Test: Marshall Studio Vintage SV20H, Gitarrenverstärker

14. März 2019

Cult as cult can!

Marshall Studio Vintage SV20H

Der Marshall Studio Vintage SV20H Gitarrenverstärker

Jeder kennt und liebt die klassischen Marshall Plexi-Verstärker, die ihren Namen der Plexiglasscheibe auf dem goldenen Frontpanel des Verstärkers zu verdanken haben. Leider sind diese Plexi-Modelle auch schwer, groß und sehr laut, was manchmal sogar auch gewünscht ist. Aber nicht immer hat man die Möglichkeit, diese Lautstärke auf der Bühne freizusetzen, da diese die Kollegen gerne einmal nervt. Ein Plexi hat aber gerade seinen „Sweet Spot“ in einem Bereich, der die Ohren des einen oder anderen schädigen könnte und aufgrund eines fehlenden Master-Volumes kann man den idealen Klang nicht unter der Entstehung einigen Lärms erhalten. Hier würde sicherlich auch ein sogenanntes Powersoak oder ein Reactive Load weiterhelfen, aber eine kompaktere, leichtere und „leisere“ Variante ist sicherlich auch ein sehnsüchtiger Wunsch von Marshall Fans. Diesem Wunsch entspricht Marshall nun mit den Gitarrenverstärkern der Vintage Studio Serie. Die drei Topteile (auch als Combos lieferbar) leisten je maximal 20 Watt, die Endstufenleistung ist aber bei Bedarf auch auf 5 Watt reduzierbar. Zu dieser Serie zählen der Marshall Studio Classic SC20H (dem JCM 800 nachempfunden), der Silver Jubilee und unser heutiger Testkandidat, der kleine „Plexi“, genannt Studio Vintage SV20H.

Passend zu den kompakten Amp-Heads kann man nun auch passende „geschrumpfte Lautsprecherboxen“ erwerben, die dann quasi einen Ministack bilden und natürlich extrem cool und klassisch aussehen.

Marshall Studio Vintage SV20H front

Marshall Studio Vintage SV20H – Facts & Features

Wie die Vorbilder besitzt auch der Marshall Studio Vintage SV20H Gitarrenverstärker die identische Röhrenbestückung 2x ECC83 in der Vorstufe, ECC83 (Phasensplitter) und zwei EL34 in der Endstufe. Die Abmessungen sind mit 500 x 240 x 230 mm deutlich kompakter als die Vintage-Boliden, dementsprechend fällt auch das Gewicht mit rückenfreundlichen 9,25 kg deutlich geringer aus. Der Marshall Studio Vintage SV20H Gitarrenverstärker wurde in England handverdrahtet und gefertigt, dies ist auf dem Karton bereits zu lesen. Verarbeitungsmäßig werden wir hier verwöhnt. Hier wurde sauberst gearbeitet. Im Lieferumfang war neben dem obligatorischen Netzkabel noch ein Lautsprecherkabel zu finden.

Die Gitarrenverstärker der Studio Vintage Serie sind prinzipiell genauso aufgebaut, wie die Vintage-Plexies aus den 70ern. Auch optisch hat man es, abgesehen von den geschrumpften Maßen, bei dem bewährten Erscheinungsbild gelassen. Das ist natürlich auch genau das, was wir wollen und die Optik ist ein nicht unerheblicher Teil des „Fetischobjekts“. Lediglich die Endstufenleistung hat man auf (immer noch sehr laute) 20 Watt reduziert. Die Endstufenleistung wird erstaunlicherweise mit zwei EL34 Röhren erzeugt und nicht mit einem Paar EL84, wie man das bei dieser Leistungsklasse erwarten würde. Ausstattungsmäßig hat man einen seriellen Einschleifweg, einen „D.I.-Out“ und eine Leistungsreduktion auf 5 Watt vorgesehen.

Marshall Studio Vintage SV20H – Bedienelemente

Der Preamp des Verstärkers basiert auf dem klassischen 1959 SLP, so ist der Marshall Studio Vintage SV20H ein einkanaliger Verstärker, er besitzt jedoch vier separate Eingänge, die da heißen:

Links oben: High Treble, hohe Sensibilität

Links unten: High Treble, geringere Sensibilität

Rechts oben: Normal, hohe Sensibilität

Rechts unten: Normal, geringere Sensibilität

Beim JCM 800 Modell, das Anfang der 80er erschien, hat man diese vier Eingänge dann zusammengefasst. Die vier Eingänge wurden dann zu zwei Eingängen (Low und High) zusammengefasst. Die „Low-Sensivity-Eingänge“ umgehen einfach nur die erste Triode (eine Hälfte der ECC83 Doppeltriode) der Vorstufe.

