Test: Native Instruments Reaktor-Player, Razor

1. Juni 2011

NI Razor

Seit der Einführung von Kontakt 3.5 hat Native Instruments einen Qualitätssteigerung sondergleichen durchgemacht. Die Einführung von Kore-, Kontakt- und Reaktor-Player war ein Geniestreich. Denn so ermöglichte sich NI frische Ideen in Form von qualitativ hochwertigen, preiswerten Soundpacks von außen aufzunehmen und gleichzeitig überschaubar bleiben. Kooperationen z.B. mit Scarbee, Abbey Road Studios oder Soniccoutour garantieren dabei für Qualität. Die aktiv betriebene Wiederbelebung von Reaktor (seit Version 5.15) war aber eine der besten Ideen von NI überhaupt. Die Vielseitigkeit dieser Software lässt einem oftmals die Kinnlade herunterklappen. Das gilt auch für das neuste Synthie-Soundpack für Reaktor und Reaktor-Player.
Keine Frage-Rhetorik dieses Mal. Razor ist der Hammer. Der Synthie erregte schon im Vorfeld soviel Aufsehen, dass man sich fragen könnte, warum noch darüber schreiben, wenn sich das Instrument eh wie geschnitten Brot verkauft? Was es den Foren-, Blog- und Magazinbeiträgen nach auch tut. Selbst auf Youtube wird es weltweit gefeaturet. Aber Soundqualität und Kritik ist unser Blut. Deswegen hier der Bericht zu einem wirklich außergewöhnlichen Soft-Synth.

Errorsmith

In Berlin zuhause macht Errorsmith seit den 90ern Clubmusik im weitesten Sinne, wobei er auch unter dem Pseudonym MMM mit anderen Gleichgesinnten zusammenarbeitet. Errorsmith aber ist ein Soloprojekt, das der Erweiterung des akustischen Horizonts durch digitale Klangsynthese gewidmet ist. Als Grundlage dienen modulare Softwaresynthesizer. Genau genommen ist das (Weiter-) Entwickeln eines Instruments während der Entstehungsphase eines Tracks für Errorsmith ein wesentlicher Teil des Musikmachens. Und die technische Herausforderung ist oftmals ein Ausgangspunkt für einen neues Stück, das gleichzeitig auch den musikalischen Wert dieser Herangehensweise auslotet.
Deswegen setzt Errorsmith bei seinen Live-Improvisationen auch meist auf selbst gemachte digitale Lösungen, denn die Erforschung des „technisch live Machbaren“ ist ebenso Grundlage und treibende Kraft für diese musikalischen Ergebnisse. Die Live-Performances basieren ebenfalls auf Klangsynthese, da nur sie ausreichende Kontrolle über die Klangereignisse zulässt, im Gegensatz zu Samples, die Errorsmith wegen ihrer inhärenten Statik live nicht benutzt.  Wenn man das so liest, dann leuchtet einem schon ein, warum Razor gerade von Errorsmith kommt musste. Als Konsequenz seiner Klangforschung sozusagen.

Razor

Native Instruments Razor

Native Instruments Razor

Nachdem ein plausibles „Warum“ also vorhanden ist können wir uns dem „Was“ zuwenden. Razor ist ein Additives Synthesizer-Ensemble für Reaktor-Player bzw. Reaktor und hätte es ohne das Reaktor 5.5 Update sehr schwer gehabt. Dieses Update brachte nämlich das „Sine Bank“-Modul, einen Sinus-Oszillator, der bis zu 10.000 Teilton-Sinusse erzeugen kann. Zumindest lässt sich diese Zahl als Parameter im Modul eingeben. Teiltöne deshalb, weil die Sinusse nicht unabhängig voneinander sind, sondern in definierten Frequenz- und Lautstärkeverhältnissen zueinander stehen. Deswegen reicht schon eine einfache Note als Eingabe, um alle Teiltöne zu definieren. Diese Methode hat auch den Vorteil, dass die akustischen Ergebnisse auch immer verwertbar sind. Bei „echter“ Additiver Synthese, bei der alle Teiltöne freiwählbar sind, sind musikalische Ergebnisse ohne weitere mathematische Grundlagen schwerer zu erreichen. Das geht in Reaktor natürlich auch, keine Frage. Aber die 320 Teiltöne von Razor als einzelne Sinus-Oszillatoren erst zu instanziieren und danach zu kontrollieren, wäre zu einer nervenaufreibenden Frickelarbeit verkommen. Auch was die benötigte Rechenleistung für 320 individuell berechnete Sinusse wäre, kann ich mir nur vorstellen.
Die Filter und der Vocoder verdienen ebenso  Aufmerksamkeit. Denn diese, sowie die  angebotenen Reverb-, Chorus- und Panning-Effekte und Modulatoren, sind ebenfalls komplett in die Additiver Synthese eingebaut. Damit sind sie integraler Bestandteil der Klangentstehung, anstatt ihr lediglich nachgeschaltet zu sein, wie es im traditionellen Synthie-Design und auch bei den meisten anderen Additiven Synthesizern der Fall ist. Das erlaubt eine Tiefe der Klangkontrolle, die wirklich selten, wenn nicht sogar zum ersten Mal, in dieser Art in ein Instrument implementiert wurde. Lediglich die Dynamik- und Saturierungseffekte sind nicht mit Additiver Synthese ausgeführt.
Was den Leistungshunger von Razor angeht, kann selbst mit optimierter Sine-Bank die Systemlast bei einem Core2Duo 1,83GHz Mac unter OS X 10.6 schon mal auf 93% ansteigen. Das schafft Razor mit drei gehaltenen Noten und dem richtigen Preset ganz leicht. Das Handbuch sagt zwar, das Abschalten der 3D FFT-Darstellungen würde Rechenleistung sparen, retten konnte dies jedoch im Ernstfall auch nichts mehr. Das Einzige das half, war die Reduktion der Bassnoten unterhalb von G1 (MIDI #31). Denn deren Berechnung frisst laut dem Handbuch wirklich Rechenleistung, wobei ca. 34% Systemlast der Normalzustand ist. Die Qualitätseinstellung „High“ oder „Low“ bezieht sich in erster Linie auf die Häufigkeit, mit der die Parameter zur Syntheseberechnung abgefragt werden, auch werden die Teiltöne in „Low“ nur bis 16kHz berechnet. Lediglich bei monophonen Klängen mit der Einstellung „High“ werden alle 320 Teiltöne uneingeschränkt berechnet. Im Low-Modus können sich auch aufgrund dieser Einschränkungen interessante Artefakte einschleichen. Damit wären wir wohl bei dem „Wie“ angekommen. Wie fühlt sich Razor an und wie klingt er?

