Test: MWM Phase Wireless DVS Controller

30. Mai 2019

Die Idee der Hammer, doch die Umsetzung ...

MWM Phase

Seit der ersten Ankündigung ist MWM Phase, der erste „Wireless Controller for DVS“, das beherrschende Thema auf den DJ-zentrierten Medien rund um den Globus. Offensichtlich hat man bei MWM, wo auch schon Mixfader, der portable Crossfader, entwickelt wurde, einen Nerv getroffen. Ob das System hält, was es verspricht, das ist die große Frage und daher auch für uns ein sehr spannender Test. Wir sind ja nicht nur Tester, sondern auch selbst Nutzer, Nerds …

Was ist MWM Phase?

MWM Phase ist ein System, das die fehleranfällige Kombination aus Timecode-Vinyl und Tonabnehmersystem innerhalb einer DVS-Installation ersetzt. Mehr nicht, das ist wichtig. Die Bewegungsdaten werden von kleinen Sendern, den sogenannten Remotes, gewonnen, die auf die Plattenteller aufgesetzt werden und mittels Sensoren dessen Drehbewegung abtasten und via Funk an den Empfänger schicken. Dieser generiert aus den Daten Timecode-Signale, die per Audiokabel in das Audiointerface des DVS-Systems geschickt werden. Es braucht also weiterhin ein DVS-fähiges Interface. Dieses muss aber keine Phono-Eingänge haben, da der Phase-Receiver ein Line-Signal schickt, also dem DVS eine Timecode-CD vorgaukelt. 
MWM Phase ist laut Hersteller zu Traktor, Serato, Rekordbox und Virtual DJ kompatibel.



Warum das Konzept so super ist?

Das MWM Phase Wireless DVS Controller-System überbrückt die meisten Sollbruchstellen eines DVS-Systems. Keine Nadeln mehr, die springen, sich abnutzen und sehr empfindlich sind. Keine Timecode-Platten mehr, die verkratzen. Keine empfindlichen Tonarme mehr, die verstellt oder verzogen sein können. Keine superdünne Verkabelung im Tonarm mehr, die Wackelkontakte haben oder gleich falsch gelötet sein kann. Vor allem aber: An jeder einzelnen der erwähnten Stellen kann ein kleiner Defekt dazu führen, dass das Steuern der DJ-Software durch eine Schallplatte einfach mal nicht funktioniert. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass jedem DVS-User mindestens eines dieser Probleme schon im Club begegnet ist, mehrfach. Jeder, der damals oder heute auf Plattenspieler im Club setzt(e), weiß, wie oft die Dinger in beklagenswertem Zustand sind. 
Genau da setzt Phase an und ersetzt die empfindlichsten Teile so eines Systems durch weniger empfindliche.


Spaß mit Phase, von der Sorte, wie wir ihn in Zukunft noch viel öfter sehen werden


Warum das Konzept nicht so super ist!

MWM Phase mag die wichtigsten Problemzonen von DVS umgehen, fügt aber dafür ein paar neue technische Stolperschwellen hinzu. Die Remotes verfügen über Akkus, die wie alle Akkus weder über unendliche Kapazität verfügen, noch unendlich viele Ladezyklen überstehen werden. Die Verbindung der Remotes mit dem Receiver erfolgt über Funk, wobei immer einiges schiefgehen kann. Und wenn es „nur“ darum geht, dass Phase eventuell andere Funksysteme stören könnte. Die Receiver werden mit dem Audiointerface verkabelt und benötigen eine eigene Stromversorgung, was unterm Strich diverse zusätzliche Kabel bedeutet, bei denen nicht die Frage ist, ob sie Probleme machen werden, sondern wann.

MWM Phase

MWM Phase: Zukunft und Gegenwart von DVS in einem Bild

Wie MWM Phase sein müsste, um richtig super zu sein

So faszinierend ich Phase technisch auch finde, es ist in meinen Augen nur ein Versuch, die Brückentechnologie DVS ein wenig länger am Leben zu erhalten. Langfristig zeigt der Rane Twelve, wohin die Reise gehen muss: Controller, die haptisch so gut sind, dass sie von den Schallplattenspieler-Nutzern akzeptiert werden und die alle Vorteile von Controllern ausspielen: Direkte und damit bessere (HID-) Anbindung an die Software. Reduzierung der Schnittstellen auf ein Minimum. Keine Akkus.
Jedes Kästchen mehr auf der Bühne, das verkabelt werden muss, Netzwerkkapazitäten frisst und Strom braucht (oder noch schlimmer, Akkus), ist eines zu viel.

