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Test: Native Instruments Traktor Kontrol S3 DJ-Controller

21. November 2019

Aufgebohrt oder abgespeckt? Das neue Mittelmaß muss sich beweisen!

NI Traktor Kontrol S3

NI Traktor Kontrol S3

Der neue Traktor Kontrol S3 DJ-Controller von Native Instruments für die hauseigene DJ-Software Traktor Pro 3 positioniert sich preislich exakt zwischen dem Traktor Kontrol S2Mk3 und dem Flaggschiff Traktor Kontrol 4MK3. 
Wo das Gerät qualitativ zu verorten ist, zeigt unser ausführlicher Test.

Wie schon damals beim Traktor Kontrol S8, erfuhr die Öffentlichkeit vom Traktor Kontrol S3 durch einen Leak. 
Ein Shop-Betreiber hatte das Gerät zu früh online gestellt. 
Kurz davor war bekannt geworden, dass Native Instruments ein Viertel seiner Belegschaft in Berlin entlassen hatte, darunter auch sehr viele mit Hardware beschäftigte Mitarbeiter. Dazu kursierte auch das Gerücht, es seien mehrere fast oder ganz fertige neue Produkte gestoppt worden, so dass eigentlich niemand so bald mit einem weiteren Controller gerechnet hatte. 
Vor allem nicht mit einem All-in-one-Gerät.

Das Metering muss sich auch vor deutlich teureren Geräten nicht verstecken

Die Traktor-Community hatte jahrelang nach mehr Produktpflege und Innovation gerufen, eine Überarbeitung des in die Jahre gekommenen Kontrol Z2 gefordert oder vielleicht eine Weiterentwicklung der Single-Deck-Steuerung Kontrol D2. Am besten mit den Jogwheels des S4MK3 und wenn möglich sogar als Standalone-Maschine, die ohne Computer funktioniert. Aber Pustekuchen, vorerst müssen die Traktor-Fans mit dem Traktor Kontrol S3 vorlieb nehmen. Von weiterer neuer Hardware ist angesichts der jüngsten Umbrüche an der Köpeniker Straße in nächster Zeit nicht zu rechnen, würde ich vermuten.
Von daher wirkt es schon ein bisschen zynisch, wenn NI in einem offiziellen Statement schreibt:



„Recently we announced Traktor Kontrol S3 and I’m reading comments on it not being the product you wanted. The S3 was developed based on significant feedback we received from the market after launching the S4MK3. Specifically, we were asked for a lower cost controller that was more in-line with the price point of the S4 MK2.“

Wer braucht den Traktor Kontrol S3?

Ich weiß nicht genau, wo NI noch überall Feedback einsammelt und natürlich kann ich nicht in die Telefonhistorie und die Postfächer des Supports schauen, aber in NIs Foren und in den zahlreichen Traktor-Gruppen auf Facebook, in denen ich Mitglied bin, hat sich niemand jemals einen abgespeckten S4 bzw. aufgebohrten S2-Controller gewünscht. Aber wie gesagt, das muss nichts heißen. Schauen wir uns lieber mal genauer an, was der Traktor Kontrol S3 genau für ein Controller ist und welche Möglichkeiten in ihm stecken. Es schadet sicher nicht, wenn ihr euch unsere Tests des Kontrol S2Mk3 sowie S4MK3 mal anseht, ich werde sehr viel darauf Bezug nehmen.

Der erste Eindruck des neuen DJ-Controllers

Sowohl preislich als auch von der Ausstattung her haben wir es mit einer Mischung von S2MK3 und S4 MK3 zu tun. Das ist schon mal eine wichtige Feststellung und macht es ein wenig kompliziert, den neuen All-in-one-Controller einzuordnen. Es handelt sich auf jeden Fall nicht einfach um einen S2Mk3 mit zwei zusätzlichen Kanälen, soviel ist schon mal festzustellen. Aber der Reihe nach.

Mit seinen 54,4 x 31,6 x 6,13 cm ist der neue DJ-Controller angeblich sogar ein kleines bisschen breiter als der S4MK3, allerdings kann ich diesen Unterschied im Direktvergleich nicht nachvollziehen. Ist aber auch egal, es geht um 0,4 cm. Ganz und gar nicht egal sind allerdings die viereinhalb Zentimeter, die dem Controller zum S4Mk3 in der Tiefe fehlen. Von ihnen wird noch ausführlich die Rede sein.
Auch das Gewicht des Traktor Kontrol S3 liegt mit 3,5 kg auf wenige Gramm genau zwischen den beiden anderen aktuellen All-in-one-Controllern von Native Instruments.

 Schön leicht, also gut zu transportieren ist das Gerät allemal, aber leider wurde die Chance vertan, den Controller auch handgepäcktauglich zu machen, wie es S4Mk1 und -2 bzw. S5 waren. Aber okay, die Zielgruppe fliegt wahrscheinlich nicht so oft zum Auftritt.