Minimal

Es gibt viele Synthesizer und mache, Software wie Hardware, sind ein Design- und Anwendungsalptraum. Nicht so bei Razor. Das Interface ist von der Aufmachung her sauber dargestellt, fast schon unterkühlt und das 3D-FFT lässt einen niemals im Unklaren darüber, was gerade in Razor abläuft. Denn das Tolle dabei ist, dass die einzelnen Oszillatoren, Filter und Effektsektionen einzeln im FFT dargestellt werden können und nicht nur die Ausgangssumme des Signals. Das Display nicht nur extrem sexy, sondern stellt einen wesentlichen Teil des Charakters von Razor dar. Bis auf die Größe einiger Regler gibt es an der GUI nichts zu beanstanden.
Die Oberfläche an sich ist in zwei Hauptbereiche unterteilt. Im unteren Arbeitsbereich sind die aktiven Klangbausteine zu jedem Zeitpunkt sichtbar. Durch Anklicken der Titelleiste eines Bausteins erscheint dort, wo üblicherweise das 3D-FFT Display ist, die Auswahl von Oszillatoren, Filtern oder Effekten für jeden Baustein. Zudem bietet jeder Parameter im Arbeitsbereich mindestens zwei Eingänge für Modulationsquellen, inklusive positiver oder negativer Intensitätsreglung. Die Zuweisung erfolgt über einen Klick auf die recht klein geratenen Modulations-Slots unterhalb der Intensitätsregler. Auch hier wird dann im oberen Bereich die Auswahl der Modulationsparameter angezeigt. Mehr gibt es zur Bedienung von Razor eigentlich nicht zu sagen. Geniale Dinge sind immer einfach und die Art und Weise wie Razor seine umfassenden Möglichkeiten auf  diese simple Benutzerführung reduziert, deutet auf eine lange praxisnahe und intensive Auseinandersetzung mit dem Thema hin. So etwas kann herauskommen, wenn sich Instrumentendesign nicht von fotorealistischen GUI-Traditionen einschränken lässt. Dadurch ist Razor endlich mal wieder ein Synthie, der die Attribute „intuitiv“ und „innovativ“ auf ganzer Linie wirklich verdient. Einige Besonderheiten der Module sollten noch in Augenschein genommen werden.

Klangbeispiele
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    Mal wieder ein richtig schön zu lesender Test zu einem meiner Lieblingsplugins. Toll das es noch Firmen gibt die nicht das tausendste Moogplugin „neu“ schreiben. Auf jeden Fall ne Kaufempfehlung.

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    Ein paar der Razor-Ideen hat Image-Line so ähnlich schon mit dem Harmless umgesetzt, der auf einem ähnlichen Konzept basiert und u.a. Filter und Phaser komplett additiv simuliert. Das kommt z.B. bei den Resonanzparametern besonders gut. Nachzulesen und -hören hier auf Amazona. Von den Soundbeispielen hier und auf der NI-Seite zu urteilen, verblasst der Harmless klanglich dann aber doch krass im Vergleich zu Razor… Wirklich ein tolles Ding!

    Die Optik von Razor finde ich auch absolut super. Eigentlich doch auch irgendwie fotorealistisch, wenn man sich den leicht fleckigen, rissigen Hintergrund anschaut, oder? :-)

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        Absolut korrekt! Testbericht hier in Bälde ;-)

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        Dann machst Du wohl was verkehrt. Die Sounds, die Razor produzieren kann wird Harmor bis in die Steinzeit nie können. Außerdem vergleichst Du da Äpfel mit Birnen.

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    War etwas überrascht als ich diesen Choir ähnlichen Sound gefunden habe (ich glaube Vox Vocis), hätte nicht gedacht, dass er so etwas kann. Ich steh‘ darauf.

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    die klänge dieses „synth im synth“ sind einfach nur abgefahren.
    besonders das klangbild gefällt mir sehr. es klingt immer transparent, kräftig und von kalt bis kuschelwarm, von komplex bis chaotisch.

    mein prädikat: kult im software-sektor

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