Test: Old Blood Noise Endeavors Minim, Delay-, Reverb-Pedal

24. Mai 2020

Ein Ambient-Geschenk für Synthesizer und Gitarre

Test: Old Blood Noise Endeavors Minim

Besonders waren und sind Old Blood Noise Endeavors immer – sie gehören zu jenen Firmen, die sich durch eigensinnige Konzepte, einzigartige Optik und einem Tüftler-Charme seit jeher hervorheben. In ihren eigenen Worten lässt sich der Spirit von OBNE wie folgt zusammenfassen:

Old Blood Noise Endeavors started in a garage, sort of.  In reality, it is the return to the garage.“

Mein allererstes Reverb war tatsächlich kein Boss-Treter, sondern der Procession: ein modulierter Hall mit Flanger, Filter und Tremolo. Es handelt sich um ein seltsames Pedal, eins, das den Sound auf eine schwer beschreibbare Art einfärbt – ein bisschen Lo-Fi, ein bisschen majestätisch, entrückt und mit einem ordentlichen Boost, der das Pedal teilweise schwer handhaben lässt. Trotzdem blieb die Kiste lange auf meinem Board – etwas an dem Procession hat mich stets inspiriert und mit den anderen Pedalen von Old Blood Noise ging es mir oft nicht anders. Natürlich ist auch bei OBNE nicht alles Gold, was glänzt: Den kultigen Haunt-Fuzz empfand ich stets als viel zu harsch, auch als Germanium-Fuzz-Fan. Und das Excess-Distortion-Pedal ist definitiv sehr … speziell.

Das Minim, das uns nun vorliegt, könnte jedoch als eins der Schaffens-Highlights der Firma durchgehen. Ausgangspunkt ist das Rever-Pedal, das wie das Minim das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Data Choir ist, mit denen es – zumindest gibt das die Gerüchteküche her – ein Zerwürfnis gab. Im Grunde wurde jedoch das Rever-Konzept beim Minim verbessert und eine Immediate Ambient Machine geschaffen, auf die wir uns in der Redaktion schon länger gefreut haben. Also – tauchen wir mal ein:

Old Blood Noise Endeavors Gitarrenpedal – Facts & Features

Das Minim ist eine OBNE-Chimäre, wenn man so will: Er vereint Modulation, Hall und Delay in sich und vermengt das Ganze auf eine simple, aber stimmige Art und Weise zu einem intuitiven Ambient-Gerät. Gleich vorweg: Die Optik gefällt mir. Die klinisch-futuristische Nische à la Hologram Electronics und Meris schlagen Old Blood Noise Endeavors nicht ein – das Artwork ist seit jeher mindestens farbenfroh und lebendig, bis hin manchmal regelrecht bizarr. Das Minim ist da keine Ausnahme: ein dunkles Retro-Panorama und Kubismus-Mosaik.

Test: Old Blood Noise Endeavors Minim

Gleich vorweg jedoch schlechte Neuigkeiten: Das Minim besitzt kein MIDI. Das Speichern von Presets, das Schicken von PC- und CC-Befehlen ist hier leider nicht drin. Auch Tatsache: Das Minim hat keine Stereo-Kapazitäten. Wer mit diesen zwei grundlegenden Makeln leben kann, hat es mit einer intuitiven und mächtigen Kiste zu tun. Was das Minim besitzt: eine Klinke für ein Expression-Pedal. Es ist nicht die schmalste Kiste – die Maße 92 x 117 x 60 mm sind jedoch absolut in Ordnung. Die Handfertigung sieht man dem Pedal nicht an – das Gehäuse ist perfekt verarbeitet und verankert, die Regler stabil und ohne dass es wackelt. Sehr schön! Kommen wir zum Konzept des Old Blood Noise Endeavors Minim.

Old Blood Noise Endeavors Minim – Sounds & Panel

Also – was genau macht das Minim? Es besteht im Grunde aus drei Sektionen: einem Hall, einem Delay sowie einer Reverse-Sektion. Die Sektionen bilden zusammen eine Signalkette, die leider nicht ganz so flexibel ist, wie man es sich gerne hätte. Was heißt das konkret? Nun, das Delay kommt untypischerweise nach dem Reverb. Umstellen lässt sich das nicht. Die Reverse-Sektion lässt sich jedoch entweder an den Anfang oder das Ende der Signalkette setzen – raus kommen entweder sphärische Glitch-Sounds oder massive Ambient-Teppiche; all das werden wir im Praxisteil ausführlich beleuchten.