Natürlich sollte man zwei dieser Eingänge mit einem Patchkabel brücken, denn nur dann laufen beide Vorstufen parallel. Die „High-Treble“-Vorstufe allein wäre zu schrill und aggressiv, die beiden „Normal“-Eingänge wären alleine zu basslastig und würden die nötigen Höhen vermissen lassen. Genau dieses „Brücken“ der Eingänge ermöglicht das Mischen der beiden Sounds, die sich dann zu einem genialen Gesamtbild vereinen, das DEN typischen Marshall Sound der 70er und 80er zur großen Freude den Lauschern zu Gehör bringt.

Studio Vintage SV20H Inputs

Alles wie früher, die vier Eingänge ermöglichen eine Vielzahl von klassischen Rocksounds

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bedienelemente an der Front

Links befinden sich zwei solide Kippschalter zum Einschalten und Stand-by-Modus. Der Stand-by-Schalter ermöglicht in der oberen Stellung eine Leistungsreduktion der Endstufe auf 5 Watt. Die Leistungsreduktion wird über ein vorher selten eingesetztes Verfahren, nämlich das Herabsetzen der Anodenspannung auf die Hälfte (ca. 185 Volt), erreicht. Klanglich kann man keinen bedeutenden Unterschied zwischen den verschiedenen Leistungen feststellen, natürlich ist der Verstärker in der 5-Watt-Stellung etwas (aber nicht bedeutend) leiser.

Steht der Stand-by-Schalter in der Mitte, steht der Amp auf Stand-by (Anodenspannung unterbrochen), in der unteren Stellung des Kippschalters können wir über die volle Leistung von 20 Watt verfügen.

Wie von Röhrenverstärkern der Firma Marshall gewohnt, finden wir vier Regler für die Klangregelung (Bass, Mids, Treble und Presence).  Loudness 1 bestimmt die Lautstärke des „High-Treble“-Kanals und Loudness 2 die Lautstärke des „normalen Kanals“, der wesentlich basslastiger ist. Wenn man alle Regler der Klangregelung auf 12 h stellt und die Präsenzen auf ca. 10 h, bekommt man einen guten Startpunkt. Nun kann man sich mit den Loudness-1-Regler das gewünschte Maß an Höhen dazuschrauben. Der „High-Treble“-Kanal ist sehr bissig und höhenlastig, mir reichte für den Anfang erst einmal die 10 h Stellung.

Studio Vintage SV20H Gitarrenverstärker Backpanel

Auf der Rückseite finden wir natürlich die 230 Volt Kaltgerätebuchse, die Lautsprecherausgänge, einen seriellen Einschleifweg und einen D.I.-Ausgang. Der Effektweg ist schaltbar, was leider nicht bedeutet, dass man ihn mit einem Fußschalter über eine entsprechende Buchse an der Rückseite“fernsteuern“, also aktivieren bzw. deaktivieren könnte. Man kann aber, soweit der Effektweg (oder die Send-Buchse als Line-Out- bzw. die Return-Buchse als beispielsweise Endstufeneingang) nicht genutzt wird, diesen mit einem kleinen, runden Druckschalter auch komplett aus dem Signalweg nehmen.

Mit Einschleifweg und D.I.-Out

Lautsprecherseitig können eine Reihe von Boxenkombinationen angeschlossen werden. Da müsste für jeden etwas dabei sein.

Marshall Studio Vintage SV20H Speaker

Ausgangsseitig flexibel, 4, 8 oder auch 16 Ohm in diversen Kombinationen

Der D.I.-Out ist frequenzkorrigiert, man kann ihn zum Aufnehmen ins Pult bzw. zur Abnahme ohne ein Mikrofon beim Livegig heranziehen. Da das Ergebnis mit einem Mikrofon meist doch natürlicher klingt, ist von dieser Buchse also eher nur im Notfall Gebrauch zu machen, falls man beispielsweise einmal kein Mikrofon zur Verfügung haben sollte.

