Test: MXR Timmy, Verzerrer-Pedal

30. März 2021

Timmy-Replika aus dem MXR Custom-Shop

MXR Timmy

MXR Timmy

Zu Beginn des neuen Jahrtausends entwickelte der Amerikaner Paul Cochrane mit dem Tim und dem kleineren Bruder Timmy zwei Verzerrer-Pedale, die sich unter dem Begriff „Transparent Overdrive“ zu wahren Kultgeräten entwickelten und heute auf dem Gebrauchtmarkt zu oft saftigen Preisen angeboten werden – wenn man denn mal eines dieser Pedale überhaupt dort findet. Ziel des Entwicklers war es damals, einen Verzerrer zu bauen, dessen Sound dem eines in die Sättigung getriebenen Vollröhren-Amps detailgetreu nachbildet und dazu die gewünschte Dynamik in Zimmerlautstärke reproduzierbar macht. Stets mit dem Hintergedanken, den Charakter des angeschlossenen Instruments zu wahren bzw. hervorzuheben. Nun, das schreiben sich zwar viele Hersteller auf die Fahne, bei dem von Cochrane entwickelten Pedalen scheint dies aber keine leere Worthülse zu sein, denn anders ist der Erfolg dieses Verzerrers kaum zu erklären.

Und so wurden und werden Tim und der kompaktere Bruder Timmy seit ihrer Entstehung oft kopiert, mal schlecht und mal ganz recht. Unterm Strich  konnten bzw. können aber nur wenige Klone dem Klang und der Beschaffenheit des Originals das Wasser reichen, diese Meinung vertritt zumindest ein Großteil der Szene. Um nicht einen weiteren Blindgänger auf den Markt zu werfen, hat sich der amerikanische Effektspezialist MXR nun mit dem Erfinder des Pedals bzw. der sagenumwobenen Schaltung im Innern zusammengetan, um den kleinen Bruder Timmy in einer Neuauflage zu präsentieren. Was ist dran an dem Mythos und für was kann man den MXR Timmy einsetzen? Wir haben uns der Sache mal angenommen.

MXR Timmy – Facts & Features

Wieso eigentlich Tim und Timmy? Nun, Paul Cochrane outete sich Gerüchten zufolge mal als großer Fan alter Monty Python Filme, die man wohl ebenso als Kult bezeichnen kann. Im Meisterwerk „Ritter der Kokosnuss“ begegnet uns in der Handlung ein Magier, der auf den Namen Tim hört und dem Pedal daher diesen Namen verleiht. Folgerichtig ist Timmy dann wohl der kleine Bruder, wenn es nach Pauls Empfinden geht. Und klein ist ein gutes Stichwort, denn mit den Maßen von 90 x 40 x 55 mm ist das MXR Timmy schon mehr als kompakt ausgefallen und kann so problemlos im Gigbag oder gar in der Hosentasche verschwinden.

Das Design ließ es wohl nicht zu, die Klinkenbuchsen an die Stirnseite zu setzen, der Audioein- und Ausgang befinden sich somit links und rechts an dem winzigen Gehäuse. Das dürfte bei der Integration des Pedals auf dem einen oder anderen Board für etwas Gerangel sorgen. Der Anschluss für das 9 Volt Netzteil sitzt aber an der vorderen Seite, zum Betrieb des Timmy ist ein solches unverzichtbar, denn ein Batteriebetrieb ist nicht vorgesehen. Wie sollte dort auch noch so etwas reinpassen? Von daher gibt es auf der Unterseite des Pedals nichts weiter zu entdecken, außer einem blanken Metalldeckel, der von vier Schrauben fixiert wird.

Für alle die, die vorhaben, den Timmy nicht mit Velcro-Band auf dem Pedalboard festzukletten, legt der Hersteller dem Pedal im Karton vier Gummifüße zum Aufkleben zusammen mit einem Quick Start Guide bei. Das Benutzerhandbuch ist allerdings nicht explizit für den Timmy bestimmt, sondern enthält Grundsätzliches zur Bedienung und den Umgang mit Effektpedalen aus dem Hause Dunlop, zu deren Markenportfolio die Firma MXR ja bekanntlich gehört. Aber egal, was soll man bei einem solch einfach aufgebautem Gerät auch groß erklären? Schrauben an den Reglern, bis der Sound gefällt, lautet hier das Motto!

MXR Timmy Unterseite

MXR Timmy Unterseite

Timmy – Bedienpanel

Trotz der winzigen Maße haben es immerhin vier Regler und zwei Schalter auf die Oberfläche des MXR Timmy geschafft. Neben einer Klangregelung mit Bässen und Höhen finden wir weiterhin einen Regler für Gain sowie einen für Volume. Interessant ist hier zu wissen, dass der Bassregler vor der Zerrschaltung liegt, der Höhenregler jedoch dahinter. Der Sinn dieser Platzierung liegt darin begründet, dass der Bassbereich schon beschnitten bzw. vorbereitet wird, bevor das Signal die gewünschte Verzerrung erhält und eventuell zu spitz auftretende Höhen danach wirkungsvoll beschnitten werden können.

