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Test: Nektar Bolt Software Synthesizer

7. August 2019

Digitale Synthese einfach gemacht

Nektars Bolt versucht neue Wege in der Klangerzeugung zu gehen. Wie das funktionieren soll, erfahrt ihr hier.

Ein erster Eindruck von Nektar Bolt

Der Bolt liegt als VST, VST3 und AU für Mac und PC vor.

Wenn man sein Blick über den Bolt schweifen lässt, fällt nichts Ungewöhnliches auf. Man findet 2 Oszillatoren, 3 LFOs mit umfangreichen Modulationsmöglichkeiten und eine Effekt-Sektion.

Das Zentrum wird von einem riesigen Volume-Knopf geprägt, über dem ein Oszillograph anzutreffen ist. Oszillographen haben nicht immer einen praktischen Nutzen, aber man kann sich der ausgewählten Schwingungsformen vergewissern, was bei diesem Synthesizer wichtig sein kann, wie man noch feststellen wird. Im Idealfall schafft ein Oszillograph z. B. Überblick über die Auswirkungen des Filters auf das Signal.

Wo ist das Filter denn? Über ein Filter verfügt Nektar Bolt nicht. Durch Impuls-Modulation der Oszillatoren wird ein dem Filter ähnlicher Effekt erzeugt.

Nektar Bolts Besonderheiten

Sehr wichtig: Hamonics und Rolloff

Nektar entwickelte eine neue Syntheseform namens Harmonics Synthesis-Methode. Mit nur einem Regler kann eine Vielzahl von Schwingungsformen erzeugt werden.

Das Verfahren erinnert an die additive Synthese, allerdings sind dort mehrere Oszillatoren notwendig, um das Obertonverhalten der Schwingungsformen zu bestimmen. Die Harmonic Synthesis erledigt das in einem Schritt.

Für diese Syntheseform sind keine Filter notwendig, weil sie auf der „Bandlimited Impulse Train Synthesis“ (BLIT) basiert. Mit dieser Methode wird ein Hammerich-Impuls erzeugt, der an ein Lowpass-Filter erinnert.

In der Praxis wird die „Cutoff Frequency“ mit dem Regler „Harmonics“ verändert. Das Abfallen des Impulses nach Cutoff wird mit „Rolloff kontrolliert. Dabei  merken, dass es sich hierbei um einen Impuls handelt, der mit „Rolloff“ und „Harmonics“ einen dem Cutoff ähnlichen Effekt erzeugt.

Das Signal wird schärfer und spitzer, je mehr „Rolloff“ hinzugefügt wird. Im Oszillographen sieht man, dass dies ein bisschen an die Pulsbreitenmodulation erinnert, wo die Rechteck-Schwingungsform gestaucht bzw. gesteckt wird.

Wenn „Harmonics“ und „Rolloff“ voll aufgedreht sind, wird der Hammerich-Impuls im Oszillographen sehr gut sichtbar.

Der Oszillograph mit einem einfachen Sägezahn

Die Presets Sine, Square und Saw sind ein sehr guter Ausgangspunkt für Bolt, weil im Oszillograph die Auswirkung des Impulses sichtbar wird. Durch Bewegen der Regler „Harmonics“ und „Rolloff“ wird sichtbar, wie sich einfache Schwingungsformen verändern. Ein breites Spektrum von Schwingungsformen wird so erzeugt.

Von dem Filtereffekt sollte man sich nicht zu viel versprechen. Der Impuls erzeugt einen filterähnlichen Effekt und kann schon ein bisschen Zerrung erzeugen. Auf die Oszillatoren angewandt klingt das aber nicht sonderlich spannend. Es fehlt Resonanz, der Impuls geht nicht in die Auslöschung,  das Signal wird einfach zu wenig verbogen.

Der Impulseffekt kann nicht mit einem Moog, Roland, Erica Synth oder Waldorf Filter mithalten. Das muss er auch nicht wirklich, weil es ja kein Filter im eigentlichen Sinne ist.

Da das Filter, in diesem Fall der Impuls, so wichtig für die Klanggestaltung ist, wird dieser Synthesizer nie wirklich richtig extrem. Er eignet sich perfekt für Flächen, Strings und andere atmosphärische Sounds. Fiese zwitschernde, verzerrte, radikale Filter-Modulationen sind nur ansatzweise zu erzeugen.