MWM Phase

Schon sexy, das Zauberkistchen

Auspacken des Wireless DVS Controllers

In der schnieken Packung enthalten sind: Der Phase-Receiver, der die Remotes lädt, ihre Signale entgegennimmt und diese in ein TimC-Xode-Signal umwandelt, die Remotes, zwei sehr schicke Cinch-Kabel mit vorher noch nie gesehen Steckern mit eckigem Querschnitt und ein ebensolches USB-Kabel. Außerdem noch vier kleine magnetische Aufkleber, die – auf eine Platte geklebt – die Remotes bei heftigeren Scratches oder Backspins sicher auf der Platte halten. Meine Edition nennt sich „Phase Essential“. Unter dem Namen „Phase Ultimate“ wird ein Paket mit demselben Lieferumfang, aber vier Remotes verkauft. Dies dient (Achtung) nicht dazu, vier Decks zu steuern, dafür benötigt man einen zweiten Receiver, sondern um immer ein paar Remotes mit vollen Akkus zuhaben.


Spaß mit Phase, Fahrrad-Edition




Die Konfigurations-Software

Zum Phase-System gehört eine Software namens „MWM Connect“, die zum Beispiel benötigt wird, um das gesendete Signal an das verwendete DVS anzupassen. Des Weiteren kann man damit die Farben der LED-Ketten an den Remotes umstellen, den Ladezustand der Akkus prüfen, die Energiespareinstellungen ändern, den Account verwalten und sogar den Support kontaktieren. Klingt eigentlich schon sehr gut, aber hier beginnen leider auch schon die Kritikpunkte. Es geht damit los, dass die Software auf meinem System Phase nur findet, wenn es über einen Hub angeschlossen wird. Ich weiß, das klingt hart nach Voodoo. Vor allem, weil mein Hub keine Stromversorgung hat, aber ich kann das Verhalten reproduzieren. Direkt angeschlossen, flackert in der Software manchmal der Bildschirm mit den Einstellungen kurz auf, mehr nicht. Wenn ich nicht noch jemanden mit dem gleichen Problem in einer Phase-Facebook-Gruppe gefunden hätte, würde ich es nicht glauben …

MWM Phase

MWM Phase: faszinierendes kleines Zauberkistchen

Remotes und Receiver – die Hardware

Die Hardware löst bei mir direkt einen „Haben will“-Impuls aus. Der Zigarettenschachtel große Receiver macht optisch und haptisch ziemlich was her, fühlt sich robust an und sieht gut aus. Die Remotes sitzen dank der eingebauten Magnete einigermaßen fest in im Receiver. Ein Detail, das mich sehr gefreut hat: Die Beschriftungen für die Anschlüsse auf der Stirnseite sind beleuchtet. Man findet also auch im stockdunklen Club die richtigen Buchsen. Sehr gut! 
Was fehlt, ist irgendeine Art von Transportverpackung. Sooo fest sitzen die Remotes nämlich nicht im Receiver, dass sich das kleine Kistchen einfach in den Rucksack werfen ließe.

MWM Phase

Höchst praktisch: beleuchtete Anschlussmarkierungen

MWM Phase in Aktion – die Probleme starten

Da Phase „einfach“ auf analogem Wege ein Timecode-Signal in die Soundkarte schickt, sollten ab dem Zeitpunkt, wo die Verkabelung steht, auch alles ganz einfach sein, oder? Die Inputs an meiner Soundkarte sind auf LINE gestellt, 
der Receiver ist mittels Konfigurations-Software auf das richtige Timecode-Format (Traktor in meinem Fall) gestellt, die Remotes sind geladen und mit dem Receiver gepaired, alle Kabel sind angeschlossen. Kann losgehen! 
Und tatsächlich, nach ein paar Sekunden auf den ruhenden Plattentellern hören die Receiver auf zu blinken und sind einsatzbereit. Ich starte einen Plattenspieler und das File geht nach ein paar Sekunden Kalibrierung mit, als läge eine Nadel auf dem Timecode-Vinyl. Aber da ist nur dieses kleine Zauberkistchen. Schon sehr faszinierend, muss ich zugeben.
Im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten (baby-) scratche ich, was das Zeug hält, probiere mich seit Ewigkeiten mal wieder daran, einen Beat zu jugglen. Phase ist dabei tight. Jedenfalls tighter als ich, aber das will nicht viel heißen.
Also habe ich mir einen Kumpel eingeladen, der in Sachen Plattenkratzen mehr Ahnung hat als ich. 
Auch hier wieder glänzende Augen und skeptische Blicke gefolgt von kindlicher Begeisterung, auch wenn er immer noch nicht genau zu verstehen scheint, wie Phase eigentlich funktioniert. Er sagt, das System fühle sich absolut tight genug an, um damit zu scratchen. Doch leider zeigt sich auch das erste ernsthafte Problem: Einer meiner beiden Receiver driftet immer wieder mal weg, läuft einen Moment länger rückwärts, als die Plattentellerbewegung vorgibt. Ein Verhalten, das diese eine Remote immer wieder mal an den Tag legt.

