Wenn Hall zur Klangskulptur wird
Unkonventionell und experimentell: Das OBNE Sunlight Stereo Reverb ist kein Hallpedal für jedermann, sondern ein klangliches Werkzeug für kreative Grenzgänger.
- Design & Bedienung: Robustes Gehäuse, viele Regler, durchdachte Haptik – alles auf Performance und Kreativität ausgelegt.
- Sound: Radikal modulierter Reverb mit Chaosfaktor – eher Noise-Tool als Hallgerät, ideal für Sounddesign & Drones.
- Zielgruppe: Kein Allrounder, sondern ein Spezialwerkzeug für experimentelle Musiker und Studioeinsätze.
- Technik: Sehr rauscharm, MIDI-fähig, stereo, mit Expression Control – technisch auf hohem Boutique-Niveau.
Inhaltsverzeichnis
Old Blood Noise Endeavors Sunlight Stereo Reverb
Old Blood Noise Endeavors – kurz OBNE – gehören seit Jahren zu den spannendsten Boutique-Herstellern im Effektbereich. Das in Oklahoma beheimatete Unternehmen definiert sich weniger über klassische Brot-und-Butter-Effekte, sondern vielmehr über konzeptionell eigenständige Pedale, die Klanggestaltung als kreativen Prozess verstehen. Reverbs, Delays und Modulationen bilden dabei den Kern des Sortiments, ergänzt durch ungewöhnliche Utility-Tools, Vocal-Effekte und hybride Konzepte, die bewusst die Grenzen einzelner Effektkategorien verwischen.
Typisch für OBNE ist ein Ansatz, bei dem Effekte nicht einfach nur „hinzugefügt“, sondern aktiv geformt, moduliert und in Bewegung versetzt werden. Pedale wie Dark Star, Procession oder Visitor haben gezeigt, dass Reverb bei OBNE selten nur Raum simuliert, sondern als klangliches Rohmaterial verstanden wird.
Genau in diese Kerbe schlägt auch das Old Blood Noise Endeavors Sunlight Stereo Reverb – allerdings mit einem noch stärkeren Fokus auf Dynamik, zeitliche Struktur und Modulation des Hallsignals. Das Sunlight soll kein klassisches Ambient-Reverb im Sinne endloser Flächen sein, sondern vielmehr ein Werkzeug zur Nachbearbeitung des Halls selbst. Delay-Strukturen, Filterbewegungen, Lautstärkedynamik und Modulation greifen hier ineinander und machen das Pedal zu einer Art „Reverb-Instrument“, das sich aktiv spielen lässt. Stereo-Ein- und -Ausgänge, MIDI-Anbindung und umfangreiche Parameterkontrolle unterstreichen den Anspruch, sowohl auf dem Pedalboard als auch im Studio oder Keyboard-Setup eine zentrale Rolle einzunehmen.
Facts & Features
Das Sunlight Stereo Reverb präsentiert sich in einem soliden Metallgehäuse mit den für Old Blood Noise Endeavors typischen Proportionen. Mit seinen Abmessungen von 108 × 126 × 69 mm benötigt es etwas mehr Platz als ein Standard-Compact-Pedal, bleibt aber problemlos Pedalboard-tauglich. Die Verarbeitung ist durchweg hochwertig: sauber entgratete Kanten, stabil verschraubte Buchsen und ein insgesamt sehr vertrauenswürdiger Eindruck, wie man ihn von handgefertigten Boutique-Pedalen aus den USA erwartet. Mit rund 454 g bringt das Sunlight ausreichend Gewicht mit, um auch bei energischem Treten sicher an Ort und Stelle zu bleiben. Dazu sollte man am besten die vier Gummifüßchen auf die Unterseite kleben – diese befinden sich im Lieferumfang. Nicht enthalten ist ein Netzteil, was aber zu erwarten war.
Die Bedienoberfläche ist dicht bestückt, bleibt aber logisch aufgebaut. Insgesamt stehen zehn Hauptregler zur Verfügung, darunter Dry-Lautstärke, Decay, Feedback, Dynamics sowie Rate, Depth und Shape für die Modulation. Die Potis laufen gleichmäßig mit angenehm definiertem Widerstand und erlauben präzise Einstellungen, ohne zu leichtgängig zu wirken. Ergänzt werden sie durch drei kleinere Mini-Potis für Time, Freq und Wet, die zusätzliche Parameter wie Delay-Zeit, Filterfrequenz und Hallanteil justieren. Diese Mini-Regler sind etwas enger gesetzt, lassen sich aber dennoch gut bedienen und erweitern den klanglichen Gestaltungsspielraum deutlich.
Für die Preset-Verwaltung verfügt das Sunlight Stereo Reverb über eigene Drucktaster, mit denen drei gespeicherte Einstellungen direkt aufgerufen werden können. Geschaltet wird das Pedal über zwei Fußschalter: Der Bypass-Schalter aktiviert oder deaktiviert den Effekt, während der Aux-Schalter unter anderem für Preset-Funktionen oder alternative Steuerbefehle genutzt wird. Zwei LEDs informieren über den Betriebszustand sowie aktive Zusatzfunktionen – ein Display gibt es nicht. Old Blood Noise Endeavors setzt hier auf eine direkte, haptische Bedienung ohne Menüführung.
