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Test: Orange O-Bass Mk. II, E-Bass

2. Oktober 2018

Orange is the new black?

Orange O-Bass title

Orange? Klar, Röhrenamps, brachiale Lautstärke, fette Sounds, 70er, Stoner und das alles mit grell orangefarbenem Tolex bezogen. Dafür steht die Orange Music Electronic Company aus Borehamwood in England seit 1968. Wie jetzt gerade die auf die Idee gekommen sind, vor zwei Jahren mit dem Orange O-Bass – inzwischen als Orange O-Bass Mk. II in überarbeiteter Form auf dem Markt – einen in China gefertigten Einsteigerbass vorzustellen, erschließt sich mir nicht, aber nun ist das Ding eben da, und wir haben es zum Test gestellt bekommen!

Orange O-Bass front

Hört sich nicht überzeugt an? Nun gut, ich gebe meine Vorurteile wie üblich offen zu. Ich kenne viele Gitarristen und einige Bassisten, die mit Orange-Verstärkern absolut grandios klingen, bin mit den Dingern aber selbst nie wirklich warm geworden. Dazu kam dann vor ungefähr zehn Jahren diese neue Stoner-Welle, auf der auch ich eine Zeit lang locker mitritt, die aber dazu führte, dass wirklich jeder viertklassige Musiker sich den jeweils günstigsten Orange-Amp, der verfügbar war, schoss und sich bei üblicherweise unterdurchschnittlichen Skills am Instrument damit wie der Größte fühlte. Allerdings kann Orange dafür relativ wenig – und wenn der althergebracht gute Ruf für neue Kundschaft sucht, warum auch nicht. Es wird ja auch niemand Marshall die ohrenzerreißenden ersten Gehversuche ganzer Generationen von zukünftigen Gitarristen auf deren billigen Übungs-Amps vorhalten.

Nun liegt hier jedenfalls der Orange O-Bass Mk. II in der Lackierung Teardrop Sunburst vor mir, und ich bin neugierig. Für 388,- Euro zu erstehen bewegt sich das Instrument im oberen Einsteiger-Segment, ich erwarte also kein exquisites Custom-Shop-Schmuckstück, aber gerade in Zeiten, wo man teilweise für unter 200,- Euro einen brauchbaren Anfängerhobel bekommt, sollte für den Preis zumindest etwas halbwegs Brauchbares bei rumkommen.

Facts & Features

Die Reaktionen meiner Musikerkollegen auf die ständig neuen Testinstrumente, die ich in den Proberaum schleppe, sind immer mal wieder für eine Anekdote gut – so auch dieses Mal. Mein Gitarrenkollege, dessen Leidenschaft alte, absurde Japan-Gitarren (am besten pre-lawsuit) sind, war jedenfalls begeistert. „Ist das dieser Orange-Bass? Geil! Endlich mal ein Billigbass, der cool aussieht! Den wollte ich die ganze Zeit schon auschecken!“ Na so was, da scheiden sich die Geister direkt – ich finde den O-Bass Mk. II absolut grandios hässlich. Aber egal wie oft Leute auch meinen, diesen Satz sinnverdreht wiedergeben zu müssen – über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, weswegen ich meine Oberflächlichkeit direkt ablege und dem guten Stück seine Optik im Folgenden nicht mehr zur Last legen werde.

Was ist denn der Orange O-Bass Mk. II jetzt eigentlich? Nun, im Prinzip ein Preci, der wie eine Les Paul aussieht. Der Korpus lehnt sich deutlich an das klassische Gibson-Design an, das (einzelne) Cutaway ist allerdings etwas größer geraten, was auch den Zugang zu den oberen Bünden erleichtert. Auf dem Korpus sitzt ein Splitcoil-Humbucker, wie bei Onkel Leos erstem Modell, allerdings etwas weiter in Richtung Hals versetzt, als beim Original. Stumpf ist Trumpf, die Elektrik besteht aus einem Volume-Regler und einer passiven Höhenblende, so wie sich das gehört, mehr braucht niemand. Die Buchse sitzt im Schlagbrett, wo sie hingehört, genau wie die zwei Potiknöpfe – die allerdings etwas unelegant mit recht viel Abstand auf den Schrauben sitzen.

