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Test: Matthew Effects The Chemist, The Cosmonaut, Gitarren-Pedale

15. Oktober 2019

Boutique-Combo aus den USA!

 

Wenn man in Sachen Modulationspedale stöbert, liest man in jüngster Vergangenheit immer wieder einen Namen: Matthews Effects. Das charakteristische Design der Pedale ist in Erinnerung geblieben. Wichtiger ist aber: Die Firma aus Los Angeles hat mit dem The Chemist Pedal eine Wundertüte in Sachen Modulation auf den Markt gebracht, die, das muss ich zugeben, unter meinem Radar geflogen ist. Zugegeben: In Deutschland ist der Name noch nicht sonderlich verbreitet. Doch das muss nicht so bleiben. Wir haben uns zwei Geräte von Matthews Effects ins Haus gebracht: Besagten Chemist, der mit Chorus/Vibrato, einem eigenen Pitchshifting und einem Phaser ausgestattet ist sowie das Cosmonaut Pedal, ein Delay/Reverb-Pedal, die wir uns gemeinsam ansehen werden. Wenn Modulation und Reverb/Delay aus dem gleichen Hause kommen, gilt manchmal: Die Menge ist größer als die Summe ihrer Teile. Will heißen: Manchmal entfalten solche Paare zusammen noch viel größere Wirkungen.

Nicht wenige dürften das Cosmonaut-Pedal V1 kennen, dessen Sputnik-Algorithmus eine charakteristische Modulation eines Plate-Reverbs ermöglichte. Rick Mathews, der Gründer, ist noch relativ jung und die Palette der Firma noch überschaubar. Trotzdem habe ich irgendwie den Eindruck, dass hier etwas Besonderes entstehen könnte.

Matthews Effects, The Chemist V2 – Facts and Features

Ja, manchmal lässt man sich eben dann doch von Dingen wie Optik beeinflussen. Die einheitliche Ästhetik der Matthews Pedale ist jedenfalls anregend und originell. Im Grunde handelt es sich also um ein Multieffekt-Pedal in kleinem Stomp-Format. Klassisch gehalten, ohne High-Tech-Spielereien, aber trotzdem mit lückenloser Ausstattung. Was heißt das konkret?

Die Bauart ist digital, der Signalweg analog. Warum das so ist, dürfte am grundlegenden Prinzip des Chemist von Matthew Effects liegen: Die Möglichkeit, zwischen zwei Reglereinstellungen hin und her zu schalten. Doch darauf kommen wir später noch zu sprechen. Was The Chemist von Matthew Effects nicht hat: USB oder MIDI. Dafür eine Klinke für ein Expression-Pedal und eine für das externe Ansteuern der Algorithmen per Wahlschalter. Stereo-Betrieb ist leider auch nicht drinnen. Wie man also sieht, ist die Menge an Features äußerst übersichtlich. Doch der Schlüssel dürfte das dann doch sehr eigenwillige Bedienprinzip sein, mit dem sämtliche Pedale von Matthews Effects aufwarten. Speziell beim The Chemist ergibt das ein fast schon laborartiges Prinzip, das man auf dem ersten Blick gar nicht vermuten würde.

Sechs Regler besitzt The Chemist insgesamt, wobei die oberen und die unteren drei Regler jeweils mit DIP-Schaltern auf der linken Seite des Pedals einer Modulationsklasse zugewiesen werden. Ungewöhnlich, ohne Frage. Die drei dafür in Frage kommenden Algorithmen, zwischen denen man mithilfe der DIP-Schalter auswählen kann, lauten wie folgt:

  • Cobalt produziert einen warmen, sehr analog anmutenden Chorus/Vibrato-Sound.
  • Lithium verwandelt die Gitarre in ein oktaviertes Organ, zwischen -1 und +1 Oktave.
  • Iridium ist der Phaser-Algorithmus des Matthews Effects The Chemist, dessen Kurve und Resonanz eingestellt werden können.

Jeder dieser drei Algorithmen kann nun durch die Schalter entweder oben oder unten aktiviert werden. Oben oder unten heißt: Für die oberen drei Regler und die unteren drei Regler. Das funktioniert prinzipiell ganz einfach: 1 auf Cobalt schalten, um einen Chorus-Sound zu produzieren, 2 auf Iridium für den Phaser. Im Fluge quasi lässt sich dann mit Alt-Knopf rechts untere Mitte zwischen der oberen und der unteren Reihe hin und her schalten. Für alle drei Algorithmen erfüllen die Regler folgende Funktionen:

  • Reaction lässt einen das Verhältnis von Dry und Wet einstellen – wie hörbar soll das modulierte Signal sein?
  • Catalyst erfüllt für Chorus und Phaser die Speed-Funktion, für der Octaver des Lithium Algorithmus wird die Stärke des nach oben hin oktavierten Signals eingestellt.
  • Formula sorgt dafür, dass sich Signalintensität des Chorus und Phaser einstellen lassen. In der Lithium-Einstellung wird der Mix des nach unten hin oktavierten Signals eingestellt.

Wie gesagt also – ein ganz und gar nicht verkehrtes, originelles Designprinzip, das einen unmittelbaren Zugriff auf zwei Modulationsklassen erlaubt. Was gibt die Praxis her? Das schauen wir uns mal im Detail genauer an.

Matthews Effects, The Chemist V2 – in der Praxis

Der springende Punkt bei so einer Boutique-Angelegenheit: Gibt es Punktabzug wegen künstlichem Sound oder ist der Klangcharakter authentisch und akzeptabel? Die digitale Aufbereitung und Modulation eines Signals hat Anhänger und Feinde.

