Test: Native Instruments Dynamo Software Synthesizer

15. Mai 2000

25 Synthesizer in einem Bundle

Nach dem Software-Modularsynthesizer Reaktor stellt Native Instruments nun Dynamo vor, ein Bundle aus 25 vorgegebenen Synthesizern. Interessant ist nicht nur die Software selbst, sondern auch die Entstehung dieser nativen Klangerzeuger, denn es handelt sich um ein Joint Venture zwischen dem Berliner Software-Hersteller mit externen Klangdesignern und Synthesizer-Spezialisten.

Dynamo einfach als Preset-Variante von Reaktor zu bezeichnen, würde dem Anspruch der Software jedoch nicht ansatzweise gerecht, denn mit den 25 im Lieferumfang enthaltenen Synthesizern können selbstverständlich eigene Sounds programmiert und auch abgespeichert werden. Was hingegen nicht geht, ist das Erstellen kompletter, eigener Synthesizer. Für Anwender, die so etwas ohnehin nicht im Sinn haben, stellt Dynamo daher eine interessante Alternative dar, die nicht zuletzt auch preislich überzeugt.

Überblick

Reaktor, sozusagen der Vater von Dynamo, ist ein Modularsynthesizer in Form einer nativen Software, die außer einem Computer und einer Audiokarte keine weitere Hardware benötigt. Die Module des Reaktors werden von vielen Anwendern liebevoll als „Atome“ bezeichnet, um anzudeuten, daß man sie nicht wirklich mit den Modulen eines Hardware-Systems vom Schlage Doepfer oder Technosaurus vergleichen kann. Und dies im positiven Sinne: Viel kleiner sind die Einheiten, beispielsweise arbeitet man zum Teil mit Grundfunktionen wie einfachem Addieren und Multiplizieren. Entsprechend weitreichend gestaltet sich die Flexibilität, denn es ist schlichtweg alles machbar, und mit exotischen Funktionen wie beispielsweise Delay-Resonanz und Granularsynthese läßt Reaktor keine Wünsche offen.
Diese Flexibilität macht das System allerdings recht komplex, so daß Native Instruments eine Macro-Bibliothek integrierte, die gängige Modulkombinationen fertig zusammengestellt bereithält. Solche Macros entsprechen dann den von Systemen wie beispielsweise einem Nord Modular bekannten Modulen, gehen aufgrund der schon genannten Fähgikeiten wie eben der Granularsynthese aber oft über deren Funktionalität hinaus.
Bei der Entwicklung eines eigenen Synthesizers aus den Modulen oder Macros wird stets eine neue Bedienoberfläche generiert, das sogenannte Panel. Der Anwender entscheidet, welche Parameter als Drehknöpfe, Fader oder Schalter vom Panel aus bedienbar sein sollen und erzeugt damit ein virtuelles User-Interface, das später zur Bedienung und Soundprogrammierung dient, ohne bei der Anwendung des Synthesizers stets „unter die Haube“ schauen zu müssen.
Viele Anwender, die keine Ambitionen zur Eigenentwicklung von Synthesizern haben, greifen ausschließlich auf diese sogenannten Ensembles zurück, die vollständige Synthesizer darstellen und auch Speicherplätze für selbstprogrammierte Sounds bieten. Im Laufe der Zeit entstanden viele solcher Synthesizer im Reaktor, von denen die besten Einzug in die Premium-Library des Herstellers hielten. Konsequenterweise bietet Native Instruments mit Dynamo nun eine auf das Laden der Premium-Library beschränkte und deutlich kostengünstigere Version an, die aber ansonsten alle Funtkionen bietet und sowohl als VST-2.0-PlugIn, mit ASIO, Direct Connect oder stand-alone genutzt werden kann.

Einsatz

Sowohl auf Pentium-PC als auch auf Macintosh-Computern kann Dynamo zum Einsatz kommen, wobei die maximal erreichbare Komplexität der Synthesizer und die Stimmenzahl natürlich direkt von der Rechenleistung abhängt. Ebenso ist die Latenz von der verwendeten Audio-Hardware abhängig. Die zur Zeit empfehlenswerteste Audiokarte ist die RME Hammerfall, die aufgrund ihrer als Hardware ausgeführten ASIO-Implementation spektakuläre Latenzzeiten von 3 Millisekunden gewährleistet und somit als verzögerungsfrei angesehen werden kann.