Test: Old Blood Noise Endeavors Minim

Der Hall besitzt ein harmonisches Tremolo, dessen Tempo eingestellt werden kann und das sich ganz hervorragend in den Klangteppich einwebt. Die unteren drei Regler kümmern sich hierbei um die Parameter des Reverbs: Der Reverb-Regler ist Mix-Control und erlaubt es, das Reverb aus dem Signal komplett rauszudrehen oder vollständig zu überladen – ja, full-wet-mode ist bei dieser Ambient-Maschine selbstredend möglich. Der Modulation-Regler ist sowohl für die Geschwindigkeit als auch für die Intensität des Tremolo-Signals zuständig. Decay kümmert sich um die Hallfahne als solche, die sich u. a. in einen endlosen Teppich verwandeln lässt. Die oberen drei Regler kümmern sich um die Delay-Sounds. Auch hier gibt es keine Überraschungen: Der Delay-Regler kümmert sich um die Lautstärke der Repeats – ein vollständiges Ausblenden des unbearbeiteten Signals ist hier jedoch nicht möglich. Time erlaubt es, die Delay-Zeit einzustellen. Wer Time komplett rausdreht, wird merken, dass sich ein leichter Chorus sich im Signal offenbart – diese Modulation des Delays ist fixiert und bleibt dem Signal stetig erhalten. Feedback kümmert sich um die Anzahl der Delay-Repeats, die sich jedoch auf Maximum (leider) nicht oszillieren lassen. Sie ergeben zwar einen dichten Teppich, fliegen einem aber nicht Death By Audio-mäßig um die Ohren.Test: Old Blood Noise Endeavors MinimDie Reverse-Sektion ist der Spannungsfaktor des Minim – neben dem sehr eigensinnigen Sound-Bild. Sie wird mit dem linken Fußschalter entweder im Latching- oder Momentary-Modus aktiviert und ist im Grunde ein regulärer Reverse-Effekt des Sounds, der sich auch komplett über das unbearbeitete Signal legen lässt – der Blend-Regler ist dafür entsprechend zuständig. Der einzige (in meinen Augen auf der Stirnseite etwas unsicher platzierte) Kippschalter des Pedals ist für das Tempo der Reverse-Sektion zuständig. Auf der linken Position: normales Spieltempo. Auf der rechten jedoch verdoppelt sich die Geschwindigkeit des Reverse-Effekts, und es entstehen eigenwillige, oktavierte Glitch-Sounds – an diesem Punkt wird das Minim eben einzigartig und offenbart in Kombination mit den anderen Sektionen einen sehr speziellen Charakter. Die Klinke für das Expression-Pedal bedient übrigens den Blend-Regler und nicht Speed oder Depth: Die Reverse-Sektion lässt sich so hervorragend in und aus dem Sound herausdrehen. Das Ergebnis ist wirklich eine feine Sache: Oktavierter Reverse-Sound, der in einem vollständig reingedrehten Reverb mündet, was wiederum in den modulierten Delay gefüttert werden kann – fertig ist die Ambient-Chose. Schauen wir uns das in der Praxis mal genauer an:

OBNE Minim Hall- & Reverse-Pedal – in der Praxis

Das Minim ist kein Performance-orientiertes, genaues Gerät – dafür spricht allein die fehlende Tap-Funktion des Delays. Aber das stört tatsächlich nicht, sobald man versteht, dass OBNE es hier sehr genau meinen mit Ambient-Maschine. Stört es, keine Presets speichern zu können? Allemal, aber das tut der Inspirationsfähigkeit des Geräts keinen Abbruch.

Test: Old Blood Noise Endeavors Minim

Es muss klar gesagt werden: Das Minim ist für den Ambient-freudigen Spieler gedacht. Ich persönlich zähle mich dazu, und konnte einige Stunden mit dem Minim zubringen, ohne dass mir das Pedal langweilig wurde. Es gibt diesen bestimmten OBNE-Charakter, den alle Pedale aus dieser Schmiede teilen – ein metallischer und trotzdem sanfter Grundsound – schwer zu beschreiben. Wer wie in Beispiel 3 die Modulation und den Reverb zusammenführen möchte, wird mit einem sehr stimmigen Ambient-Sirup bedient – die Modulation ist vergleichsweise sensitiv, der Reverb transparent. Doch auch trockene Dotted-Delay-Riffs sind möglich, wie das vierte Beispiel zeigt. Den Reverse an den Anfang der Signalkette zu legen und dem Reverb ordentlich Decay zu geben resultiert in sehr träumerischen Postrock-Sounds. Doch das Minim kann auch „apokalyptisch“ – das sechste Beispiel zeigt, was passiert wenn wir den Feedback-Regler während des Spieles ausmerzen. Die Reflexionen der Modulation innerhalb des Reverbs erinneren mich tatsächlich ein wenig an die Tank-Funktionen des Mercury 7 – beim genauen Hinhören passiert da ungemein viel, und das dürfte die größte Stärke des Minim sein: Das dezente Eigenleben, das diese Ambient-Box führt. Völlig distinkte Grundsounds lassen sich hier nicht rausholen, aber wie auch das letzte Beispiel untermauert, ist der Abklang der Reflexionen sehr eigen und vielfach einsetzbar.

Darüber hinaus haben wir uns hingesetzt und im Zuge eines Videos dem Minim noch ein bisschen mehr entlockt:

Fazit

Old Blood Noise Endeavors sind eine besondere Schmiede – die Freaks aus den USA verstehen es, Stompboxen zu erschaffen, die ein Eigenleben führen, ohne allzu unberechenbar zu wirken. Das Minim kann stundenlang beschäftigen und wundervolle Sounds hervorzaubern. Ich wage zu behaupten, dass es sich für individuelle Sessions eher eignet als für den Band-Kontext – dafür fehlt einfach zuviel, wie Tap Tempo, MIDI oder eine USB-Schnittstelle. Aber für den Preis handelt es sich zweifelsohne um eine Ambient-Wunderkiste, die viele schöne Stunden bescheren kann.

Plus

  • vielfältige Sounds
  • endlose Ambient-Optionen
  • tolle Reverse-Funktion
  • angemessener Preis

Minus

  • keine Tap-Funktion
  • keine Preset-Speicher

Preis

  • 249,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Eine ausgewiesene Ambient-Maschine sollte auf jeden Fall in Stereo ausgeführt werden; so halte ich es für einen Minus-Punkt, der mir wichtiger ist als fehlende Speichermöglichkeit. Sehr schade, denn ansonsten ist es für ein tolles Pedal auch für Synth-Spieler. Bei dem Preis würde ich es allerdings nicht als ‚Geschenk‘ bezeichnen, auch wenn er für ein Hand-Made Boutique-Pedal recht moderat ist…

    • Profilbild
      index  AHU

      …ich schliesse mich meinen Vorrednern an…kein Stereo bei Hall, Delay und bestimmten Modulationseffekten ist für mich ein Ausschlusskriterium…

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