Test: Orange O-Bass Mk. II, E-Bass

Praxis

Zunächst im Sitzen trocken angespielt, klingt der Orange O-Bass Mk. II nicht sonderlich spektakulär. Weder brillant noch sonor, zwar mit ordentlich Sustain, aber dafür etwas pappig – es sei vorweggenommen, das sollte sich am Amp nicht bestätigen, der Tonabnehmer hat doch da stets ein Wörtchen mitzureden. Der recht breite Hals mit mitteldickem C-Profil liegt hingegen gut in der Hand, der doch sehr große Griffbrettradius erinnert mich an meinen Flying-V-Bass, dessen Hals allerdings insgesamt deutlich flacher ist. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber nicht unangenehm, wenn da nicht die Werkseinstellung wäre. Himmel, was eine Saitenlage, das kann man schönfärbend als „sehr männlich“ bezeichnen. Tatsächlich ist dem auch mit einem beherzten Griff zum Inbusschlüssel nur bedingt Abhilfe zu schaffen – der Sattel ist einfach nicht tief genug eingekerbt. Das auch noch mal als Trick 17, beziehungsweise „Lifehack“, an jeden Anfänger: Wenn man bei einem Bass irgendwann die Saitenlage nicht mehr tiefer bekommt, ohne dass es schnarrt, liegt es in der Regel nicht an der Halskrümmung, sondern am Sattel! Natürlich lässt sich das mit etwas Feilen fix beheben, bei einem Testbass schied das also aus, also musste ich mit einer etwas zu hohen Saitenlage vorerst leben.

— Nur für echte Rocker: die Saitenlage ab Werk —

Der Praxistest am Verstärker gestaltete sich dieses Mal etwas anders als sonst und wurde gewissermaßen zum Elchtest. Normalerweise schleppe ich Testinstrumente zu den Proben meiner Progrock-Band mit, wo ich genug Zeit und Freiraum habe, mit Sounds und Techniken zu experimentieren. Nicht so beim O-Bass Mk. II. Es standen Set-Proben zur Tourvorbereitung mit meiner Heavy-Metal-Truppe an und mein Precision fiel sehr kurzfristig mit einem Elektrikproblem aus. Also den Orange zur Hand und direkt voll auf die Zwölf – und genau so offenbarten sich innerhalb eines (langen) Abends die Stärken und Schwächen des Instruments. Schwäche gibt es – außer der Werkssaitenlage – eigentlich nur eine und das ist die Singlecut-Bauweise und die damit einhergehende Position des vorderen Gurtknopfes. Die sorgt einmal dafür, dass der Orange O-Bass Mk. II deutlich kopflastig ist, und obendrein ist der Pin so nach oben geneigt eingebaut, dass er ohne das berühmte Flens-Lock oder ein nachgerüstetes Security-Lock quasi keinen Gurt länger festhält.

Dafür hat mich der Sound aber meinen Preci nicht allzu sehr vermissen lassen. Tatsächlich klingt der O-Bass etwas weniger nach Preci, als man vermuten mag, stellte aber in diesem Anwendungsfall ein gutes Substitut dar. Natürlich geht der Klang mit dem Schraubhals und dem Splitcoil-Pickup irgendwie grob in die Richtung, aber der Preci ist etwas drahtiger und fetter. Dafür wartet der O-Bass überraschenderweise mit einer etwas moderneren Note auf, die in ihrer Trockenheit klingt, als hätte man einen kurzen Abstecher ins sandbergische Land unternommen. Den Jungs aus Braunschweig ist das Konzept, einen etwas moderner ausgelegten Splitcoil in etwas versetzter Position einzubauen, bekanntlich nicht fremd … die Idee ist eigentlich auch so alt, wie die Nacht schwarz ist, aber hier hätte ich das nicht erwartet! Also, für den Moment ein adäquater Preci-Ersatz, etwas genauer betrachtet aber doch eher eine Neuinterpretation als eine Kopie. Und gerade das Design des Basses unterstreicht, dass der Orange O-Bass Mk. II auch trotz klassischer Auslegung als eigenständiges Instrument verstanden werden will.