Der häufigste Einsatz von Dynamo dürfte der Stand-Alone-Betrieb sein, bei dem sich der Dynamo-Computer wie ein externer Synthesizer verhält: Er empfängt MIDI-Befehle und gibt Audiosignale aus. Samplingfrequenz und Polyphonie können vorgegeben werden und helfen, auch mit nicht allzu schnellen Rechnern arbeiten zu können. Das Ausgangssignal kann im RAM-Speicher des Rechners aufgenommen werden, um daraus Loops zu bilden, die dann beispielsweise in eine HD-Recording-Spur der bevorzugten Audiosoftware übernommen werden können. Auch ein Audio-Eingang fehlt nicht, externe Signale können also mit der Filtersektion einiger der enthaltenen Ensembles bearbeitet werden.

Alternativ läßt sich Dynamo als VST-PlugIn betreiben, und zwar gleich in zwei Varianten. Als VST-Instrument bietet Dynamo einen MIDI-Eingang sowie einen Audio-Ausgang und verhält sich damit ähnlich wie die Stand-Alone-Variante. Der Unterschied besteht einzig darin, daß Dynamo nun mit Cubase VST auf demselben Rechner läuft und die MIDI- und Audioverbindungen nicht mit Kabeln, sondern intern im Computer ausgeführt sind. Dynamo steht folglich als Routing-Ziel für MIDI-Daten zur Verfügung, und das Ausgangssignal landet in dem grünen Instrumenten-Bereich des Cubase-Audiomischers. Die zweite Variante des VST-PlugIns ist der VST-Effekt. Hier ist der Audioeingang aktiv, und Dynamo kann die Bearbeitung von Audiosignalen als Insert- oder Aux-Effekt übernehmen.

Qualität und Entwicklung
Das Angebot von 25 Instrumenten für einen Preis von weniger als 300 Mark ist rekordverdächtig, schließlich kostet hier ein vollwertiger Synthesizer nur wenig mehr als 10 Mark. Wer sich jetzt über die Qualität der Klangerzeuger Gedanken macht, denkt in die falsche Richtung, denn diese kann wahrlich als HighEnd bezeichnet werden: Für die Konzeption und Umsetzung der Synthesizer kamen neben den Spezialisten von Native Instruments die anerkannt besten externen Entwickler, Synthesizer-Experten und Klangdesigner Deutschlands zusammen.

Bei Dynamo übernahmen ich das Consulting für mehrere Synthesizer-Modelle und begleiteten deren Entwicklung, die im Lieferumfang enthaltenen Werkssounds wurden dann von den Klangdesignern der jeweiligen Sparten entworfen. Da ear2ear eine Abteilung des sehr bekannten und langjährig etablierten ths master mix Studios ist, in dem unzählige Produktionen im Dance- und Housebereich für Acts wie beispielsweise Hardbase, Concrete oder Beeleef entstanden, verwundert es nicht, daß das Sounddesign äußerst authentisch ist und die Sounds sich im Gegensatz zu den meisten typischen Werksklängen hervorragend in Produktionen einsetzen lassen.
Neben ear2ear kamen auch noch einige freie Soundprogrammierer zum Einsatz, die für die von Native Instruments entwickelten Synthesizer das Klangdesign übernahmen. Für entsprechende Vielfalt ist also gesorgt.

Die Instrumente

Angeführt wird die Dynamo-Riege vom ear2ear-Flaggschiff Matrix Modular, einem virtuell analogen Synthesizer mit einer riesigen Schaltmatrix. Diese erinnert nicht nur an die legendären EMS-Synthesizer, sondern läßt eine fast beliebige Verschaltung aller zum Einsatz kommender Baugruppen zu, die den Synthesizer zu einer Art Modulsystem werden lassen, ohne mit der Maus auch nur ein einziges Patchkabel bewegen zu müssen. Äußerste Flexibilität bei spielerisch leichter Bedienung ist die Folge, so daß der Matrix Modular experimentelles Herangehen geradezu herausfordert, gleichzeitig aber übersichtlich bleibt. Interessant sind die konstruktiven Besonderheiten der einzelnen Klangformungselemente, beispielsweise arbeiten die Verzerrer mit aus der Röhrentechnik abgeleiteten und eigens für diesen Zweck entwickelten Kennlinien. Der Matrix Modular kann wahlweise über MIDI oder über interne Step-Sequencer gesteuert werden.
Ein weiterer, großer Analogsynthesizer ist der Uranus, der aber schon länger aus der Premium Library bekannt ist. Erinnerungen an berühmte Originale wecken der SH-2K mit einem Oszillator und Effekten, der Many Mood mit seiner Minimoog-Struktur, Me2salem mit seiner Simulation zweier Oberheim-Synthesizer und noch einige mehr.

