?

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          Stephan Güte  RED

          Es schien so, als wolle sich mein seit Jahren umgedrehtes Kreuz wieder in die andere Richtung bewegen. Aber wirklich Himmlisch war das nicht!

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    Armin Bauer  RED

    Hi Stephan,

    schön, dass du nicht vor Ehrfurcht anhand des Preisschildes erstarrst sondern unvoreingenommen urteilst.
    Abgesehen davon, dass die Kopfplatte wirklich an Billig Korea Instrumente aus den 80ern erinnert und ich diesem ganzen Aging Quatsch nichts abgewinnen kann, kann es sein, dass man mit etwas Marktanalyse ein gleichwertiges Instrument im Bereich 500 – 800 Euro finden kann?

    Grüße
    Armin

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      Stephan Güte  RED

      Hi Armin, ich habe hier parallel zwei Fender Strats „auf Lager“, eine mexikanische und eine aus den USA (American Original Serie). Das US-Modell fand ich persönlich um Längen besser, als die Macmull und die kostet um die 1300,- … ich habe echt keinen blassen Schimmer, welche Zielgruppe die Macmull ansprechen soll. Wie immer, wenn ich etwas unschlüssig bin, lasse ich erfahrene Kollegen mal drüber schauen und antesten, deren Fazit viel eher noch drastischer aus, als meins.

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    Codeman1965  

    Auch, wenn der Sound schon sehr gut daherkommt, würde ich hier (selbst zum halben Preis) eher nicht zuschlagen wollen.
    Eine Gitarre sollte spätestens bei 4stelliger Preisvorstellung so gefertigt sein, daß ich da nicht noch Defizite ausmerzen muss. Wenn ich da noch Bünde polieren und vielleicht sogar noch Mechaniken tauschen soll, ist der Spaß für mich vorbei. Das mache ich bei ’ner Squier oder HB liebend gerne, aber die sehe ich auch eher als Grundlage für’s Tuning und nicht als High-End-Produkt.
    Davon abgesehen finde ich das Design auch nicht wirklich wertig:
    Über die Kopfplatte kann man geteilter Meinung sein, es gibt durchaus Leute, denen der klassische Strat-Head schon zu groß erscheint. Ansichtssache.
    Aber ich finde auch die Sunburst-Lackierung nicht so gelungen, ist mir persönlich zu „scharfkantig“, nicht fließend genug.
    Erle für den Body ist natürlich bewährt, aber bei 5 Kilo Euronen darf es m.M.n. gerne ein Holz sein, welches optisch ’ne Ecke spektakulärer wirkt, wenn’s nicht deckend lackiert wird…
    Ist alles nur mein persönlicher Eindruck von weit, weit weg, und vielleicht sieht das anders aus, wenn man das Teil mal selbst in den Händen hält und auf sich wirken lässt.
    Aber hätte ich jetzt 5 Mille für ein Paddel hier ‚rumliegen, würde ich mir doch lieber wieder Einzelteile holen und mir meine Gitarre „auf den Leib schneidern“…

    Und Danke an Stephan für den Testbericht…! :-)

  4. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Und der Herstellername ist wirklich so korrekt geschrieben? Habe ein bissken den Eindruck, dass der zweite Vokal eher ein Umlaut sein sollte.

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Ja, ist er … kann deine Bedenken aber komplett nachvollziehen und höre/sehe das Augenbrauenhochziehen bis hier her!

  5. Profilbild
    Mrmusic

    Ich bin neben einer echten Vintage Fender Stratocaster von 1962 seit letztem Sommer auch Besitzer einer MacMull Stratocaster. Ich bin seit 40 Jahren Musiker und spielte in diesen Jahren auch einige sehr teuere Fender Custom Shop Strats von sehr namhaften Rebuildern. Diese Exemplare klangen zweifellos alle gut bis sehr gut. Darunter war aber nicht eine, die den beiden Erstgenannten das Wasser hätte reichen können. Beide Instrumente entwickeln einen Sound und ein Spielgefühl, wie es eben nur wirklich alten Instrumenten vorbehalten ist. Das Holz, daß bei meiner MacMull verwendet wurde, stammt nachweislich aus dem Jahr 1959. Der Hals wurde in einem speziellen Verfahren klanglich als auch vom Schwingungsverhalten auf den Korpus abgestimmt, die meisten Teile incl. der Pickups sind handgearbeitet und klanglich derart detailgetreu nachgebildet, daß man hier wahrhaft von einer alten Strat sprechen kann. Soundtechnisch ist sie, wie ich schon sagte, mit meiner 62‘er absolut vergleicbar. Das solche Unikate ihren Preis haben, sollte jedem klar sein. Die MacMull ist im Vergleich zu einer Vintage Strat also vergleichsweise geradezu ein Schnäppchen. Diese mit einer Strat von der Stange zu vergleichen ist in allen Belangen völlig absurd und für mich nicht nachvollziehbar.

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