Ich habe mir mal den Größenvergleich von drüben bei DJTechTools geborgt

Größenvergleich der drei Allin-in-one-Controller von NI

Layout und Haptik des Controllers

Zum Layout des Traktor Kontrol S3 muss ich nicht viel schreiben: Sieht aus wie eine Mischung aus S2MK3 und S4Mk3. Schnörkellos und klassisch. Wer auch nur ein bisschen Erfahrung mit einem beliebigen DJ-Setup der letzten 30 Jahre hat, wird sich auch hier sofort zurechtfinden. 

Das Layout der Mixersektion stammt dabei klarerweise vom S4Mk3. Die 4 Kanäle haben das Metering mit den langen LED-Ketten abbekommen, das mich beim S4MK3 schon sehr begeisterte. Die Master-Sektion sitzt wie bei den meisten professionellen Mischpulten am rechten Rand. Interessantes Detail am Rande: Die LEDs für den Master zeigen den Pegel der Software an, reagieren also nicht auf die Stellung des Reglers für das Master-Level an der Konsole. Wer mit den Mixern von Allen & Heath vertraut ist, kennt das Verhalten. Ich mag das sehr. 
So sehr ich das Design an sich mag, so wenig kann mich die Haptik der Mixersektion überzeugen. Die Fader und vor allem die Drehregler fühlen sich leider genauso billig an wie beim S2MK3. 

Ebenso mehr oder weniger identisch mit dem kleinen Bruder fällt die Decksteuerung aus. 
Die Unterschiede beschränken sich auf die Umschalter für die Decks 3 und 4.
 Das heißt im Umkehrschluss, jede Form von Display, die Möglichkeit, Stems zu steuern und natürlich auch die motorisierten Jogwheels mit dem Mechanismus CUE-Punkte beim Darüberscrollen fühlen zu können, bleiben dem S4 vorbehalten.
 Das heißt aber auch, dass Pads, Cue- bzw. Play-Tasten sowie alle Endlos-Encoder mit denen auf dem S4 identisch sind, sich also auch vor sehr viel teurerem Equipment verstecken müssen. Merkt ihr, wohin das hier führt? Noch mehr als beim Kontrol S2MK3 ergibt die Wertigkeit der unterschiedlichen Elemente kein einheitliches Bild. Bei den Jogwheels schlägt das Pendel wieder eher in Richtung S2 aus. 
Die Tempo-Fader gehören zu den wenigen Elementen, die nicht aus einem der beiden Controller aus der Familie stammen. Sie sind – Überrasschung – ein wenig länger als beim S2 und ein wenig kürzer als die des S4.

Die Verbindung zur Außenwelt

Die Rückseite des Kontrol S3

Konnektivität ist immer ein wichtiger Aspekt bei DJ-Hardware. 
Eingangsseitig positioniert sich der Kontrol S3 klar in der Nähe vom S2. Mit dem Unterschied, dass der eine vorhandene Eingang nicht nur ein Mikrofon, sondern auch einen Zuspieler mit Line-Pegel bedienen kann. Über einen mit „iOS“ beschrifteten USB-Port kann der Controller Kontakt zu einem iPad und damit zur Traktor DJ2 aufnehmen, wie auch schon der S2.

 Auf der Ausgangsseite geht es wieder mehr in Richtung S4. Der Master-Out ist als XLR und Cinch aus dem Gerät geführt und es gibt sogar einen Monitorausgang im Klinkenformat.
Wenn wir schon dabei sind: Der Browse-Bereich stammt ebenfalls vom S4, was ich sehr begrüße. 
Track-Auswahl ist nicht sexy, aber halt mal eine der wichtigeren Tätigkeiten der plattenlegenden Zunft.

Effektiver Verzicht auf Effektsteuerungen

Die von Pioneers Mixern inspirierte Filter- und Effektsektion

Eine der schon beim S2MK3 kontrovers diskutierten Designentscheidungen seitens Native Instruments, der Verzicht auf die Steuerelemente für die klassischen Effektslots von Traktor, wird beim neuesten Controller von NI noch vehementer geführt. Für viele ist diese Entscheidung ein absolutes NoGo, ein Sakrileg. Schließlich ist die Vielfalt und die Qualität der Effekte einer der Gründe, sich auch 2019 noch für Traktor zu entscheiden.
Wie auch schon beim S2MK3 lassen sich von der Oberfläche des Traktor Kontrol S3 aus nur die neuen – von Pioneers „Color FX“ inspirierten – „Mixer FX“ bedienen. 
Sicherlich ist das für manch einen Nutzer ärgerlich. Andererseits sagt mir meine Erfahrung, dass nur sehr wenige Traktor-Nutzer das Potential der normalen Effekte auch wirklich nutzen. 
Was ich sicher sagen kann: Die mit Hoch- bzw. Tiefpassfiltern kombinierten einfach zu bedienenden Mixer-FX sind sehr effizient und nützlich und reichen mir in den meisten Fällen vollkommen.