Auch digitale Synthesizer kommen nicht zu kurz, höchst interessant ist beispielsweise der Nanosynth mit der von PPG bekannten Wavetable-Synthese, der eine gute Ergänzung zu den Analogsounds darstellt. Die FM-Abteilung ist gleich mit drei Synthesizern Fritz FM, Cube X und InHumanLogic besetzt, wobei neben klassischen 6-Operatoren-Strukturen auch subtraktive Filter und Effektsektionen geboten werden.

Die Sampler Plasma, Triptonizer, Rampler, Formantor und Gonzzo reichen vom einfachen Drum-Sampler über Spezialisten für Granularsynthese bis zum luxuriösen Konkurrenten für aktuelle Hardware-Sampler. Die Klangformung kann sich hören lassen, und die Granularsynthese bewirkt konstante Sample-Längen auch bei extremer Transposition. Hier können sich viele herkömmliche Sampler eine Scheibe abschneiden, allerdings gibt es zur Zeit noch ein kleines Manko: Alle Sampler können nur Einzelsamples laden, das Zeitalter der Multisamples scheint bei Native Instruments noch nicht angebrochen zu sein. Dies wäre dringend wünschenswert, denn allein die Sampler sind definitiv ein Grund zur Anschaffung von Dynamo.

Mit New Primitive, DSQ-32, Sine Beats, Cyclane, NewsCool und 6-Pack sind auch diverse Drum- und Groove-Maschinenen am Start, die zum Teil mit Step-Sequencern ausgestattet sind und die Drumsounds nach den verschiedensten Verfahren generieren: Subtraktive Synthese, Sampling, FM und Rauschquellen sind nur einige der Möglichkeiten. Den Vogel schießt hier wieder einmal ear2ear mit seinem New Primitive ab. Mit Samples aus echten Analogsynthesizern, einer virtuell-analogen Klangerzeugung und ausgeklügelten Verzerrern und Sättigungsstufen ergeben sich in jeder Einstellung stets abgedrehteste Elektronik-Rhythmen, die ihresgleichen suchen.
Abgerundet wird das Dynamo-Paket durch drei Effektgeräte. Geek FX ist ein Multieffekt mit Verzerrer, Filter und Modulation, Random Shifter und Beat Breaker können Drumloops verfremden. Alle Synthesizer und Sampler sind mit Werkssounds, Demo-Songs und Samples ausgestattet, so daß der Anwender ohne vorherige Soundprogrammierung gleich loslegen, aber selbstverständlich auch eigene Sounds entwickeln und abspeichern kann.

Fazit

Auf unserem Pentium III 600 mit 192 MB RAM lief Dynamo erstklassig, auf einem PII 300 stoßen einige Instrumente jedoch schnell an die Leistungsgrenzen, was sich insbesondere beim gleichzeitigen Betrieb mit einem Sequencerprogramm bemerkbar macht. Der eingesetzte Rechner sollte also genügend Dampf haben. Beim Spielen über eine Tastatur macht sich die Latenz einiger Audiokarten störend bemerkbar, für höchste Ansprüche sollte also die bereits erwähnte RME Hammerfall zum Einsatz kommen. Mit solcher Hardware ausgerüstet, ist Dynamo ein absoluter Genuß, denn die Vielzahl der Möglichkeiten übertrifft die meisten Hardware-Synthesizer spielend. Wer auf die Haptik realer Knöpfe verzichten kann, sollte sich Dynamo also unbedingt näher ansehen.
Beim Einsatz als VST-PlugIn fällt auf, daß Dynamo nur in einer Instanz geöffnet werden kann. Hier sollte man also intensiv mit Audiospuren arbeiten, um die Klänge mehrerer Instrumente gleichzeitig in sein Arrangement einzubinden. Aufgrund des großen Leistungshungers der Synthesizer müßte man aber ohnehin zu diesem Vorgehen greifen, weshalb die fehlende Multitimbralität nicht wirklich als Minuspunkt gewertet werden kann.
Der günstige Preis in Zusammenhang mit richtungsweisenden Synthesekonzepten und äußerst vielfältigen Möglichkeiten, die so mancher Hardware-Synthesizer nicht bieten kann, machen Dynamo zu einer wahren Empfehlung für jeden Synthesizer-Fan.

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