Recht schnell wird deutlich: Die Modulation des Phasers ist für meinen Geschmack ein bisschen zu eigenwillig. Werde ich nicht unbedingt mit warm, aber meine Güte – der Chorus ist, um ein englisches Wort zu verwenden, lush ohne Ende und klingt formidabel. Auch der Octaver ergibt Sinn. Schön, dass man die +1 und -1 Oktavierung unabhängig voneinander in ihrer Intensität einstellen kann. Hat alles Charakter und ergänzt sich potentiell hervorragend.

Matthews Effects, The Cosmonaut V2

Der Cosmonaut ist so etwas wie das Aushängeschild von Matthews Effects, aber seien wir mal ehrlich. Das sind Delay- und Reverb-Pedale vor allem bei jungen Firmen eigentlich immer. Das Prinzip, mit dem der Cosmonaut aufwartet, ist im Grunde mit dem vom Chemist identisch. Drei Algorithmen, die unterschiedliche jeweils eine Effektgruppe bedienen und abwechselnd mit der oberen und der unteren Reihe von Reglern angesteuert und eingestellt werden kann. Und auch beim Cosmonaut von Matthews Effects ist der zweite Schalter dafür zuständig, zwischen den zwei per DIP-Schalter ausgewählten Kanälen hin und her wechseln. Was sind die Algorithmen?

  • Luna 2 – Ein eigenwillig modulierter Reverb der düsteren Sorte, der Ausmaße annehmen kann zwischen sphärischen choralen oder klassischen Room-Reverb.
  • Sputnik – Ebenfalls ein Reverb, doch diesmal eine Plate-Engine, die so was wie die dienstälteste aus dem Hause Matthews Effects darstellt. Auch hier ist ein leichtes Spiel mit der Modulation förderlich für atmosphärische Teppiche.
  • Vostok 1 ist der Delay des Cosmonaut V2. Vom Charakter her ein warmes Tape-Delay, das sich mit dem Sputnik und Luna 2 bestens vertragen soll.

Zwei Reverbs, ein Delay also, im kompakten Gehäuse und auch hier wieder mit entscheidend schöner Ästhetik. Wie beim Chemist also auf der linken Seite die DIP-Schalter für das Anwählen der Algorithmen. Die Regler für die untere und obere Riege an Regler wurden auch entsprechend der Pedal-Thematik nett betitelt:

  • Fuel kontrolliert die Einstellung von Dry to Wet für den Reverb oder das Delay.
  • Anomaly kontrolliert die jeweiligen Modulationen des Reverbs: einen shimmerartigen Effekt oder Octaver.
  • Travel ist für Oszillation und das Feedback des Reverb-Effekts zuständig.

Wie auch schon beim Chemist gibt das linke obere LED-Lämpchen an, ob die untere oder die obere Reihe an Reglern aktiv ist – eingeschaltet bedeutet, dass die obere aktiv ist. Auch der Cosmonaut V2 ist im Übrigen mit einer Klinke für ein Expression-Pedal ausgestattet – insgesamt also eher deckungsgleiches Design-Prinzip also.

Matthews Effects, The Cosmonaut V2 – in der Praxis

Was gibt der Cosmonaut klanglich her? Tatsache ist: Fast jeder Delay-Fan ist für einen warmen Tape-Delay zu haben. Ob dieser entsprechend schön mit den Reverb-Engines harmoniert und ob die Cosmonaut-Gleichung aufgeht, schauen wir uns jetzt an.

Die Gleichung geht auf: Das Tape-Delay klingt warm, analog und schön. Da muss ich fast an das fantastische Tape-Delay von Fairfield Circuitry denken. Der Sputnik, das Plate-Reverb, besitzt eine erstklassige Resonanz, das Luna Reverb übernimmt die sphärischen Klangwelten. Gemeinsam funktioniert das Ganze formidabel. Die Charakteristiken der einzelnen Algorithmen ergänzen sich, muss man sagen, recht toll. Auffällig ist lediglich das dünne Rauschen, das sich im Direct-In der Scarlet Focusrite zeigte.

Bei der Verwendung beider Pedale gleichzeitig offenbart sich recht schnell, dass der Cosmonaut und der Chemist gemeinsam eine riesige Bandbreite abdecken. Durch das kluge Design mit den DIP-Schaltern und dem zweiten Stomp kann man quasi on the fly mit vielseitiger Palette arbeiten. Da die Kanäle pro Pedal auch untereinander kombinierbar sind, erhöht das die Auswahlmöglichkeiten in Sachen Klangbild enorm.

 

Fazit

Geht doch – Boutique Pedale können eben doch ihre Berechtigung haben, ohne gleich ein halbes Vermögen zu kosten. Sowohl das Matthews Effects Chemist als auch das Cosmonaut in ihren V2 Ausführungen brauchen den Vergleich mit etablierten Namen nicht zu scheuchten. Das einzigartige Design und die recht einfache Handhabe sind nur sekundär – Tatsache ist, hier stimmt der Sound. Der Luna- und Sputnik-Reverb sind inspirierend und der Chorus des Chemist ist erste Sahne. Speziell gemeinsam bieten die Pedale eine ansprechende Symbiose. Nur ein paar Schönheitsfehler wie fehlender Tap- oder Swell-Funktion sind solche Sachen, die dann hoffentlich mit der V3-Version ihren Weg auf die Pedale finden.

Plus

  • schönes Design
  • guter Sound
  • gemeinsam stark

Minus

  • wenig Features
  • leichtes Rauschen

Preis

  • The Cosmonaut v2 Delay & Rev: 219,- Euro
  • The Chemist v2 Modulator: 229,- Euro
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