Boutique-Tone aus dem Rechner?
Neural DSP Archetype: John Mayer X verspricht den legendären Boutique-Gitarrensound des US-Gitarristen direkt aus der DAW. Drei Amp-Simulationen sollen genau den dynamischen Clean- und Blues-Crunch liefern, für den John Mayer bekannt ist. Dazu kommen typische Effekte, flexible Cabinet-Simulationen und zahlreiche Presets. Doch kann eine Software den charakteristischen „Edge-of-Breakup“-Sound wirklich überzeugend abbilden? Wir haben das Plug-in ausführlich getestet.
Was ist es? Neural DSP Archetype: John Mayer X ist ein Signature-Gitarren-Plug-in mit drei Amp-Simulationen, Effekten und Cabinet-Sektion, das den dynamischen Clean- und Blues-Sound von John Mayer in der DAW abbilden soll.
- Drei Signature-Amps: Simulationen legendärer Amps decken Clean bis Edge-of-Breakup ab.
- Parallelbetrieb: Alle drei Verstärker lassen sich gleichzeitig mischen und ermöglichen besonders komplexe und lebendige Sounds.
- Umfangreiche Effekte: Klassische Pedalboard-Effekte, ein Spring Reverb sowie Compressor und Delay/Reverb erweitern die Klangpalette.
- Flexible Cabinet-Sektion: Neun Mikrofonsimulationen, frei positionierbare Mikrofone und eigene IRs bieten viele Möglichkeiten für die virtuelle Mikrofonierung.
- Überzeugende Dynamik: Besonders die Ansprache auf Spielweise und Gitarren-Volume sorgt für ein realistisches Amp-Spielgefühl.
Inhaltsverzeichnis
Neural DSP Archetype: John Mayer X
Mit Neural DSP Archetype: John Mayer X erweitert der finnische Software-Hersteller seine erfolgreiche Archetype-Serie um ein weiteres Signature-Plug-in. Nach Kooperationen mit Gitarristen wie Plini, Tim Henson oder John Petrucci richtet sich Neural DSP Archetype: John Mayer X nun klar an Spieler, die Wert auf dynamische Clean-Sounds, warme Blues-Crunch-Sounds und den berühmten „Edge-of-Breakup“-Bereich legen.
Der Name John Mayer steht schließlich für genau diesen Sound: glasklare Strat-Cleans, subtile Overdrives und ein extrem dynamisches Spielgefühl. Mayer ist bekannt für seine Liebe zu seltenen Boutique-Amps wie dem Dumble Steel String Singer oder verschiedenen Two-Rock-Verstärkern. Die spannende Frage lautet daher: Kann Neural DSP Archetype: John Mayer X diese komplexe Klangwelt tatsächlich überzeugend in Software übertragen? Wir haben uns das Plug-in einmal genauer angesehen.
Installation und erster Eindruck
Die Installation von Neural DSP Archetype: John Mayer X erfolgt über den bekannten Neural-DSP-Installer und die iLok-Lizenzverwaltung. Wer bereits ein Plug-in des Herstellers nutzt, wird sich sofort zurechtfinden.
Das Plug-in läuft sowohl als Standalone-Version als auch als VST-, AU- oder AAX-Plug-in in allen gängigen DAWs. Damit eignet sich Neural DSP Archetype: John Mayer X sowohl für Recording-Sessions als auch zum Üben zu Hause.
Beim ersten Start fällt sofort die typisch aufgeräumte Oberfläche auf. Neural DSP bleibt seinem bewährten Design treu: Die komplette Signalkette wird horizontal dargestellt, sodass der Signalfluss jederzeit nachvollziehbar bleibt. Der Aufbau der Kette selbst ist dabei – bis auf wenige Ausnahmen – klassisch, aber eben typisch für John Mayer.
Die Signalkette gliedert sich wie folgt:
- fünf Pre-Effekte
- Gravity Tank (dazu später mehr)
- Amp-Sektion
- Cabinet-Simulation
- Equalizer/Compressor
- zwei Post-Effekte
Die Verstärker
Das Herzstück von Neural DSP Archetype: John Mayer X sind drei Verstärker, die direkt aus John Mayers persönlichem Setup stammen.