Der Minischalter im oberen Teil dient zur Auswahl der drei verschiedenen Clippings, die das Pedal zur Verfügung stellt, während der untere große Schalter wie zu erwarten den Timmy in Betriebsbereitschaft versetzt. Ist das Pedal aktiviert, informiert eine blau leuchtende LED darüber. Zum Glück ist die nicht so grell, sodass man hier auch aus größerer Entfernung das kleine Pedal und vor allem die Stellung der Regler gut erkennen kann.

Die vier Potis liegen konstruktionsbedingt sehr dicht beieinander und lassen sich daher kaum mit zwei Fingern umgreifen, zudem ist deren Drehwiderstand recht hoch ausgefallen, was zwar gut gegen ungewolltes Verstellen ist, eine nuancierte Bedienung aber nicht immer sicherstellt. Erfreulicherweise wurden die Regler und auch beide Schalter jedoch mit dem Gehäuse fest verschraubt, so dass hier nichts wackelt und auch bei einem Fehltritt auf den Schalter sichergestellt ist, dass an dieser Stelle nichts bricht. Der Minischalter rastet spürbar und knackig in seinen drei Positionen ein und sitzt gut geschützt im Schatten des Bass- und des Gain-Potis. Er bietet die drei Grundsounds unsymmetrisches Clipping, symmetrisches Clipping sowie symmetrisches Clipping mit stärkerer Sättigung des Signals. Beim Power-Schalter hätte ich mir persönlich einen Softklicktyp gewünscht – so knackt es doch ganz gewaltig beim Drauftreten. Das wiederum kann nerven, vor allem die Musiker, die ihren Sound im heimischen Studio unter geräuschempfindlichen Umständen aufnehmen möchten.

Und so klingt das Timmy Verzerrer-Pedal

Timmy hin und Tim her, Original oder Nachbau, Klone oder Neuentwicklung: Das MXR Timmy ist schlicht und ergreifend ein hervorragender Verzerrer, der selbst dem billigsten Transitor-Amp einen cremig-weichen und dynamisch spielbaren Overdrive-Sound verpassen kann. Dabei geizt die kleine blaue Kiste extrem mit Nebengeräuschen, selbst bei voll aufgedrehtem Gain-Poti und Vollanschlag des EQs ist so gut wie kein Rauschen wahrzunehmen. Wohl aber eine herrlich große und saubere Transparenz, die auch bei hohen Verzerrungen und sogar beim Akkordspiel jede Saite absolut definiert wiedergibt.

Die drei über den Mini-Switch auswählbaren Modi symmetrisches, unsymmetrisches und unsymmetrisches Clipping mit zusätzlicher Sättigung bieten für jedes Set-up eine gute Ausgangsbasis, um sich an den gewünschten Sound heranzutasten bzw. an das angeschlossene Instrument anzupassen. Mit einem kräftigen Humbucker bestückte Gitarren können aus dem MXR Timmy einen wuchtigen Overdrive-Sound kitzeln, der von weichem Crunch bei symmetrischem Clipping bis hin zu singenden und weich komprimierten Leadsounds bei ausgewähltem unsymmetrischem Clipping reicht.

Die gebotenen Gain-Reserven sind vollkommen ausreichend für alles, was mit Blues und Rock auch nur im Entferntesten etwas zu tun hat, die Metaller-Fraktion hingegen darf hier getrost weghören, denn für Metal-Sounds wurde selbst das Original nicht entwickelt. Obwohl man sicher auch drüber nachdenken könnte, einen modernen Highgain-Amp mit dem Timmy gezielt anzusteuern und ihm damit den besonderen Charakter dieses Pedals zu verpassen.

MXR Timmy right

MXR Timmy – Klangbeispiele

Für die folgenden Klangbeispiele wurde das MXR Timmy Verzerrer-Pedal zwischen meine Music Man Silhouette und den Eingang eines Orange Micro Dark mit angeschlossener 12″ Celestion Vintage 30 Box platziert. Zur Aufnahme diente ein AKG C3000 Mikrofon, Effekte wurden keine benutzt. Lediglich eine Pegelanpassung in Logic mit einem Limiter auf der Summe wurde vorgenommen.

Fazit

Um keine Kompromisse einzugehen, holte MXR den Erfinder des Original Timmy mit ins Boot, um eine würdige Replika des legendären Zerrpedals zu erschaffen. Diese Rechnung ist voll und ganz aufgegangen – der MXR Timmy ist ein absolut gelungenes Verzerrer-Pedal, das den alten Geist wieder aufleben lässt und einen Klang sowie eine Dynamik liefert, die dem eines ausgewachsenen Röhren-Amps verdammt nahekommt!

Plus

  • hervorragender Sound/Signalqualität
  • Rauschverhalten
  • hochwertig verarbeitet

Minus

  • Bedienung der Potis etwas fummelig
  • kein Softklickschalter

Preis

  • 159,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    P-Nautilus

    Schade, dass nur ein Klangbeispiel nicht Full Gain hat. Gerade die Nuancen und Zwischenstufen (auch mit dem Volume Poti der Gitarre) hätten mich nach dem schönen Testbericht interessiert.

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