Orange O-Bass Potis

— Werksfoto…

… und Realität —

Apropos Schlagbrett, da haben sich Orange auch direkt was zu einfallen lassen. Nicht das Pickguard selbst, das sieht normal aus, aber es werden gleich zwei mitgeliefert. Montiert ist bei der Version in Sunburst – daneben sind noch schwarz und natürlich, orange verfügbar – ein weißes Schlagbrett, im Lieferumfang ist aber auch ein Zweites in Tortoise enthalten. Allerdings muss man die komplette Elektrik abschrauben, um das zu montieren. Da man das wahrscheinlich eh nur einmal macht, völlig o.k. und eine nette Idee. Mitgeliefert wird obendrein eine halbwegs wertige, gepolsterte Tasche, in der Preisklasse nicht selbstverständlich. Lumpen lässt man sich in Borehamwood nicht – ich nehme an, dass solche Entscheidungen in England getroffen werden, der Bass wird allerdings in China gefertigt.

— Bäumchen wechsel dich: Das zweite, andersfarbige Schlagbrett wird tatsächlich mitgeliefert —

In einigen namhaften Shops wird das Korpusholz des Orange O-Bass Mk. II als Linde bezeichnet, was falsch ist. Tatsächlich ist ein Furnier aus eben diesem Holz verleimt, welches auch gerade unter dem Sunburst gar nicht verkehrt aussieht und vermutlich die eher unattraktive Optik des eigentlichen Korpusholzes verbergen soll. Das wird übrigens auch bei teureren Hölzern gerne gemacht, also kein Makel, nicht alles, was klingt, sieht auch gut aus. Der Korpus selbst ist aus Okoumé. Okoumé ist auch als Gabun-Mahagoni bekannt, gehört zu den Balsambaumgewächsen und fällt in die Kategorie 08/15 billiges Tropenholz, das irgendein findiger Instrumentenproduzent irgendwo aufgetrieben hat.

Die Beschreibung als recht weiches, leichtes und vor allem einfach anzubauendes Holz erinnert etwas an Korina, was ja, wenn auch vor 40 Jahren, in eine ähnliche Klasse fiel. Man hätte heute sicher auch Linde, Agathis oder anderes verwenden können, das Zeug ist sicherlich nicht primär wegen der Klangeigenschaften verbaut worden. Das ist aber nicht weiter schlimm, schließlich gibt es sogar aus dem Streichholzmaterial Pappel inzwischen gut klingende Instrumente.

Orange O-Bass rear

— Rückseite mit klassischen Schraubhals —

In den Korpus ist ein lackierter Ahornhals vierfach verschraubt, auf dem ein Ebenholz-Griffbrett mit cremefarbenem Binding sitzt. Das macht auf jeden Fall was her, das Griffbrett ist schön schwarz und nicht etwa grau verblichen wie manches billige Palisandergriffbrett. Auf der asymmetrischen Kopfplatte sitzen vier offene Tuner versetzt, außerdem befindet sich dort der Zugang zum Halsspannstab. Der Headstock ist cremefarbig lackiert und mit dem Orange-Schriftzug versehen, der Sattel schwarz und aus Kunststoff. Am anderen Ende der Saiten findet sich eine klassische, recht dicke Blechwinkel-Bridge, also auch dort alles wie erwartet.

Zwischenfazit

Für den Preis von 388,- Euro hat Orange mit dem Orange O-Bass Mk. II ein Instrument im oberen Einsteigersegment parat und liefert auch genau das und noch etwas mehr. Weitestgehend saubere Verarbeitung, ein neues, unbekanntes und vermutlich billiges Korpusholz, dazu eine klassische Auslegung mit trotzdem etwas extravaganter Optik. Soll erfüllt, was will man mehr? Auf in die Praxis.

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