Smooth Operator – Vintage Clean bis kratzig
Der erste Amp orientiert sich an einem 1964 Fender Vibroverb. Dieser Klassiker liefert genau das, was man von einem Vintage-Fender erwartet: klare Höhen, viel Headroom und einen offenen, luftigen Grundsound.
Single-Coil-Gitarren (vor allem Strats – wen wundert’s?) fühlen sich hier sofort zu Hause. Funk-Rhythmen oder glasklare Pop-Cleans stehen hier auf dem Programm. Als Besonderheit treibt dieser Amp seinen eigenen 15″-Speaker an, was ihm ein besonders rundes Bassfundament bescheren soll.
Headroom Hero – Boutique-Legende
Der zweite Amp ist eine echte Legende: der Dumble Steel String Singer mit der Seriennummer #002. Originale Dumble-Amps gehören zu den seltensten Verstärkern der Welt. Ihr Markenzeichen ist ein extrem transparenter Clean-Sound mit enormer Dynamik.
Genau hier kann Neural DSP Archetype: John Mayer X beweisen, wie weit moderne Amp-Simulation mittlerweile gekommen ist.
Signature 83 – Edge of Breakup
Der dritte Amp basiert auf einem Two-Rock-Prototypen. Klanglich bewegt er sich genau in dem Bereich, für den John Mayer bekannt ist. Hier entstehen diese typischen „Edge-of-Breakup“-Sounds, bei denen der Amp extrem dynamisch auf Anschlag und Spielweise reagiert.
Parallelbetrieb der Amps
Ein besonders interessantes Feature der Neural DSP Archetype: John Mayer X Software ist die Möglichkeit, alle drei Amps gleichzeitig zu betreiben. John Mayer nutzt in seinem echten Rig häufig mehrere Verstärker parallel, um unterschiedliche Klangcharaktere zu kombinieren. Was liegt also näher, als diese Möglichkeit zu simulieren?
Im Plug-in lässt sich das Verhältnis der drei Amps einfach über Mix-Regler einstellen. Dadurch entstehen unzählige, sehr komplexe und lebendige Sounds. Dieses Feature hebt Neural DSP Archetype: John Mayer X deutlich von vielen anderen Amp-Simulationen ab.
Cabinet-Sektion
Die Cabinet-Simulation in Neural DSP Archetype: John Mayer X bietet – wie von anderen Softwares aus finnischem Hause gewohnt – umfassende Möglichkeiten der virtuellen Mikrofonierung.
Neun verschiedene Mikrofonsimulationen stehen zur Auswahl. Die beiden Klassiker Shure SM57 und Royer Labs R121 sind sogar doppelt vorhanden, um beispielsweise eine Off-Axis-Abnahme (SM57) oder ein horizontal positioniertes Royer 121 zu simulieren.
Die Position vor dem Lautsprecher kann sowohl in der horizontalen Position als auch in der Entfernung verändert werden. Zwei Mikrofone können gleichzeitig eingesetzt werden. Damit lässt sich beispielsweise auch die beliebte Fredman-Methode simulieren, bei der zwei SM57 gleichzeitig – einmal im 90°- und einmal im 45°-Winkel – eingesetzt werden.
Des Weiteren kann jedes Mikro einen Raumanteil erhalten und im Stereobild verschoben werden. Gerade im Studio lässt sich so sehr schnell ein überzeugender Gitarrensound einstellen, der später natürlich noch weiter angepasst werden kann. Das ist einer der zahlreichen Vorteile digitaler Lösungen. Wer möchte, kann hier auch eigene IRs laden.
Richtig gut gelöst ist die Möglichkeit, innerhalb der Cabinet-Sektion auf die Regler des jeweils ausgewählten Amps zuzugreifen
Effekte
Natürlich gehört zum Mayer-Sound auch ein ordentliches Pedalboard. Deshalb enthält Neural DSP Archetype: John Mayer X eine Reihe klassischer Effekte.