Der Klang des neuen Traktor-Controllers

Die Klangqualität von preiswerten Soundkarten im Allgemeinen ist immer wieder ein kontroverses Thema. Die Klangqualität von Controllern, Soundkarten im Besonderen, ist immer wieder mal ein kontroverses Thema. Ich kann das meistens nicht so richtig nachvollziehen.
Mein Kontrol S4MK3 darf jedenfalls mittlerweile in meinem Stammladen den Mixer komplett ersetzen, seit die Tonmenschen realisiert haben, dass sich diese Maschine wahrlich nicht verstecken muss. Aber gut, wie ist es mit dem wesentlich preiswerteren S3? Ich muss leider zugeben, dass ich trotz des relativ langen Testzeitraums keine Gelegenheit hatte, den S3 auf eine PA loszulassen. In meinem Homestudio mit Adam Monitoren konnte ich allerdings im Vergleich zu meinem betagten Kontrol Z1 vom selben Hersteller keine oder kaum Unterschiede ausmachen. Vielleicht war der Z1 ein kleines bisschen druckvoller im Bassbereich, aber das kann auch an meiner Gewöhnung an dessen Sound liegen. Der Z1 ist meine Standard-Soundkarte für zu Hause.
 Ganz sicher sind die Klangverluste durch Keylock/Mastertempo schon ab zwei oder drei Prozent Geschwindigkeitsänderung größer als die Unterschiede zwischen den Soundkarten, also Schwamm drüber. Echt mal!

Die Beleuchtung des Kontrol S3 in all ihrer Farbenpracht

Wie spielt sich Native Instruments Kontrol S3

Tja, was soll ich jetzt groß schreiben? Ein Vierkanal-Traktor-Controller von NI spielt sich, nun ja, wie ein Vierkanal-Traktor-Controller von NI. Alles befindet sich genau dort, wo man es erwarten würde, da gibt es nun echt keinen Raum für Überraschungen. Wer NIs Kontrol S4MK3 gewöhnt ist, für den wird sich der Mixeranteil arg spielzeugmäßig anfühlen, aber bis auf die zu leichtgängigen Potis und die viel zu wenig spürbaren Mittenrasterungen wird sich im Betrieb kaum ein Unterschied ausmachen lassen. OK, die Fader sind ebenfalls nicht soooo der Hit, aber wenn die Tanzfläche vor mir kocht, vergesse ich das eine Sekunde später. 
Vom Handling her wäre – wenn ich ehrlich zu mir bin und den Equipment-Nerd mal zum Schweigen bringe – der S3 schon okay. 
Aber insgesamt ist die Experience für erfahrene Nutzer schon ein wenig limitiert und haptisch nicht so der Brüller. Und genau daher wehte der doch etwa raue Wind, der NI in den sozialen Medien entgegenschlug. Viele langjährige Traktor-User sind enttäuscht, weil NI ihnen wieder nicht das präferierte Spielzeug gegeben hat, auf das sie seit Jahren warten. 
Ganz anders aber wirkt der neue Controller, wenn man ihn eben nicht als abgespeckten S4 betrachtet, sondern eher als aufgebohrten S2. Dann sieht die Sache schon etwas anders aus. 
Zwei zusätzliche Kanäle, Booth-Out, XLR-Ausgänge und die Browsing-Sektion des S4 sind schöne und in der Praxis enorm brauchbare Verbesserungen. Ob sie allerdings den Aufpreis von 300,- wirklich wert sind, muss jeder selbst entscheiden. Ich persönlich hätte einen Preis von 499,- angemessener gefunden, als den Hunderter mehr, den NI aufruft.
 Wesentlich interessanter hätte ich persönlich allerdings einen kompakten Zweikanal-Controller mit den professionellen Features des Kontrol S4MK3 gefunden.

Fazit

Der Native Instruments Traktor Kontrol S3 platziert sich vom Preis und Ausstattung her exakt zwischen den beiden anderen aktuellen All-in-one-Controllern von Native Instruments und bietet einen guten Kompromiss für alle die, denen der stark abgespeckte Traktor Kontrol S2MK3 nicht ausreicht, der wesentlich professionellere S4MK3 aber zu teuer ist. 599,- für einen Controller, der haptisch exakt das gleiche und wenig wertige Gefühl hinterlässt, wie das Einsteigermodell Kontrol S2MK3, finde ich persönlich aber nicht ganz angemessen.

Plus

  • 4 Kanäle
  • professionelles Metering
  • AUX-Input für externe Geräte

Minus

  • hoher Preis
  • kein Zugriff auf Traktors Effektbänke
  • Potis und Fader von niedriger Qualität

Preis

  • 579,- Euro
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