Weitere Oszillatoren-Einstellungen

Die Klangerzeugungseinheit verfügt über einen Rauschgenerator, den ich persönlich sehr liebe, weil man das Signal schmutziger und atmosphärischer gestalten kann. Man befindet sich sofort am Meer oder in einem windigen und verregneten Tag, über dem eine traurige Melodie schwebt.

Die Oszillatoren lassen sich außerdem verstimmen und verfügen über einen Sub-Oszillator, um das Signal dicker zu machen.

Sehr gut gefällt mir, dass man jeden Oszillator im Stereofeld verschieben kann. Panning für die Oszillatoren findet man nicht so oft in Synthesizern. So lassen sich ultrabreite oder monokompatibel Sounds kreieren.

Mit dem Taster „Deep“ gibt man dem Signal mehr Druck, was sich positiv auf die tiefen Frequenzen auswirkt. Die Oszillatoren lassen sich invertieren und mit dem Taster „odd“ merkwürdige Obertöne hinzufügen. Ob diese Obertöne wirklich merkwürdig klingen, kommt natürlich darauf an, wie man die Synthese betreibt.

Jeder der beiden Oszillatoren verfügt über eine ADSR-Hüllkurve mit den üblichen Parametern, die für Keyboard-Wizards sehr wichtig sind: Velocity, Keytrack usw.
 Schwingungsformen zu modulieren ist ein sehr interessanter Ansatz, weil man dadurch natürlich nicht immer auf die Standard-Schwingungsformen wie Sinus, Sägezahn, usw. zurückgreifen muss.

Allerdings werden in der Standardsynthese die Schwingungsformen mit Modulation von Filter, LFOs und Effekte auch verändert. Die Frage ist, welchen Weg man gehen möchte. Neue Konzepte in der digitalen Synthese sind durch den Analog-Hype der letzten Jahre nur sehr stiefmütterlich behandelt worden, auch deswegen, weil Software-Synthesizer in der Mehrzahl analoge Synthesizer nachahmten.

Die LFOs und der Envelope-Generator

Der Nektar Bolt verfügt über drei LFOs mit 14 Schwingungsformen. Digitale LFOs sind in der Lage, neben den üblichen Schwingungsformen auch Exotisches wie z. B. Shark und Step zu erzeugen. Natürlich ist der LFO synchronisierbar oder kann frei schwingen.

4 Modulationsquellen mit 27 Modulationszielen pro LFO bringen genug Magie in die Klanggestaltung.

Auch ohne Filter ist es kein Problem, die typischen Filter „auf und zu Sounds“ zu erzeugen, weil man als Modulationsziel anstatt eines Filters einfach Harmonics wählt. Man moduliert nicht nur ein Filter, sondern auch die Schwingungsform der Oszillatoren. Schon hat man seine Dubstep- oder Trance-Sequenzen.

In der Oszillator-Sektion wurde auf Grund der Vereinfachung viel zusammengefasst, aber in der LFO-Sektion gibt sich Bolt sehr ausführlich und das weiß zu gefallen. Es ist eine Sektion, in der man genau weiß, was man moduliert und kann damit den Oszillatoren genügend Würze verleihen.

In den Presets findet man schöne rhythmische Beispiele, die schon fast kleine Playbacks sind. Mit 3 LFOs ist das sicher kein Wunder.

Die Klanggestaltung wird von einem Envelope-Generator unterstützt. Dieser verfügt auch über 4 Modulationsquellen und jeweils 27 Modulationsziele. Es ist möglich, mit Rolloff und Harmonics typische Filter-Modulationen eines Standard-Synthesizer herzustellen.

Im Handbuch wird immer auf das fehlende Filter hingewiesen, als müsste man sich dafür entschuldigen, aber trotzdem alles mit diesem Synthesizer herstellen kann, was mit Filtern zu tun hat. Das macht deutlich, wie wichtig Filter für Synthesizer und die Benutzer sind.

Weitere interessante Features

Ungewöhnliche Namen sind im Display-Fenster zu finden. Mit DYNX dickt man das Signal in Abhängigkeit von Rolloff und Parameter zusätzlich an. DYNX erinnert mich ein bisschen an den Loudness-Knopf, den man in Stereoanlagen oder Walkmans finden konnte. Das Signal bekommt ein bisschen mehr Power, aber extreme Modulationen sind damit nicht möglich.