Vor dem Amp – in unveränderbarer Reihenfolge – finden sich:
- ein Boost
- ein Envelope Filter
- ein Klon-Style Overdrive
- ein Tube-Screamer-Style Overdrive, der alternativ zum Bluesbreaker-Style Overdrive umgeschaltet werden kann
- ein Bucket-Brigade-Delay
Im zweiten Slot kommt eines der Highlights der Neural DSP Archetype: John Mayer X Software zum Einsatz: der Gravity Tank. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Federhall und Tremolo, die für viel Vintage-Vibe sorgt.
Eine weitere Besonderheit bildet der EQ-Slot. Hier ist nicht nur – wie sonst bei Neural DSP üblich – jedem Amp ein höchst effektiver, in diesem Fall vierbändiger semi-parametrischer Equalizer zugeordnet, sondern zusätzlich arbeitet hinter den Amps noch ein Compressor. Den Abschluss der Signalkette bilden ein digitales Delay und ein Reverb.
Sounds und Praxis
Kommen wir zum wichtigsten Punkt des Tests, dem Sound. Wie klingt also ein „Mayer-in-the-Box“?
Werde ich automatisch genial und wächst mein linker Daumen, damit ich endlich Neon spielen kann? Natürlich nicht. Aber eines kann ich schon vorweg sagen: Diese Software liefert genau das, was sie verspricht.
Besonders auffällig ist die Dynamik. Dreht man das Volume-Poti der Gitarre zurück, wird der Sound tatsächlich sauber. Spielt man härter, beginnt der Amp zu reagieren. Diese Interaktion zwischen Gitarrist und Amp ist entscheidend für das Spielgefühl – und genau hier überzeugt Neural DSP Archetype: John Mayer X.
Die zahlreichen Presets bieten – wie man es von den Archetype-Software-Suiten kennt – einen umfassenden Querschnitt der Möglichkeiten und liefern sofort brauchbare Sounds. Gitarrenspuren lassen sich so besonders schnell aufnehmen, ohne lange am Sound schrauben zu müssen.
Reamping funktioniert bei einer Software-Lösung wie dieser natürlich problemlos, sodass der Sound auch nach der Aufnahme noch umfassend editiert werden kann.
Im Folgenden hört ihr zunächst die drei Amps mit dem jeweils zugehörigen Cabinet in einer neutralen Grundeinstellung. Die Einstellungen stammen jeweils aus einem Preset, bei dem ich alle anderen Komponenten ausgeschaltet habe. Zum Einsatz kommt ein klein wenig Raum aus der Cabinet-Sektioon und etwas Reverb aus den Post-FX.
Der Gravity Tank bekommt ein eigenes Feature, denn der macht richtig Spaß. Hier bekommt man wunderbar atmosphärische Sounds, die aber niemals verwässern. Zunächst hört ihr den cleanen Dumble-Klon, dann nacheinander Spring Reverb und Harmonic Tremolo in unterschiedlichen Ausprägungen.
Jetzt folgen ein paar Presets, die in meinen Ohren einen guten Querschnitt über die Möglichkeiten der Pre-Effekte der Software bieten. Der im Klangbeispiel genannte Effekt wird jeweils nach wenigen Sekunden zugeschaltet.
Der den Amps nachgeschaltete Compressor kann die Dynamik des Sounds in extremen Einstellungen völlig zerstören, dafür ist er aber auch nicht gedacht. In einer dezenten Einstellung ist er einer von diesen Always-On-Effekten, die den Sound auf magische Weise dick machen. Ich habe zur Demonstration nach und nach Input und Output weiter aufgedreht, aber seine Stärke hat dieser Compressor definitiv in subtilen Einstellungen.
Zum Abschluss hört ihr einige Presets, die ich unbearbeitet belassen habe. Zum Einsatz kamen bei allen Files meine Ibanez AZ226 mit Seymour Duncan HSS-Bestückung.
Die Möglichkeit, die Sounds dieser Software zukünftig auch auf Geräten der Neural DSP Cortex-Reihe nutzen zu können, erweitert die Einsatzmöglichkeiten enorm. Und ehrlich gesagt: Es juckt ordentlich in den Fingern, diese Sounds auch mal live einzusetzen.


