Marshall Studio Vintage SV20H – Sound

Der Marshall Studio Vintage SV20H Gitarrenverstärker ist sicherlich einer der lautesten 20-Watt-Verstärker, die ich jemals gehört habe. Das hat sicherlich auch mit den EL34 Röhren in der Endstufe zu tun. Eine mit zwei EL84 bestückte Gegentaktendstufe, deren Leistung mit meist 18 Watt angegeben wird, erzeugt sicherlich nicht diese Wucht im Klang und hat nicht diese Dynamikreserven. Möchte man den Amp clean spielen, wäre das sicherlich auch möglich, da der klare Headroom auch für größere Bühnen gegeben ist. Der „Sweet Spot“ des Amps wird nach meinem Geschmack bei einer Volume-Reglerstellung von etwa 14 h erreicht. Dann wird man mit einem äußerst „Hendrixy Ton“ belohnt, der vermutlich sogar noch etwas mehr Gain bereitstellt.

Hören wir zunächst einen „cleanen“ Sound, immer im Hinterkopf, dass wir hier einen Plexi und keinen Fender Princeton spielen. Normal Channel 10 h, High Treble 9 h. Die Klangregelung steht auf 12 h, der Präsenzregler steht auf 9 h.

Drehen wir die Volume-Regler etwas weiter auf, nähern wir uns dem typischen Marshall Crunch-Ton. Die Klangregelung wie oben Normal 13 h, High Treble 11 h, so erhalten wir genug Biss und Aggressivität in den Höhen. Hier die Strat mit DiMarzio Chopper am Steg:

Wir hören nun meine PRS Custom 24, 30th Anniversary mit Humbuckern, die deutlich mehr Output hat. Zunächst den Steg-Pickup:

Der Humbucker am Hals erzeugt einen cremigen, rockigen, bluesigen Ton.

Nun reißen wir die Volume-Regler noch weiter auf. Hierbei entsteht schon einiges an Lärm:

Marshall Röhrenamps gelten als sehr pedalfreundlich und akzeptieren Verzerrerpedale wie kaum ein anderer Amp. Für das folgende Beispiel habe ich einen Ziggy Overdrive (Clon) der Firma Crazy Tube Circuits herangezogen.

Der Marshall Studio Vintage SV20H Gitarrenverstärker entwickelt seinen typischen Klang  erst, wenn man ihn schon etwas aufreißt. Das kann auch bei „nur“ 20 Watt schon sehr laut werden, da der Verstärker lauter ist, als die Leistungsangabe von 20 Watt zunächst vermuten lässt. Helfen könnte die Reduktion auf 5 Watt oder auch ein Power-Soak, um die richtige Abstimmung fein justieren zu können. Wer wirklich einen Mastervolume-Regler vermisst, kann sich den Classic SC20H aus der Studio Serie anschauen, dieser basiert auf dem JCM800, der diesen ja bekanntermaßen besitzt.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

PRS Custom 24 – Marshall Studio Vintage SV20H – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher (Klon) – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic (etwas Hall hinzugefügt).

Fazit

Darauf haben sicherlich viele Gitarrenfreunde gewartet. Klassischer Look und klassischer Sound bei weniger Gewicht und Lautstärke. Der Marshall Studio Vintage SV20H liefert bedingungslos DEN klassischen Rocksound der siebten und achten Dekade des letzten Jahrhunderts, der auf unzähligen Alben zu hören ist. Auch seine Optik flößt dem Rockfreund bereits die nötige Ehrfurcht ein.

Klanglich ist dieser Gitarrenverstärker womöglich keine eierlegende Wollmilchsau, dafür wird er genau jene Gitarristen voll und ganz befriedigen, die einen sehr britischen, dynamischen und klassischen Rocksound mit allen seinen Vorzügen (Biss, Durchsetzungsvermögen) bevorzugen. Manchmal kann es eben doch „nur einen geben“. Durch die Existenz des Einschleifwegs kann man zudem problemlos seine Effekte (Delay, Hall etc.) integrieren.

Plus

  • authentischer Vintage-Sound
  • authentische Vintage-Optik
  • Gewicht
  • Verarbeitung
  • serieller Effektweg

Minus

  • -

Preis

  • Ladenpreis 999,- Euro
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