Anschlüsse – da fehlt kaum etwas
Anschlussseitig zeigt sich das Sunlight Stereo Reverb sehr flexibel. Ein- und Ausgänge sind in Stereo ausgeführt und erlauben sowohl klassische Mono-Setups als auch Stereo- oder Mono-in-Stereo-Out-Routing mit entsprechenden TRS-Kabeln. Zusätzlich stehen Anschlüsse für ein Expression-Pedal sowie MIDI-In und -Out über 3,5-mm-Klinke zur Verfügung – damit lassen sich sämtliche Parameter auch fernsteuern und bis zu 127 Sounds abspeichern und abrufen. Ein USB-C-Port ergänzt die Ausstattung; Er dient für gelegentliche Firmware-Updates.
Die Stromversorgung des Sunlight Stereo Reverb erfolgt über ein externes 9-V-DC-Netzteil mit Minuspol innen. Mit einer Stromaufnahme von rund 350 mA ist das Sunlight vergleichsweise anspruchsvoll – ein entsprechendes Netzteil sollte daher eingeplant werden. Wahlweise lässt sich das Pedal im True-Bypass-Modus oder mit Buffered-Trails betreiben, sodass der Hall beim Ausschalten natürlich ausklingen kann – eine praxisnahe Lösung.
In der Praxis
Nach ein paar Minuten des Anspielens wird klar: Das Sunlight Stereo Reverb ist kein Effekt für schwache Nerven – und schon gar nicht für Gitarristen, die auf der Suche nach einem edlen oder realistisch klingenden Hallprozessor sind, obwohl der Name „Sunlight“ das suggerieren könnte. Statt kontrollierter Räume, seidiger Plates oder klassischer Ambient-Flächen herrscht hier bewusst klangliches Chaos. Das Pedal produziert ein permanentes Gewaber, Gewummer und moduliertes Zerfallen des Signals, das sich bisweilen nur schwer zähmen lässt.
Unabhängig von der konkreten Einstellung ist der Grundcharakter also extrem experimentell. Selbst moderate Reglerstellungen führen zu stark bewegten, teils unruhigen Klangstrukturen, die mehr an Sounddesign, Noise-Art oder experimentelle Elektronik erinnern als an klassische Gitarrenanwendungen. Akkorde verlieren rasch ihre Kontur, einzelne Noten verschwimmen in dichten Texturen und rhythmisches Spiel wird durch die ausgeprägte Modulation und Rückkopplung regelrecht aufgelöst. Für viele „normale“ Gitarristen – und dazu zähle ich auch mich – dürfte das im musikalischen Alltag schlicht kaum einsetzbar sein, Freunde des Ambient und der Klangexperimente bekommen hier eine Spielwiese gesät.
Positiv hervorzuheben ist die sehr saubere technische Umsetzung. Trotz der massiven internen Bearbeitung, der Modulationen, Filterbewegungen und Rückkopplungsschleifen bleibt das Pedal auffallend rauschfrei und agiert dazu wunderbar dynamisch. Auch bei hohen Wet-Anteilen und extremen Einstellungen tritt kein nennenswertes Grundrauschen auf – was in dieser Effektkategorie keineswegs selbstverständlich ist und klar für die Qualität der verwendeten Bauteile und der internen DSP-Struktur spricht. Das Signal wirkt jederzeit stabil und frei von digitalen Artefakten, auch wenn der eigentliche Klangcharakter bewusst „zerfallen“ und unruhig bleibt.
In der Praxis verlangt das Old Blood Noise Endeavors Sunlight Stereo Reverb eine hohe Frustrationstoleranz und die Bereitschaft, Kontrolle bewusst aufzugeben. Wer versucht, gezielt reproduzierbare Sounds einzustellen oder das Pedal klassisch in einen Gitarrenmix einzubetten, stößt schnell an Grenzen. Die zahlreichen Regler laden zwar zum Experimentieren ein, führen aber selten zu klar definierten Ergebnissen, sondern eher zu wechselnden Klanglandschaften, die sich ständig weiterentwickeln. Für strukturierte Parts, definierte Leads oder rhythmisch präzise Anwendungen kann das eher hinderlich als hilfreich sein.
Interessant wird das Sunlight Stereo Reverb dagegen in Kontexten, in denen Unvorhersehbarkeit Teil des Konzepts ist. Lange gehaltene Töne, Volume-Pedal-Flächen oder geloopte Phrasen werden in bewegte, teils chaotische Texturen verwandelt, die sich gut für Intro-Passagen, Übergänge oder atmosphärische Zwischenspiele eignen. Auch im Studio kann das Pedal als Effektgenerator dienen, um statische Spuren nachträglich mit organischer Bewegung und Instabilität anzureichern.
Damit positioniert sich das Sunlight deutlich als radikales Nischenprodukt. Für Ambient-Noise-Artists, experimentelle Musiker, Sounddesigner oder Studioanwender mit Fokus auf Texturen und Drones kann es eine spannende Inspirationsquelle sein. Für traditionelle Stilistiken, songorientiertes Spiel oder den Einsatz im Bandkontext ist es dagegen nur eingeschränkt geeignet. Diese kompromisslose Ausrichtung ist typisch für Old Blood Noise Endeavors und wird von der Zielgruppe vermutlich gefeiert, von allen anderen aber eher kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen.
Klangbeispiele
Für die folgenden Klangbeispiele habe ich das OBNE Sunlight Stereo Reverb in den FX-Loop meines Orange-Micro-Dark-Topteils gesetzt. Der Amp war wie immer bei meinem Test-Setup mit einer 1×12″-Celestion-Vintage-30-Box verkabelt, vor der ein AKG-C3000-Mikrofon in Position gebracht wurde. Ganz sicher mag das Pedal in einem Stereo-Setup ein höheres Potenzial entfalten – aber auch in Mono sollte es ein zuverlässiges Signal liefern.
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