Nächster Testlauf: Eine Scratch-Session im Berliner Café Wendel. OK, ein bisschen überambitioniert war es eventuell schon, nach superkurzer Eingewöhnung, die Dinger gleich mal auf einer Bühne testen zu wollen, aber was soll’s. So eine Technologie wird sich niemals durchsetzen, wenn sie nicht robust genug und simpel genug ist, um genau so einen Härtetest mitzumachen. Doch leider bekomme ich kein Timecode-Signal an die anwesenden Serato-Boxen geschickt. Die Receiver sind so eingestellt, dass sie Seratos Timecode ausgeben, die Serato-Boxen auf Line-Input gestellt, aber es kommt kein Signal an. Weder bei einer uralten SL1 noch bei der SL4 eines anderen DJs. 
Schade, dieser Ort wäre perfekt für einen Test unter Real-Bedingungen gewesen. 
Ich will gar nicht sagen, dass meine zu dem Zeitpunkt noch nicht vorhandene Routine nicht der wesentliche Faktor war, aber hey: Ich mach das mit der Auflegerei schon ein paar Jährchen und habe schon wesentlich kompliziertere Systeme auf Bühnen zum Laufen gebracht. An sich hätte es einwandfrei funktionieren müssen. Ein erster Check in den Phase-Usergruppen auf Facebook lässt mich vermuten, dass es wesentlich mehr Probleme mit Serato als mit Traktor zu geben scheint. Was ich in diesen Gruppen lese (ich lese viel in dieser Nacht) und meine eigenen Erfahrung mit Phase sind der Grund, meinen eigenen Test an dieser Stelle abzubrechen.

Einerseits ist Phase höchst faszinierend und im Wesentlichen scheint die Idee auch aufzugehen, andererseits habe ich immer wieder sekundenlange Rückwärts-Drifts oder Momente, in denen Traktor gar nicht auf die Bewegungen der kleinen Sender reagiert. 
Viele Serato-Nutzer berichten auch davon, dass es eine Pitchdrift zwischen den Receivern gibt. Ich kann das bestätigen, aber es handelt sich anscheinend bei Traktor um eine sehr kleinen Drift. Nach einer halben Stunde verschieben sich zwei parallel gestartete Loops um eine Viertelnote oder so.

Was auch sehr nervt: Da Phase keinen vollständigen Timecode nachbildet (die Signalanteile für die absolute Position auf der Platte fehlen naturgemäß), bekomme ich in regelmäßigen Abständen Fehlermeldungen von Traktor, die den gesamten Header der laufenden Files in der GUI verdecken und deswegen wirklich übelst nerven. Ja, ja, kann man abschalten, aber dann gibt Traktor halt gar keine Fehlermeldungen mehr aus.

 Dazu kommen die Schwierigkeiten, die Konfigurations-Software mit dem Receiver zu verbinden.
 Das Internet ist außerdem randvoll mit Beschwerden über die Akku-Lebensdauer und die Anzeige derselben. Ich habe auch einen Receiver erwischt, der sehr schnell leer wird.

Der Hersteller hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet und verspricht Abhilfe mittels eines Firmware-Updates, verkündet aber keinen Termin dafür. Derweil hilft man sich in den Gruppen so gut es geht, tauscht Tipps aus, wie der Schlafmodus der Receiver zu umgehen ist, der anscheinend für viele Probleme sorgt. Auch die Pitchdrift lässt sich wohl irgendwie umgehen, 
ich selbst bin geistig schon ausgestiegen. Ja, ich könnte all die Tipps ausprobieren, dazu beitragen, dass das System besser nutzbar wird, aber ich mag nicht.
Ja, es geht um ein grundsympathisches kleines Unternehmen.
Ja, Phase ist mittels Crowdfunding finanziert worden und braucht eventuell doch noch mehr Unterstützung. Viele Fans der Technologie sind dazu auch bereit. Ich aber nicht. Ich habe keine Zeit, mich um ein halbfertiges Produkt zu kümmern, das definitiv nicht bühnenreif ist. Und daran ändern die vielen User auch nichts, deren Phase genau das tut, was es soll. Ja, die gibt es auch. So vom Gefühl her würde ich sagen, ungefähr eine Hälfte der Nutzer hat entweder einwandfrei funktionierende Geräte oder aber genug Zeit/Geduld, die Probleme in den Griff zu bekommen. (Und das Glück, keine Einheiten mit kaputten Akkus oder nicht behebbaren Verbindungsproblemen gekauft zuhaben.)

Wir werden euch auf dem Laufenden halten, wie sich Phase entwickelt, wenn das Firmware-Update veröffentlicht wird. Im Moment können wir das System nur für Nutzer empfehlen, die Spaß am Beta-Testen haben. Leider.

Fazit

MWM Phase ist ein massiv faszinierendes Produkt, das die schlimmsten Sollbruchstellen eines DVS-Systems elegant umgeht.
Leider ist das Produkt noch nicht bühnenreif. Ein zu großer Prozentsatz der Units wird inklusive verschiedenster technischer Probleme ausgeliefert. Ein angekündigtes und sehnlichst erwartetes Firmware-Update, das alle Schwierigkeiten aus dem Weg schaffen soll, ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels noch nicht ausgerollt.

Plus

  • Umgehung der fehleranfälligsten Teile eines DVS-Systems
  • faszinierende Technik

Minus

  • nicht bühnenreif
  • viele Probleme mit den Units

Preis

  • 299,- Euro für einen Receiver und zwei Remotes
  • 599,- Euro für einen Receiver und vier Remotes
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