Die Marke Orange erfreut sich ja gerade unter Fans erdiger Rocksounds größerer Beliebtheit, weswegen damit zu rechnen ist, dass sich vor allem der Nachwuchs in dem Bereich für den Orange O-Bass Mk. II interessieren dürfte. Nun, als erstes Hörbeispiel ein mit den Fingern gespieltes Old-School-Rock-Riff, welches dem einen oder anderen regelmäßigen Leser schon bekannt sein dürfte. Man hört direkt, wohin die Reise geht, etwas Preci, gepaart mit eben jener trockenen Direktheit, aber ohne allzu viel aufdringliche Höhen.

Genau diese Charakteristiken erlauben es auch, sich in einer Rockband mit dem Pick gegen verzerrte Gitarren durchzusetzen. Tatsächlich klingt der Orange O-Bass Mk. II mit dem Plättchen angerissen so ausgewogen und direkt, als wäre er genau dafür gemacht worden.

Wie bereits erwähnt geht im Bereich Höhen nicht allzu viel – die vorhin angesprochene moderne Auslegung bezog sich eher auf das Trockene und Knackige des O-Bass, die schnelle Ansprache und nicht so sehr die Brillanzen. Dafür agiert aber auch die passive Höhenblende sehr dezent und erlaubt relativ feine Abstimmungen. In dieser Preisklasse findet man immer noch sehr oft die berüchtigten „Höhenschalter“, also Höhenblenden, bei denen beim Drehen lange nichts passiert, bevor plötzlich auf einen Schlag alle Höhen verschwinden und der Bass nach U-Boot klingt. Hier nicht so, mit zurückgedrehten Höhen macht der Orange O-Bass Mk. II gerade durch seine direkte Ansprache auch bei funkigeren Lines durchaus Spaß!

Nun habe ich das gute Stück ja zu allererst in einer Heavy-Metal-Band eingesetzt und war davon recht angetan, also im Folgenden zwei Metal-Hörbeispiele mit Fingern (eher Richtung Maiden oder Brocas Helm) und mit Pick (eher Kreator oder Megadeth). Beides sehr schön, sobald es hard & heavy wird, fühlt der O-Bass sich richtig an.

Das alte Thema „Slappen auf dem Preci“ habe ich ja bereits in früheren Artikeln mehrfach durchgekaut – da wir beim O-Bass zumindest einen ähnlich ausgelegten Bass haben, gilt hier auch dasselbe wie immer. Ein Instrument mit Splitcoil und relativ breitem Hals wird in der Regel keine Highspeed-Slapwaffe sein, aber fette, erdige Slaplines in den tieferen Registern können damit oft sehr „oldschoolig-charmant“ klingen. BeimO-Bass Mk. II kompensiert die direkte Ansprache des Instruments den Mangel an Brillanz, womit sich tatsächlich ein sehr tighter und durchaus brauchbarer Slapsound ergibt. Slap-Fetischisten werden sich wohl aber trotzdem eher selten für dieses Instrument entscheiden und sind wohl auch nicht die Hauptzielgruppe.

Und zum Abschluss noch einmal was Langsames, bei dem man die Tonentfaltung und das durchaus ordentliche Sustain des Orange O-Bass begutachten kann.

Fazit

Das Fazit fällt recht einfach aus. Man bekommt um 400,- Euro herum eine Menge Instrumente angeboten, viele von ihnen sind gut, der Orange O-Bass Mk. II gehört aber meines Erachtens weder zur Spitze noch zur untersten Schublade der Preisklasse. Wer sich mit einem Budget in der Richtung nach einem neuen Bass umsieht, eher im rockigen Bereich unterwegs ist und vor allem auch optisch mal was anderes haben will, sollte den O-Bass definitiv antesten.

Das Instrument reiht sich klanglich irgendwo zwischen dem klassischen Preci und den entsprechenden Sandberg Electra-Modellen ein – ohne den brachialen Höhen-Output der Letzteren, aber mit einer fixeren Ansprache als die billigen Fender Modelle und einer charmanten Trockenheit, die sich gerade im Bandkontext gut dazu eignet, sich durchzusetzen und gleichzeitig den Sound zusammenzuhalten. Das Ganze verpackt in einer zumindest etwas extravaganten Optik, ordentlich verarbeitet, aber mit einigen Mankos in Sachen Handling – zwei Sterne und klare Anspielempfehlung für die genannte Zielgruppe!

Plus

  • Sound
  • Lieferumfang
  • Optik

Minus

  • Werkseinstellung (Sattel)
  • Handling (kopflastig)
  • Optik

Preis

  • Ladenpreis: 388,- Euro
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