FM aktiviert einen Sinus-Oszillator, mit dem es möglich ist, die Tonhöhe von Oszillator 1 zu modulieren. Da wird es natürlich gleich ein bisschen chaotisch und metallisch. Typische FM-Klänge werden erzeugt, aber es braucht auch Geduld, bis man interessante musikalische Ergebnisse geliefert bekommt. Das es nicht immer schnell geht, ist man ja von der FM-Synthese gewöhnt.

Mit dem Parameter „XM“ aktiviert man Cross-Modulation zwischen Oszillator 1 und Oszillator 2. Mit Oszillator 2 und dessen Parameter Harmonics bestimmt man die Stimmung zwischen beiden Oszillatoren. Dabei ist der tonale Abstand zwischen beiden Oszillatoren am größten, je weniger Obertöne mit Harmonics von Oszillator 2 hinzugefügt werden. Interessanterweise kann man so dem Signal Noise hinzufügen, ohne Noise beigemischt zu haben, weil die Oszillatoren sich gegenseitig modulieren und auch in gewissen Frequenzen auslöschen oder addieren.

Die Effekt-Sektion rundet Bolt ab. Es finden sich Chorus, Delay, Equalizer und Reverb. Mir stellt sich die Frage, warum diese bei Synthesizer Plugins mitgeliefert werden müssen? Jede DAW verfügt über ausreichend Effekte. Wenn ich einen ganz speziellen Effekt brauche, kaufe ich mir diesen oder besorge mir eine tolle Freeware.

Die mitgelieferten Effekte lösen nun wirklich keine Begeisterungsstürme aus. Sie sind okay und erledigen zuverlässig ihren Job. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass mit Effekten, also mit Makeup, alles ein bisschen schöner gemacht werden muss, weil es Bolt von sich aus nicht schafft.

Reverb, Delay und Chorus gehören in die typische „größer und breiter“ Fraktion. Mit dem Equalizer kann man hier und da im Frequenzbild retuschieren.

Fazit

Das Synthese-Konzept ist zwar neu, aber letztendlich handelt es sich um Frequenzmodulation. Natürlich funktioniert hier alles einfacher als mit einem DX7. Mit Bolt verändert man nur einige wenige Parameter, die große Auswirkungen auf die Schwingungsform haben. Dabei muss Bolt aber nicht nach FM-Synthese klingen, sondern liefert ein organisches und sehr angenehmes Klangbild.

Der Hammerich-Impuls mit dem Parameter Harmonics und Rolloff bestimmt wesentlich das Klangverhalten der Oszillatoren von Bolt. Mit diesem Impuls lassen sich keine extremen Modulationen erzeugen. Bolt ist meistens zurückhaltend und erinnert mich ein bisschen an die Digitalsynthesizer aus den frühen 90ern mit ihren kastrierten Filtern.

Die Möglichkeit, mit Effekten und LFOs in das Klanggeschehen einzugreifen, lässt interessante Klänge entstehen, weil es Rhythmus und Bewegung den Oszillatoren zufügt. Das ist aber das Ergebnis der 3 LFOs und deren 42 Modulationszielen und nicht das der Oszillatoren.

Die Stärken dieses Synthesizers liegen eindeutig in weiten Pads, Strings, soften Klängen und Sequenzen. Die Preset-Sektion bietet aber  auch Leads, Bässe, Percussion und noch einiges mehr.

Gerade bei Leads beißt der Bolt nicht immer  ganz so fest zu, wie man es von einem typischen Lead-Synthesizer erwartet. Da möchte ich reflexartig einfach noch einen Verzerrer oder ein Filter einschalten.

Die Presets bilden ein weites Spektrum an Sounds ab, aber ich höre hier wirklich nichts, was ich nicht schon in einem anderen Synthesizer gehört hätte.

Nektars Bolt produziert aber wirklich wunderschöne Flächen und sehr interessante LFO-Modulationen. Dafür werde ich ihn wohl auch in Zukunft verwenden.

Plus

  • Erzeugen eigener Schwingungsformen
  • einfach zu bedienen
  • übersichtlich gestaltet
  • wunderschöne Pads, softe- und atmospärische Sound
  • 3 LFOs mit viele Modulationsmöglichkeiten
  • Panning für die Oszillatoren
  • organischer und warmer Sound

Minus

  • Filter-Effekt ist nicht sonderlich ausgeprägt
  • trotz inovativem Ansatz höre ich wenig Inovation

Preis

  • Ladenpreis: 99,- Euro
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